6 - Rückkehr nach Salalah
 
Salalah, 27. August 2007
Ich sitze an Deck, die tief stehende Sonne leuchtet blass­weiss von Steuerbord, über mir schwimmt eine leichte Wolkendecke, fast wie bei uns im Herbst – tief liegender „Hochnebel“.
Der letzte Samstag ist sehr emotional gewesen. Meine Seele ist wie­der einmal tüchtig durchgeschüttelt worden. Zuerst der Abschied von Barblina – für immerhin vierzehn Monate, vielleicht für immer?
Und am Abend das Hochzeitfest von Corinne und Marcel mit den Familien. Viel Musik die ebenfalls zur Seele gesprochen hat. Ein Gei­ger – sieht aus und spielt wie ein Zigeuner – Tom mit seiner Klavier­harmonika und eine junge Frau an der Bassgeige. Schön und anrüh­rend. Spä­ter dann Marlies mit Chopin und Schubert – Kind im Ein­schlummern. Ein Lieblingsstück von Corinne.
Irgendwann muss ich hinausgehen. Traurig, Tränen, auch ich. Draus­sen brennt ein Holzfeuer, die Resten der drei Finnenkerzen. Da stehe ich und bin einfach traurig.  Plötz­lich legt sich ein starker Arm um meine Schultern. Chri­stoph drückt mich an sich. Mein Bruder. Er hat mich hin­ausgehen sehen. Diese Nähe zu ihm tut gut. Auch eine Art Wärme für die Seele.
Abschied von allen anderen. Wie Abschiede eben sind. Alles gute, komm gesund wieder und so weiter. Bei eini­gen der Familie geht es tiefer. Bei ihnen sind es nicht nur Worte. Es sind Gefühle. Beide spü­ren wir es. Beiden tut der Abschied weh. Und beide spüren wir eine tiefe Wärme. Sie wird die Trennung überstehen.

In diesen beiden Monaten in der Umgebung von Zürich ist mir end­lich wieder bewusst geworden, was es bedeu­tet, eine Familie zu haben. Als ich ging, vor siebzehn Jahren, habe ich all das zurück gelassen. Es gehörte zur Schweiz, die ich damals nicht mehr aushielt, die ich fluchtartig ver­liess. Als ich zurück kehrte, wenigstens während der Win­termonate, füllte eine neue, starke Beziehung mein Füh­len und Denken. Die Familie blieb im Hintergrund, sie war da, hin und wieder begegneten wir uns, freuten uns dar­über. Aber ich bin wohl die ganze Zeit der „Fremde“ geblieben, derje­nige, der immer wieder ein­mal kurz kommt und dann für längere Zeit wieder verschwindet.
Der­jenige, der tat, was er wollte, unstetig, überall auf der Welt zu Hause – nur nicht hier, nur nicht in der Familie. Ein Familienmitglied zwar, auf das aber kein Verlass war.

Was hat sich verändert, was ist mir so stark bewusst geworden und warum?
Die starke Beziehung zu Barblina hat sich verändert, durch ihren Ent­schluss und mein Weggehen für diese lange Zeit.
Dann habe ich die zwei Monate bei meiner Familie gelebt, gewohnt bei Vreni und Heinz und bei meiner Mutter im Tessin – ihre Grosszü­gigkeit genossen. Und mehr Kon­takt zu Susi und Christoph und natürlich zu Michel, Clau­dia und Daniel gehabt. Aber vor allem bin ich oft und über Tage bei Corinne, Marcel und Yanique gewesen, Laila und auch Gabrielle und Luzi habe ich leider eher sel­ten gese­hen.
Dabei habe ich erfahren, dass nicht nur ich sie alle gerne habe, son­dern sie auch mich. Dass ich ihnen nicht gleich­gültig bin, dass sie es schön finden, mich um sich zu haben. Dass ich ihnen willkommen bin. Eine ganz neue Erkenntnis!
Plötzlich habe ich auch hier ein geistiges zu Hause, irgend­wie wieder eine Heimat. Das ist ein schönes Gefühl, das ich – ohne es zu wissen – lange vermisst habe. Meine Traurigkeit hat wohl daher gerührt, dass ich all das, was ich zu jener Zeit noch nicht einmal hätte in Sprache aus­drücken können, das ich erst fühlte - dass ich all das nun so bald und für so lange wieder verlassen würde.

Nun sind es noch fünfviertel Jahre bis zu unserer Rück­kehr nach Portugal. Ich werde versuchen, auch diese grosse Segelreise zu geniessen, das Schöne in vollen Zügen, das Mühsame, das es immer mal gibt, nach Möglichkeit zu ignorieren.
Konzentration auf das Schöne – Ignorieren des Mühsa­men!
Und dann - zurück in der „Heimat“ - werde ich versuchen, das nach­zuholen, was ich bisher vernachlässigt habe.
Sie alle auf andere Art zu besuchen. Öfters, tagelang, ganze Wochenende, immer wieder. Und ich will in Zukunft mit ihnen zusammen etwas unternehmen, gemeinsam Schö­nes – und wenn es sein muss – auch Trauriges
erle­ben.
Und ich werde versuchen, nicht nur zu empfangen - Liebe, Grosszügigkeit, Nähe und Wärme. Ich werde ver­suchen, das was mir möglich ist, auch zu schenken.

Genug der Vorsätze – dafür sollen sie übers Neujahr
hin­aus halten




14. September 2007
Wir sind auf der Rückreise nach Salalah, viel ist gesche­hen. Julia und Thomas sind ange­kommen, wir haben ein­gekauft in Salalah, zusam­men mit unserem Freund Muhammad Saad. Dann kam der Cherry-Picker, ein Wägel­chen mit 18 m langem Arm, daran ein Stehkorb für 3 Per­sonen. Langsam schwenkte er mit Tho­mas, mir und dem Fahrer zum vorderen Masttop hinauf. Dort mon­tierten wir mit je 24 Schrau­ben zwei Fallabweiser für den Gaffelfall-Austritt hinten und eine grös­sere Rolle vorne. An beiden Orten hatte das Fall bisher schamfielt (sich am Alu gerie­ben). Leider erwies sich der Aussen­durchmesser der Rolle als zu gross, ich musste ihn – wie­der unten – abdrehen las­sen und Thomas montierte die Rolle am nächsten Tag am Fockfall hängend.
Genug Technik. Sie ist eben auch wichtig!
 
Wir drei harmonieren jetzt erstaunlich gut. Schön. Auch Julia und ich haben bisher kein einziges Problem miteinan­der gehabt. Liegt das wohl an ihr, oder an mir? Ver­mutlich haben wir beide uns einiges vor­genommen, in der Pause, und es bisher auch eingehalten, trotz – wie Du sehen wirst – nicht nur schöner Zeiten.
 

Zuerst musste die WAHOO ins Wasser.
Ich liess das Unterwas­serschiff noch zweimal mit Antifou­ling streichen – das erspart uns ein Auswassern in Süd­afrika – und dann nahm sie der grosse Kran und setzte sie sanft ins Hafen­wasser. Nun waren wir bereit – dachten wir. Nur, der Motor sprang nicht an. Telefon zu Christoph – entlüf­tet direkt an den 4 Düsen.
Getan - und er sprang an.
Das heisst, als ich die erste Düse entlüftet hatte, sprang eine Gestalt in schneeweis­sem Gewand und kohlraben­schwarzem Gesicht, einem zierlichen Käppchen auf dem Kopf, zu mir in den russigen Motor­raum, nahm mir den Schlüssel aus der Hand und sagte, hier müsst ihr entlüf­ten und dann läuft er, ich kenne das!
Mohammad, unser Freund und Agent in Salalah. Und er beendete das Entlüf­ten gleich selber und genoss den Tri­umph, als der Motor tatsächlich ansprang.
Nur der Öldruck kam nicht, der Anzeiger zeigte nur 1 bar. Wieder Telefon zu Christoph – von hier aus kann ich nichts sagen, entweder das Manometer am Ölfilter ist hinüber oder... reinigt mal alle Kon­takte, vielleicht hilft das. Wenn nicht, ein guter Mechaniker...

Den mussten wir nicht suchen, Benedikt, der neue Skip­per des Kata­marans ANAHO – er hatte nun 2 Monate im Hafen auf dem Kat gelebt und viele Leute kennen gelernt - emp­fahl uns Mohammad, den Iraker. Am nächsten Tag kam er und fand heraus, das Manome­ter sei hinüber. Das zweite, das wir nach einem halben Tag im x-ten Laden auftrieben, ging dann. Öldruck OK.
Dann reinigte und schmierte er alles und demontierte auch den Diesel-Fein­filter. Mit Gewalt! Offenbar verstand er es nicht, als ich ihm sagte, er solle zuerst die Schraube oben lösen. Er murkste weiter und ich dachte, den wech­seln wir ja sowieso aus. Jeden­falls sah der Filter ziemlich mitgenom­men aus, als er ihn triumphierend in die Höhe hielt, in den Motorraum aus­leerte und nochmals trium­phierte, als am Schluss nicht mehr ganz sauberer Diesel ausfloss. Alles in den Motor­raum!
Aber nicht das ist das Schlimme an der Geschichte!
Das Schlimme daran entdeckten wir erst nach unserer Abreise, erst etwa Hundert Seemeilen südöstlich von Salalah auf offenem Meer. Plötzlich roch es eigenar­tig. Ich öffnete den Motorraum. Ein Feinfilter als Springbrun­nen!... und bereits fünfzehn Liter Diesel im vorher doch so schön gereinigten Motorraum. Motor aus. Ausschöp­fen. Sich besinnen.
Mohammad der Iraker hatte in Salalah vergebens einen neuen Fein­filter gesucht, ebenso in Dubai, wohin er am selben Abend noch ver­reist war. In 5 Tagen, sagte er uns nach seiner Rückkehr, hätte er einen bekommen – aber wir sollten doch den alten nehmen, der tue es bis zu den Seychellen ohne weiteres.
Und ob!...
Wir aber mussten uns – sehr schweren Herzens und diese Schwere hat sich auch auf die Moral ausgewirkt, Thomas war echt wütend, was bei ihm selten vorkommt – wir mussten uns entschliessen, nach Salalah zurück zu segeln – so lange Wind war. Dann zu motoren, nachdem es Tho­mas - nach zwei vergeblichen Versuchen meiner­seits, den Filter mit weissem Silikonkleber dicht in eine Ananas­büchse zu kleben – nachdem es also Thomas beim dritten Versuch dasselbe mit Araldit zu tun, geglückt war.
Nun tropft der Filter kaum mehr, weil er zusätzlich noch einen straf­fen Gummiverband bekommen hat. Die Trop­fen fangen wir in einem Plastikgefäss auf und leeren den Die­sel später wieder zurück.
Oh, diese Technik!... und wie schön, einen guten Techni­ker an Bord zu haben! Thomas selber denkt jedoch: ein Schwachkopf, der nicht einmal einen Ersatz-Dieselfilter mitführt - vermute ich. Sagen tut er nichts.
Für mich ist das gar nie ein Thema gewesen. Nie, die gan­zen sieb­zehn Jahre nicht, habe ich je Schwierigkeiten gehabt, einen solchen Filter zu finden. Und für alles und jedes Ersatz mitführen - dann bräuchte ich einen Schiffs­anhänger... Julia ihrerseits ist auf Mohammad den Iraker wütend. Mein Glück!
All das geschieht und wird erlitten, auf stark rollendem Schiff mit offenem Motorraum. Krach wie Lärm nur sein kann!.. Und alle fünf Minuten, Tag und Nacht, muss der Filter inspiziert werden: tropft er mehr?... nein, noch immer Glück, er tropft nur so stark wie vorher...
 

Samstag. Am selben Ort vor Anker, den wir vor vier Tagen frohen Mutes verlassen hatten, glücklich endlich weg zu kommen.
Heute Morgen habe ich mit Mohammad sämtliche Läden abgeklap­pert, die irgend etwas mit Filtern zu tun haben, sicher an die zwan­zig. Nichts! Hier fahren alle Personen­wagen und Kleinlaster mit Ben­zin und nur Trucks mit Die­sel. So kleine Dieselfilter braucht hier nie­mand.
Frust. Julia vor allem gibt ihm Ausdruck.
Ich lasse durch Christoph zwei Filter mit DHL hierher schi­cken. Wie lange wird es dauern, bis sie hier sind?
Dann die Behörden. Wir haben ausklariert, sind wieder gekommen, also müssen wir wieder einklarieren mit Visen und weiteren Gebüh­ren für Zoll und Emigration – macht etwa hundert Franken pro Per­son.
Mohammad erreicht, dass wir nur die Visen (zwanzig Fran­ken) bezahlen müssen. Aber Julia und Thomas woll­ten gar kein Visum mehr. Nochmals Frust. Obwohl wir so effektiv billiger gefahren und zudem frei sind, zu gehen wohin wir wollen. Julia wollte hier aber gar nirgends mehr hin gehen. Nur wieder weg!
Ein Frustesfrust nach dem ande­ren!
Jetzt grillieren wir den Bonito und einen Viertel der gros­sen Makrele, die wir gestern – wie zum Trost – kurz vor Salalah gefangen haben. Ich hoffe, das wird die Stim­mung heben.

Salalah, 17. September 2007 - Ramadan in Salalah.
Wir wollten heute zur Aufheiterung der Gemüter einen weiteren Aus­flug mit Muhammad machen, in die Al Quara Mountains oder so. Aber wer hier nicht wirklich arbeitet – und welcher Omani tut das schon gerne – der steht in die­sen harten Zeiten erst spät, gegen Mit­tag auf. Die Zeit bis zum Mondaufgang – erst dann darf gegessen und getrun­ken werden – ist dann etwas kürzer.
Auch unser Mohammad hält sich an diese Regel, wenn er nichts Bes­seres zu tun hat. Also kein Ausflug heute. Viel­leicht morgen. Aber wir hoffen ja noch immer, morgen komme das Paket mit den Filtern an.
 
Der letzte Ausflug mit Mohammad ist ein Erfolg gewesen. Zuerst fuh­ren wir am riesigen Palast des Sultans entlang. Mohammad ist – wie fast alle Omani – ein glühender Bewunderer des Emirs. Er habe in England studiert, mit Vierzehn sei er dort hin gebracht worden, mit über Dreis­sig zurück gekommen und schockiert gewesen von der Rückständigkeit der hiesigen Gesellschaft. Kurzerhand habe er sei­nen konservativen Vater gestürzt, die Regent­schaft übernommen und seither das Land modernisiert, Schulen, Universitäten, Spitäler und moderne Strassen gebaut, das Schulobligatorium für Omani einge­führt – und, immer wenn er da sei, im Palast von Salalah, dann könne jedermann (jedefrau dürfte eher selten sein) sei­nem Büro einen Brief schreiben und mit ihm einen Termin abmachen. Ein paar Tage später könne man ihn dann im Palast treffen und ihm das Anlie­gen vortragen. Meist werde das Problem mit einen Cheque gelöst – der Sultan selber bestimme die Höhe des Betrages.
Mir scheint diese Art Probleme zu lösen ziemlich typisch für diese Land. Es bewirkt, dass sich hier kein Omani für irgend etwas Mühe geben muss. Jedes Unternehmen gehört zwar offiziell einem Omani. Wenn er das will, besteht aber seine einzige Arbeit im Kassieren der Gewinne. Diese Mentalität – Erfolg ohne Arbeit - herrsche schon in den Schulen vor und werde dort akzeptiert. Zum Leidwesen all jener Omani, die das Land vorwärts bringen möchten - auch ohne die vie­len Gastarbeiter, die hier arbeiten, echt arbeiten, vom Strassenwi­scher bis zum Hafenkapitän hinauf.
Die Regierung versucht diesem Übel abzuhelfen, indem nun jedes Jahr fünf Prozent der ArbeiterInnen vom Indi­schen Kon­tinent zurück geschickt werden. Ihren Platz sol­len Omani einnehmen. Mit der oben geschilderten Mentali­tät könnte das böse Folgen haben.

Vom Palast zum Museum. Die Omani sind stolz auf ihre Geschichte. Ich werde sie hier weder nieder- noch auf­schreiben. Interessierte können sie in guten Geschichts- büchern nachlesen, deren Autoren begriffen haben, dass nicht nur wir Westler eine Geschichte haben.
Das Museum jedoch ist imposant, verfügt über die mod­ernsten Anlagen und ich denke, bei seiner Errich­tung wurde nicht an Mitteln gespart. Geld bis zum Abwin­ken!...
Das Resultat ist beeindru­ckend Die nicht allzu vielen, aber exquisiten Exponate aus Ausgrabungen sind über­zeugend ausgestellt.
Interessant für mich ist der maritime Teil gewesen.
Die Konstrukteure unserer Segelschiffe haben erst Anfang letzten Jahrhunderts gemerkt, dass ein Schiff schneller und trotzdem gut am Wind segelt, wenn sein Kiel nicht bis zum Heck durchgezogen ist.
Hier steht das Gross­modell eines Kriegsseglers (der Vater leider, fast aller Erfindungen...), der zweihundert Jahre frü­her gebaut worden ist, mit hinten abgeschnit­tenem Kiel! Auf der Tafel daneben steht, das Schiff habe sehr schnell und gut gesegelt...
Und noch was Ähnliches. Das Lateinersegel. Die Schiffe der Araber fahren seit Jahrhunderten mit dieser prakti­schen Besegelung – auch am Wind. Und wir tun so, als ob die Lateiner, die alten Römer, die westliche Kultur also, dieses Rigg entwickelt hätte.
Was soll's. Alle, die hin und wieder in guten Geschichtsbü­chern blät­tern, wissen in der Zwischenzeit, was „unsere“ Kultur jener der Ara­ber verdankt. Nur weil sie heute mit ihrem Selbstverständnis und ihrer Mentalität schlecht in unser Welt, in unser Wirtschaftsbild passen, heisst das noch lange nicht, dass sie zweitrangig sind.
Genug Geschichtsmoral.
 
Wir wurden weiter zu einer alten Burg gefahren, die zu ihrer Zeit die Schifffahrt zum Persischen Golf hinauf kon­trolliert haben soll. Es gibt ihrer eine ganze Reihe, der Küste entlang.
Diese hier ist im damaligen Zustand belas­sen worden und wir erhiel­ten einen recht guten Eindruck vom damaligen Leben einer solchen „Garnison“. Relativ komfortabel haben sie gelebt, die Herren. Das „Fussvolk“ lebte wohl, wie in jedem anderen Lande auch, nicht ganz so nobel.
 
Dann der geheimnisvolle Punkt oder besser gesagt, die zweihundert Meter Strasse aus festgestampfter Erde, wo ein Auto motorlos auf­wärts rollen soll.
Vom Meer aus zieht sich die Ebene dort sanft zum abrupt und steil ansteigenden Berghang hinan. Knapp nach dem berühmten Stück führt die Strasse steil den Berg hinauf. Dort ist es nicht!
Es ist knapp davor. Wir wollten es genau wissen und hat­ten unsere Wasserwaage mitgebracht. Zwar fuhr unser Auto motorlos nicht hin­auf – aber es rollte auf fast flacher Strecke an und fuhr langsam dem Meer zu, und zwar vor­wärts wie rückwärts. Irgend etwas ist eigenar­tig dort. Was, das haben auch wir nicht heraus gefunden. Mohammad war glücklich darüber. Das Geheimnis ist geblieben. Ein Auto beginnt dort, auf praktisch ebener, holpriger Strasse – Motor abgestellt – langsam anzurol­len. Eigenartig.
 
Letzte Etappe: Die Wasserfälle. Ich war vorbereitet, hat­ten mich doch in den verschiedensten Ländern die verschie­densten Menschen zu „ihren“ wunderbaren Wasser­fällen geführt.
Und der mit Wasserfällen verwöhnte Schweizer war dann ein wenig fassungslos vor einem Bächlein gestanden, das gerade mal fünf Meter über die Steine herunter hüpfte. Und das nach einem dreistün­digen Fussmarsch, wie in Irland zum Beispiel. Aber ein Omani ist kein Schweizer Bergler und ein Schweizer Berg­ler kein Wüstenbewohner. Da sind schon Unterschiede.
Und dann waren wir da.
Riesengrosse Gummibäume, und zwischen ihren verknotet­en, dicken Stämmen und verschlungenen Wur­zelstöcken schimmerte ein erstaunlich breites, weisses Band. Die Fälle. Hundert verschiedene kleine Wasser stür­zen weiss schäumend, unterbrochen durch kleine Felsen und grüne Inselchen, die Felsstufen des breiten Tales herab.
Nicht hoch, aber breit - weiss sprudelnd, glitzernd, mur­melnd, gluck­send - beeindruckend auch für uns.
Einfach schön.
Unten bilden sie einen kleinen See, der dann als Flüss­chen weiter zum Meer zieht. Es mündet dort, wo früher der Hafen für die Gewürzschiffe aus Indien lag. Heute ist die Flussmündung versandet und leider als Ankerplatz nicht mehr zu gebrauchen.
All dieses Wasser fliesst einfach ins Meer!
Mohammad stöhnt gut gespielt. Tatsächlich aber kann er es noch immer nicht fassen, obwohl er schon mehrmals hier gewe­sen ist. Einfach ins Meer, unge­nutzt, so viel Was­ser! Und trotzdem freut er sich. Freut sich wie die vielen anderen Omani, die auch heute die Fälle besuchen. Weisse Gestal­ten, die zwischen den Bäumen zwischen den Fälle, über den Fällen herum steigen. Beeindruckt, berührt, von so viel Wasser, ihrem Wasser.
Nur Wüstenbewohner können diesen Anblick so voll und so total geniessen und die Bedeutung dieses Wasserreich­tums ermessen.




Zurück zum Ramadan.
Mohammad konnte heute zwar mit uns keinen zweiten Ausflug unter­nehmen, dafür aber wollte er mit uns Abend essen. Er würde das Ramadan-Essen bringen. Pünktlich um halb sieben stand er am Quai mit mindestens 6 Pake­ten. An Bord überfluteten sie gleich den Klapp­tisch. Über­bordend war er mit Schüsselchen voller Reis, Plastikgefäs­sen mit scharfen, aber auch süssen Sossen, mehreren Säckchen mit Teigtäschchen verschiedensten Inhaltes, mit in Teig gebratenen Eiern, mit verschiedenen rohen Gemü­sen und mit Früch­ten, mit Dat­teln und mit anderen Süs­sigkeiten überstellt.
Wir holten Teller, Gläser, Besteck - aber Mohammad konnte nicht mehr warten. Heiss­hungrig, wenn nicht gie­rig, stürzte er sich auf das Essen und stopfte und schlang herunter, was nur hinein ging, in sei­nen Mund. Wir hatten noch kaum angefangen die ver­schiedenen leckeren Sächelchen zu probieren, da lehnte er sich zurück, strich sich wohlig über den Bauch, ächzte ein wenig und ging dann nach hinten um genussvoll seine erste Zigarette des Tages zu rauchen.
Hat der Prophet wohl das im Sinne gehabt, als er die Ramadan-Rege­lung erfand?
Zu seiner Zeit wird das Essen nach Mondaufgang wohl eher zeremo­niellen Charakter gehabt haben – stelle ich mir vor.
Eine genaue Aufstellung des angeschleppten Essens erlasse ich mir. Es mögen so um die zwanzig verschie­dene Gerichte gewesen sein.
Wir werden morgen die Resten essen.
 
18. September. Heute haben wir die Spesenabrechnung gemacht. Ich hatte alles aufgeschrieben, was ich als Unterhaltsspesen betrachte, das aber aus der Bordkasse bezahlt worden war. In diesen Punkten waren wir uns einig. Das Zurückkommen des Filters wegen, war das Pro­blem. Ich sollte einen Drittel der Kosten übernehmen, sozusa­gen als Anerkennung meiner Schuld, dass ich mit diesem ramponierten Filter ausgelaufen und keinen Ersatz an Bord gehabt hatte.
Thomas meinte, das Auslau­fen mit diesem Filter sei meine Verantwortung gewesen. Das stimmt. Ich hätte bestim-men müssen, wir bleiben, bis ein neuer Filter aus der Schweiz angekommen ist – gleich ob sie glücklich oder unglücklich gewesen wären, dieses Ent­scheides wegen.
Nur, der hochgelobte Spezialist hatte uns gesagt, nehmt den alten Filter, der tut es schon noch bis zu den
Seychel­len. Da wollte ich nicht nochmals 4..5 weitere Tage war­ten, vor allem ihretwegen nicht. Mein Fehler.
Wieder ein­mal bin ich auf einen „Spezialisten“ herein gefallen. Und wieder ein­mal habe ich auf die Stimmung an Bord mehr Rücksicht genommen als gut gewesen ist.
Der moralischen Pression stand zu halten ist manchmal sehr schwer. Obwohl ich bei Julia und Thomas nicht eigentlich von Pression reden kann – der Druck war da, auch von mir selber. Wir wollten endlich in See stechen!

Mitten in diese Diskussion kommt von Hafenamt der Befehl, die WAHOO fünfzig Meter weiter nach Süden zu verlegen. Des kleinen Kanonenbootes der Marine wegen. Wenn ihr das nicht selber könnt, weil euere Maschine nicht läuft, dann senden wir euch einen Schlep­per – kos­tenpflichtig!
Also habe ich die WAHOO mit dem Dinghy zu schleppen versucht. Da das Motörchen des Ruderbeschlages wegen, am Heck des Dinghys, leicht seitwärts montiert ist, zog es nur im Kreis herum, anstatt gerade aus.
Mit dem Heckanker könnten wir uns die Fünfzig Meter eben so gut rüber ziehen, dachte ich. Aber Thomas meinte, er könne das – was ich nicht konnte. Etwas genervt sagte ich zu ihm, dann probier es eben, wenn Du meinst, Du kannst es...
Und er konnte es! Indem er das Seil von Hand hielt, genau in der Mitte des Hecks und damit sogar steuerte...
Gut gemacht, sagte ich zu ihm, als das Manöver beendet war. Er aber meinte ohne Schärfe, ganz nüchtern, ich hätte mich eigentlich für das etwas hässige „dann probier' es eben...“ entschuldigen können. Das hätte er von mir erwartet, obwohl er wisse, dass ich etwas gest­resst gewe­sen sei.
Natürlich habe ich mich entschuldigt. Aber mir ist es gar nicht bewusst gewesen, dass ich so unhöflich und hässig gewesen bin.
Verschiedenartiges Erleben und Begreifen von Situationen – vor allem wenn es stressig ist. Damit können wir jetzt schon recht gut umgehen. Wir haben wirklich dazu gelernt!
 

Dienstag, 19. September. Manchmal ist es etwas mühsam, das Mühsame zu igno­rieren. Christoph hat die neuen Filter Freitagmorgen bei Merce­des bestellt. Montagabend sind sie dort von DHL abge­holt, via Brüssel nach Ams­terdam und dann weiter – wohin wissen wir noch nicht – spediert worden.

Mercedes hat also 2 volle Arbeitstage gebraucht um 2 Die­selfeinfilter und 2 Ölfilter hervor zu suchen, zu verpacken und DHL zu über­geben. Mühsam!
Natürlich schwankt bei uns die Stimmung zwischen wütend und ins­halla. Wir versuchen jedoch das Beste dar­aus zu machen.

Gestern sind wir darum mit Muhammad nochmals in die Berge gefah­ren. Nichts Welt­bewegendes. Aber die Über­gänge sind krass. Zuerst fährst Du kilometerweit durch Bananenplantagen, ver­mischt mit Kokos und Papaya, ein grün wogendes Meer, das sich dem richtigen, salzigen Meer entlang zieht. Dann, gegen die Berge hin, wird die Ebene karg, karges Weideland für Kamele, Rinder und Geissherden. Dort ste­hen auch Hunderte Zelte – frü­her wohl aus dunklem Kamelhaargewebe – heute aus blauen Plastikplanen. Dort picknicken die Leute aus der Stadt, wenn sie frei und die Kinder keine Schule haben, sagt Mohammad.
Am Fusse der abrupt aufsteigenden Berge zeigt er uns ein typisches Wasserloch, das von drei Quellen gespeist wird. Es wird an drei Sei­ten von etwa dreissig Meter hohen, eigenartig figurenreich ausgewa­schenen Felsen umgeben.
Plötzlich sagt Mohammad, hört ihr den Tiger? Dort oben, in jener Höhle, hört ihr ihn? Tatsächlich ist ein eigenarti­ges Geräusch zu hören, das manchmal anschwillt, dann wieder leiser tönt, aber immer stärker wird. Windge­räusche, sagen wir, Tiger gibt es nicht in Oman. Muhammad lacht sybillisch, doch, hier gibt es einen, hört nur...
Dann die Auflösung.
Oben, über den grünen Rändern der Felsen, taucht ein Kamelkopf auf, ein zweiter, ein ganzes Kamel und bald ist die ganze Höhe mit Kamelsilhouetten besetzt.
Sie haben gutes Fressen gefunden, lacht Mohammad, und nun rufen sie die ganze Sippe zusammen...
Auch Kamele haben offenbar Familiensinn!

Die Bergabhänge sind grün, Maquis, undurchdringlich. Büsche, Bäumchen, Bäume. Dazwischen wieder Weide­land mit Hunderten von Kamelen. Oman exportiert Kamele.
Wir zweigen nach Südwesten ab und don­nern mit hun­dertzwanzig Sachen vom Grün weg in die Steinwüste hin­ein. Hügel, Wadis – aus­getrocknete Täler, durch die bei Regen das Wasser in reissenden Bächen abläuft. Dann hinab in die Ebene, an deren Rand sich noch eine kleine Siedlung behauptet, Kamele – bald nur noch Steinwüste. Rötlich – graublau – graubraun.

Und wieder hinauf auf den nächsten Hügelzug. Kamelsil­houetten weit vorne. Sie weiden karge Grasbüschel. Und schon sind wir wieder im grünen Bereich. Die Weiden wer­den saftiger, Büsche und dann Bäumchen – die berühmten Franziskaner Bäumchen, deren Harz bei uns Myrrhe heisst.
Bei den Mohammedanern und bei den Katholiken wird es in den Zeremonien der Gottesdienste gebraucht – beide Religionen haben arabische Wurzeln.
Der Rest der kleinen Rundreise ist schnell erzählt: Vom Grün des Ber­gabhangs zum Braun der Ebene und dann zum Blaugrün des Ozean, zum Hafen. That’s it!

Nun warten wir, ob unser Paket morgen wirklich ankommt. Und Thomas meint sarkastisch, ob auch das Richtige drin ist.
 


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