4 - Ägypten – Eritrea – Yemen

Im Golf von Sues, Sonntag, 6. Mai 2007.
Wir segeln gemütlich mit „Schmetterlingsegeln“ durch den Golf, an Hunderten von Terminals, Bohrinseln, Plattfor­men vorbei - und was es in diesem Geschäft auch immer noch gibt. Gestern, oben bei Port Sues, hat die Luft nach Rohöl gestunken. Dann ist der Wind immer stär­ker geworden und wir sind dem Gestank mit bis zu acht Kno­ten Fahrt entkommen.
Heute nun, schönstes Wetter, kein Wölklein, an Backbord die Berge des Sinai mit ihren Sanddünen, die wie Schnee­felder aussehen – fast Bilderbuch Segeln, wenn der Wind nicht immer wieder mal seine Richtung änderte, was neuen Kurs und somit das Durchfahren zwi­schen anderen als den geplanten Terminals bedeutet. Aber mit elektroni­scher Karte, die funktioniert, kein Problem.
 
Dich nimmt aber sicher wunder, was mit unserer Ratte passiert ist.Morgens um halb drei kommt Charles zu mir und sagt, mir haben’ se! Mit der Falle gefangen. Mit Schin­ken fängt man Ratten! Die gummier­ten Holzlaufflächen, Gläserde­ckel, den Plastiksack in dem sie sich verheddern sollte und auch die Penne-Packung – alle voller Gummi-Ägypti­kum... hat sie schlicht verschmäht. Den Schinken aus Monte­negro nicht! Das ist ihr zum Verhängnis gewor­den. Ich habe sie in ihrem Käfig ersäuft.
Das tönt ganz locker, bedeutete aber grosse Überwin­dung. Die Vor­stellung, in einem Käfig ins Wasser gelassen und ertränkt zu werden, ist grässlich. Ich glaube, es ist das Brutalste, das ich in meinem Leben je gemacht habe. Noch immer plagt es mich. Sie hatte keine, nicht die kleinste Chance. Aber ich auch nicht. Ich musste sie töten. Eine Ratte in einem kleinen Schiff ist etwas vom Schlimm- sten was Du haben kannst. Michel kann davon ebenfalls ein Liedchen singen - vor drei Jahren haben wir deswegen praktisch alle Schläuche im Schiff ersetzten müssen…
Genug Ratte! Die Falle jedenfalls behalten wir, gut einge­wickelt und konserviert.

Die Ratte lässt mich nicht so einfach los und weiter schrei­ben. Ich hatte gehofft, sie festgeklebt zu finden. Dann hätte ich sie packen und mit einem schnellen Schlag aufs Genick töten können. Aber so…
Draussen auf See einfach über Bord schmeissen und wei­ter segeln wäre fast genau so brutal gewesen. Und an Land aussetzen, damit sie ins nächste Schiff hätte einstei­gen können… auch keine Lösung.
Es scheint wirklich so, wer lebt und leben will, der zerstört und hilft zerstören: Leben, die Umwelt und selbst die Men­talität und die Gewohnheiten anderer Lebewesen. Genug Ratte – zum Zweiten und Letzten!
 

Das Rote Meer ist nicht rot! Es ist ganz einfach blau bis blaugrün, wie alle anderen Meere auch, durch die ich bis­her gesegelt bin. Woher kommt der eigenartige Name? Von den tiefroten Blutalgen, die es hier geben soll. Bisher sind wir keiner begegnet. Bisher sind wir über­haupt kei­nem Lebewesen begegnet und auch die beiden Kunstfi­sche, die wir hinter uns her ziehen, schwänzelten bisher verge­bens. Kein müdes Goldmakrelchen hat sich für sie interessiert – zum gros­sen Kummer von Thomas.
 
Seit heute Morgen um etwa vier Uhr segeln wir nun wirk­lich im roten Meer. Charles weckte mich um Drei, der Wind habe gedreht. Tatsäch­lich, aber gleichzeitig waren wir fast am Ende des Golfes und damit der Zwangswege der Grossschifffahrt angekommen. Die teilen den schma­len Golf von Sues so zu sagen in zwei Kanäle. Im östli­chen fah­ren die Schiffe nordwärts, im westlichen süd­wärts. Auf beiden Seiten bis zu den Ufern hin können wir Kleinen segeln. Nur liegen da auch die vielen Terminals und Bohr­inseln. Wir hatten, als wir vorgestern Abend in die Nacht und in den Golf hinaus gesegelt waren, den östli­chen Streifen gewählt. Er schien mir einfacher zu durchse­geln. Auch in der Nacht. Tatsächlich hatten wir keine Pro­bleme.
Heute Morgen nun mussten wir die beiden Zwangswege überqueren. Der Wind hatte auf Nordwest gedreht. Wir segelten mit knapp hal­bem Wind und machten gute Fahrt. Schon bald hatten wir stehende Peilung zu einem Frachter, der von Backbord kam und auf den östli­chen Kanal zu hielt. Stehende Peilung heisst: in nicht all zu lan­ger Zeit werden wir zusammen stossen. Ich wollte ihn noch etwas näher kommen lassen, dann Kurs ändern und hinter ihm durchsegeln. Aber da sahen wir plötzlich sein rotes, das Backbord-Licht. Er hatte den Kurs geändert und fuhr hin­ter uns durch. Gleich hinter ihm kam der nächste. Auch er fuhr hinter uns durch. Und die Drei, die aus Norden kamen, dem Ausgang des westlichen Kanals zustrebten, verschwan­den nordostwärts im Dunkeln, lange bevor wir dort ankamen.
Charles und ich konnten zu Koje gehen und Thomas über­nahm die Wache.

Jetzt segeln wir gemächlich auf Kurs nach Port Ghalib Marina, dem letzten Hafen Ägyptens wo wir noch auskla­rieren können. Gleichzeitig wird es ein willkommener Zwi­schenhalt sein auf unserem Weg nach Massawa in Eri­trea. Wir haben auch die neue Fock gesetzt. Nicht zum ersten Mal. Sie ist gut und bringt etwa einen Viertel mehr Geschwin­digkeit und zwar von am Wind bis zu gut hal­bem Wind – bis wir „Schmetterling“ segeln müssen. Dann ist sie natürlich abgedeckt.

Port Ghalib Marina, 8. Mai. Bei Sonnenaufgang sind wir angekom­men. Wir hatten wenig Wind während der Nacht. Fast könnte man sagen, wir sind hierher gedriftet.
Diese Anlage ist fürchterlich. Eine tote Stadt mit nur Neu­bauten, dem alten arabischen Stil „nachempfunden“. Aber den Leuten gefällt das, sogar unserer Crew.
Es soll ausserhalb einen Supermarkt geben, der alles habe, nur nicht das, was man wolle, sagten uns andere Jachtis. Die Marina ist privat, da schenken sie Dir nichts. Internetzugang für 12 US-Cents pro Minute – über unse­ren Satelliten mailen wir billiger! Die Preise wur­den bereits um Faktor 4 erhöht – wenigstens verglichen mit dem Pro­spekt, den uns unser Agent in Port Said gegeben hat. Aber wir kön­nen den Swimmingpool Pool des nahen Hotels benüt­zen, für 5 EURO; oder ein Bier trinken, für fünf Fran­ken. Im Hotel kann man sich auch verproviantie­ren, wir haben eine Liste mit den Preisen bekommen, sie sind etwa vier Mal höher als auf einem einheimischen Markt. Aber wir sind froh überhaupt etwas zu bekommen.
Ansonsten ist alles in Ordnung bei uns. Der Motor macht mir ein wenig Sorge. Er vibriert immer stärker, die Leis­tung scheint aber in Ordnung. Vielleicht müssen wir mal Christoph einfliegen lassen…

Am 9. Mai wollten wir am Morgen um acht Uhr auslaufen. Leider hat­ten wir der Portcontol bereits gesagt, dass wir das Land verlassen würden. So bestanden die Behörden darauf, unsere Pässe zu stem­peln und die Marina behielt sie gleich bei sich – sie verdient bei jedem Stempel 10 US$. Wir warteten bis fast ein Uhr auf unsere Pässe, lie­fen dann unter Segel aus, was einen kleinen Auflauf bewirkte und die grossen Tauchschiffe zum Warten zwang. Aber nach wenigen Meilen hörte der schöne Nordwest-Wind auf zu blasen und kam dann aus Südwest wieder. Dahin woll­ten wir.
Thomas sagte, das habe ihm sein Programm vor­aus gesagt… Kommunikationslücke! Hätte ich den Wetterbe­richt gekannt, hätten wir auf eine längere Phase mit nörd­lichen Winden gewartet. Von nun an werde ich Tho­mas’ Computer-Windpfeile auf der elek­tronischen Karte genau studie­ren und dann ent­scheiden! Sie scheinen – das weiss ich in der Zwi­schenzeit – recht genau zu sein.

Nach dem Windumsprung ging es zuerst ja noch. Wir segelten mit Grosssegel, Besan und Fock, es war gut zu sehen, dass die Fock auch am Wind gut stand und viel an Geschwindigkeit brachte. Schon bald mussten wir sie weg nehmen – zu viel Wind. Und eine Stunde später kreuzten wir mit je einem Reff hart am Wind gegen Südosten. Es brachte nichts. Wir machten in drei Stunden gerade mal
8 Seemeilen nach Luv gut. Die Nordströmung! Darum ent­schloss ich mich, während der Nacht beizudrehen und alle schla­fen zu lassen. Am Morgen waren wir etwa 21 See­meilen zurück versetzt, was der Crew etwelche Mühe machte. Aber mit dem neuen Wind, jetzt aus Nordost hat­ten wir das in drei Stunden wieder eingeholt.
Und jetzt rol­len wir den dritten Tag meist „Schmetterling“ segelnd vor ziem­lich hohen, kurzen, spitzen Wellen recht schnell Rich­tung Südost. Der Nordost-Wind weht ständig zwi­schen 20 und 25 Knoten.
Charles klagt über Kopfweh und Hitze im Kopf. Alle Män­ner haben Dünnpfiff und Kopfweh. Ob das von der Mala­ria-Prophylaxe kommt? Hoffentlich nicht!
Vor uns liegen noch gut 280 Seemeilen. Mit dem jetzigen Durch­schnitt könnten wir das in gut fünfzig Stunden schaf­fen. Hoffen wir’s!

Gestern haben wir hier draussen – über zwanzig Seemei­len vom Land entfernt – zwei Barra­kudas gefangen. Eigentlich hatte am Abend gar niemand so richtig Lust auf sie – wir rollten ziemlich.
Ich habe dann doch den einen in feine Stückchen geschnitten und mit Reis zusammen gekocht. Da haben sie doch zuge­schlagen – wenigstens Julia und ich... Charles wollte gar nichts und Thomas nur wenig. Mir hat der kühle Weiss­wein dazu gefehlt…
Übrigens haben wir jetzt anstatt einer Ratte, eine Maus in unseren Vorräten. Sie liebt vor allem die Petit Beurli und sonstigen Leckereien aus Julias Vorräten. Mit Speck in der Rattenfalle hat sie bisher nichts anfangen können. Aber während der Fahrt ist es schwierig, eine Maus in einer Falle zu fangen. Zu unruhig ist es in den Vorratskästen, weil darin immer wieder irgend etwas Essbares gesucht wird, wäh­rend der Wachen – nicht nur von der Maus…


Massawa, 17. Mai.
Ich bin allein auf der WAHOO. Die anderen sind nach Asmara gefahren. Ich habe mich heute Nacht entschlos­sen, nicht mit zu gehen. Ich brauche ein bisschen Ruhe und die ist nicht vorhanden, wenn Julia an Bord ist… mein momentaner Eindruck, den ich gleich rela­tivieren will. Julia ist laut, spricht viel und hat Mühe mit ihrer Rolle als Ver­antwortliche für das Innere. Sie sieht sich immer mehr in der Rolle der Putzfrau und es ist wahr, sie ist es, die das Schiff sauber hält. So sauber, wie es unter den Segel- und Hitze-Umständen eben möglich ist.

Aber ich will dort beginnen, wo ich vorher aufgehört habe, beim Segeln nach Massawa.
Wir haben knapp fünfeinhalb Tage gebraucht, für die Sie­benhundert Seemeilen. Nachdem sich der Nordwest-Wind durchgesetzt hatte, lief eigentlich alles in geordneten Bah­nen ab. Meist hatten wir den Wind direkt von hinten. Wir können aber nur „vor dem Wind“ segeln, wenn er mindes­tens 10° von einer Seite kommt. Also mussten auch wir vor dem Wind kreuzen, einmal mit Wind von dieser, dann wieder von der anderen Seite. Und das mit den 10° geht auch nur, wenn wir „Schmetterling“ Segeln, das Grossse­gel weit auf die Luv-Seite (Wind­seite) hinaus lassen, den Besan noch weiter auf die Lee-Seite (dem Wind abge­wandte Seite).
Natürlich kann man nicht tage­lang 10° vom Kurs weg segeln. Von Zeit zu Zeit muss man halsen (den Wind von der anderen Seite einfallen lassen). Und es ist keine Kin­derspiel, das Boot bei 25 Knoten Wind (etwa 50 km/h) zu halsen, vor allem nicht, wenn es in der Nacht sein muss. Es ist Knochenarbeit und braucht Nerven.
Dazu, zwei Tage mit Kopfweh und Durchfall, schlechter Schlaf im rol­lenden Schiff, Essen nur noch als Nahrungs­aufnahme – da ist dann Segeln wie Dienst in der Armee: da musst Du einfach durch!
Die Crew war also ziemlich müde, als wir hier einliefen und ich nicht minder. Da gibt rasch ein Wort das andere und die Schläfenadern schwellen.
Gestern Abend ist das dann passiert – zwischen Julia und mir. Und sie ist weg gelaufen und zu Bett gegangen. Bedenklicher habe ich gefunden, dass sie dabei gesagt hat, sie könne ja auch gehen…
Denkt sie bereits daran aufzugeben? Oder ist es nur ein schnelles Wort in der Wut gewesen? Und was passiert, wenn sie es in die Tat umsetzt? Was wird dann Thomas tun, was Charles?

Ist das nun die erste Krise, wie sie immer mal vorkommt? Oder ist es mehr? Das alles ist mir durch den Kopf gegan­gen, vorne im Bug sit­zend. Später hat sich Thomas neben mich gesetzt. Ich habe ihn gefragt, was er tun würde, falls Julia wirklich weg ginge. Die Antwort war für mich nicht ganz klar, ten­denziell aber, das heisse noch lange nicht, dass auch er gehen würde…
Klar, durch ihre riesige Reiseseite im Netz, den genauen Zielvorga­ben, ihren vielen Reisemail-Kontakten zu den vie­len Bekannten und Verwandten und so weiter, sind sie ziemlich gebunden. Umkehren wäre ein nicht zu unter­schätzender Gesichtsverlust. Und natürlich möchte auch ich ihnen den ersparen. Vor allem Thomas. Im Moment nervt mich Julia und ich meine, ihr würde so ein Misser­folg sogar gut tun. Im Moment meine ich das! Das wird sich wieder ändern, hoffe ich.
Ich muss mich aber schon einigen Fragen stellen. Allen voran: Ist es sinnvoll, weiter südwärts zu segeln, in dieser Kon­stellation?
Sie sind nicht zufrieden mit mir, ich nur teilweise mit ihnen. Von mir erwartet Thomas, ihm mehr Verantwor­tung und Kompetenz zu über­geben, vor allem im Segleri­schen.
Ich sehe aber nicht, dass er das schon voll beherrscht. Ich selber mache ja noch genug Fehler – um ein Haar hätte mich bei einer zu schnellen Halse, der Baum hinten auf dem Balkon erwischt, von der Schot habe ich nun eine schöne „Schnattere“ am rechten Schienbein.
Thomas hat sich schon das „runter lassen“ der Segel geschnappt, beherrscht es aber noch nicht ganz. Und jetzt, vor dem Hafen von Massawa, hat er Charles instru­iert, wie die Segel runter zu lassen seien und ihn das auch gleich machen lassen. Natürlich hat das gedauert, wäh­rend die Segel im Winde knatterten. Wie ich das hasse, wenn sie im Winde hin und her schlagen! Das ver­braucht sie wie 5 Tage segeln.
Am Ende des Manövers habe ich dann zu Thomas gesagt, solche Änderungen wolle ich selber bestimmen. Da gab es blitzende Augen.
In dieser Stimmung sind wir hier eingelaufen; in einen Hafen, der nichts zu bieten hat als einen gut geschützten Ankerplatz. An Land gehen: sehr schwierig – kein Steg oder Platz für Dinghys vorgesehen, die Hafenmaueren übersät mit Rasierklingen-scharfen Muscheln, wunderbar für Hände und Dinghy-Schläuche…
 
Aber nochmals zurück zum Segeln.
Vorgestern Nacht haben wir den Eingang zum Nord-Kanal erreicht. Er führt durch viele Untiefen und vorgelagerte Inselchen über fast 100 Seemeilen zum Hafen. Es musste also ziemlich genau Kurs gehalten werden – ich habe alle 2..3 Stunden kon­trolliert. Jedes Mal stimmte er genau. Es ist Verlass auf diese Crew! Das ist ein wichtiger Punkt. Bei der kleinsten Unsicher­heit werde ich geweckt – meist auch zu Segel­wechseln. Dafür habe ich immer die letzte, die Morgenwa­che, ab 4 oder sogar 5 Uhr. Das ist lieb und schön von der Crew.
Gestern Morgen nun, im Morgengrauen – wie viel schöner wäre: "wenn der hellrosa Fächer der Sonne, die langsam dem Horizont ent­gegen steigt, den östlichen Himmel zu strei­cheln beginnt…" also knapp bevor die Sonne als weisse Scheibe den dunstigen Horizont durchbrach, begann ich den gros­sen, roten Plastiktintenfisch hinter uns her zu zie­hen. Nach kurzer Zeit zog die Schnur kurz an und dann nichts mehr. Der Köder war in der Mitte durch gebissen – kein Fisch am Haken. Ich setzte den zweiten, kleineren Köder. Nach kurzer Zeit wieder ein Riss und dann zog ich langsam einen sich wehrenden Fisch heran, einen Bonito (kleiner Thunfisch). Da wir einem Hafen zu strebten, wo es immer Abnehmer für frischen Fisch gibt, fischten wir weiter und fingen noch zwei Wahoo-ähnliche Fische. Gebraten schmecken sie ähnlich gut wie echte Wahoo.
Wir sind also mit drei rechten Brummern ein­gelaufen. Und keine ein­zige Jacht hier! So haben wir alles, was wir nicht selber essen konn­ten, Winnie geschenkt.
 
Charles und ich gingen am ersten Abend noch „kurz“ in die Stadt um Brot für das Morgenessen zu besorgen. Weil wir ein Visum hatten, liess uns der Hafenwächter, nach einigem Hin und Her, passieren. In den engen Gassen der Altstadt war es schon dunkel. ?Überall sassen braune Gestalten vor kleinen, glühenden Kohlefeuerchen und durch die halb geschlossenen Türen sahen wir, die klei­nen Läden waren noch geöffnet. Auf dem ersten, etwas grös­seren Platz sprach uns eine Frau an, Winnie, Geschäftsfrau mit kleinem Laden.
Brot sucht ihr? Das wird schwierig sein, jetzt am Abend. Ich schick’ einen Jungen zur Bäckerei. Setzt Euch hier hin. Seid ihr zum ersten Mal hier? Heute Abend angekom­men? Willkommen, willkommen in Eritrea! Ein Bier? Klar, zwei kosten 3 $. OK? Und nachher Kaffee.
So tranken Charles und ich unser erstes, ziemlich teures,  Bier in Eri­trea und nachher wurden wir von Winnie mit der traditionellen Kaffee-Zeremonie willkommen geheis­sen. Am nächsten Morgen hat sie dann die Zeremonie gleich nochmals für uns alle zelebriert.
Zuerst wird der Kaffee über den glühenden Kohlen gerös­tet – das dauert - dann im Mörser zerstampft – das dau­ert - dann in eine kleine Ton-Flasche mit engem Hals geleert, zusammen mit dem nöti­gen Wasser. Das Tonge­fäss kommt auf die Glut und immer, wenn das Wasser – nun der Kaf­fee - oben heraus strodelt, wird er in ein Pfänn­chen und dann wieder zurück in den Tonkrug geschüttet. Das wie­derholt sich immer wieder und es dauert...
Am Schluss - um dem Kaffee als Krönung den richtigen Gout zu geben - kommt ein wenig zer­stampfter Ingwer hinein.
Nun wird eine Schale mit glü­henden Kohlestückchen gefüllt und ein wenig Harz des Myrren-Baumes darüber geschüttet. Der Raum duftet jetzt wie eine katholische Kir­che. Damit es nicht zu heilig wird, wer­den noch zwei Fun­ken sprühende Stäbchen – wie bei uns am Weihnachts­baum – angezündet und der Kaffee mit viel Zucker in klei­nen Tässchen ausge­schenkt.
Eritreische Willkommens-Zeremonie!
Ich finde den Kaffee hervorragend - und auch den ande­ren schmeckt er. Der Ingwer verleiht ihm eine gewisse Schärfe als Kontrast zur Süsse des Zuckers und der leich­ten Bitterkeit des Kaffees selber.
Brot haben wir keines zurück gebracht, nach dem vier­stündigen Landgang…

Am nächsten Morgen – aber viele zu spät, es war schon brütend heiss - fuhren wir alle an Land und fanden einen etwas besseren Platz für das Dinghy – aber das Ausstei­gen war dafür schwieriger. Dann der Papierkrieg auf den verschiedenen Ämtern - ermüdend. Wir streiften den gan­zen Tag durch Massawa und kehrten erst nach dem Dun­kelwerden auf die WAHOO zurück. Das ist wohl ein Fehler gewe­sen. Alle waren müde, durstig, gestresst. Und nun noch kochen, sonst müssen wir zwei Kilo Fisch wegwer­fen. Ich habe die Filets dann gehäutet, geschnitten und gebra­ten und Thomas hat dazu einen Salat gemacht. Der „Wahoo“ und der Salat waren gut, von den Bonito-Stück­chen gingen die meisten über Bord.
Und anschliessend die Diskussion. Und anschliessend der Krach zwi­schen Julia und mir. Und anschliessend mein Ent­schluss, nicht mit nach Asmara zu gehen. Und meine Überlegungen über die weitere Reise.


Über unseren Aufenthalt in Massawa ist nicht viel zu berichten. Das Altstädtchen hat sich nicht gross verän­dert, seit ich vor vierunddreis­sig Jahren hier gewesen bin. Der Hafen ist jetzt durch eine hohe Mauer von den Arka­den längs der Hafenstrasse getrennt. Damals hatten Die­ter und ich von einer Bar aus zugeschaut, wie Haile Selas­sier zu seinem einzigen Kriegsschiff gefahren wurde.  Alle Leute stan­den auf und grüss­ten ihn ehrerbietig. Nur wir, die beiden Demokra­ten, die beiden Schweizer, blieben sit­zen. Dann stieg der Kaiser lang­sam das lange Seefall­reep (Treppe) hinauf, ein kleines, zerbrechliches Männ­chen mit seinem kleinen Hündchen im Arm.
Hätte ich damals schon gewusst, wie schäbig sich unser Land im zweiten Weltkrieg gegen Haile Selassier benom­men hat, ich wäre auch auf gestanden und hätte ich gegrüsst. Als er damals vor den faschistischen Italienern flüchten musste, die sein Land überfallen hatten, bat er bei uns um Asyl. Vergebens. Die Schweiz hatte Angst vor Mussolini...
Haile Selassier ist der letzt Kaiser Äthiopiens gewesen. Sein Geschlecht war eine der ältesten Dynastien der Welt.
Der Legende nach war der erste König des Landes, Mene­lik I. ein Sohn Salomons und der Königin von Saba. In der Bibel, im 1. Buch der Könige heisst es, in der Überset­zung von Martin Buber:

Wie die Königin von Saba
die Sage von Schlomo sagen hörte
zusamt SEINEM Namen,
kam sie, ihn mit Rätseln zu prüfen.
Sie kam nach Jerusalem
mit sehr mächtigem Tross,
Kamele, tragend Balsam,
Goldes sehr viel und Edelgestein,
kam zu Schlomo und redete zu ihm,
allwas sie auf dem Herzen hatte.

Über einen Sohn schweigt sich die Bibel aus. Um so mehr steht dar­über im Kebra Negast, dem berühmten altäthiopi­schen Heldenlied. Allerdings wurde es von Dich­tern geschrieben, die im Dienste der salomonischen Dynastie standen. Danach fuhr die Königin von Saba zu Salomon, um von seiner Weis­heit zu lernen und um handfeste Han­delsbeziehungen anzuknüpfen. Da sie eine schöne Frau war und Salomon ein Sohn Davids, erwachte in ihm die Leiden­schaft und er begehrte sie.
Die Königin aber war gekom­men um zu handeln, nicht um zu lieben: "Ich nehme nur, was Du mir gibst - Du aber nimmst Dir nur, was ich Dir gebe!"
Salomon war einverstanden. Ein weiser Mann! Am Abend hiess er Speisen auftragen zu Ehren der Königin, scharf und gut gewürzt. Nur an Tranksame mangelte es. Und die Gäste verliessen das Mahl nach ausgiebigen Freuden satt, aber durstig.
Wie zufällig stand im Vorraum der Gemächer der Königin ein irdener Krug mit Wasser. Und da sie in jener Nacht, von Durst geplagt, nicht schlafen konnte, ging sie hinaus, nahm den Krug und trank daraus. Da trat Salomon hervor und verlangte, da sie etwas genommen, das er ihr nicht gegeben, sein Recht.
Das Resultat ist der Grund, warum sich der Kaiser von ?Äthiopien "Löwe von Juda" nannte. Wie viel oder wie wenig Wahrheit die Legende auch enthalten mag, sie hat doch stark dazu beigetragen, den Fortbestand und die Ein­heit Äthiopiens über zwei Jahrtausende bewegter Geschichte hinweg zu bewahren.
 
Die Leute hier, mit denen ich darüber gesprochen habe, halten Haile Selassier in guter Erinnerung. Viele sagen sogar, unter ihm sei es ihnen besser gegangen. Das mag schon sein. Heute kostet Benzin doppelt so viel wie in der Schweiz, ein Cola dreimal so viel – zu Tho­mas’ grossem Kummer… Brot mussten wir in den Restaurants „erbet­teln“ – für Private gibt es keines – und eine Bewilligung um im Dalagh-Archipel zu ankern hätte uns fast Tausend US$ gekostet.
Anderseits haben wir ein Fisch-Restaurant gefunden – gegenüber der grossen Moschee – in dem wir zweimal Shrimps an einer Toma­tensauce mit Trockenreis gegessen haben – ein einmaliger Genuss! Kosten: knapp sieben Dol­lar. Beim zweiten Mal haben wir dann unse­ren eigenen kühlen Weisswein aus Kreta mitge­bracht. Da ist die Welt wieder in Ordnung gewesen. Nur Julia hat gefehlt, sie war zu müde um mitzukommen.

Eine kleine Episode noch aus meinem ersten Besuch von Massawa. Das äthiopische Kriegsschiff war nicht das ein­zige im Hafen. Es hatte Besuch von einem amerikani­schen und einem australischen. Und die Jungs dieser bei­den Schiffe schwärmten durch die Hafenstadt, tran­ken und tobten sich mit den jungen Frauen aus. Die einen. Andere sahen wir in den Baren liegen und betrunken und unglück­lich nach Mama schluchzen.
Nach zwei Tagen war der Spuck vorüber, die Schiffe aus­gelaufen und jeder der Jungs bekam seine Penizillin-Spritze. Wenigstens hat uns das einer der Schiffsärzte gesagt, jeder werde gespritzt, auch wenn einer noch so beteure, er sei nicht bei den Mädchen gewesen.

Ich habe noch nie eine Stadt erlebt, die so erotisiert gewe­sen ist, wie Massawa damals. Camue hat einmal so etwas beschrieben, in einem seiner Bücher und ich habe beim Lesen gedacht, na ja!...
Die Luft schien zu vibrieren vor Erotik. Und Dieter und ich sind denn auch, in einer kleinen, engen Gasse, von ein paar Mädchen buchstäb­lich überfallen worden. Lachend packten sie uns, je zwei an jedem Arm und wollten uns abschleppen. Die Vorstellung einer Penizillin-Spritze hat uns daran gehindert, uns ihnen zu ergeben.
 

In Massawa haben wir langsam ein Problem mit der Batter­iekapazität bekommen. Der Kühlschrank vor allem – kein Wunder in dieser Hitze!... zusammen mit der übrigen Elektronik, hat die Elektro-Bilanz negativ werden lassen, das heisst, wir haben mehr Strom verbraucht als durch die Solarmodule herein kam. Gestern haben wir des­halb den Windgenerator montiert und obwohl wir nur zwi­schen 8 und 10 Knoten Wind haben, sind die Batterien nun wieder im grünen Bereich. Wir können auch die Computer wieder benützen, wie ich jetzt gerade.
Wir liegen in einem „Riff-Hafen“ vor der Insel Shumma. Das Riff umschliesst die Insel wie der Vorderteil einer
Beisszange, die leicht geöffnet ist. Bei der ?Öffnung kannst Du einlaufen, sie ist ungefähr 1/3 Seemeilen breit. Da die bei­den Riff-Zangen oder –Arme aber etwa 1,5 m unter Wasser liegen, sieht es aus, wie wenn wir im offe­nen Meer anker­ten, mit dem Rücken zur Insel. Trotzdem sind wir rund herum recht gut geschützt.
Vom Schiff aus kann ich die Riffe gut sehen. Ein schmaler, grüner Wasserstreifen im Norden, dann das Dunkelblau der Einfahrt und dann beginnt das südliche Riff mit Grün das langsam in Azur über­geht, dort wo die Sandbank weit hinaus reicht und bei Niedrigwasser als schneeweisse, spitze Zunge gut sichtbar wird. Wir ankern etwa zweihun­dert Meter davor.
In der Lagune ist das Wasser nicht glasklar, leicht milchig. Es wach­sen schöne Korallen auf jedem Stückchen Fels, das durch den Sand hervor bricht und der Fischreichtum ist erstaunlich. Aber mit Blanquil­lia ist es doch nicht zu vergleichen. Oder gar mit den Marquesas.
Damals, vor sie­benundzwanzig Jahren, habe ich das so beschrieben:
 
Andreas sitzt im Beiboot und steuert es mit dem kleinen Aussenbor­der immer hart der Brandung entlang. Die Dünung ist nicht hoch, sie ist lang - keine Gefahr für ihn. Langsam und gleichmässig hebt und senkt sie sich. Nur sein Blickwinkel ändert sich, wenn sie ihn anhebt. Kein Schaukeln, nur langsam auf und ab. Und dicht vor ihm das Branden auf den Felsen unter dem Wasser, der weisse, funkelnde Schaum, die ständige Bewegung unter und über der Oberfläche.
Er hält sich am äussersten Rand des weiss schäumenden Wassers, nie weiter als zwanzig Meter von den senkrech­ten Felswänden ent­fernt. Die kleine Felsenbucht - eher eine Felsennische - knapp vor dem Kap, das die Bucht nach Nordwesten begrenzt, ist gefüllt mit dem Brausen der Brandung. Er schwimmt darin. Nichts anderes ist zu hören, nichts anderes zu fühlen. Die Luft vibriert, das Boot vibriert, er selber, seine weis­sen Haare, seine Bartstop­peln, alles vibriert. Die grosse Gewalt des weiten Mee­res, hier ist sie konzentriert, in die­ser Fel­sennische, verdichtet zur alles übertönenden Urge­walt.
Aber im warmen Sonnenschein, in der Geborgenheit der weichen Luft hat die Gewalt nichts Schreckliches.


Langsam lasse ich den Atem ausströmen. Sehen kann ich nichts mehr. Das Wasser um mich herum ist weiss, schäumt - Milliarden von Luftbläschen. Rasch durchstosse ich die brodelnde Schicht, presse die letzte Atemluft durch den Schnorchel. Sonnenlicht! Vorsichtig ziehe ich Luft ein. Luft kommt. Kein Wasser mehr im Rohr. Ich atme, drehe mich um die eigene Achse. Drüben, am anderen Ende des fel­sigen Büchtleins, nur ein paar Meter entfernt, liegt Andreas mit dem Schlauchboot. Alles klar. Und bis jetzt keinen Hai gesehen.
Hier oben ist der Sog der Dünung stärker. In regelmässi­gem Rhyth­mus treibt er mich gegen die Felsen und zieht mich gleich darauf wieder weg von ihnen. Ein wohliges Wechselspiel, wenn man den Untergrund kennt - atmen, entspannen, treiben lassen. Wie Treib­holz.
Mein Atem geht wieder ruhig. Vier mal hole ich tief Luft, halte sie jedes mal einen Moment in der Lunge zurück. Dann atme ich kurz ein und tauche ab. Verschwunden, Spur-los.


Wahrscheinlich hat der Motor abgestellt, zu hören ist sowieso nichts. Hart dreht Andreas am Gasgriff. Das Boot schiesst in die Brandung hinein. Also läuft er... aber in die falsche Richtung! Weisser Schaum rundum. Weiss der Teu­fel, was darunter ist, Felsen, Riffe, Korallen. Nur wie­der hinaus ins ruhige Wasser! Er dreht ab. Und kommt dadurch nur noch weiter hinein - im ersten Moment. Wie auf Eiern sitzt er, meint jeden Augenblick das Knirschen unter dem Hintern zu fühlen. Aber er hat Glück und kommt ohne Grundberührung hinaus.
Wieder kontrolliert er den Brandungsstreifen. Dies mal muss er ihn sehen, wenn er nach oben kommt! Eine ganze Weile schon hat er ihn nicht mehr ausgemacht. Anderseits - er war lange durch diesem verdammten Motor abge­lenkt. Kein Wunder also. Aber von hier aus hat er nun einen guten Überblick.
Jetzt wäre es eigentlich Zeit. Manchmal bleibt er auch län­ger. Einen dunklen Kopf in all dem Weiss ... da kann man nicht vorbei sehen. Noch immer nichts. Ob es da unten Strömungen gibt? Da... da vorne. Nein, ein Stück Fels. Zum Kuckuck! wie lange er es diesmal aushält. Wenn er nun ... nein, aber anderthalb Minuten?...
Keine Panik! Ich hab' ihn nicht gesehen, letztes Mal. Das ist alles. Nur gut aufpassen jetzt. Da - nein, wieder der Felskopf. Komm, komm doch endlich!...


Blau ist das Licht da unten. Das Wasser filtert das Rot her­aus. Die lange Dünung, von den Felsen zurück gewor­fen, verwirbelt ihre Kraft in der Brandung. Weisse Bläs­chen-Kaskaden schiessen aus der mil­chigen Gischt herab wie umgekehrte Fontänen. Die Strömung spielt mit dem Kör­per, zieht ihn, stösst ihn zurück, bewegt ihn mit zarter Gewalt. Unbestimmt, ohne erkennbare Richtung. Sie tän­delt.
Schwerelos gleite ich der Felsspalte entlang in die Tiefe. Der Druck in meinem Kopfe steigt. Durch die Maske drücke ich meine Nase zusammen, presse Luft hinein, Druckausgleich. Leicht und frei schwebe ich. Immer tiefer. Der Bleigurt beginnt den Auftrieb meines Körpers zu über­wiegen, zieht mich nach unten. Tief genug!
Aber dort, nicht mehr viel weiter, die Felsplatte. Darunter, das sind doch Antennen, Langusten-Antennen! Mit ein paar kräftigen Flossen­schlägen bin ich unten. Enttäu­schung. Wieder nichts.
Rasch steige ich auf, lasse Luft aus meinen Lungen ent­weichen. Langsam drehe ich mich um meine Achse. Alles klar über mir. Ich halte schräg von den Felsen ab, oben ist der Sog stärker.
Endlos scheint der Weg. Die Lungen sind fast leer. Ich spüre plötzlich die Müdigkeit. Wie oft bin ich getaucht. Ergebnislos. Das Wasser scheint hier zu bewegt für Lan­gusten. Hoffentlich auch für Haie. Keine Luft mehr in den Lungen. Ich habe sie doch zu schnell ausströmen las­sen. Jetzt nur noch rauf und ins Dinghy.
Endlich! Bis zur Hüfte schiesse ich aus dem Wasser. Ich reisse den Schnorchel aus dem Mund. Atmen! Die Sonne. Luft.

Das war schlechte Tauchmanier. Zu tief, zu lange, zu oft. Zum Glück ist Andreas mit dem Dinghy ...
Andreas hatte es nicht mehr ausgehalten. Er wollte nicht einfach warten - nichts tun. Er hat das Dinghy herumgeris­sen und ist so schnell es lief zurück zum Schiff gefah­ren um die anderen zu alar­mieren. Sie kamen und sties­sen mitten in der Bucht auf einen sehr müden Tau­cher. Am liebsten hätte ich den Bleigurt abgeworfen, er zog mich nach unten.
Seither gilt bei uns die Regel: nach jedem Auftauchen - Kontakt mit dem Mann im Dinghy!
 

Aber zurück zum roten Meer.
24. Mai. Ein Tag wie jeder. Warm bis heiss, aber ein küh­lender Wind aus Norden weht. Die Drei sind wieder zum Riff hin­aus tauchen gegangen, Charles schnorcheln.
Das ist jedes Mal ein „G’schtelasch“ bis sie gehen können, der vor­dere Teil des Dingis ist platsch voll mit Tauchzeug. Unterwasserka­mera, Unterwasser-Mouvikamera, Tauch­schuhe, Flaschen, Tauchkom­puter, Atem-Automaten und Tarierwesten, die aussehen wie Maultier­sättel.
Zum Glück kann ich tauchen ohne all das an mei­nem Kör­per mit zu tragen. Dazu kommt noch das Füllen der Fla­schen, jedes Mal viel Lärm für warme Luft… Ich bin böse, ich weiss, aber manchmal nervt mich dieses Getue um das bisschen Tauchen und der Kompres­sor nervt mich eben­falls, wenn er in einer „einsamen, stillen Buch“, die sie so lieben, lärmt und stinkt. Thomas sagt dazu „und wie sind wir in diese Bucht hinein gefahren?“ Mit dem Motor. Recht hat er – aber ganz das gleiche ist es doch nicht.

Ich bin froh, dass es ihnen hier gefällt. Es hebt die Stim­mung, es ist das, wovon Julia und Thomas immer geträumt haben. Zum Glück sind sie noch nicht so ver­wöhnt wie ich von Venezuela und der Süd­see her. Jeden­falls sind sie begeistert. Glasklares Wasser und Fische zum Abwinken (Thomas).
Aber auch sonst ist das Leben schön. Das Wetter ist schön, der Wind weht, das Wasser ist warm, das Trink­wasser kühl und wir haben alles an Bord, was wir brau­chen – und noch viel viel mehr.
Wahrscheinlich könnte ich all das etwas besser geniessen, wenn ich auch hinaus könnte um zu tauchen. Aber die Wunde am Bein ist noch nicht verheilt und auch an den Fingern habe ich welche, ein weg fliegender Block hat mir zwei Hämatome geschla­gen und einen Dreiangel in den kleinen, rechten Finger gerissen. Erstaunlicherweise schmerzt er, obwohl ich darin ja noch immer kein richti­ges Gefühl habe. Aber so kann ich nicht tauchen gehen, muss an Bord bleiben und mich mit aus dem Wasser gestreck­tem Bein darin „tum­meln“.
Gestern bin nun aber auch ich einmal mitgegangen. Ein schönes Tauchrevier, nicht tief, schöne Korallen, dazwi­schen Sand, viele Fische. Leider nimmt der feine Sand dem Wasser die Klarheit. Die Sicht ist darum nicht so gut wie auf reinem Korallengrund. Meinen Gefährten aber gefällt es. Sie sind glücklich und zufrieden hier.
 

Müssen wir schon weiter?... Jetzt, wo alles so schön ist?...
Endlich ist das Leben so, wie ich es mir vorgestellt habe. Tauchen, plägeren, Sonne und Wasser geniessen...
Und jetzt kommst du und sagst, wir können nicht länger bleiben, wir müssen weiter...
Es ist so. Wir haben einen Fahrplan! Er hängt im Moment vom Mon­sun ab. Bis Mitte Juni müssen wir den Golf von Aden verlassen und die Insel Sukutra umschifft haben.
Warum denn das?
Weil der Südost Monsun nachher zu stark ist um Sukutra im Osten zu passieren - das steht doch auch in Deinen Unterla­gen...
Und warum nicht im Westen der Insel, durch den Kanal?...
Spassvogel, das weisst Du so gut wie ich...
Die Piraten?
Wir wären zu nahe bei Somalia, ja!
Also aussen herum?
Auf jeden Fall! Weit östlich, mindestens achtzig bis hun­dert Seemeilen östlich davon... Aber im Juli und August ist das nicht mehr möglich! Und im nordwestli­chen Indic nach Süden zu segeln, ebenfalls nicht!
Da würden wir also zwei Monate verlieren, wenn wir dort zu spät ankämen?
Genau, wenn wir dort zu spät sind, verlieren wir zwei Monate, erst im September wird der Monsun wieder schwächer.
Macht das etwa aus?...
Die zwei Monate, meinst Du?... die werden uns später feh­len.
Wo, in Mosambik?
Ja, oder in Madagaskar oder auch in Südafrika.
Wieso in Südafrika?...
Weil wir auch beim Kap der guten Hoffnung einen... einen Endtermin haben...
Einen Endtermin?...
Ja, das Kap müssen wir spätestens Ende Februar umschifft haben, besser wäre im Januar. Nachher wird das Wetter dort gefährlich...
 

26. Mai. Unter Segel, gesetzt sind Grosssegel, Besan und Fock. Wir laufen etwa 70° an einem 12-14 Knoten Wind und machen knapp sechseinhalb Knoten Fahrt.
Schönstes Segeln!
Gestern morgen sind wir aufgebrochen, obwohl kein Wind wehte. Motor. Nach etwa dreissig Seemeilen – sechs Stun­den – habe ich den Vorschlag gemacht, die Nacht hinter zwei kleinen Inseln und ihrem Riff zu verbringen – anstatt immer weiter zu motoren. Davor lag noch eine untiefe Sandbarre. In der noch hoch stehenden Sonne konnte ich aber den Durchgang gut ausmachen. Wir ankerten gut geschützt und ich liess den Motor noch ein Weilchen wei­ter laufen um ihn abzukühlen. Aber anstatt abzukühlen, wurde er immer heis­ser. Also habe ich ihn abgestellt – da hat er gesotten.
Das Umgebungswasser war gut 30° warm und wenn das Schiff steht, wird es noch wärmer und kühlt den inneren, geschlossenen Kühl­kreislauf nicht mehr. Nur so kann ich mir das vorstellen.
Heute morgen ist der dann mit Schwierigkeiten  ange­sprungen und wir sind langsam ausgelaufen.
Draussen habe ich ihn wie immer abgestellt. Kein Pro­blem. Unter Besan und Blooper sind wir dann ganz lang­sam los gesegelt und haben gegen Mittag, als der Wind endlich zunahm, die jetzige Bese­gelung gehisst.

Thomas konnte es sich nicht verkneifen, einen unserer alten, ziemlich lädierten Plastik-Pulpos als Köder raus zu hängen und nach kurzer Zeit hat eine schöne Makrele angebissen. Die grossen Makrelen sehen hier ein biss­chen anders aus als die Goldmakrelen im Mittel­meer oder Atlan­tik, sind aber genau so gut. Und es wimmelt hier davon, ebenso von Barrakudas – gestern haben wir einen ver­speist. Auch Bonitos haben wir schon gefangen.
Die sind aber bereits nicht mehr so beliebt – wir haben ein­mal Makrelenfilets und Bonitofilets zusammen geges­sen. Nun kennt auch die Crew den Unterschied...


29. Mai, Seit heute morgen 5 Uhr laufen wir unter Motor. Grässlich. Meine Laune ist verdorben. Wir sind ein Motor­boot mit 2 Masten! Ich hasse das. Ich hatte gedacht, Wind würde kommen. Nichts. Fast spiegelglatte See, knapp vor dem Bab el Mandeb, dem Tor der Trä­nen.
Na ja, Tränen kommen mir deswegen nicht gerade.
Dafür sind die anderen in Hochstimmung. Thomas hat den Wasser­macher zum ersten Mal laufen gelas­sen. Er ist zwar noch nicht richtig eingebaut, aber er funktioniert! 60 Liter Süsswasser pro Stunde.
Dabei braucht er 40 Ampère Strom.
Warum bin nicht auch ich so enthusiastisch? Jetzt brau­che ich doch nicht mehr in jedem Hafen dem Wasser nachzu­rennen. Jetzt muss ich auch nicht mehr auf spar­samen Wasserverbrauch drängen und mich damit unbe­liebt machen. Warum freue ich mich nicht mit ihnen?
Weil wir jetzt tendenziell mehr motoren werden – wir kön­nen dann gleich auch Wasser machen… Weil wir um 60 lt Wasser herzustellen, 3/4 lt Diesel mehr verbrauchen – und auch dieser Diesel ist endlich, nicht nur jener, den die viel geschmähten 4 x 4 verbrauchen.
Natür­lich haben wir unsere "Windmühle". Die bräuchte aber sehr viel Wind, um so viel Strom zu liefern. Ich sehe eine Menge Diskussionen voraus, in denen ich der böse Sparsamkeits­apostel bin. Das liebe ich nicht gerade…

Sonst ist eigentlich alles „wunderbar“ – wie Charles mit seinem fran­zösischen Akzent zu sagen pflegt. Die Stim­mung an Bord könnte nicht besser sein. Morgen werden wir sehr wahrscheinlich in Aden ankommen. Die grösste Frage, die sich uns momentan stellt, ist – Fischen und heute Abend Fisch essen – oder nicht. Weltbewegend auf unserer kleinen und doch so vernetzten Welt. Wenn nur Wind käme… und nicht auf die Nase, wenn ich bitten darf!

Der Wind ist gekommen, Südwind, direkt auf die Nase. Aufkreuzen. Dabei verdoppelt sich die zu segelnde Distanz. Aber nur unter nor­malen Bedingungen. Südwind bringt hier eine Strömung, die nach Norden setzt. Je stär­ker der Wind um so stärker die Strömung. Am Nachmit­tag hatten wir 25 Knoten Wind und die Strömung warf uns um fast die Hälfte dessen das wir nach Süden gut gemacht hatten, wieder zurück.
Darum ankerten wir wäh­rend der Nacht hinter einer Insel, die praktisch auf der Grenze zwi­schen Dschibuti und Eri­trea liegt.
Kaum hatten wir den Anker geworfen, sahen wir ein Boot auf uns zuhalten. Drei schwarze Männer in verwaschenen T-Shirts und kurzen Hosen musterten uns aus kurzer Distanz. Dann kamen sie näher, standen auf im Boot. Zwei hielten Kalaschnikows in den Händen. Ich nahm den Funk in die Hand. Da rief jener am Motor, sie seien von der Küs­tenwache, sie seien für unsere Sicherheit verant­wortlich. Nur Feinde würden sie erschiessen. Er wolle unsere Papiere sehen – wahrscheinlich um heraus zu fin­den, ob wir zu erschiessende Feinde oder Freunde seien…
Offenbar waren wir Freunde und sie fuhren wieder weg.

Am nächsten Tag, Segeln wie an Abend zuvor – nur mit dem Unter­schied, dass es an diesem Abend keine Insel mehr gab, hinter der wir hätten ankern können. Also die Nacht durch segeln, hart am Wind ohne Fortschritt. Du bist nach zwei Stunden fast gleich weit wie zuvor.
Darum beschloss die Crew, Segel runter und Motor an.
Wir machten am Anfang gerade mal 0,8 Knoten Fahrt gegen Wind, Wellen und Strö­mung.
Gegen Morgen wurde es besser und auf meiner Wache setz­ten wir wieder Segel und kreuzten weiter auf. Gegen den Wind und gegen die Strö­mung und mit grösser wer­denden Fortschrit­ten.
Die Stimmung an Bord sinkt jeweils, wenn es hart wird. Das ist natürlich. Julia hatte bei Bab el Mandeb grosse Mühe zu akzeptieren, dass wir kaum mehr Fortschritte machten. Thomas hat dann vor­geschlagen - sicher auch ihr zu Liebe - Segel runter, Motor an. Ich hätte gerne ver­sucht weiter zu segeln. Vielleicht wäre es möglich gewe­sen, das Tor der Tränen an seiner Ostseite segelnd zu bezwingen. Charles sagte, er könne noch tagelang so wei­ter segeln, stimmte dann aber doch den beiden ande­ren zu. Ich war überstimmt und gab nach.
Die Stimmung blieb trotzdem gespannt. Als ich schlafen ging, hörte ich erregte Diskussions-Fetzen aus der Plicht. Ich weiss nicht, was sie verhandelten, glaube aber, Charles wird nur bis zu den Seychellen mit segeln. Ich weiss nun nicht ob ich sie auf jene Diskussion anspre­chen soll. Ich war nicht gerade erfreut darüber, davon ausge­schlossen zu werden.
Jetzt ist alles wieder friedlich. Ich denke, das ist das nor­male Auf und Ab bei einer solchen Reise. Nur darf das Ab nicht zu stark werden. Und vor uns liegen mehr als Tau­send Seemeilen am Wind…


Am 1. Juni 2007 um 1330 Uhr haben wir Aden erreicht und dort Anker gewor­fen. Wir werden mindestens eine Woche bleiben und Sana, die alte Hauptstadt von Nordye­men besuchen.
 
Aden ist einer Stadt mit einer Million Einwoh­nern, verteilt auf sieben Stadtteile, die durch rie­sige Geröll- und Lava- dämme von einander getrennt sind. Der älteste Stadt­teil liegt sogar in einem Krater und heisst dementspre­chend „Kreter“. Um sich hier auszukennen und zu wissen, wo man das und jenes Ersatzteil bekommt, braucht es Jahre. Als ich kurz nach dem Ankern das erste Mal an Land ging, begrüsste mich Selim, brachte mich zur Emigration und zum Zoll und über­setzte.
Selims Devise heisst: „keine Probleme, be happy“.Nur, um das zu sein, wollte ich seine Funktion kennen. Ja, er stelle uns sein Auto und seine Kenntnisse der Stadt zur Verfü­gung. Kosten? Kein Pro­blem, wir sollten ihm dann geben, was wir woll­ten. Einen Preis haben wir nicht von ihm, son­dern von seinem Kolle­gen und Freund erfahren: 10 US$ pro Stunde, sein Auto inbegriffen. Selim ist also Taxichauf­feur, Führer, Berater und Vermittler in einem. Ohne diesen Ser­vice bist Du verloren in Aden. Wir sind alles in allem knapp acht Stunden mit ihm herum gefahren.

Neben uns ankerte ein etwa sieben Meter langes Segel­schiffchen mit krummem Mast und ein älterer Mann war gerade daran, schwim­mend das Unterwasserschiff zu rei­nigen: Leonid, der Mann aus Kasachstan. Er ist mit die­sem Schiffchen um die Welt gesegelt und jetzt auf der Heim­reise – durchs Rote-, Mittel-, Schwarze-, zum Kas­pischen Meer. Mit krummem Mast, leckendem Kiel und 100 $ pro Monat! Ein liebenswürdiger Mann, ein Verrück­ter, ein Seg­ler.Knapp bevor wir weiter segelten, brachte er einen schwe­ren Sack auf unser Dinghy. Wir nahmen ihn jeweils mit an Land, er selber hat kein Beiboot. Im Sack lag sein Motor. Er laufe nicht mehr, ein Freund werde ihn auseinan­der nehmen. Resultat: ein neuer Kolben mit allem Drum und Dran und ein neues Lager waren fällig. Kosten: 120 $. Er lachte dazu – irgendwie wird auch das gehen. Wir haben dann unter den Seglern gesammelt und Hun­dert Dollar zusammen gebracht. Wir alle hoffen, Leonid komme heil nach Hause. Das wünschen wir ihm!
 
Nachtrag: in Südafrika haben wir von einem Segler erfah­ren, Leonid sei endlich ausgelaufen aber nur ein paar Mei­len weit gekommen. Sein Schifflein sei gesunken,
er aber von Fischern gerettet und nach Aden zurück gebracht wor­den.


Sana.
Charles und ich sind zurück aus Sana, Julia und Thomas bleiben noch einen Tag länger um ein Felsenschloss und noch eine Stadt, eine viel kleinere anzuschauen. Sie haben ein Riesenviech von einem 4x4 gemietet – es ist erstaunli­cherweise dass billigste Angebot gewesen.

Nun zu Sana, besser gesagt zur Altstadt von Sana.
Sie ist komplett erhalten. Die vielen kleinen aber auch gros­sen bis zu achtstöckigen Häuser mit ihren weissen Verzie­rungen neben dem Dunkelbraun der gebrannten Back­steine ergeben ein beeindrucken­des Bild.
Der Souk ähnelt jenen Nordafrikas. An einem der wunder­schönen Gewürz­stände, die du schon von weitem riechst, hat mir der Verkäu­fer alle Gewürze erklärt, unauf­dringlich, ohne zu erwarten, dass ich etwas davon kaufen würde.
Das ist denn auch der grosse Unterschied zu Nordafrika. Die Men­schen sind freundlich und unaufdring­lich, aber nur wenige sprechen eine Fremdsprache.
Am ersten Morgen bin ich kurz nach sechs Uhr aus dem Hotel gegan­gen – ich musste den Riegel der Eingangstür selber öffnen. Draussen gingen gerade vier ganz junge Einheimische vorüber. Einer davon hat mich gleich ange­sprochen und wollte mir als erstes die Hand geben. Das ist so eine Unsitte, die sie von den Touristen gelernt haben. Er war kaum über zehn Jahre alt, sprach aber recht gut Englisch. Zuerst wollte er wissen, woher ich komme. Swit­zerland? Aha, dann sprichst Du drei Spra­chen, nicht? Wel­che? Und als ich sie ihm aufzählte, brachte er gleich seine paar Brocken Französisch und
Ita­lienisch an und sagte „Guten Morgen“ zu mir.
Ein cleveres Bürschchen. Dann fragte er mich, ob er mich führen dürfe, zum Souk, zum Yemen Tor und zu ein paar anderen Orten, das sprudelte nur so…
Ich gehe aber lie­ber alleine, sagte ich, und er,
kein Problem, kein Pro­blem! Dann Good by.
Nun gab ich ihm die Hand, er grinste und erklärte mir so zu sagen als Zugabe den Weg zum Souk.

Ich hatte gedacht, Sana sei wie Kairouan, die heilige Stadt in Tune­sien vor hundert Jahren. Stimmt leider nicht. Das Gesamtbild der Häuser und die Freundlichkeit der Einwoh­ner machen einen Besuch wert. Aber die Ursprüng­lichkeit Kairouans – trotzdem der Tourismus dort ja blüht – gibt es hier nicht mehr. Vor allem gibt es in Sana kaum mehr Handwerker, die hinten in ihrem Laden das herstel­len, was sie vorne verkaufen.
Ein paar Schrei­ner habe ich gesehen – keine Qualitäts- arbeiten – und zwei-drei Schmiede, die aber nur Reparatur­en und Ver­besserungen machen. Einem habe ich zuge­schaut, wie er eine Spitzha­cke geglüht und dann spitz geschmiedet hat. Geschmie­det ist sie natürlich viel haltba- rer. Dann gibt es ein paar Strassen mit Schneidern, in der einen nähen sie goldene Kinderröcke, in der anderen far­bige Frauenröcke fürs Haus und wieder in einer anderen die schwarzen Frauen­kleider, die vom Kopf bis zu den Füs­sen alles bede­cken mit Ausnahme der Augen.
Stell' sie dir vor, eine junge Frau, schlanke Gestalt, tief schwarz von oben bis unten, elegant, geschmeidig, sinn­lich, in hohen Stöckels­chuhen - und du siehst nur ihre dunkel funkelnden Augen...

Beim zweiten Abendessen hat dann Charles das angespro­chen, was sie damals, nach Bab el Mandeb, bespro­chen hatten. Er will sich nach den Seychellen nicht für den gan­zen Rest verpflichten, möchte aber gerne wei­ter mitkom­men. Grund: er fühle sich als Hilfsmatrose, er sei nicht ganz einbezogen, weder bei der Navigation noch beim Segeln, nur Wache gehen und das Ruderautomaten-Räd­chen drehen um den vorgegebenen Kurs einzuhalten, das sei ihm zu wenig. Er möchte wie Thomas einbezogen sein, und Julia, denke er, ebenfalls.
Die Drei sind aber nicht miteinander zu vergleichen.
Tho­mas ist jung, sicher auf seinen Beinen, begreift schnell, fragt, ist initiativ und ver­sucht im Rahmen seiner Möglich­keiten selber die Segel zu trimmen oder sogar aus­zureffen. Und dadurch werden seine Möglichkeiten immer grös­ser – was mich freut!
Charles ist ein lieber Kerl, der es allen recht machen möchte, ein lie­ber, meist fröhlicher Mann, noch immer halb Franzose halb Schwei­zer. Er ist aber – 62 jährig – nicht so sicher auf seinen Beinen, beim Einsteigen ins Dinghy zum Beispiel oder beim Gehen über das schwan­kende Deck.
Das wird sich mit der Zeit bestimmt noch verbes­sern. Sicher werde ich ihn nun bei der Navigation stärker einbe­ziehen – er möchte es auch bei der Reisepla­nung sein. Das setzt aber sehr viel Bücherstu­dium vor­aus, in Englisch und Deutsch – mal sehen, was er davon hält. Segel-Manö­ver: bei ruhigem Wetter kein Problem mit ihm, aber dort setze ich ihn ja schon ein. Bei schwe­rem Wetter will ich nichts riskieren, da muss ich weiterhin mit Thomas zusam­men arbeiten. Das muss ich ihm irgendwie begreiflich machen.
Und Julia? Wir haben ein Problem miteinander. Gegensei­tig vermutlich. Ich darf sie nie mit Barblina ver­gleichen – und versuche auch ständig, das nicht zu tun. Ich habe mich jetzt an vieles gewöhnt, das mich am Anfang gestört hat.
Ihre Motivation zu dieser Reise, scheint mir, vor allem Fun zu haben. Darum auch all die „nice to have’s“ und darum überwiegt auf ihrer Waage auch das Negative ziemlich stark wie sie sagt: wenig Fun dafür viel Arbeit und mühse­liges Segel – und Probleme mit der Art des Skippers.
Sie hat aber das Innere des Schiffes, Haushalt, Reinigen, Einkaufen gut im Griff. Und sie delegiert dort auch.
Beim  Segeln scheint sie mir ihre Aufgaben gefunden zu haben: Sie hilft beim Setzten und kontrol­liert nachher genau, ob alle Fallen richtig laufen und nichts scham­fielt. Das ist super und ich schätze das sehr – muss es ihr aber wieder einmal sagen!
Bei Charles neigt sich die Waage ähnlich wie bei Julia – vielleicht wollte er sie aber einfach unterstützen.
Thomas sagt, für ihn sei sie ausgeglichen. Er sei aber Optimist und vergesse das Negative recht schnell.

Im Moment ist wieder alles picobello. Wir sind mehr oder weniger ausgeruht und die Reise nach Sana wird von allen sicher unter Fun verbucht. Von mir eher unter „Ken­nen lernen, Eindrücke sammeln“ – vielleicht auch das ein Unterschied, der manchmal kratzt.
Das ist die Situation heute.
Nein, Julia würde sich – wie sie sagt – sehr überlegen wei­ter mit zu kommen, wenn Charles ginge. Ich habe diese Vermutung früher schon mal zu Thomas geäussert.
Thomas sagte darauf, wenn Julia weg ginge, würde das für ihn nicht unbedingt bedeuten, ebenfalls zu gehen.
Auf den Seychellen werden wir mehr wissen.
Aber dorthin sind es 600 Seemeilen vor dem Wind,
dann 1000 Seemei­len hart am Wind!...
und nochmals 3..400 Seemei­len mit raumem Wind. Viel­leicht wird die letzte Strecke uns ret­ten!?...
Nach den Seychellen „kommt Freude auf“! Zeit um dort zu bleiben, wo wir es schön finden – hoffentlich alle.
Fun „bis zum Abwinken“ – wie Thomas sagen würde. Und weniger harte Segelei – wenigstens bis nach Südafrika.
Qui vivera, verra! Wir werden es sehen.
 

Freitag. Heute haben wir den Grosseinkauf gemacht, im neuesten Supermarkt. Der ist grösser und luxuriöser als jeder, den ich in der Schweiz kenne. Er wird von Dubai aus geführt und ist derart herunter gekühlt, dass Dich fast der Schlag trifft, wenn Du ihn dann verlässt. Denn draussen ist es mindestens 40° C. Der Schweiss rinnt und rinnt und ohne Stirnband habe ich die Brille ständig voll davon.
Schlafen ist seit Eritrea gewöhnungsbedürftig. Die Koje ist immer nass vom Schweiss und wenn kein Wind weht und über das Windse­gel ins Innere herein bläst, rinnt der Schweiss selbst dann, wenn Du bewegungslos liegst. Wie damals in Haiti. Nur können wir uns hier nicht im Wasser abkühlen. Hafenwasser - zu schmutzig.
In zwei Tagen aber werden wir weg segeln – wenn auf unserem Weg kein Zyklon angekündigt ist. Im Indic sind Wasser und Luft etwas kühler. Den heisses­ten Teil unse­rer Reise wer­den wir dann hinter uns haben.


Mukalla, 16. Juni. Vorgestern Abend – wir waren schon etwa 250 Seemeilen östlich von Aden, kam Thomas zu mir und sagte, nach dem neuesten Wetterbericht würden wir bei unserer Ankunft nord­östlich von Sukutra bis zu vierzig Knoten Wind haben. Wir schauten uns das auf dem Lap­top gemeinsam an. Südsüdost Wind! Darum   entschloss ich mich, 100 Seemeilen nach Norden zu segeln und Mukalla anzulau­fen.
In Mukalla liefen wir zuerst in den grossen Hafen ein. Es gab nur eine einzige Stelle zum Anlegen mit kleineren Schiffen, am Ende einer Reihe grosser Dhaus. Eine Jacht lag dort. Schwei­zer. Wir kannten das Ehepaar von Aden her. Sie waren auf ihrem Weg in den fernen Osten, hatten aber viel Pech mit ihrer Jacht gehabt. Sie winkten uns heran, neben ihnen, das sei ein guter Platz zum Anle­gen.
Er gefiel mir nicht, der Hafen, er ist zu offen gegen Wes­ten. Ich wendete die WAHOO. Da sahen wir ein Plastik­boot mit zwei Kat-kau­enden Sol­daten auf uns zukommen, der eine hatte die Hand am Abzug seiner Kalaschnikow. Woll­ten die uns verjagen? Offenbar nicht. Es ging den bei­den nur um Bakschisch. Jedenfalls folgten sie uns nicht, als wir den Hafen wieder verliessen.
Nach langem Suchen fanden wir einen kleinen Hafen, gleich bei der Brücke über den künstlichen Inlett, der die beiden Stadtteile trennt. Der Hafen ist im Ausbau, soll pri­vat sein und nur für die kleinen, schnellen Boote mit star­ken Aussenbordern bestimmt. Es gab einen einzi­gen Platz für ein Boot unserer Grösse. Dort haben wir geankert,
mit langer Heckleine zu einem grossen Stein an Land.
In den grossen Hafen drückt bei Westwind starker Schwell. Die Boote werden dabei nach einander bis zu einem hal­ben Meter angehoben und wieder abgesenkt. Dort zu liegen ist bei solchen Verhältnissen gefährlich.
Am Tag nach unser Ankunft kam starker Westwind auf. Nach kurzer Zeit waren an der Schweizer Jacht zwei Fest­macher-Klampen gebro­chen und die Eigner am Verzwei­feln.
Wir massen darum die Tiefe des Eingangs in unseren klei­nen Hafen aus. Bei Hochwasser würden sie mit ihren 2.20 m Tiefgang gerade noch herein kommen. Gesagt – getan und wir wunderten uns, mit welcher Geschwindig­keit der Eigner über den schmalen, untiefe Ein­gang her­ein fuhr... Aber er kam durch und wir nahmen die Jacht längsseits an die WAHOO. Endlich konnten die Beiden ihre strapa­zierten Nerven etwas beruhigen.
Aber nicht lange. Kaum waren sie bei uns fest gemacht, rollten Last­wagen mit Aufschütt-Material über den äusse­ren Damm und began­nen bei der Einfahrt aufzuschütten. Bald war sie halb zugeschüttet und selbst die Motorböt­chen fuhren bei Niedrigwasser ganz langsam herein. Wir massen die Tiefe bei Hochwasser und sahen erleichtert, für uns würde es reichen. Nicht aber für unsere Nach­barn, die fast einen Meter mehr Tiefgang haben.

Es ist schon verrückt: Da haben die beiden ihre Jacht end­lich in Sicherheit und was passiert? Sie werden im Hafen eingeschlossen. Echte Pechvögel! Trotzdem, sie sind mehr als froh, nun hier neben der WAHOO in Sicher­heit zu lie­gen.
Leider läuft momentan gerade ihr Generator um die Batter­ien aufzu­füllen…


zum nächsten Kaspitel

Home