7 Weiter, zu den Seychellen

20. September – Donnerstagabend 18 Uhr.
Wir laufen aus! Endlich!
Heute morgen ist das Filterpaket angekommen, Mohammad hat es sofort gebracht. Es sind die richtigen Diesel-Filter - aber die falschen Ölfilter!
Zehn Minuten später läuft der Diesel wieder.
Grosse Erleichterung bei allen.
Wasser bunkern, das Schiff seeklar machen.
Dann grosse zweite Verabschiedung von Muhammad Saad, diesem Schatz in einem schönen Lande.
Anker auf. Auslaufen unter Motor!

Erst am nächsten Tag können wir Segel setzen – vorher kein Wind. Dann aber kommt er! Sonntag und Montag haben wir vor und nach dem Passieren der Insel Sukutra zwischen 30 und 40 Knoten Westsüdwest Wind. Die Richtung ist zwar goldrichtig, die Stärke aber nahe unserer Möglichkeiten noch Süd zu machen. Aber wir schaffen es. Trotz der unangenehmen Kreuzseen von teilweise bis zu etwa fünf Metern. Am Dienstag geht der Wind etwas zurück, die Kreuzseen bleiben.
Ab Mittwoch – schönstes, geruhsames Segeln.
Schöner kann Amwindsegeln gar nicht sein. 8 bis 14 Knoten Wind, eine mittellange Dünung und vor allem eine Strömung, die uns pro Stunde bis zu 1,5 Seemeilen vorwärts bringt. Wir haben Gross, Besan und Fock gesetzt und laufen bis zu 7 Knoten, zusammen mit der Strömung.
Das für die Segler unter uns.
Das Bordleben war anfangs lahm gelegt. Kochen: nur Eintöpfe. Schlafen: Gewöhnungssache. Wer nicht Wache ging, legte sich hin.
Wie anders ist es jetzt!
Wir lesen, schreiben – Julia hat Brot gebacken und heute Abend gibt es eine Pizza. Leider nicht mit frischen Fischstücklein – wenigstens bisher nicht – aber sonst mit allem was drauf sein soll. Übrigens haben wir vorgestern gleich zwei Bonitos (kleine Thunfische) gefangen und verspeist. Thomas hat sich sogar überlegt, sie auf unserem Kohlegrill zu grillieren.

30. September. Der Expander!.. zuckt er? Zieht da wer?
Ja - ja! Da hat einer angebissen!
Rasch ziehe ich meine „Fischerrute“ herein und nehme die Leine in die Hand. Nur etwas kleines! Aber besser als nichts, wie während der letzten beiden Tage. Und ich beginne, den prospektiven Fisch Hand über Hand herein zu ziehen.
Da rast an Steuerbord die grosse Leinenspule ab.
Noch einer?
Thomas spurtet hin und packt die Leine.
Handschuhe, Julia, Handschuhe! Zieht gewaltig!
Da ist was ganz grosses dran!
Und beide ziehen wir die Leinen ein, Hand über Hand: nachgeben, wenn er sich aufbäumt, an der Leine reisst und herein nehmen, wenn er sich einfach nach schleiken lässt.
Dann sehe ich „meinen“ Fisch. Gold, Blau, Grün.
Das muss eine Goldmakrele sein. Richtig, jetzt sehe ich auch die charakteristische Kopfform. Was für ein Glück, eine Goldmakrele. Das wird ein Festessen!
Derweil kämpft Thomas, von Julia assistiert, mit seinem Fisch. Fünf mal grösser ist der.
Fünf mal grösser als deiner!...
 
Es ist auch eine Goldmakrele gewesen. Die grösste, die ich je gesehen habe. Sicher einen Meter zwanzig lang.
So haben wir gestern Abend Goldmakrelen-Filets und Steaks grilliert und ein Abendessen mit Weisswein genossen. Denn wir sagten uns, die Regel – kein Wein während des Segelns – braucht eine Ausnahme, damit sie eine ist.

Ausserdem segeln wir gar nicht. Wir stecken in den Doldrums, jenem fast windlosen Gürtel zwischen dem Südwest-Monsun und dem Südost-Passat. Wir segeln oder motoren von Gewitter zu Gewitter. Dazwischen weht kein Wind, die Segel flappen und schlagen, der Motor dröhnt.
Rund um uns herum bilden sich immer neue Gewitterfröntchen.
Ein schönes Bild: Weisse Cumuli türmen sich in tausenderlei Gestalten rund um unseren Horizont. Einige verdichten sich, bilden dunkle Gewitterwalzen, regnen aus und lösen sich wieder auf. Andere verbreitern sich, werden zu grauen Wänden und auch sie verschwinden, lösen sich auf oder verdichten sich wieder zu neuen Walze
Manchmal fahren wir in eine hinein, es gibt Wind, Motor aus und wir können eine halbe Stunde lang segeln.
Oder es beginnt zu regnen. Gerade vorhin regnete es ziemlich stark.
Da sah dann Neptun drei nackte Gestalten sich wohlig im Regen tummeln, sich waschen und einfach das Gefühl geniessen, dass wieder einmal Süsswasser über den Körper strömt.
So gut hatten es die alten Seefahrer nicht. Ohne Motor! Die haben tagelang auf das nächste Gewitterfröntchen gewartet, das ihnen ein wenig Wind brachte. Dazwischen beteten sie um Wind und verfluchten ihr Schicksal, wenn er nach zehn Minuten wieder aufhörte. Die Rossbreiten, nannten die Spanier dieses Gebiet auf dem Atlantik. Sie mussten die Pferde schlachten, nach so vielen windlosen Tagen war kein Wasser mehr da für sie. Manchmal hielten die Doldrums ihre Schiffe Wochen- ja Monatelang gefangen. Da wollen wir über ein bisschen Segelschlagen nicht klagen und über Motorengebrumm schon gar nicht!
Übrigens – so wie es aussieht, werden wir auch beim heutigen Abendessen die grillierten Goldmakrelen-Filets nicht trocken herunterwürgen. Eine Regel erträgt auch mehr als eine Ausnahme!
 
1. Oktober
Die zweite Ausnahme gibt's erst heute. Gestern    Abend regnete es – nichts mit Grillieren. Nun hoffen wir auf heute Abend. Denn da werden wir den Äquator überquert haben. Noch ganze drei Seemeilen trennen uns von dieser imaginären Linie. Dann werden wir auf der Südhalbkugel segeln. Der Champagner steht schon im Kühlschrank!

16 Uhr 58 Lokalzeit - der Champagnerkorken knallt und wir wünschen uns Glück für die weitere Reise.
Endlich auf der Südhalbkugel!
Eine halbe Stunde zuvor war Wind aufgekommen
Westwind – unvorhergesehen von den Windkarten-Spezialisten und ungewöhnlich für diese Gegend.
Was niemand weiss - weiss Äolus Geiss...oder so!
Wir segelten also über den Äquator!
Aber für uns viel wichtiger, wir sehen das Äquatorband, quer ab sehen wir es, das berühmte schwarze Band, das vom dunkelblauen Meer zum dunklen Himmel empor steigt. Nie im Leben hatte ich es mir so breit vorgestellt. Es ist keine Linie – es ist eine Bahn von mindestens einer halben Meile Breite, unterteilt in zwei schmalere Bänder auf jeder Seite des Hauptbandes. In der Mitte des Hauptbandes liegt der genaue Äquator!
Es ist ein erhebender Anblick. Oben mündet das Band in einen immensen, viele Meilen breiten, weissen Wolkenpilz. Wunderschön anzusehen, unten der dunkle, breite Stamm, wie bei einer Eiche. Und darüber die riesige, gleichmässig verteilte Krone.
Nun wussten wir mit Sicherheit:
wir haben den Äquator überquert.
 
Die Cumuluswolke blieb, wo sie war, und der Westwind so, wie er angefangen hatte. Leicht und angenehm.
Schönstes Segeln. Nur das Plätschern der kleinen Wellen ist zu hören, die der Bug der WAHOO zerteilt. Hin und wieder schreit stechend eine kleine Seeschwalbe. Ein Frachter zieht hinter uns durch. Das dritte Schiff seit Salalah. Aber was ist Salalah?
Bald sind wir auf den Seychellen!

Ein Phänomen am Himmel.
Die Sonne steht im Zenith. Um sie herum, wie mit dem Zirkel gezeichnet, mit einem Durchmesser von sicher hundert Kilometern: ein Regenbogen.
Er ist die exakte Begrenzung einer dunklen Wolkendecke in deren Mittelpunkt die verschleierte Sonne zu ahnen ist.  Ausserhalb des Regenbogen-Ringes sind die Wolken hell und von den Winden dort oben zerdehnt. Innerhalb des Ringes ist die Wolkendecke kompakt und gleichmässig.
Noch nie habe ich etwas ähnliches gesehen.
 
5. Oktober.
Wir sind auf den Seychellen angekommen!
Die letzten beiden Tage waren nochmals ziemlich hart. Südwestwind - wir hatten den Südwest-Passat erreicht. Endlich das lange erwartete Segeln mit halbem Wind! Aber was für einem...
Zuerst blies er mit 13 bis 23 Knoten – ständig wechselnd, was das Steuern schwer macht. Die Dünung erreichte hin und wieder fünf Meter. Dann steigerte sich der Wind, 28..29 Knoten. Wir liefen bald einmal gegen 8 Knoten. Sehr holperig!
Also refften wir und segelten mit zwei Reffs im Besan und einem im Grossegel, jetzt recht bequem und angenehm und trotzdem schnell genug den Seychellen zu. Schnell genug für den Wellengenerator, der uns endlich die Batterien wieder lud – aber immer noch zu schnell um erst bei Tageslicht die nördlichste Insel zu erreichen.

Früh am Morgen der Ankunft – noch ist es Nacht.
Ein komisches Gefühl, einfach der Elektronik zu vertrauen und so zu sagen blind in diese Schwärze hinein zu segeln mit dem Wissen, da vorne irgendwo liegen Felseninseln im Meer. Aber pünktlich, wie auf der Laptop-Karte an gegeben, sah ich an Steuerbord etwas, das wie eine grosse Welle aussah aber stationär blieb: die erste Insel in richtiger Position. Die Distanz zu ihr jedoch konnte ich nicht schätzen. Zu dunkel, zu unbestimmt.
Aber mit dem einmal mehr gewonnen Vertrauen in die Elektronik segelte ich weiter. Dann begann es zu tagen, Thomas kam und übernahm die Wache und allmählich erschienen auch die nächsten Inseln als dunkle Erhebungen im Meer. So einfach kann Navigation sein!...
Im Übrigen haben wir unsere GPS-Position zwei Mal durch Sonnenstandlinien geprüft. Thomas schiesst die Sonne schon sehr gut. Der GPS hatte sich nur um knapp zwei Seemeilen geirrt. Vielleicht auch umgekehrt...

Alles in allem, wir hatten grosses Glück bei dieser Überfahrt. Lange Zeit Strömung mit uns, lange Zeit ein Monsun der eher aus Westsüdwest blies, dann der aussergewöhnliche Westwind in den Doldrums und am Schluss der starke Südost-Passat, der uns rasch zum Ziel brachte. Poseidon und Äolus sei Dank!
 
Nun werden wir ein paar Tage auf den Seychellen bleiben, noch ein-zwei Inseln in der Nähe besuchen und dann Richtung Süden, eventuell zu den Illes Glorieuses und Mayot segeln und von dort wahrscheinlich hinüber nach Madagaskar.
Alles hängt auch von den Windverhältnissen ab, die wir unterwegs antreffen werden Vor allem davon, ob schon Zyklone im südlichen Indic auftauchen. Dann müssten wir wohl nach Mosambik ausweichen. Wir haben aber eingesehen, dass wir nicht beide Länder Mosambik und Madagaskar besuchen können. Die zwei Monate zu Hause fehlen uns jetzt!


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