MINIATUREN

von den Reisen der WAHOO
Im Mal 1990 haben wir die WAHOO in Basel zu Wasser gelassen und sind über die französischen Kanäle nach Cap d'Agde motort. Dort haben wir die Masten gesetzt und die Segel angeschlagen. Zum ersten Mal segelte die WAHOO am 12. Juli und am 16. liefen wir aus Richtung französisch-spanische Grenze.

Wie die WAHOO und ihre Crew am ersten Segeltag geprüft wurden



Es bläst mit fast 7 Windstärken ablandig und wir laufen so hart am Wind wie möglich. Hin und wieder kommt etwas Gischt über, die Wellen hier draussen, etwa 15 Seemeilen (sm) vor der Küste, sind nicht hoch. Trotzdem, wir müssen das achtere (hintere) Segel reffen, zu viel Druck liegt auf dem Ruder.
Dass wir gleich am ersten Tag in solches Wetter kommen müssen, mit einer noch unerfahrenen Crew! Nur Heinz hat grössere See-Erfahrung. Und ausgerechnet er hat Diabetes und um ein Haar kollabiert. Niemand hatte ans Mittagessen gedacht, an diesem ersten Segeltag - und Heinz muss doch regelmässig essen, sonst sinkt sein Blutzuckergehalt. Genau das ist passiert. Nun gibt ihm Hanspeter Coca Cola zu trinken. 

"Tomi, übernimm Du das Ruder; Max, wir zwei reffen das achtere Segel, komm." Es ist phantastisch, wie diese jungen Kerle mitmachen und rasch begreifen. "Ich lass' jetzt das Segel herunter, bis Du diese Kausch hier vorne in diesen Haken einhängen kannst. Dann ziehen wir das Segel auch achtern auf den Baum herunter. Mit dieser Leine hier. OK? OK! "  

Zuerst aber müssen wir das Segel auffieren, hinaus lassen, bis es im Winde steht und lose flattert, killt. "Othmar, lös' bitte die Schot dort neben Dir und lass' sie auslaufen, wenn wir gerefft haben, kannst Du sie wieder einholen, ich geb' Dir dann ein Zeichen. Tomi, Du bleibst einfach auf Kurs. Alles klar? Gut, dann fier auf, Othmar!"

Die Besegelung der WAHOO ist eine Neuentwicklung. Wir sind im Ausprobier-Stadium, alle Holepunkte, auch jene des Reffsystems, sind provisorisch mit Tampen befestigt. Zuerst muss sich zeigen, ob sie optimal und zweckmässig sind, erst dann wollen wir die Beschläge definitiv montieren. Den ersten Test gleich am ersten Segeltag zu machen, das war eigentlich nicht vorgesehen. Aber das Meer ist jederzeit für eine Überraschung gut, auch im Sommer.

Das Reffen jedenfalls funktioniert problemlos: das Segel steht gut und die WAHOO läuft nun wieder ohne Ruderdruck der Küste, dem kleinen Hafen von Narbonne Plage zu. Dass er für uns keinen Platz hat, sehen wir erst, als wir in der Dämmerung endlich drin sind. Also drehen und wieder auslaufen, bei Windstärke 7! Leider liegt im engen Drehplatz ein Trimaran, zerbrechlich aber breit. Und wir mit unseren 24 Tonnen aus Stahl driften beim Drehen unaufhaltsam auf ihn zu. Schon hören es die meisten splittern und krachen!... da sind wir an ihm vorbei und erreichen den schmalen Kanal der Ausfahrt. Knapp gewesen, zugegeben, wir haben aber unser Schiff recht gut im Gefühl, die engen Kanäle Frankreichs, mit ihren vielen Schleusen, sind gute Lehrmeister gewesen.
Diese Nacht liegen wir vor dem Sandstrand neben dem Hafen auf 7 m Wassertiefe. Der Wind heult, ob wütend oder nicht, weiss nur er. Wir jedenfalls schlafen gut. Ein 50 kg Bruce-Anker und 50 m 1/2" Kette sind besser sogar als ein Schlaftrunk, auf den wir natürlich nicht verzichtet haben.

Ein paar Tage später in einer kleinen Felsenbucht an der Costa Brava. Wohin Du siehst, Wildnis. Hell schimmern Felsen aus grünem Maquis, glasklar das Wasser, Ruhe und Einsamkeit um uns. Kein Mensch glaubt mir, dass fünf Seemeilen (sm) weiter im Westen die Stadt Cadaques mit ihren Tausenden von Touristen liegt.


Bubentraum...

Es dämmert. Manchmal züngeln Flammen auf, dort wo noch ein paar unverbrannte Holzstücke in der Glut liegen. Sie beleuchten ein Bild wie aus einem Bubentraum. Fünf halbnackte Männer hocken um einen Glutsee, der in der Felsnische glüht, dicht am Wasser. Die Bucht ist nur ein paar Meter breit, steinig und kahl. Aus ihrer Tiefe leuchten im Flackerlicht gespenstische weisse Zeichen. Hexenzeichen? Es sind Zeichen aus Holz. Vom Meer rein geschabt, von der Sonne weiss gebleicht, aufgerichtet und ausgerichtet. Formen und Spuren in der Wildnis. Zeichen der Lust der Menschen am Gestalten.

Oder sind es Zeichen und Formeln um Böses fern zu halten; fern von diesem Traum, nur einen Hexensprung von Dali's Haus entfernt?

Von drüben wo die WAHOO vor Anker liegt tönt Kathrin's Stimme: "dä Riis isch jetzt dänn fertig; wie wiit sind Ihr? Au fertig!" schreit eine der Gestalten. Die drei Rindsfilets auf dem Rost über dem Glutsee haben braune Krusten angesetzt. Es duftet nach "Solomillo à la mode du Capitain".


Les Moustaches

"Und jetzt dä Wahuu-Bluu! ... woan, tuu, trii, for..." Leider hat das Papier keine Notenlinien. Aber ich kann Euch versichern, er tönt gut, der WAHOO-Blues. Eine Menge Menschen am Ufer sind offenbar der selben Meinung. Sie klatschen mit, winken und folgen uns Hafen-einwärts. Der erste Chorus ist zu Ende und Heinz beginnt sein schönes melancholisches Klarinetten-Solo. Die Leute schmelzen. Bruno setzt sein Horn an, die Leute beginnen zu tanzen und beim Trombone-Solo von Albert schwenken die ersten Schiffe in unser Kielwasser ein und folgen uns. Ein Korso durch den ganzen Hafen beginnt.

Längst haben "Les Moustaches" zu anderen Stücken gewechselt. Wir sind bis in den hintersten Hafenwinkel gefahren, haben gewendet und laufen jetzt Bug voran auf den angewiesenen Platz an der Mole zu. Albert hebt die Posaune: Wher's the Tiger?" röhrt es aus seinem Horn und die Band fätzt das Thema herunter, dass es die Jachties rundum von den Plichtbänken reisst. Auch die WAHOO hebt ihren Bug leicht an. Vor lauter Musik und Jubel-Trubel habe ich leider etwas spät "voll achteraus" gegeben...

Was für ein Unterschied zwischen damals und heute! Damals waren wir zu neunt an Bord: eine komplette Dixieland-Band und die Stamm-Crew. Das fätzte und wimmelte. Noch Wochen später haben uns Jachties von weitem schon gehupt, gewinkt, zugelacht und pantomimisch einen Jazz-Posaunisten nachgemacht. Es war grossartig.


Heute bin ich allein. Seit ein paar Wochen schon, seit Portugal. Und ich muss sagen, auch das ist schön: Allein segeln, in einer Bucht ankern, hinter einem Kap einen Sturm abwettern. Allein die Hochstimmung geniessen, wenn das Boot vor einem guten Wind läuft, seine Bewegungen im Einklang sind mit dem Meer und mit dem Wind und Du selber ein Teil deines Bootes bist, selber im Einklang mit ihm und seinen Bewegungen: eine Art Glück.

Aber auch das andere:

Das Unbehagen spüren beim Auslaufen aus dem sicheren Hafen in die Ungewissheit der Nacht; wenn das Boot weg segelt von der Küste, die letzten Lichter hinter der Kimm verschwinden und die Sterne deine einzigen Fixpunkte sind. Dann bist du wirklich allein.
Es ist nicht das selbe, wie wenn du allein an Deck Wache gehst, während unten deine Freunde schlafen. Dann begleitet dich ihr Vertrauen. Einhand segelst du nur für dich: Die totale Freiheit; ein bisschen wenig ...


Aber gehen wir zurück zur Chronologie der Reise, als die WAHOO noch von einer Dreier-Stammcrew gesegelt wurde.

Längst haben wir das Mittelmeer hinter uns gelassen. In Ceuta hat die Zeitung über die WAHOO berichtet, bei Gibraltar ein Fernsehteam vom Helikopter aus Aufnahmen von uns gedreht. In Sta. Maria bin ich fast verhaftet worden, weil ich mich weigerte, die unverschämten "Hafen"-Gebühren zu bezahlen. Den Guadalquivir sind wir hinauf gesegelt und haben zwei Wochen bei Sevilla gelegen. Welch überschäumend lebendige Stadt!

Nun liegen wir in der Mündung des Guadiana an der Grenze zu Portugal, im kleinen Hafenbecken von Ayamonte: 50 m Kette gesteckt, eine Leine vom Heck zur schräg abfallenden Steinpier, eine zweite von der Mittschiffs-Klampe 60 m nach Steuerbord, ebenfalls zur Pier hinauf. Ein Weststurm weht vierkant von dort her. Dreissig Meter in Luv liegt eine grosse alte Themse-Barque wie wir vor Anker. Hoffentlich hält er! Sie würde genau auf uns zu treiben.


Unser Dinghy, gut zu Fuss...

Wieder fällt eine Böe ein. Die Regenflagen peitschen waagrecht über den kleinen Hafen, trommeln auf mein Ölzeug. Unser Anker hält, die lange Steuerbord-Leine zur Böschung hinter uns ist steif wie eine Stange. Keine 100 m entfernt zerfliesst die Häuserfront im Wasser. Die Hafenmauer gegenüber ist nicht auszumachen. Dort sollten Chrigi und Silvio mit unserem Dinghy herum schwimmen.

Etwas bewegt sich über die Böschung. Ein Boot, ein kleines Boot! Schwimmt kopfüber dort oben? Unmöglich! Nein, vier Beine, zwei Gestalten tragen es, triefend, stolpernd, stellen es ab, versuchen die Steintreppe herab zu kommen, rutschen, fallen, fluchen, setzen es endlich ins Wasser und schwimmen mit ihm herüber, sich krampfhaft an unserer Heckleine ziehend. Chrigi und Silvio, unsere beiden stürmischen Helden:

Den herabstürzenden Wassern entronnen

und dem zürnenden Sturmwind,
den mit Rudern sie nicht bezwangen,
überlisten sie tapfer zu Fuss.

Zu Fuss mit dem Dinghy rund um den Hafen! Und ich hatte ihnen gesagt, drüben an der senkrechten Hafenmauer sei es einfacher, an Land zu gehen, als hier an der glitschigen Böschung.

So kann man sich irren ...


Manchmal täuscht der Anschein...

Froh bin ich trotzdem, dass sie wieder hier sind und ich das Dinghy an Bord habe. Denn auf der Themse-Barque läuft seit einiger Zeit Georg ziemlich hektisch herum: der Anker scheint nicht mehr richtig zu halten. Wir müssen ihm helfen. Wer kommt mit?
Ich!
Überrascht schaue ich das Persönchen an. Schlank, zierlich, feingliederig und reicht mir gerade bis zum Kinn: eine Figur für den Laufsteg aber nicht um einen 50 Tonnen Segler hier heraus zu holen. Sie hat meinen Blick gesehen: "Ich chan zuepacke, wirsch g'see. Ich chum mit!" OK. Keine Zeit für Diskussionen. Und sonst ... keiner?
Also los, Claudia! Wir rudern hinüber.

Georg ist froh über Hilfe - der Motor läuft bereits. Er nimmt die Pinne, wird die Heckleine fieren, während wir den Anker einholen. 
Mein Gott, an was für einer Kette hängt dieses schwere Schiff! Alles zusammen gestückelt und mit Schäkeln verbunden, lange Glieder, kurze Glieder, dicke, dünne und dazwischen verrostete Schäkel - Wahnsinn!... und darauf vertraut der Mann! Natürlich geht sowas nie über eine Kettennuss. Vier Turns um die Winschtrommel! Claudia hält sie steif, ich kurble. Tatsächlich geht es auch so. Meter um Meter kommt die Kette herein. Claudia zieht mit blossen Händen, mit schwarz verschmierten blossen Händen, vom ölig-schmierigen Ketten-Schlamm. Auch ihr Ölzeug, das Gesicht, die Haare sind voll davon. Sie sieht meinen Blick, lacht: und ob sie zupacken kann!... 

Wir sind kurzstag (über dem Anker), genau im Wind, der Motor schiebt. Achteraus liegt die WAHOO, vor uns ein grosses Fischerboot - an dem kommen wir nicht vorbei - an Backbord ein zweiter Fischer und an Steuerbord die Böschung. Ich kurble schneller. Die Kette schleift auf der Trommel: zieh' Claudia, zieh! Jetzt ... er kommt, ist ausgebrochen. Ich geb' Georg ein Zeichen. Langsam kommt der Anker hoch, erstaunlich klein, ein Admiralitäten-Anker. Die Barque treibt rückwärts auf die WAHOO zu. Langsam dreht sie ihren Bug nach Backbord, nun liegt sie vierkant zum Wind. Noch 10 m bis zur WAHOO, noch 7. Jetzt hat unser Bug das Heck des Fischers passiert. Langsam nimmt die Barque Fahrt auf. Georg versteht sein Geschäft. Und jetzt eine Leine in die Schraube!... Ganz knapp kommen wir frei von der WAHOO. Kein Mensch dort an Deck. Begreiflich: die Kajüte ist so warm und trocken...
Wir erreichen den Fluss, fahren 300 m weiter hinauf und ankern dort. Beim zweiten Anlauf hält der Anker. Georg fährt uns mit seinem Schlauchboot zurück, unser Dinghy im Schlepp. Nass und frierend erreichen wir die WAHOO. Aber wir sind zufrieden. Unserem Schiff droht keine Gefahr mehr und die alte Themse-Barque liegt sicher vor Anker. Sicher - bis zur Bruchgrenze des schwächsten Gliedes ihrer Ankerkette.
Der Algarve entlang sind wir nach Vilamoura gesegelt, haben dort endlich die Rigg-Beschläge definitiv montiert und die WAHOO aus dem Wasser genommen. Und oh Schreck oh Graus!... am Unterwasser der Steuerbord-Seite hatten sich Tausende kleiner Bläschen gebildet. Stach man sie auf, kam saures Wasser heraus und darunter der blanke Stahl hervor. Wir mussten das halbe Unterwasserschiff bis auf den Stahl abschleifen und den Anstrich neu aufbauen. Ohne Hilfe von Claudia, Chrigi und Silvio hätten wir das nicht mehr geschafft, vor dem Winter.
Aber auch solche Leidenszeiten gehen vorbei. Mitte November liefen wir - verstärkt durch Chrigi - Richtung Kanarische Inseln aus: La Graziosa - Lanzarote - Fuerteventura - Gran Canaria.

Warum die WAHOO vor Los Cristianos überfallen wurde


Später Nachmittag. Wir segeln auf die Küste von Teneriffa zu. Früh am Morgen waren wir von Mogan im Süden von Gran Canaria ausgelaufen. Kurs 330° am Kompass, Ziel: Candelaria, ein kleiner Hafen an der Ost-Küste von Teneriffa. Nun stehen wir knapp davor: ein Reff achtern, 7..8 Knoten (kn) Geschwindigkeit. Wir stecken gerade in einer Böe mit etwa 30 kn. Nicht unbedingt das, was ich mir zum Einlaufen in den kleinen, mir unbekannten Hafen wünsche. Die Böe wird irgend wann nachlassen. 
Trotzdem: "Tomi, schau Du vom Bug aus in den Hafen hinein, ob wir einlaufen können; ich segle so nahe heran wie möglich, wende dann - und wenn nicht, segeln wir weiter..."
Mit etwa 70° zum Wind laufe ich vierkant auf den kleinen Sandstrand zu, der dicht im Lee der Hafeneinfahrt liegt. Log (Geschwindigkeitsmesser): 7 kn, Lot (Tiefenmesser): 8 m. Die Aussenmole ist nun querab von unserem Bug. Noch eineinhalb Schiffslängen, dann muss ich wenden. Log und Lot wie vorher. Jetzt müsste Tomi hinein sehen können. Er winkt, winkt ab, kommt rasch nach hinten. Log 7 kn, Lot 6 m. "Bojen in der Einfahrt ... unmöglich ..."
Ich wende. 20 m in Luv liegt die Hafeneinfahrt, 50 m voraus der Sandstrand. Recht schnell kommt das Boot herum - bei 7 kn Speed. Log 5 m. Die Segel killen im Wind. Viel zu früh! Noch 4 kn Fahrt. Ist es möglich?... noch 3 kn ... wir kommen nicht durch den Wind! Tatsächlich, ohne Dichtnehmen der

Segel... sie steht! Zündungsschlüssel - Vorglühen: eins, zwei ... wir segeln zurück ... fünf, sechs ... Lot 4 m. Für eine Halse würd's noch knapp reichen... elf, zwölf ... nur nicht zu früh anlassen ... sechzehn, siebzehn... warten ... jetzt: ich zieh' den Anlasser, der Diesel springt an, Gang rein, Gas - langsam kommt sie herum - Segel mittschiffs - Segel füllen sich. Wir segeln von der Küste weg. Motor aus.
Ich hatte gedacht, mit 7 kn Anfangsgeschwindigkeit würden wir auch aus einem Kurs von 70° zum Wind wenden können, ohne die Segel nachzuführen. Nicht bei diesem Wind und diesem Seegang. Halsen wäre zwar noch knapp möglich, aber - ohne Zeit zum Dichtholen der Segel - zu gefährlich gewesen. Obwohl wir bei unserem Rigg die Schoten lösen und ausrauschen lassen können, wenn die Segel überkommen. Das verhindert gefährliche Schläge der Segelbäume ins Rigg.

Fünf Stunden später: nach einer rasanten Fahrt vor dem Wind entlang der Küste nach Süden haben wir in Los Christianos geankert. Die letzten 5 sm, in der Abdeckung der Süd-Küste, musste der Motor mitschieben: wenig Wind und kein Seegang mehr. Kathrin und Jaqueline hatten die ruhige Fahrt benützt und gekocht. Kaum brannte das Ankerlicht kam von unten der hoch willkommene Ruf: "absitze, ässe!..."
Spaghetti carbonara!... super nach einem solchen Segeltag. Kathrin will mir eben schöpfen, da knallt etwas gegen die Bordwand. Ist einer in uns hinein gefahren? Wir rasen an Deck: sechs, sieben, acht Männer springen auf beiden Schiffsseiten auf uns zu. Überfall?... hier im Hafen? "Guardia civil ... wir müssen Ihr Schiff kontrollieren."

Acht Mann in Zivil mit Taschenlampen und Funkgeräten durchsuchen die WAHOO. Jeder Kasten wird kontrolliert, kein Türchen entgeht ihnen; Bodenbretter aber werden keine geöffnet. Nach zwanzig Minuten ist der Spuck vorbei. Der Anführer entschuldigt sich für die Störung, gratuliert zum Schiff und fragt dann nebenbei, warum wir nicht in den Hafen von Candelaria eingelaufen seien, heute nachmittags Ich erklär' es ihm. Ach so! Zur gleichen Zeit sei einer ihrer Streifenwagen dort eingefahren. Die hätten gemeldet: Segeljacht, die hier einlaufen will, wendet überstürzt und segelt Richtung Süden weiter, nachdem sie uns im Hafen gesehen hat. Darauf hätten sie uns bis hierher verfolgt, Verstärkung angefordert und nun eben gefilzt. Drogenschmuggel

Ende März hat mir Tomi gesagt, Kathrin und er wollten nicht mehr weiter segeln, sondern in die Schweiz heim kehren. Wir entschliessen uns nach Portugal zurück zu segeln, von wo sie ihren Hausrat und das Werkzeug per Autobus nach Hause bringen können. Aus der Traum! Schade. Wahrscheinlich aber besser so. Traurig hat mich gestimmt, als sie mir einen Monat später sagen, sie würden anschliessend mit einem englischen Ehepaar und deren Jacht nach den Capoverden und nach Gambia segeln; genau das haben wir zusammen vorgehabt. Als ich über Weihnachten zu Hause gewesen, hatten sie mit der WAHOO neben diesen Engländern gelegen und sie auch später, rein zufällig, immer wieder getroffen. Seit wann haben sie diese Reise wohl geplant? Nun ja: "denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt..." Also Schwamm drüber!

Über Madeira sind wir also nach Vilamoura gesegelt. Ausladen - Abschied nehmen - und mit einem stark erleichterten Schiff bin ich weiter gesegelt: Sevilla - Tanger - Gibraltar. Von dort die erste Nachtfahrt allein: 100 sm nach Motril - schöner West-Wind, keine Probleme. Dort die Nacht der einsamen Seglerherzen mit anschliessendem HIV-Test. Es folgt eine Ost-Wind Phase: Aufkreuzen - 36 Stunden liege ich hinter Cabo Gato auf Reede und wettere einen Ost-Sturm ab. Dann geht es weiter nach Alicante und Espalmador auf den Balearen.


Nixen, Faune und die Grazie der Natürlichkeit:

Dünenlandschaft, hartes langstieliges Gras, dunkelgrüne kleine Büsche, Pinien, jede Menge Pinien, etwas über mannshoch, in Grüppchen, einzeln, locker verteilt. Lachen, Schreien, Rufen tönt hinter einem etwas dichteren Wäldchen hervor. Ich geh' darum herum und bleibe überrascht stehen: grüne Gestalten tanzen über die Lichtung. Nackte Faune mit runzeligen Urleibern, blaugrünen Bäuchen, Schenkeln haschen mit plumpen Bockssprüngen nach schlanken geschmeidigen Nixen. Kreischen und Lachen, wenn sich ein Nixchen in den Armen eines Fauns verfängt, Herzen und Tollen. Aber schlüpfrig wie Fische, entwinden sich alsbald die Nixchen und weiter geht das Haschen, weiter weiter und vorüber. Nur noch das Lachen springt als Echo zwischen den Pinien - der Spuk hat sich aufgelöst.
Nein... ein Nixchen kommt zurück. 
Rasch atmend heben sich die Brüste, suchend geht es den Waldpfad entlang. Da. Es bückt sich und nimmt ihn auf, den verlorenen Blumenkranz. Blaugrün schimmert die Haut im piniengefilterten Sonnenlicht. Über den Kopf hebt sie den Kranz, hoch aufgerichtet steht sie, dreht sich um sich selber, vergisst sich in selbstverliebter Freude: reine Schönheit. Venus von Espalmador. Da begegnen sich unsere Augen. Der Zauber erlischt. Sie sinkt zusammen und eilt den anderen nach.

Auf dem Waldpfad erreiche ich den Salzsee mit dem Fangotümpel. Hier verwandle auch ich mich in einen Faun, streiche mich von oben bis unten mit Fango ein. Zurück am Strand lege ich mich zu den anderen graugrünen Gesellen und warte wie sie, bis der Fango zur Kruste erstarrt. Das soll gesund sein für die Haut - sicher aber macht es Spass. Die Venus von Espalmador such' ich vergebens. Wir sind schon zu sehr verkrustet.

Dafür erlebe ich ein anderes faszinierendes Schauspiel. Im Meer vor uns tummelt sich eine archaische Gestalt. Eine Frau, eine Urfrau. Hundertfünfzig Kilo Lebendgewicht ohne Übertreibung, wirft sie ihre Brüste über die Schultern, prustet, springt, zerteilt das Wasser, rollt sich, vorwärts, rückwärts. Und alles mit nie gesehener Grazie. Es ist umwerfend. Kein Körnchen Plumpheit. Graziös, beweglich, voller Lebenslust und Schönheit - Schönheit der Bewegungen, Schönheit des Seins. 
Und dann kommt sie heraus aus dem Wasser. Eine Ur-Venus - ohne Verkrustung. Eine Polinesierin.     
Trotz der täglichen Nymphenbesuche auf Espalmador laufen wir nach Soller aus: Eine Nachtfahrt ohne Wind. Ab Soller bin ich wieder allein und muss zur Bucht von Pollensa aufkreuzen. Dafür habe ich zwei Tage später herrlichen Segelwind um hinüber nach Fornells zu laufen.


Schneller waren nur
die Delphine...

Ich hab' das vordere Segel geborgen und statt dessen den 140 m2 Blooper gesetzt. Nun laufen wir wieder mit 5 kn bei fast glattem Wasser. Die Sonne scheint und ich fühle mich super. Achteraus verschwinden die Umrisse von Mallorca immer mehr im Dunst. Menorca voraus ist noch nicht zu sehen. Leider scheint der Wind einzuschlafen. Noch 4 kn Fahrt, noch 3. Der Blooper schlägt, wenn das Boot leicht überholt. Schade. Ich geh' nach vorne um das Bergen vorzubereiten.
Aber da kommt wieder eine Brise. Ich glaub' fast, es wird doch noch Wind geben! Wieder laufen wir 5 kn. Das Wasser kräuselt sich von Südwesten her. Um so besser. 6 kn Fahrt, 7 kn, 8! Unbeschreiblich wie sie plötzlich läuft. Und wie auf Schienen, ganz leicht gekrängt nur. Phantastisch! Aber in die Freude mischen sich handfeste Bedenken. 8 kn, manchmal fast 9, da muss am Masttop ein gewaltiger Zug angreifen. Hält das ein unverstagter Mast aus?... Da! ich glaub's nicht: Delphine, Delphine! Sie überholen uns, springen vor den Bug, tauchen ab und wieder auf, tollen herum und freuen sich - wie ich - und zeigen mir: endlich einmal ein Segelboot das läuft!... 
Und der Mast? Er biegt sich; aber nur um etwa 20 cm. Das scheint nicht viel; trotzdem: wenn die Delphine weg sind, werde ich den Blooper bergen. Ich will ja kein Spielverderber sein...
Haben sie gespürt, was ich mir vorgenommen? Kaum gedacht, verschwinden sie. Eigenartig ... 
Also dann: Autopilot auf 220°, nach vorne gehen und sowie das Schiff im Wind steht das Fall fieren: so fällt der Blooper schön auf das Laufdeck zwischen Reling und Aufbau. Ich geh' zurück auf Kurs, setze das vordere Segel und hab' dann Zeit den Blooper aufzutuchen. Denkste! Kaum läuft die WAHOO wieder auf Kurs - mit Gross und Besan noch 7 kn - sind sie wieder da, die Delphine. Eigenartig ... 
Diesmal kann ich mich voll und ganz mit ihnen freuen. Das Boot läuft sicher seinen Kurs, die Delphine jagen und tollen wie vorher und ich freu' mich einfach ... schau' ihnen zu, ruf' sie, wink' ihnen. Ich glaube fast, das ist Glück - reines glücklich sein. 
Nur - das Prickeln hat gefehlt, diesmal, das Prickeln - wie Champagner im Blut ... wenn alles offen ist, ungewisse wenn man nahe an Grenzbereiche kommt ... 
Wir sind schon eigenartige Wesen, wir Menschen.


Noch eine erschröckliche Geschichte:

Das Messssser

Hast Du schon einmal versucht Spaghetti - schön lange Barilla - nur mit der linken Hand zu essen? Versuch's! Es ist gar nicht so einfach. Bei mir ist's leider kein Versuch. Ich muss! 

Ich habe vorhin in der Küche nach einer Fliege geschlagen. Mit Wucht! Leider stak zwischen der Fliege und der Hand mein bestes Küchenmesser umgekehrt im Besteckbehälter... ein schönes, langes, spitziges Messer mit Holzgriff, aus Portugal. Der Rest ist klar, wenn ich beifüge, ich schätze scharfe Rüstmesser, so scharf wie Rasierklingen. 
Aber ich habe Glück gehabt: keine Sehne getroffen, ich kann die Finger bewegen. Und vor allem: ich hab' die Handfläche getroffen und nicht zum Beispiel 7 cm weiter unten die Vene am Handgelenk. Da wäre ich in echte Schwierigkeiten geraten. Denn ich liege in Fornells vor Anker, Beiboot an Deck. Und an Land schwimmen um ins Spital nach Mahon zu kommen - ich weiss nicht...
Zwei Tag später motore ich nach Mahon. Es weht ein leichter Westnordwest-Wind - genau richtig für den Blooper. Statt dessen brummt ständig der Motor. Wie ich das liebe ... aber Strafe muss sein. Wer sich so leichtsinnig verletzt, dass er nicht einmal mehr ein Tau halten kann, der soll hübsch zufrieden sein, wenn seine Strafe nur aus 6 Stunden motoren besteht.
In Mahon habe ich die Verletzung ausheilen lassen. Eines Abends gegen Mitte Oktober bin ich dann ausgelaufen und habe Kurs auf Alghero in Sardinien abgesetzt: 200 sm ohne Schlafen. Im Mittelmeer fahren zu viele Fischer herum, als dass man ein Boot länger als 15 Minuten unbeaufsichtigt laufen lassen könnte.
Wetterbericht: Winde um 4 aus Süd, Tendenz West drehend, Gewitterböen. In Wirklichkeit: Gewitter mit Wetterleuchten im Norden während der ganzen ersten Nacht, Wind 4 später 6 aus Süd, ganz langsam Ost drehend.
Eine Zeit lang segle ich mit einem Reff im Besan. Gegen morgen der zweiten Nacht kann ich Alghero nicht mehr anliegen. Nach Tagesanbruch fällt der Wind zusammen; Seegang 2..3 aus Süd bleibt: Grossartig um die letzten Meilen unter Motor mit Kurs fast Ost in die Bucht von Alghero einzulaufen... Aber auch das schaffen wir.


Den Winter 91-92 über liegt die WAHOO gut vertäut im Hafen von Porto Torres. Ich fahre nach Hause. Nach Hause? Das gibt es für mich nicht mehr. Seit drei Jahren lebe ich getrennt von meiner Frau. Mein Verhalten hatte sie so sehr verletzt, dass sie es ablehnt, mich bei ihr wohnen zu lassen. Begreiflich. Meine Schwester und ihr Mann bieten mir Gastfreundschaft in ihrem Haus, obwohl auch sie Schwierigkeiten mit meinem Verhalten haben. So verbringe ich die wenigen Wintermonate pendelnd zwischen dem Haus meiner Eltern und jenem meiner Schwester.
1992 wird unsere erste Saison, in der die WAHOO und ich auf MitseglerInnen angewiesen sind. Einmal, weil ich kein angefressener Einhandsegler bin und dann, weil ich Unterhaltsbeiträge brauche um die WAHOO in Schuss zu halten. Der Unterhalt eines solchen Schiffes kostet Geld, viel Geld.
Also gehe ich auf die Suche nach MitseglerInnen. Und ich werde fündig: Eine 6er Single-Crew eine Woche ergibt die Versicherung; Kurt, 5 Wochen - die Unterwasserfarben; zwei junge Paare und eine junge Frau, 2 Wochen - das Winterlager und ganz neue Perspektiven und so weiter. So läppert sich der Unterhalt zusammen - ich bin froh darüber.
Genau so wichtig für mich ist das andere, das mir meine MitseglerInnen mitbringen: Ihre Persönlichkeit, ihre Wünsche und Bedürfnisse, ihre Eigenarten und ihre wechselnden Stimmungen. Das gibt ein eigenartiges, stimulierendes Spannungsfeld an Bord. Meistens harmonisch weil zwanglos; hin und wieder - wenn fixierte Vorstellungen und Wünsche sich als nicht erfüllbar erweisen - auch einmal gespannt.
Ein Segelschiff ist kein "modernes Verkehrsmittel" das wir besteigen um zur gewünschten Zeit am geplanten Ort anzukommen. Wer das sucht, reist selbst mit dem Auto pünktlicher und bequemer - dafür wesentlich gefährlicher, das nebenbei. Wer auf einem Segelschiff leben und reisen will, darf nur vage Zeit- und Zielvorstellungen mitbringen. Das Meer, das Wetter - die Natur - bestimmen! Wir modernen Menschen haben das Gefühl dafür völlig verloren, unsere Mobilität könnte von der Natur abhängig sein. Das wieder ein wenig zu lernen, ist etwas vom Schönsten und Wichtigsten, was uns die Segelei vermitteln kann.


Die Piana Bucht.


Im Mai kann es in Nordsardinien ganz schön wehen. Heute aber sind wir gut aufgehoben, in der kleinen aber gut geschützten Piana Bucht. Der Anker liegt zwar nur auf 3 m aber er ist tief eingedrungen in den Schlick.

Die Piana Bucht ist fast kreisrund, misst vielleicht 200 m im Durchmesser und wird gegen Westen schnell untief. Der schmale Eingang im Osten hat auch nur etwa 2 m Wasser und draussen, gegen Süden zu liegen Unterwasserklippen. Es müsste schon ganz dumm gehen, wenn wir hier drinnen erwischt würden. 
Die Stimmung an Bord ist fantastisch. Die 6 Singles, drei Frauen und drei Männer schmeissen den Laden so zu sagen alleine. Ich bin nur fürs Seglerische und die Navigation zuständig. Alles andere organisieren sie selber. 
Warum bin ich trotzdem unruhig? Lass doch die Sorgen, hier sind wir sicher!

Ein Weisswein aus der Gegend westlich von Port Torres wird serviert... wirklich gut. Die Gläser klingen: zum Wohl auf den heutigen Abend! Kann es jemandem besser gehen? Späte Abendsonne auf der Brücke, ein gutes Glas Wein, ein paar Oliven - und unten beginnt die selbst ernannte Küchencrew zu rumoren: Risotto al funghi und grüner Salat, mit einem Rotwein aus dem selben Hause wie der Weisse. 
Der Himmel ist klar, der Barograf zeigt kaum Veränderungen, der Wind weht noch immer aus NNE mit etwa 15 kn. Warum bin ich unruhig, zum Kuckuck! Nach Sonnenuntergang wird er sich legen.  

Auf der Brücke wird die Route des morgigen Tages diskutiert. Assinara wäre schön. Es soll dort noch eine Art Steinböcke geben. Ist auch Ankern verboten? An Land gehen sowieso! Was würden wir riskieren? Keine Ahnung. Vielleicht das Schiff? Jetzt beginnts aber zu riechen. Wer hat die Füsse nicht gewaschen? Nein du Blödling, von unten, sagenhaft! Und ich hab gedacht ich könnte abnehmen. Hast du das nötig?... 
fröhliches Abendgeplätscher, necken, sich aufziehen, geniessen.

Nur, der Wind nimmt eher zu. Und er hat nach Norden gedreht. Kein Problem. Er müsste schon exakt aus Osten kommen, zulegen und dann so bleiben. Dann... aber so viel Pech aufs Mal gibt’s ja gar nicht. 
Unten rühren sie das Risotto in die Pfanne. Für sieben Leute, vom Segeln hungrige Leute. Da müssen sie die grosse, hohe Pfanne nehmen, den Spaghetti-Kübel. Wie das von unten herauf riecht!... 
Und wie der verd... Wind weiter dreht!... Tatsächlich, nun kommt er schon aus Nordost, mindestens 20 kn. Draussen hat's Schumkronen, klar. Und wenn er nun noch weiter herum kommt? Aus Osten und dort stehen bleiben, das wäre eine klassische Mausefalle!

Was könnten wir tun? Hinaus segeln ist unmöglich. Mit dem Motor? Ginge gerade noch, wenn der Wind nicht noch zulegt. Und wenn wir einfach hier bleiben? Könnte unangenehm werden. Nicht gefährlich? Mit Wind aus Ost und Sturmstärke wird's gefährlich. Die Bucht ist zu klein und zu untief. Mehr Kette ist nicht möglich, sonst sitzen wir mit dem Ruder schon im Morast. Und die 25 m, die draussen sind, halten das Schiff bei Sturm nicht. 
Also auslaufen! 
Ich muss eine Entscheidung treffen. Sofort. Zwar ist es nicht sicher, dass der Wind weiter dreht und eher unwahrscheinlich, dass er genau auf Ost stehen bleibt und zunimmt. Aber es ist möglich. Dann wären Crew und Schiff in Gefahr. Das will ich nicht riskieren. 
Und jetzt kommen wir noch hinaus. 
Also. 
Küche: Feuer löschen, Pfannen und Töpfe sichern, habt Ihr den Tisch schon gedeckt?
Nein?
OK. Wir laufen aus, es wird stark rollen. 
Peter und Kurt, geht an die Ankerwinsch, nehmt den Anker so rasch wie möglich herein, ich helf' Euch mit dem Motor.  
Motor an. Konzentration am Ruder, harte Arbeit am Anker.  
Kurzstag! OK, hoch damit. Wieder wechseln sie sich ab an der Wisch. Ausgebrochen! Gut. Peter pumpt wie wild. Sie haben begriffen: der Anker muss so schnell wie möglich rauf, damit ich sofort Fahrt aufnehmen kann. Wenn nicht, treiben wir auf die Untiefe hinter uns.

Der Wind hat tatsächlich weiter gedreht und bläst jetzt genau durch den Eingang. Bereits beginnen sich dort kleine brechende Seen zu bilden. Aller höchste Zeit, hinaus zu kommen! 
Ich fahre mit 2000 Touren am Motor schräg auf die engste Stelle zu. Beträchtliche Abdrift, Wind schräg von vorne. Jetzt Backbord das Ruder und hinein mit 2400 Touren. Trotzdem sind wir zu langsam. Ich kann nur schwer Kurs halten. Die Wellen! Immer wieder muss sie auf zwei-drei Wellen steigen, und steht dann fast. Glück gehabt bis jetzt: noch bevor sie ausschert, nimmt sie immer wieder Fahrt auf, und bisher immer auf Kurs. Gott sei Dank! Aus den Augenwinkeln sehe ich Steuerbord und Backbord nur Felsspitzen an denen sich Wellen brechen. 
Wir schaffen die Durchfahrt ohne Grundberührung, halten gut Abstand zum Riff im Südosten und gehen dann auf Kurs Hafen Stintino. Nur 2 sm, aber quer zum Wind, ohne Segel die stützen. Sie rollt wie verrückt. 
Wie sieht's wohl unten im Schiff aus? Einmal hab ich einen Höllenlärm wie Deckel und Pfannen gehört. Zwei Kilo Risottobrei verteilt auf dem ganzen Boden - dieses Bild steigt vor mir auf... Aber ich kann das Ruder nicht verlassen. Und das Eingangsluck haben wir geschlossen.

Walter kommt herauf. Grün wie Schnee... Es reicht ihm gerade noch bis zur Reling. Peter kümmert sich um ihn. Nach einer Weile kann ich ihn fragen: was war das für ein Lärm?... Ach nichts besonderes. Die Backofen Tür ist aufgesprungen, die beiden Bleche haben so geschäppert. Und das Risotto? Lisa hat sich zwischen Kasten und WC eingeklemmt und hält den Topf.
Da kann uns wirklich nichts mehr passieren...
Nach einer halben Stunde ankern wir im Schutz der Hafenmauer von Stintino. Friedliche Ruhe, die WAHOO bewegt sich kaum. 
Allen Risotto Meisterköchen aber kann ich verraten: Risotto muss mindestens eine halbe Stunde in einem rollenden Schiff geschaukelt werden! Nur dann ist es optimal! 
Als Trost: Spitzen-Sherry der alten Engländer brauchte sogar eine Weltumsegelung...
In jenem Frühling habe ich Tobias, einen jungen Mann an Bord genommen, der in der Drogenszene gewesen war, einen kalten Entzug hinter sich hatte und nun weg von der Szene wollte. 
Seine Mutter bat mich inständig darum, sekundiert von meiner Tochter. 
Und da ich ja kein Unmensch bin, willigte ich ein und erwartete ihn mit etwelchen Illusionen: Tobias - dachte ich mir - müsse einer jener jungen Männer sein, die am Weltschmerz schier zu Grunde gegangen und darum in die Drogen gekommen seien. Einem so wertvollen jungen Menschen helfen zu können, weg vom Verderben und hin zu sinnvollem Widerstandsleben zu kommen... wie schön für mich!

Und dann kam er. Tobias! Im schicken, taillierten Ledertschöpchen, lächelnd, tänzelnd, sich sichtlich freuend auf sein nun lässiges Leben auf einer Segeljacht. Sein grösstes Problem: immer Batterien für seinen Walkman zu haben. Keine Weltschmerz Diskussionen, keine Weltverbesserungs Pläne. Ich fiel komplett flach. Mein fürsorgliches Mitgefühl war schlicht nicht gefragt. 
Dafür wollte er segeln lernen. Dafür wollte er mir Arbeiten ab nehmen. Nicht all zu viele, auch nicht die aller schmutzigsten. Aber doch. Er wollte arbeiten, hin und wieder. Wollte mich entlasten. 
Und noch etwas wollte er von mir: Vaterersatz. Ausgerechnet von mir!

Eigentlich hatten wir nie Schwierigkeiten mit einander. Alles ist immer rund gelaufen. Nur, ich musste mich daran gewöhnen: keine tiefschürfenden Gespräche über den Sinn des Lebens; sondern: wie können wir den Walkman an die Schiffsbatterien anschliessen. Keine Depressionen, die es mit männlichem Optimismus zu überwinden gegolten hätte. Im Gegenteil! Dieser ehemalige Drogenabhängige war vergnügt, quick lebendig und optimistisch. Weit mehr als ich selber.  
So segelten wir zusammen um Sardinien herum Richtung Süden. Manchmal nur wir zwei, manchmal mit Freunden. Bis nach Golfo di Aranchi.

Dort kam Tobias atemlos zu mir: schau' mir in die Augen, siehst Du was? 
Was soll ich sehen? 
Gelb, sind sie gelb, meine Augen? 
Ah so... na ja, ist mir gar nie aufgefallen, vorher. Ein bisschen schon. 
Und das war's dann auch. Tobias hatte eine Hepatitis A. Und von diesem Moment an ging es ihm schlechter und schlechter. Nach ein paar Tagen flog er zurück in die Schweiz. Ich hoffe er hat sie auskurieren können.

Die junge Frau, die Tobias' Krankheit schon bei der Begrüssung erkannt hatte, lachte amüsiert, als ich ihr von meinen enttäuschten Fantasien erzählte. Sie arbeitete in einer Praxisgemeinschaft und kannte die Drogenszene. 

Später hat Barblina während einer vierjährigen Reise die WAHOO zusammen mit geführt. Wie haben fast achtzehn Jahre zusammen gelebt.


Zurück auf die WAHOO. 
Im Spätherbst kam Michel und mit ihm segelte ich über die Galit-Inseln nach Tunis.



Nur Langusten und reines Quellwasser, sonst nichts.


Auf den Galit Inseln, vor der Küste Tunesiens kannst Du nur bei ruhigem, stabilem Wetter ankern. Und das haben wir. Neben uns liegt ein Fischer vor Anker, ein zweiter fährt eben ein. Da sehe ich, wie sich ein langes Tau in seiner Schraube verfängt. Ich schreie. Schon zu spät. Der Motor ist abgewürgt, der Anker fällt. Ruhig machen sie an Bord, was zu tun ist. Dann steigt einer ins Wasser. Ohne Maske hat er wenig Chancen.
Ich nehme mein Tauchzeug, ein gutes Messer, schwimm hinüber und in wenigen Minuten ist die Schraube wieder frei. Die Fischer staunen. Dass ihnen einer von einer Yacht helfen würde, das hätten sie nie gedacht.

Pas de probleme!
Wir sind doch alle Seeleute. 
Nach einer halben Stunde kommt einer mit dem Beiboot herüber gerudert und bringt uns zwei frische Langusten. Als Dank. Und übrigens, l'eau, qui sort, là, tu vois? Es ist das beste Trinkwasser weit und breit.

Am anderen Morgen - die Fischer sind längst wieder auf Langusten Fang und wir allein in der Bucht - gehen wir zur Wasserleitung. Es ist eine einfache Röhre, die vom steil ansteigenden Bergabhang herunter hängt, das Wasser läuft ständig. Es ist erstaunlich kühl und schmeckt ausgezeichnet.

Leider ist der Sandstrand recht breit, vom Wasser bis zu Röhre sind es bestimmt 30 m. Aber unsere Tanks sind fast leer. Das hier wäre eine prima Gelegenheit. Gratis so gutes Wasser! Das gibt’s nicht alle Tage im südlichen Mittelmeer. 
Die Fischer holen ihr Wasser in Bidons. 20..30 Liter aufs Mal.
Wir brauchen Tausend.
Ohne mich!..
meint Michel, könnten wir nicht die WAHOO Bug voran auf den Strand setzen?
Müsste eigentlich gehen, auf Sandgrund, wie hier. Den Anker vorne an Land. Bei diesem Wetter, eigentlich kein Problem.

Es ist gegangen. Zuerst haben wir die Schläuche an Land gebracht um zu sehen, ob sie lang genug sind, bis zum Wasser - und dann bis zum Stutzen. Sie waren.
Dann Anker hoch und langsam aufs Ufer zu fahren. Vierkant. So langsam wie möglich, noch langsamer. Und sanft hat sie aufgesetzt. Die Schläuche waren schon angeschlossen. Und dann haben wir gewartet. Stundenlang. Es kommt nicht viel Wasser dort. Dafür gutes.


Das Ende meines alten Mirror-Dinghys


Von Tabarka aus sind wir mit viel Gegenwind ostwärts gesegelt, in einer kleinen Bucht hinter einer riesigen Felsnase über Nacht vor Anker gegangen und gegen Abend des nächsten Tages in eine Flaute gelaufen. Motor an, wir wollten Bizerta noch erreichen. Der aber streikte - Diesel-Ansaug verstopft. Also liessen wir uns treiben, segelten mit dem Nachtwind bis auf die Höhe des Hafens und kreuzten dann die ganze Nacht über gegen ihn an um hinein zu kommen. Bei Sonnenaufgang standen wir knapp davor und der Diesel im zweiten Reservetank brachte uns an den Steg.

Am nächsten Tag, kein Wind. Wir reinigen den Ansaugstutzen, tanken im nahen Fischerhafen und laufen unter Motor aus, das Dinghy nachschleppend. Wir wollen ja nur ums nächste Kap herum und dann ankern.
Wer hat nicht wie oft schon gesagt, das Meer ist jederzeit für eine Überraschung gut? Keine Stunde später laufen wir unter je zwei Reffs hart am Wind. Er ist so rasch aufgekommen, dass wir keine Chance hatten, das Dinghy herein zu nehmen. Es schwimmt aber ganz munter hinter uns her, mit hoch erhobenem Bug. Der Wind kommt aus Nordosten, wir können das Kap vor uns gerade noch anliegen. Noch etwa 10 sm, dann sind wir herum und können mit achterlichem Wind nach Süden schwenken.
Eine Stunde später. Der Seegang hat stark zugenommen. Es kommt ziemlich Spritzwasser über. Leider auch beim Dinghy. Es ist halb voll. Wir müssen es lenzen, sonst säuft es ab. Und das bei gut 6 kn Fahrt! Michel zieht das Dinghy an langer Leine an die Leeseite der WAHOO. Ich selber, splitternackt aber mit Schwimmweste, binde mich ans Schiff und versuche hinunter ins Dinghy zu steigen. Es tanzt ziemlich, da unten. Aber es gelingt mir. Im Bötchen fangen die Schwierigkeiten erst an. Ich muss mich ins Wasser hinein knien, mit gespreizten Beinen fest klemmen, das Bötchen mit der Linken ab halten und mit der anderen ösen. Nicht ganz leicht! Zeitweise sind die Bewegungen minim, dann plötzlich wieder extrem. Das muss ich voraus spüren, mich festhalten. So geht das Ösen langsam. Manchmal spritzt mehr herein als ich ausschaufeln kann. Trotzdem: nach langer langer Zeit klettere ich todmüde an Bord zurück. Das Dinghy schwimmt wieder höher. Aber ich weiss, nicht sehr lange, wenn Wind und Seegang anhalten.
Wir erreichen das Kap und der Wind beginnt - wie könnte es anders sein... über Ost nach Südost zu drehen. Jetzt, da wir fast Südkurs laufen sollten. Also legen wir zuerst einen Schlag nach Norden ein um vom Kap frei zu kommen. Vor dem Kap ist der Seegang chaotisch. Wir müssen stark abfallen um Fahrt zu machen. Trotzdem scheinen wir auf der Stelle zu segeln. Ein Gegenstrom aus dem Golf von Tunis heraus? Wieder lenze ich das Dinghy. Weil wir weniger Fahrt machen, geht es dies mal schneller.
Es ist Nacht geworden. Michel ist seekrank, liegt unten. Noch immer kreuze ich in Stunden-Schlägen gegen einen Südwind von etwa Stärke 7. Idiotisch eigentlich. Aber zurück, nochmals ums Kap herum, das will ich auch nicht. Irgend wann wird dieser Sturm ja aufhören. Immerhin weiss ich, in den Etang von Ghar al Minh einlaufen, kann ich vergesse. Bei diesem Wetter und im Dunkeln schon gar nicht. Es bleibt nichts anderes, als tiefer in den Golf von Tunis hinein zu segeln. Vielleicht nach Sidi Bu Said? Das wären höchstens noch 20 sm. 
Um Mitternacht ist der Etang Steuerbord voraus, ich segle gerade mal wieder auf Steuerbordbug gegen das Land zu. Das Wetter ist nicht besser geworden. Im Scheinwerferlicht sehe ich, das Dinghy ist fast voll gelaufen. Höchste Zeit, es wieder zu lenzen. Michel ist nicht in der Lage, herauf zu kommen. Ich allein? Und ohne Licht.

Warum kommt mir nicht in den Sinn, einfach bei zu drehen? Vielleicht bin ich damals schon zu müde gewesen um die Situation zu analysieren und dann die richtige Entscheidung zu treffen. Zudem hatte ich die WAHOO noch nie bei solchem Wetter bei gedreht, wusste also nicht, wie sie sich verhalten würde. Darum ist es mir gar nicht in den Sinn gekommen. Alles, was ich mir überlege: entweder das Dinghy oder vielleicht ich. Es ist mein erstes selber gemachtes Schiff. Soll ich dafür mein Leben riskieren?
Das Dinghy nimmt mir die Entscheidung ab: Es ist voll gelaufen. Wir ziehen es mit 6 kn unter Wasser hinter uns her. Lange wird es das nicht aushalten. Keine Zeit um sentimental zu werden. Ein schneller Schnitt mit dem Bordmesser. Adieu! 
Aber ich habe mir doch vorgestellt, mein liebes altes Bötchen werde vielleicht unversehrt auf den flachen Sandstrand gespült, zur grossen Freude eines armen Fischerjungen... überhaupt nicht sentimental!

Früh am Morgen erreichen wir Sidi Bu Said. Es bläst noch immer mit mindestens Stärke 6. Der Seegang ist zurück gegangen. Einlaufen, in den engen Hafen, wird trotzdem nicht einfach sein. Michel kommt nach oben, gut ausgeruht. Über VHF melde ich uns an und bitte um Unterstützung am Steg durch 2..3 Marineros. 
Oui, oui, in einer viertel Stunde...
kommt die Antwort, ziemlich gleichgültig. 
Nach zehn Minuten weiss ich warum. Kaum haben wir die kleine Nase im Norden des Hafens passiert hört der Wind schlagartig auf. Flaute. Der Motor muss uns die letzten Meilen zum Hafen bringen.

Michel fliegt zurück. Ein junges Paar kommt an Bord. Sie wollen ihre Hochzeitsreise auf der WAHOO verbringen. Allerdings heiraten sie erst nach der Reise. Kluge Kinder! 

Im Jahr darauf kam Barblina "probehalber" eine Saison mit. Sie wollte sehen, ob ihr das Leben an Bord auch während lägerer Zeit gefallen würde. Offenbar hat es! Denn im Jahr darauf sind wir zusammen zu einer Reise rund um den Südteil des Nordatlantik gestartet: 
Durchs Mittelmeer westwärts nach Portugal, südwärts zu den Kanaren - Capo Verden - wieder westwärts nach Tobago, Trinidad, Venezuela, Curaçao - hinauf nach Haiti, dann Kuba - durch die Bahamas nach der Chesapeak Bay (USA) - durch den ICW hinunter nach Florida und hinüber nach Kuba - rund um Kuba herum und über Haiti, Dominikanische Republik, Bermudas, Azoren, Portugal zurück ins Mittelmeer.

Das aber ist eine andere Geschichte und viel zu lang um hier ausführlich erzählt zu werden.

Acht Nachsätze:

Dieser kleine Bericht über den Anfang meiner Reisen mit der WAH00 ist ganz und gar subjektiv - wie könnte es anders sein. Alle die bisher mit uns gesegelt sind, haben ihre eigenen Erlebnisse gehabt und bewahren ihre eigenen, für sie wichtigen Erinnerungen. Einige werden hier etwas wieder erkannt haben; andere vielleicht enttäuscht sein, dass gerade das, was ihnen so gefallen, so starken Eindruck gemacht hat, nicht erschienen ist. Ich bitte sie um Entschuldigung. Der Bericht ist auch so schon zu lange. Hätte ich alles aufgeschrieben, was als wertvolle Erinnerung im Gedächtnis weiterlebt, wäre daraus ein Riesenbuch entstanden.

Noch ein Buch. Noch mehr Blätter zwischen zwei Deckeln ... 
Coyright: Nikolaus Gutknecht, März 2003
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