5 - Anstatt zu den Seychellen, nach Salalah, Oman

Für uns kam am Tag darauf die Chance weiter zu segeln. Die Wetter­berichte sagten übereinstimmend für die nächs­ten drei Tage maximal 30 kn Wind voraus und nachher sollte er sogar noch etwas abneh­men. Wir liefen knapp vor Spring-Hochwasser aus, sehr vorsichtig – es klappte.
Der erste Tag bescherte uns angenehmes Segeln.
Wun­derbar!
Der zweite war bereits härter aber immer noch annehm­bar. Der dritte dann unmöglich. Zuerst Westwind um 40 Knoten der dann auf fast Süd drehte und in den Böen 50 Knoten erreichte. Der Westwind hatte eine grobe See von etwa fünf Meter Höhe aufgewühlt und als er nun auf Süd drehte, bekamen wir eine Kreuzsee, wie ich sie noch nie erlebt habe. Es war wirklich ungemütlich und die Seen aus Süden nahmen ständig zu. An Segeln nach Süden – wie geplant – war nicht zu denken. Wir mussten unter doppelt gerefftem Gross ablaufen.
Durch die Lüftung im Vorschiff war dort etwas Wasser ein­gedrungen – alles feucht!... und den Kettenraum mussten wir alle zwei Stunden lenzen, weil durch den Ketteneinlass immer wie­der Wasser hinein floss.
Viel Arbeit also, ziem­lich unge­mütliches Leben an Bord und zudem keine Mög­lichkeit, unserem Ziel näher zu kom­men.
Gefährlich ist es nie gewesen und niemand hat auch nur einen Anflug von Angst gehabt. Die Crew war schlicht grossartig. Thomas und ich über­nahmen die Reffarbeit, Charles steuerte und sang dazu und Julia, sie ist die grosse Überraschung für mich gewe­sen. Zwar hat sie mit Sicherheit ein paar Mal leer schlu­cken müssen, als sie der Bescherung im Vorschiff gewahr wurde: alle Matratzen feucht, alle ihre Kleider feucht, das Vorschiff, ihr Zuhause, nicht mehr bewohnbar. Dann aber hat sie sich zusammen genommen, alles Nötige vorge­kehrt um in der Hauptka­jüte zu schlafen und ist zur Tagesordnung über gegan­gen. Grossartig!
Auf dem Backbord-Bug wären wir Richtung Pakistan gese­gelt. Also halsten wir und segelten nun direkt in den Persi­schen Golf hinein.
Am nächsten Tag konnten wir dann den südwestlichsten Hafen dort anlaufen: Salalah, im Emirat Oman. Am Mor­gen um halb Zwei sind wir ein­gelaufen. Bei strömendem Regen. Die Regenzeit hatte begon­nen.
Und wieder muss ich ein Stückchen meiner Skepsis der elektroni­schen Navigation gegenüber ablegen. Es war Nacht beim Einlaufen in diesen fremden Hafen. Und es regnete. Die Sicht - miserabel!
Vor uns, wo nach unserer elektronischen Karte eigentlich nur Meer hätte sein sollen - eine Menge Lichter, Schein­werfer und andere Strahler, verschwommen, so zu sagen "verwässert". Dort wurde aber offensichtlich gebaut. So etwas macht unsicher.
Immerhin wussten wir nach der Karte, wo wir waren und wohin wir fuhren. Das heisst, Thomas wusste es, er hatte die Karte und unse­ren Standpunkt darauf vor sich. Ich fuhr und suchte mich so gut es ging nach Sicht zu orien­tieren.
Zuerst einmal musste ich nach Sicht um die Lichter herum fahren. Nun hatten wir die beleuchtete Arbeits­stelle an Backbord und Steuer­bord voraus tauchten ver­schwommen andere Lichter auf, grösser, breiter, höher - irgendwie fast unheimlich.
Das ist der Entlade Kai, sagte Thomas, Du fährst jetzt genau darauf zu. Noch etwa Hundert Meter und dann kannst Du parallel dazu wei­ter fahren.
OK, aber die Sicht ist so lausig, ich sehe nur verschwom­mene Lichter da vorne.
Auf der Karte seh' ich genau wo Du hin fährst...
Jetzt langsam einschwenken, parallel zur Ladestation...
OK... ist das gut so?...
Ja, gut, jetzt sind wir parallel.
Seh' ich jetzt auch... ah die verladen Container... ein riesi­ges Contai­ner Schiff...
Mitten in der Nacht, verrückt... aha, jetzt kannst Du hart nach Back­bord drehen...
quer über das Hafenbecken?...
Genau - und dort müssen wir dann aufpassen...
Untiefen oder Felsen?...
Ich glaub' nicht. An Backbord könnten Felsen sein, dann das kleine Becken für die kleinen Schiffe und dann an Steuerbord eine Rampe aus Beton.
Wie gross ist die Einfahrt ins kleine Becken?... Ah ich glaub' ich seh' sie...
Ziemlich gross... ja, ja Du liegst richtig, Du hältst genau darauf zu...
Das Ankern war dann das nächste kleinere Problem. Das Becken ist nicht gross und an der besten Stelle lag ein rie­senhafter Katamaran. Die ANAHO? fragten wir uns - die wir in Aden kennen gelernt hatten? Morgen werden wir es sehen. Jetzt nur noch schlafen...
 
Am nächsten Morgen - eigentlich schon Mittag, unser Mor­genessen jedenfalls war bereits beendet - kommen Jean­lou und Manu an Bord. Jeanlou ist der Skipper der ANAHO, dem 16 m Kat, und Manu seine Crew.
Nun beginnt das grosse Erzählen, und bald merken wir, dass die beiden seit langem nichts Warmes mehr geges­sen haben. Vor vier Tagen ist ihnen zu allem anderen Unglück auch noch das Gas ausgegangen.
Wir kochen ihnen Spaghetti.
Sie waren etwas nach uns in Aden gestartet, hatten uns überholt und waren - bereits etwas südlichere als wir - in das selbe Wetter gekom­men. Dann brach der Lümmelbe­schlag (damit ist der Baum am Mast drehbar befestigt); dann schlug eines der zwei Kunstoffkajaks ein Loch in die riesige Frontscheibe - Wassereinbruch! - dann riss das zweite Kajak ein drei Meter langes Stück der Sonnen­blende ab; dann rauschte bei 40 kn Wind die zu 3/4 ein­gerollte Genua aus und beim wieder Einrollen kam die Alu-Schiene unklar...
So trieben sie also ohne benützbare Segel in diesem Sturm, die chao­tischen Wellen schlugen krachend zwi­schen die Rümpfe. Sie began­nen um ihr Leben zu fürch­ten. Manu habe zu Jeanlou gesagt: ich habe vier Mäd­chen in meiner Kabine, die möchten weiter leben…
Vorwärts bewegen konnten sie sich aber nur noch mit den beiden Motoren.
Jeanlou rechnete aus, wo hin der Diesel in den Tanks noch reichen würde. Nach den Sey­chellen? Nein. Eben so wenig zu den Malediven. Also blieb nicht anderes übrig als zum nächsten Hafen im Norden zu motoren, nach Salalah. In vier Tagen schafften sie es und sind am Abend vor uns hier eingelaufen.
Eigentlich sollten sie den Kat nach den Seychellen brin­gen. Aber in diesem Zustand und diesen Wetterverhält­nissen grenzte das an Selbstmord. Der Eigner, ein Geschäftsmann aus Wien, der den Kat auf den Seychellen unter panamai­scher Flagge als luxuriöses Tauch­schiff ver­chartern will, verlangte aber die Erfüllung des „schwar­zen“ Kontrakts – sonst keine Meilenentschädigung. Nor­mal sind zwei Euro pro zurückgelegter Seemeile also etwa 3500 für Jeanlou plus Rück­flugticket. Jeanlou will aber nur noch weg und scheint mit allem ein­verstanden
 
Etwas später gehen wir alle zusammen an Land um den Papierkram zu erledigen. Dort wartet bereits Mohammad Saad Qasboob auf uns, ein grosser, stattli­cher, tiefschwar­zer Mann in schneeweissem, lan­gem Gewand und dem charakteristischen, gemusterten Käpp­chen auf dem Kopf. Der Shipping Agent für Jachten. Er lädt uns in seinen gros­sen, schwarzen, gekühlten Merce­des und fährt uns zur Emigra­tion.

Dort sollen wir für die Visen ein Depot von 50 US$ hinter­legen, die wir nach dem Bezahlen in Rial wieder bekom­men würden. Gros­ses Misstrauen bei der Crew: Beamte in Uniform unterstützt vom Agenten mit grossem Mercedes? Korruption, Vettern­wirtschaft? Ste­cken alle unter einer Decke?
Ich muss mich ziemlich anstrengen, dass die Beamten die 50 $ bekommen und wir dafür unsere Visen. Aber das Misstrauen bleibt. Umso mehr, als Mohammad nicht mit genauen Preisen für seine Dienste herausrücken will.
Ihr werdet zufrieden sein, ich will nur, dass ihr Oman in guter Erinne­rung behaltet, ich will, dass ihr glücklich seid, dann bin ich es auch, das alles ist überhaupt kein Pro­blem...
Das kannten wir doch von irgend wo her...
Jedoch, einen Schweizer der genaue Preise wissen will, mit solchen Sprüchen abspeisen… das musste schief gehen. Mohammad hat das rasch begriffen, sich den euro­päischen Gepflogenheiten angepasst und gesagt, meistens liege seine Forderung am Ende bei etwa 100 $. Damit waren alle zufrieden und nur zu bald haben wir gemerkt, dass seine Sprüche keine sind. Er meint das wirklich ehr­lich und bemüht sich, sie wahr werden zu las­sen.
Am schnellsten von den Anderen hat es Jeanlou begriffen, der Miss­trauischste von allen.
Irgendwie merkt Mohammad, dass Jeanlou nur noch weg will - und auch warum. Mohammad ist empört. Wo sind wir denn hier, doch in Oman! Da gibt es so etwas nicht, da wird ein Kapitän bezahlt oder das Schiff verlässt den Hafen nicht mehr! Er meldet alles dem Hafen­kapitän und dieser bestimmt, die ANAHO verlässt den Hafen nicht, bis der Vertrag erfüllt ist.
Mohammad verhandelt mit dem Eigner und erreicht, dass dieser den grössten Teil seiner Schuld bezahlt.
Nun ist eine neue Crew im Anmarsch, die es nochmals versuchen soll. Ich hoffe nur, sie kommen lebend zurück…

Im Juli ist es auch in normalen Jahren nicht mehr möglich von hier zu den Seychellen zu segeln – im Juni hingegen schon. Wir haben die Archiv-Wetterberichte der letzten vier Jahre angeschaut und gese­hen: bis etwa Mitte Juni wehten die Winde mit 15 bis 20 Knoten aus West bis Süd­west. Dieses Jahr ist aussergewöhnlich, mit Winden, wie sie nor­malerweise dort draussen ab Mitte Juli bis Mitte August wüten.
Ab September wehen sie dann normalerweise wieder mit 15 bis 20 kn. Und im Dezem­ber dreht der Südwest-Mon­sun um etwa 180° und wird zum Nordost-Monsun.
Wir entschlossen uns deshalb, die WAHOO hier an Land zu stellen, zurück in die Schweiz zu fliegen, Ende August wie­der zu kommen und dann unter günstigen Bedingung wei­ter zu segeln.
Damit begann ein ziemlich aufregendes Hangen-Bangen-Hoffen Spiel. Der Papierkrieg war mit Mohammads Hilfe in einem Tag erle­digt und wir hatten die Bewilligung für das Kranen.
Aber keinen Platz. Am Quai 29, hundert Meter von unse­rem Anker­platz entfernt, stand der Riesenkran und links und rechts von ihm je eine Dhau, eines dieser charakterist­ischen Fischer- und Handelsboote der Arabi­schen See. Sie wurden dort von Indern überholt, repariert und gestri­chen. Eine davon musste zurück ins Wasser um der WAHOO Platz zu machen. Natürlich erst, wenn sie dazu bereit sein würde.
Mohammad klärte alles mit den Besitzern ab:
Übermor­gen! Also kaufte die Crew die Flugtickets für zwei Tage danach, mit einem Aufenthalts-Tag in Muskat.
Am übernächsten Tag ist die Dhau links vom Kran fertig gestrichen.
"Wir warten nur noch auf den Propeller, er wird gerade geschweisst, morgen früh montieren wir ihn und gehen ins Wasser."
Vielen Dank!
Am Morgen darauf: es geschieht nichts. Mohammad tele­foniert. Der Schweisser habe kein Gas mehr, aber es komme noch heute aus Muskat, Morgen früh gehe die Dhau ins Wasser. Ganz bestimmt.
Muhammad spricht mit dem Besitzer der Dhau rechts des Krans. Der ist sauer seiner Inder wegen, unser Problem interessiert ihn im Moment gar nicht – eine Ausnahme bei den sonst so hilfsbereiten Omanis.
Früh am nächsten Morgen verreist die Crew nach Muskat. Ich bleibe zurück. Passieren tut nichts. Kein Propeller, keine Bewegung um die Dhau. Nichts.
Mohammad telefoniert. Problem beim Schweissen, Gas hat er wieder, dieser lausige Pakistani, auf die ist einfach kein Verlass, der Besitzer ist jetzt bei ihm und tobt. Wir werden gegen Abend hin fahren und uns alles anschauen. Wenn keine Chance besteht, müssen wir Dein Ticket umwech­seln.
Am Abend, beim Schweisser. Ein netter junger Pakistani mit bestem Englisch. War eine schwierige Aufgabe, ein Drittel dieses Propel­ler-Blattes abgebrochen, jetzt fer­tig aufgebaut, ich konnte nicht genau sagen, wie viel Zeit ich brauchen würde. Aber jetzt bin ich fast fertig, sehen Sie. Morgen um Acht bringe ich den Propeller zum Schiff.
Ich buche einen Flug von Salalah nach Muskat für fünf Uhr am nächsten Abend. Der Bus, mit dem ich eigent­lich hätte fahren wol­len, wäre am Morgen um Sieben gefahren.
Am nächsten Morgen.
Wie versprochen, um Neun ist der Propeller dran. Dann geschieht nichts mehr.
Um Elf glaube ich auch nicht mehr an meinen Flug. Da ruft Mohammad an: Käpten, ich gratuliere Dir! Wir haben’s geschafft. Noch vor Zwölf wird die WANHOO an Land
ste­hen!
Viertel nach Elf. Keine Bewegung an Land.
Halb Zwölf. Bei der rechten Dhau stehen ein paar Männer herum – jetzt beginnt sich der Kran zu bewegen – aber nicht zur Linken hin, nicht zu der mit dem Propeller, nein wirklich, die legen der Rechten die Gurten an. Hektik an Land. Die Haltefässer werden umgestossen. Und nun schwebt sie ins Wasser. Die rechte Dhau! – und dieser Gau­ner von einem Besitzer hatte es gewusst und uns hän­gen lassen…
Um Viertel nach Zwölf steht die WAHOO, noch an den Kranseilen hängend an Land und die Arbeiter machen Pause....
Pünktlich um halb Zwei sind sie wieder da und wir pallen das Schiff auf.
Um Viertel vor Vier ist alles fertig, ich habe noch Zeit zum Duschen und dann fährt mich Mohammad zum Flughafen. Geschafft!
Nun leben wir also zwei Monate lang wieder in der Schweiz und keh­ren Ende August 2007 wieder zurück auf die WAHOO.

Leider kann Charles nicht weiter mit uns segeln. Darum suche ich in der Schweiz MitseglerInnen für die weiteren Etappen.
Julia sagt, sonst komme sie nicht mehr mit...
 
 
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