8 - Auf den Seychellen
 
Sonntag, 14. Oktober 2007
Stell dir vor, mitten im Meer liegt eine kleine Felsinsel. Röt­lich-graue Felsen, nach oben spitz zulaufend mit senkrecht­en Schleifspuren, die bis zum Wasser hinab rei­chen. Darunter runde, ovale, zu Halbmon­den geschliffene Fel­schen, zum Teil vom Wasser überspült. Das Ganze sieht aus wie ein Schiff aus Felsen, nur unregelmässiger, wie vom Meer seit Jahrhunderten zu skurrilen Formen ver­schliffen. Aus diesem Felsenschiff ragen Palmen, fünf Kokos-Palmen, saftig-grün, in den verschiedensten Grös­sen, die Höchsten in der Mitte, die Kleine­ren nach den Sei­ten abfallend. Über ihnen ragen die kahlen Äste eines gros­sen Baumes, darunter und rund darum herum, Büsche, grün und saftig.
Vor Jahren hat es einmal ein Poster gegeben, ein altes Schiff beladen mit Bäumen und Büsche, eine Arche Noah für alles was wächst auf unserer Erde.
So sieht St. Pierre auf den Seychellen aus.
Wir ankern daneben.
Julia und Thomas Schnorcheln. So gefällt es ihnen. Sonne, blaues Meer, Sandstrände, Palmeninseln. Die Sey­chellen, wie man sie sich vorstellt.
 
Das Ankommen hat etwas anders ausgesehen. Ein Hafen­becken hin­ter riesigen Fischerbooten, die Tag und Nacht ihre Hilfsdiesel laufen lassen. Das Becken besetzt von Mooringbojen für die Touristenschiffe und ganz aussen noch ein kleiner Platz für uns – nahe bei den lärmi­gen Fischerbooten.
An Land ein Yachtclub bei dem man für 300 Rupien, etwa fünfzig Franken, Mitglied werden muss, wenn man hin und wieder etwas trin­ken und sein Dinghy dort anbin­den will. Gleich daneben der Anlege­platz für die Touristen­schiffe, mit unter anderen zwei riesigen Kata­maran-Unge­heuern. Ständig steigen dort Touristen ein und aus.
Das ist unser Platz für die ersten drei Tage auf den Sey­chellen gewe­sen. Und das nach fünfzehn Tagen auf dem Meer und dem bei Euro­päern geläufigen Bild der Seychel­len im Hinterkopf: Weisse Sand­strände, Palmen - und in deren Schatten eine kleine Bar...

Da hat es Julia abgelöscht. Sie wollte gleich einen Flug buchen, nach Hause fliegen. Aber nach ein paar Tagen hatte sie sich erholt, auch die Schönheiten der Insel ent­deckt und ist geblie­ben.

Noch vor unserer Ankunft hatte Thomas eine Anfrage an die Hono­rarkonsulin der Schweiz auf den Seychellen gemailt. Inhalt: können wir auf einer der südlichen Sey­chellen Inseln ausklarieren?
Die Antwort kam mailpostwendend.
Leider nicht, Ausklarieren kann man nur in Victoria. Aber ruft mich doch an, wenn ihr hier seid. Ich freue mich dar­auf, euch kennen zu lernen.
Schon am ersten Tag riefen wir sie an.
Morgen im Yachtclub, wenn es Euch recht ist. Wir treffen uns dort jede Woche einmal mit Freunden. Die könnt Ihr dann gleich auch kennen lernen.
Der Yachtclub ist viel gemütlicher, als wir anfangs gedacht. Und als Gäste von Angelika und Harry, ihrem Mann, einem überaus sympathi­schen Einheimischen, waren wir auch ohne Mitgliedschaft willkom­men.
Ich habe mich unter ihnen sofort wohl gefühlt. Menschen der ver­schiedensten Rassen, assen, tranken, redeten mit einander. Ich spürte sofort, hier sind Rassen keine Schran­ken. Sie interessierten sich für unsere Reise, unser Schiff und die Probleme, die sich auf einer solchen Reise wie von selbst ergeben. Es war spannend und unterhalt­sam und wir erhielten viele Informationen aus erster Hand. Unter anderen über möglich Ausweich-Ankerplätze, die besten Ein­kaufsmöglichkeiten, die beste Glacé in Town, beson­ders wichtig für Thomas - und die schönsten Strände und wie man mit dem Bus hin kommt. Natürlich erhielten wir auch ihre Telefonnummern, für dann, wenn wir etwas nötig hät­ten, einen Transport brauchten oder sonst etwas.
Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit, wie sie auf den Seychellen eben normal sei...
 
Dann erkundeten wir Victoria, die Hauptstadt der Seychel­len; ein modernes Städtchen mit viel Verkehr, viel moder­ner Architektur aber auch alten kolonialen Häusern in ihren kleinen Parks, schön gepflegt die meisten. Und natürlich gibt es ein paar Supermärkte, für uns besonders wichtig. Nachdem wir uns also ein wenig orientiert und das Wichtigste eingekauft hatten, verlegten wir uns in eine kleine Bucht, die uns von der Runde im Yachtclub empfoh­len worden war.
Sie wird durch eine kleine Insel gegen Schwell geschützt, das Wasser ist sauberer, die Umgebung grün und ange-nehm. Ein ruhiger Platz und nahe bei der Haltestelle des Busses, der in fünfzehn Minuten nach Vic­toria fährt. Es war noch immer nicht das, was sich Euro­päer unter
"Sey­chellen" vorstellen.

Als Julia auch noch ent­deckte, dass Thomas und sie von hier aus mit dem Tauch­boot des nahen Clubs, tauchen gehen konnten, war auch sie etwas zufriedener.
Dort haben Thomas und ich die Propeller-Welle neu aus­gerichtet - seither läuft die WAHOO unter Motor wieder wesentlich ruhiger - und das eine Lager der Ruderrad­welle ersetzt.

Ich will Dich nicht noch mehr mit Technik langweilen. Aber die Geschichte des neuen Lagers, ist erzählenswert.

Was ich auf den Seychellen suchte, war ein Norm-Kugella­ger.
Telefon zu Angelika.
Ein Norm-Lager? Ohlala! das wird nicht einfach sein. Wart' einen Moment....
Ich höre sie mit jemandem reden, dann
...wenn es jemand hat - Luigi... eine mechanische Werk­stätte ganz in der Nähe von uns, ein Italiener... der ein­zige, der hier... Moment...
wieder spricht sie mit jemandem
... wenn Du heute Nachmittag um zwei an der Bushalte­stelle sein kannst, dann nehm' ich Dich mit zu Luigi... geht das?
Und ob es ging. So war ich um Viertel nach Zwei in der Mechani­schen Werkstatt von Luigi, hin gefahren von Ange­lika.
Der schmale Eingang öffnet sich auf ein ziemlich grosse Areal, direkt am Meer. Fragmente von Maschinen und Motoren stehen und liegen herum, aufgepallte Fischer­boote, ein moderner Segel-Cat - und eben wird ein gros­ser Fischer den Slip herauf an Land gezogen.

Mister Luigi? Dort drin, in der Schweisserei...
Die Werkstatt ist riesig, sicher acht Meter hoch und durch das grosse Tor können ganze Fischerboote hinein geschleppt werden. Im Moment steht aber keines drin.
Links hinten sehe ich Drehbänke, Bohrwerke, eine Abkanntmaschine. Rechts hinten blitzt es - Schweiss-Blitze. Ein schwarzer Arbeiter schweisst eine grosse Wel­lenkupplung, neben ihm steht ein Weisser, ebenfalls im "Übergwändli".
Mister Luigi?...
Ja - was ist?
Ich strecke ihm das Lager entgegen. Es steckt noch immer im Guss­gehäuse - wir hatten vergebens daran herum gemurkst, um es her­aus zu lösen.

Mister Luigi nimmt es, geht zum Schraubstock, klemmt es ein und Schwups... ist das Lager befreit, aus dem Gehäuse heraus gedreht. Drehen und heraus ziehen!... natürlich, jetzt erinnere ich mich wie­der, wie's geht...
Mister Luigi betrachtet das Lager genau.
Ein solches Lager gibt es nicht auf den Seychellen! sagt er bestimmt.
Aber ich muss eines haben...
Das glaube ich Ihnen... lacht er
Wie... was kann ich?... wie kann ich eines bekommen? Können Sie mir irgendwie helfen? Ohne dieses Lager... ohne sind wir...
Kommen Sie mit...
Wir gehen in sein Büro. Dort nimmt er eine Schachtel aus einem Regal, ein Lager aus der Schachtel.
Sehen Sie... die Grösse stimmt genau. Aber die Rundung!... aussen am Käfig... dieser Käfig ist gerade, der geht nicht in Ihr Gehäuse...
...und ein anderes... haben Sie ein Gehäuse, das dazu passt?...
Nein, gibt es hier nicht!
Gibt es irgend eine andere Möglichkeit?...
Das richtige Lager bekommen Sie hier nirgends. Kommen Sie!
Wir gehen zurück in die Werkstatt - warum nimmt er das Lager mit?... ein Italiener in einem Entwicklungsland?... wie damals der alte Luigi in Atuona auf den Marquesas?... könnte es sein?...
Mister Luigi hat sich aus einer Ecke ein Stück Rundholz geschnappt, schnitzt es mit seinem Messer ein bisschen zu und steckt nun das Lager darauf... komisch, was will er damit?...
jetzt geht er zur Schleifmaschine - stellt sie an...
grinst zu mir her­über:
...das ist die einzige Möglichkeit hier
hält das Lager mit dem Holz an die Schleifscheibe und beginnt den Käfig, der sich auf dem Innenteil des Lagers mit dreht, abzuschleifen. Auf dieser Seite ein wenig, auf der anderen eben so viel. Prü­fen am Gehäuse - weiter Schleifen - Prüfen ... und
Sehen Sie... jetzt geht es rein!...
Und Klick - ich habe wieder ein Lager! Montiert im Origi­nal-Gussgehäuse.
Und das auf den Seychellen. Phantastisch!
Für Mister Luigi aber scheint das ein ganz normaler Vor­gang zu sein. Die "Anpassung" erscheint nicht einmal auf der Rechnung...

Nach der Montage, mit wieder leicht drehendem Ruder­rad, laufen wir aus um ein-zwei weitere Inseln zu besu­chen.
Segel hiessen - Anker auf... und hinaus aus der Bucht.
Draussen jedoch, da wo ich eigentlich durch segeln wollte, reiht sich eine Sandbank an die andere. Wir haben Nied­rig-Wasser. Die Sonne steht hoch, ich kann die Untie­fen gut sehen. Aber unsere Karten sind nicht sehr genau und so weiss ich nicht, wie es weiter draussen aus­sieht, wo die Ausfahrt verläuft.
Die Ausfahrt unter Segel suchen?... Ist mir zu riskant.
Also entschliesse ich mich, dem betonnten Weg zum Hafen zu folgen und von dort gefahrlos auszulaufen. Die Segel ziehen gut, mit hal­bem Wind folge ich dem betonn­ten Wasserweg, halte mich aber - als kleiner Segler - an dessen Rand.
Fünf Knoten Fahrt.
Es schrumpst, es holpert - und dann null Fahrt!
Aufgelau­fen!
Aufge­laufen, innerhalb des Fahrwassers!
Motor an, Segel dicht - sie krängen das Boot - Retour­gang, Vollgas, nichts geschieht. Ein Militärboot nähert sich. Wir geben eine Leine hinüber und es gelingt uns mit vereinten Kräften, das Heck der WAHOO gegen die Fahr­wasser-Mitte hin zu drehen und sie retour aus den Steinen heraus zu ziehen.
Eine Flasche Wein wechselt den Besitz. Dann laufen wir aus.

Am Abend ankern wir im Hafen, der Anse Lamoure von Le Dique und erkunden die Insel am nächsten Tag per Velo. Schöne Wege durch den "fast" Urwald. Eine unwahr­scheinliche Pflanzenwelt. Darin ein paar verstreute Bunga­lows. Dann nur noch Weg und nur noch Wald. Das Ende des Radwegs. Ein Sanddüne hinauf und...
endlich der schneeweisser Sandstrand. Die Strandbar. Sey­chellen wie aus dem Prospekt!
Es vergnügen sich ziemlich viele weisse und vor allem junge Touris­ten im Sand und mit sich selber. Cool, Sexy, selbstbewusst... und an der Bar gibt es kühle Drinks und Sandwichs.
 
Am nächsten Tag ankern wir vor St. Pierre, der munzig kleinen Insel eine Seemeile westlich des Pointe Zanguilles auf Praslin. Die Welt ist wieder in Ordnung und die Sey­chellen so, wie sie erträumt wurden. Und als wir dann am Abend von den Parkwächtern noch zu einem BQ an den Strand der Laraie Bay auf Curieuse eingeladen werden, ist meine Crew restlos zufrieden.
Am Abend ankern wir in der Bay vor dem Turtle Pond.
Auf Curieuse leben noch ein paar Riesenschildkröten und auch die Pal­menart Coco de Mer gedeiht hier. Sie ist auf Curieuse und Praslin endemisch. Ihre Samen, die grössten dieser Welt, sind wunderschön, sehr sinnlich und ero­tisch. Sie dürfen nur mit spezieller Bewilligung ausgeführt wer­den. Unsere Parkwächter sind für beide, die Riesenschild­kröten und die Coco de Mer verantwortlich.
Es ist eine recht bunt zusammen gewürfelte Runde, die sich am Abend am Strande trifft. Die Crews von zwei Char­ter-Segelyachten, Holländer und Franzosen, eine Bootsla­dung Englischer Touristen von einem nahen Res­sort und wir Drei. Auf Französisch, Englisch, Deutsch und Schwei­zerdeutsch wird kommuniziert, unter einander und auch mit den Parkwächtern die uns bewirten.
Sie sprechen Englisch und von allen Touristen-Sprachen ein paar Bro­cken. Die wenden sie vergnügt und mit Charme und Nonchalance an.
Sie haben das Recht, hin und wieder solche BQ's an "ihrem" Strand zu organisieren. Um ihr mageres Salär auf­zubessern. Sie fangen tagsüber die Fische, suchen das Feuerholz und einer von ihnen ist am Abend dann Chef­koch. Er versteht sein "Handwerk". Die gebrate­nen Fische sind frisch, vorzüglich mariniert, gerade richtig gebraten und schmecken gut. Ich kann etwas lernen.
Zum Schluss ist die Stim­mung so gut, dass niemand gehen möchte... und das Trinkgeld fliesst reichlich. 
 
Am nächsten Tag kreuzen wir den Kanal zwischen Curieuse und Pras­lin nach Norden auf und Thomas schiesst vom Dinghy aus die ersten Fotos der WAHOO mit Besan, Grosssegel, Bugspriet und Fock.
Um den Norden von Praslin herum erreichen wir offenes Wasser, lassen den "Cousin" und die "Cousine" - zwei kleine Inseln mit Untiefen rund um sie herum - an Back-bord und erreichen gegen Abend Victoria auf Mahe.

Einkaufen für zwei Wochen.
Dann der Abschied. Wieder einmal.
Diesmal von Angelika und Harry. Ein Paar, das der Schweiz alle Ehre macht – und die ein wenig zu unseren Freunden gewor­den sind. Werden wir sie je wieder sehen?
 
 

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