3 - Von Bar, Montenegro nach Port Sues

12. April 2007. Wir liegen in Methoni am untersten Ende des west­lichsten Fingers des Peloponnes vor Anker und haben einen Ruhetag eingeschaltet. Wie Du siehst, sind wir ziemlich vorwärts gekommen – seit Bar haben wir etwa 360 Seemeilen gesegelt und motort, in 6 Tagen. Für den Anfang nicht schlecht. Die Stimmung an Bord ist sehr gut, selbst wenn wir müde sind, kommt keine Missstim­mung auf.
 
Unsere Stationen: Bar – Otoni, zur nördlichsten der Ioni­schen Inseln, dann von Otoni nach Vlicho, einer geschlos­senen Bucht auf der Insel Lefkas und gestern von Vlicho hier her.
Vlicho – der alte Mann im Laden ist immer noch da und geschäfts­tüchtig wie eh und je. Er hat mich gleich erkannt und umarmt und uns alle mit einem Metaxa begrüsst – nicht ohne uns anschliessend eineinhalb Liter davon zu verkaufen.
Das neue Vorsegel funktioniert – heute haben wir den Schotzug montiert mit dem das Segel – wie Grosssegel und Besan – automa­tisch über gehen sollte.
Es ist immer noch recht kühl – in der Nacht kalt, sodass sich das Wasser nicht erwärmen kann: 16,5° hier unten. Die anderen haben bereits gebadet. Nichts für mich, schon des Rückens wegen.
 
Methoni hat allen gefallen, das Städtchen und auch die Burg. In der Burg hat sich nicht viel verändert, seit ich vor 7 Jahren zum letzten Mal hier gewesen bin. Ein paar wei­tere Mauerstücke sind gegen Nor­den hin ins Meer gefal­len. Bald wird von jenen Mauern nichts mehr übrig sein. Schade. Auch diese riesige Burganlage wäre eigent­lich ein Kulturerbe.
Um so mehr hat sich im Städtchen verändert. Gab es damals nur ein vergammeltes Hotel, stehen heute mindest­ens deren fünf zur Verfü­gung. Bis auf eines – lei­der direkt am kleinen Hafen – sind alle im alten Stil oder sogar in alte schöne Häuser hinein gebaut. Sprach damals prak­tisch niemand Englisch, konnte ich mich jetzt sogar mit dem alten Besitzer des Mischwarenladens unterhalten. Ein Laden, wie Du ihn Dir pittoresker nicht vorstellen kannst. Voll gestopft mit allem und jenem – Werkzeuge, Nägel, Schrauben, Schuhe, Plastikgefässe, Öllampen, Taschen­lampen, Seile, Schnüre, Kaffeemaschi­nen, Besen, Geschirr, Pfannen, Töpfe, und und und…
Nur schlanke Menschen können sich zwischen den vielen Gestellen durchquet­schen und wenn, dann schauen sie immer wieder ängst­lich nach oben, denn die Gestelle sind hoch und über ihnen thronen drohend weitere Kochtöpfe, Giesskannen, Nachtgeschirre. Ganz zu oberst aber hän­gen, an einem Haken von der Decke herab baumelnd, auf­blasbare Plas­tik-Delphine und -Schwäne und ganz kom­mune Rettungs­ringe neben Kinder-„Flügeli“. Und zu hin­derst in einer Ecke des Ladens, lugt, ziemlich ver­staubt und verschupft, ein echter kleiner Teddybär zwi­schen einer Kinderbadewanne und einem alten Wasch­brett her­vor.
Hier habe ich ein 5 Liter Olivengefäss gekauft - jetzt dient es uns im Cockpit als Duschbehälter - und einen echten Rapalla-Kunstfisch – ein ganzes Sortiment davon hängt im Schaufenster des Ladens. Er wird uns hoffentlich einige echte Bonitos oder – noch lieber – Gold­makrelen besche­ren.


15. April. Porto Longo, Insel  Sapienza, nur fünf Seemei­len südöstlich von Methoni. Wir sind gestern hierher motort, weil Südostwind auf­gekommen ist. Der steht dort genau in die Bucht hinein. Heute hat dann der Wind über SE – S – SW – W – NW – nach Nord gedreht und weiter, sodass wir am Abend wieder Ost-Wind hatten. Jetzt ist Windstille und starke Dünung, die manchmal als weisse Brandungs­welle dem dunklen Felsufer entlang bis in unsere gut geschützte Bucht hinein wandert. Die WAHOO rollt ganz leise vor sich hin. Die Sonne scheint durch einen verschleierten Himmel und lädt die Batte­rien. Charles schreibt seiner Marlies ein SMS und Julia und Thomas sind an Land gerudert und besteigen einen der Hügel im Westen. Sie müssen sich durch den Maquis hin­durch kämpfen, der hier zum gros­sen Teil aus den „Erd­beer“-Büschen besteht, deren Früchte im Herbst dann rot und "süss süss süss" sind – wie Charles sagt. Es sind diesel­ben, aus denen Don Anto­nio, der Brenner in Aljer­sur, den Madrogno Schnaps brennt, der so viel besser schmeckt als Bagass.

Auf diesen Inseln leben noch Mufflons. Sie sind eine Mischung aus Steinbock und Urgeiss. Die meisten Böcke haben nach hinten rund herum gedrehte Hörner. Sie sind etwa so gross, wie Lamas, die Weib­chen nicht kleiner. Eine Familie – Muttertier, Junges und Bock haben wir am ersten Abend am Ufer gesehen, ganz nahe. Dieser Bock hatte allerdings lange, spitze Hörner, die schräg nach hin­ten standen und fast gerade waren. Er kann sich damit den hinteren Teil seines Rückens kratzen. Wenn der plötz­lich vor Dir steht…
Es ist Wind aufgekommen, aus Westsüdwest aber die Dünung ist noch stark. Trotzdem, wir hätten versuchen können, Ostsüdost zu segeln, zum zweiten Finger des Peloponnes und dort in Porto Kagio zu übernachten.

Montag, 16. April 2007. Eben sind wir von einem vergebli­chen Ver­such zurück gekehrt, den Peloponnes Richtung Kreta zu verlassen. Der Wetterbericht hatte eigentlich Ost­nordost Wind um 5 angesagt, nach Nordost drehend. Draussen aber wehte es fast aus Ost, etwa aus 100°
so dass wir Kreta bei weitem nicht anliegen konnten. Und zwischen durch hatten wir gegen 30 kn Wind! Wir segel­ten mit einem Reff im Besan und ich hätte trotzdem kei­nen der Drei alleine Wache gehen lassen – und gelandet wären wir womöglich in Tripolis. So entschloss ich mich, zurück zu segeln und da liefen wir dann mit 7,5 – 8 Kno­ten. Charles hat dazu gesungen. Ich glaube, alle sind zufrieden mit dem Entscheid. Um so mehr, als der Wind jetzt aus Süd kommt. Vielleicht dreht er weiter nach West. Dann könnten wir los segeln.
 
Donnerstagmorgen. Wir segeln mit Südwest Wind um 12 Knoten mit knapp 6 Knoten Fahrt Richtung Kythira. Charles geht oben Wache, Julia liest ihren Krimi und Tho­mas schläft. Gesten haben wir Porto Longo verlassen und sind nach Porto Kagio gesegelt – halb gesegelt, halb motort. Heute nun scheint der Wind stetiger zu sein.
Ich hoffe, er dreht zurück nach West. Das Wetter hat sich etwas beruhigt, wir haben Sonnenschein und meine
Hoff­nung erfüllt sich, der Tageswind könnte den Süd­west Wind zu unseren Gunsten beeinflussen.
Eben haben wir die neue Fock gehisst – mit etwas Schwie­rigkeiten. Noch ist das nicht so eingespielt, wie das Hissen des Grosssegels und des Besans. Aber nun laufen wir mit 6,7 bis 7 Knoten, bei 13 Knoten Wind. Ein ganz passables Ergebnis.


Samstagmorgen. Wir sind fast 170 Seemeilen weiter gekommen und liegen nun im kleinen Fischerhafen Mila­tos, an der Nordost-Küste von Kreta, knapp vor der gros­sen Bucht, die dort tief in die Insel ein­schneidet. Wir haben den ganzen Donnerstag über rauschende Fahrt gemacht, mit achterlichem Wind.
Freitagmorgen um 4 Uhr ist er dann zusammen gebro­chen und hat einem Ost­südost Wind Platz gemacht. Genau auf die Nase! Aber so schwach, dass wir erst um den Mittag herum wieder segeln konnten: hart am Wind aufkreuzen, der Nord-Küste Kretas entlang.
Es ist die ganze Zeit über saukalt gewesen und beim Auf­kreuzen hat selbst Thomas Schuhe und Socken angezo­gen. Ich selber hatte dicke Woll­socken an, ein langärmli­ges Leib­chen, ein dickes Hemd, einen Woll­pullover und die dicke Jacke – während der Nachtwa­che zusätzlich die lan­gen Helly Hansen Unter­hosen. Und das in Kreta! Aber schon beim näher Kommen hatten wir gesehen, dass der höchste Berg der Insel mit Schnee bedeckt ist. Und auch das Wasser ist noch so kalt, dass sich nur Thomas kurz hinein gewagt hat.
Gegen Abend haben wir uns dann einen Hafen in unserer Nähe aus­gesucht und sind eingelaufen. Kein Platz, überall untief, keiner der uns irgendwie geholfen hätte. Wir waren noch zu nahe bei Heraklion und alles sehr touris­tisch. Also mit 2300 Touren zum nächsten Häfel­chen, etwa 8 Seemei­len entfernt. Knapp vor Sonnenun­tergang sind wir ange­kommen. Noch kleiner, der Hafen – und noch untiefer. Schon beim Einlaufen hatten wir nur noch 70 cm unter dem Kiel. Aber am Kai mit den Fischer­booten standen zwei Männer und winkten uns in eine Lücke. Ich fuhr rückwärts hinein, wir machten fest und fragten nach der Mooring­leine (mit der man das Schiff nach vorne, vom Kai weg ziehen kann). Da merkten wir, dass die bei­den gar keine Fischer waren und keine Ahnung vom Fest­machen eines Schiffes hatten. Also nochmals hinaus, bis zum gegenüber liegenden Kai und Thomas liess den Anker fallen. Da ist alles voller Ketten am Grund, rief Charles. Aber der Anker war unten und ich fuhr nochmals rückwärts in die Lücke hinter uns.
Jetzt liegen wir gut, wenn kein Starkwind aufkommt. Sonst weiss ich nicht, ob der Anker halten würde. Aber wir machen ja eine Pause hier, weil der Wetterbericht kaum, und später etwas Wind aus Südost angesagt hat, ab Mor­gen dann für längere Zeit aus Norden. Das wäre super für uns, denn jetzt liegen ungefähr 400 Seemeilen vor uns.
Das, wovor ich Bedenken hatte, ist eingetreten. Der Wind hat aufge­frischt und ist auf Südost umgesprungen. Bald einmal hat das ach­tere Abschlussbrett der WAHOO die Hafenmauer berührt, es wurde förmlich hoch gebogen. Zeit zum Handeln!
Wir machen das Schlauchboot klar, schäkeln 30 m Kette und eine
40 m Leine zusammen an den Bügelanker, fie­ren alles mit dem kleinen Kran ins Dinghy hinunter und Thomas und ich fahren mit dem Motörchen los. Der starke Wind - genau gegen uns - und die lange Leine zur WAHOO haben uns immer wie­der gegen die in Lee vertäut­en Fischerboote getrieben.
Am Schluss haben wir Anker und Kette - anstatt 45° vor­aus - etwa im rechten Winkel zur WAHOO geworfen und die Leine eingezogen. Immerhin, nach der Seite hin ist sie nun stabilisiert. Aber der Wind dreht weiter nach Süd, das heisst nach vorne und der Hauptranker beginnt zu slippen. Was bleib uns übrig? Wir müssen den grossen CQR Anker aus der Bank im Salon heraus nehmen, ein paar kurze Kettenstücke und eine 40 m Leine daran schä­keln und ein zweites Ankermanöver fahren. Dieses Mal nehmen wir auch die Leine mit ins Beiboot und das Ganze funktioniert besser. Umso mehr, als dort, wo ich den Anker werfen will, eine Boje im Wasser schwimmt, an der ich unser Beiboot fest machen kann. Nun können wir in aller Ruhe zuerst die Kette und dann zusammen den 50 kg schweren Anker über den Schlauch des Dinghys hiefen und werfen. Zurück zum Boot setzen wir die Anker­leine steif und sind froh, zu sehen, der Anker hält.
Wenn du dir allerdings vorstellst, dass wir das alles bei etwa Wind­stärke 7 gemacht haben, weisst du, es ist etwas turbulenter abgelau­fen, als ich es hier beschrieben habe.

Es kommen noch immer Böen mit Stärke 7 herein – Charles meint sogar 8. Aber mit 3 Ankern, wovon 2 gut halten, sind wir sicher. Es sei denn, der Wind drehte nach Südwest, West oder Nordwest. Dann müssten wir wenigs­tens den Bügelanker heben und auf der anderen Seite der WAHOO wieder werfen. Das wäre dann wohl Prüfung und Übung No. 2 unter erschwerten Bedingungen – näm­lich in der Naht.
Zur Belohnung für uns „tapfere Männer“ gibt es immerhin ein Glas Weisswein schon zum Mittagessen – um 4 Uhr - und sehr wahr­scheinlich ein Abendessen an Land.

Sonntagmorgen. Rund um Kreta herum gibt der griechi­sche Seewet­terdienst Sturmwarnungen. Also kein Einho­len der Anker, über das ich mir in der Nacht Gedanken gemacht habe. Der CQR Anker liegt in einem Haufen gros­ser Felsbrocken. Ihn heraus zu holen wird schwie­rig sein. Wenn wir den verlieren würden, oder das Schlauch­boot beschädigt hätten oder würden – habe ich heute beim Morgenessen der Runde erklärt – das wäre dann eben ein solches „unvorhergese­henes Ereignis“, wie es in unserem Vertrag heisst. Da müssten wir dann wohl dar­über reden, wie wir die Kosten unter einander aufteilen würden.

Gestern Abend hat das Abendessen wirklich stattgefun­den. Julia wollte unbedingt Suflaki essen und das gibt es jetzt nur im entfern­testen Restaurant, wo Wirt und Wirtin Deutsch sprechen und wo es bereits ein paar Touristen hat. Also war klar, dass wir dort essen gehen würden. Dann begann es wieder zu blasen und als wir uns auf den Weg machten, meinte Thomas, wir müssten wohl am Hafen essen, denn ich würde dort hinten nicht ruhig essen können. Da hatte er wohl recht, von der Hafenbeiz aus konnten wir das Anker­licht der WAHOO sehen und genau verfolgen, was sie machte. Also fragte ich den Hafenwirt, ob er Suflaki habe. Nein, sagte er, es sei noch nicht Touris­tenzeit und Suflaki koche er nur für jene. Julia war einge­schnappt und meinte, sie gehe zurück aufs Schiff und esse die Resten eines Getreidemuses, das sie vor etlichen Tagen gekocht hatte. Da schlug ich getrennte Formation vor. Und so haben Julia und Thomas Suflaki gegessen und wir, Charles und ich Lammkoteletts in der Hafenbeiz. Und alle waren wieder zufrieden.
 

25. April, noch etwa 140 Seemeilen vor Port Said.
Vorges­tern hatte der Wetterbericht Nordwest-Wind um
20 Kno­ten angesagt. Zeit, die erste grössere Strecke unter den Kiel zu nehmen. Aber zuerst muss­ten wir die Anker heben. Der Bügelanker hatte sich im Schlick gut eingegra­ben – ein rei­nes Kraftproblem, ihn vom Dinghy aus auszu­brechen und dann hochzuziehen. Thomas hielt ihn unter dem Böt­chen fest und ich ruderte zur WAHOO. Dort erwartete uns Charles mit dem Kran, wir hängten ihn daran und Schwup, war er an Deck. Jetzt zum 50 kg CQR Anker! Ich ruderte uns hin – er lag auf der Seite, die Kette lief lose bis zu ein paar grossen Felsblöcken, die zwi­schen ihm und der WAHOO lagen. Und doch hatte er gehalten. Des Rätsels Lösung sahen wir bei den Felsblö­cken. Ein grosser Schä­kel, der zwei Kettenstücke zusam­menhielt, hatte sich zwi­schen zwei Felsblöcken verkeilt und uns die ganze Zeit gehalten!...
Ob wir den je wieder heraus bekommen würden? Wir hievten also den Kettenvorlauf ins Dinghy und der Schä­kel kam nach oben, wie wenn er dort unten nie ein Schiff von 24 Tonnen gehalten hätte. Nun war nur noch der Anker zum Dinghy-Boden herauf zu ziehen. Mit ver­einten Kräften schafften wir auch das, ruderten zur WAHOO zurück und hievten ihn mit dem Kran an Deck. Den Hauptanker einzu­ziehen war dann Routine. Und los ging es.

Bein Segelsetzen hatten wir noch Wind, allerdings aus Südwest. Kaum waren sie oben, schlief er ein. Vermutlich wurde er von den Bergen der Insel abgedeckt. Also weg von der Küste. Bald segelten wir wieder. Gute Laune, alle zufrieden. Endlich unterwegs nach Port Said und mit gutem Wind.
Weiter östlich sahen wir dann erstaunt, dass die grossen Windräder auf der Krete des nächsten Bergrückens mit Nordwest-Wind drehten. Und wie erwartet – kaum hatten wir das Kap vor der grossen Bucht gerundet, wurde der Wind unstetig und fiel dann aus Nordwest wie­der ein. Aber nicht mehr mit den gemütlichen 15 Knoten sondern gleich mit 20. Als er 25 Knoten erreichte, refften wir beide Segel. Wir probierten zum ersten Mal eine neue Methode. Charles sollte das Schiff genau vor dem Wind steuern, sodass der Besan das Grossegel abdecken und es lose hin und her schwingen würde. So hätten wir es relativ leicht reffen können. In der Theorie. In der Praxis hat es noch nicht so gut geklappt. Wenn aber die Bullen­talje stehen bleibt und mit der Grossschot zusammen den Baum des Grossegels fest hält und wenn es dem Steuer­mann gelingt, das Grosssegel in der Abde­ckung zu hal­ten, dann ist es eine gute Reffmethode. Dieses Mal sind es noch etwas viele „wenn“ gewesen, die nicht ganz geklappt haben.
Den Besan refften wir dann wie gewohnt. Und so segel­ten wir im Süden der beiden klei­nen Inseln durch und um die anschliessende Untiefe herum zum Kap Sideron, dem Ost-Kap von Kreta. Da nahm der Wind nochmals zu, erreichte 30 Knoten und wir refften beide Segel ein zwei­tes Mal. Dieses Mal klappte die neue Methode schon viel besser. Mehr Wind brauchten wir nun sicher nicht. Die WAHOO begann vor den immer höher einkommenden Wellen zu surfen. Tho­mas und Charles schwören, sie hät­ten die WAHOO die längste Zeit mit 10,9 Knoten (nach GPS) segeln sehen und ein Mal sei vor einer grossen Welle eine Böe eingefallen und die WAHOO sei die längste Zeit auf der Welle mit geritten und das ganze Schiff habe vibriert.
Die Böen erreichten 40 Knoten. Zeit die Segel nochmals zu verrin­gern. Wir nahmen den Besan herunter. Und so segelten wir in die Nacht hinein. In unsere erste Sturm­nacht dieser Reise. Ich hoffe, es war auch die letzte. Denn lustig ist so was nie!

Ich habe kurz unterbrochen. „Der Koch“ offerierte Griechi­schen Salat, Brot, Schinken, Wurst und dreierlei Käse zum Mit­tagessen. Seit drei Stunden läuft der Motor.

Wir haben Wellen von achtern, hinten – die Ausläufer des Sturmes – fast keinen Wind von vorne und eine Strö­mung von  ca. 0.7 Knoten gegen uns. Wir rollen kaum mehr, die Sonne scheint und wir haben an Deck geges­sen. Leider schlagen die Segel. Aber das haben sie ges­tern auch, mit Wind von achtern und einer üblen Kreuz­see – alte Dünung von Nord vermischt mit einer aus Ost. Wir haben nun zwei Nächte und einen Tag nur gerollt. Noch gestern waren wir alle sehr müde und nicht weit vom Seekrank werden ent­fernt. Heute ist alles anders. Alle sind fidel, kümmern sich für­sorglich um eine verirrte Schwalbe – sie lässt sich bereits mit tot­geschlagenen Flie­gen füttern, wir schlagen tot um Leben zu erhalten – schreiben, lesen, kochen und jetzt gibt es sogar einen Espresso.
Zurück zum Sturm. Er hat den Rest des Tages und die ganze Nacht über gedauert. Immerhin hat der Automat das Steuern übernommen und der Wellengenerator die Energie dazu geliefert. Aber ich glaube, wir alle verzich­ten dankend auf jeden weiteren Sturm.


Port Said, 27. April. Wir sind angekommen.
Gestern noch ist es immer wieder unklar gewesen, wann wir ankom­men würden, noch in der Nacht oder erst bei Tagesan­bruch. Dann hat der Wind nochmals aufgefrischt und um halb vier am Morgen lagen wir vor dem Eingang des Kanals, der nach Port Said führt – wenn man die rich­tigen Abzwei­gungen erwischt.
Stell Dir vor: die Millionen Lichter der Skyline der Stadt vor Dir, hinter Dir die Lichter der vielen Frachter, die dort auf Reede liegen und irgendwo sind dann da noch die kleinen grünen und roten Lichtlein der Wegtonnen. Die musst Du nun finden, im Dunkel der Nacht, denn dazwi­schen führt Dein Weg zum Hafen.
Mit beiden Segeln vor dem Wind segelnd, liefen wir fünf Knoten. Zu viel um die Wegtonnen ohne Stress zu suchen und zu finden. Also bargen wir den Besan – was nicht ohne Stress ging, denn mein Ent­schluss dazu war etwas zu plötzlich gekommen. Dann segelten wir gemütlich – und doch etwas gespannt – von Tonne zu Tonne.
Dabei sind die Möglichkeiten der elektronischen Seekarte eine riesige Hilfe. Du hast eine Karte vor Dir, mit allem Drum und Dran und natürlich auch mit dem Weg, den Tonnen und ihren Kennungen. Auf dieser Karte "fährt" Dein Schiff mit, ist immer an der Stelle eingezeichnet, an der es sich gerade befindet. Vorbei die Stress-Situationen, wenn Du die übernächste Tonne im Lichtermeer der Stadt einfach nicht fin­den konntest. Du weisst immer, wo Du bist und siehst wohin Du steuerst: irgendwann werden wir diese ver­flixte Tonne dann schon sehen.
Eine phantastische Sache, diese moderne Seefahrt!... solange die Elektronik funktioniert.

In Port Said hatten wir einen ziemlich rolligen Ankerplatz beim Jacht­club. Draussen fuhren die Pilotversetzboote mit full speed vorbei. Das wirft ziemlich Wellen. Die riesigen Tanker und die noch grösseren Containerschiffe hingegen spürten wir kaum. Das gegen den Kanal offene Jachtbe­cken wurde gerade umgebaut. Wir lagen in einer Bau­stelle, neben uns ein Sandschiff, ein paar Arbeiter entlu­den es mit einem Kranschiff. Andere standen oder sassen herum oder arbeite­ten, aber so, dass sie uns nicht stör­ten. In zwei Monaten soll alles fertig sein, mit Platz für über zwanzig Jachten. Schwer zu glauben, bei diesem Arbeit­stempo. Das spielt aber keine Rolle, den Preis von 1.30 $ pro Meter Schiffslänge müssen die Jachten bezah­len, ob die Marina fertig ist oder nicht.
Der Jachtmanager aber ist sehr beflissen und freundlich. Er bestellte einen Agenten für uns, ohne den hier nichts geht: Denn der organi­siert alles, zB den Beamten, der das Schiff nach Bruttoregistertonnen „vermisst“. Er kam, schaute ins Schiff hinein, füllte einen Zettel aus – mit Angaben die er schon auf der Kopie des Flaggenscheins hatte - bekam seine 20 $ - damit wir am nächsten Tag auch wirklich den Kanal würden passieren dürfen - ver­langte 2 Päckchen Zigaretten für seine Schiffsbesatzung und verschwand wieder.
Da gab sich der Agent schon mehr Mühe – und kostete im Verhältnis erst noch weni­ger. Zwei Mal mussten wir zu ihm hin. Vornehme Büros – wir würden protzig sagen – sehr guter Schwarztee und als wir den Namen des Tees erfrag­ten, ein Päckchen gleich als Geschenk; dann Geschenke für den Kapitän – wir würden sie Kitsch nen­nen – und alle Auskünfte, die wir haben wollten – ausser über Politik. Darüber wollte niemand reden.
Aber auch hier sagte man uns – wie überall, wo wir nach unserem Abfahrtstermin fragten – wir könnten nur passier­en, wenn an diesem Tag keine amerikanischen Kriegs­schiffe den Kanal für sich beanspru­chen würden. Die Leute schäumen dieser Frechheit wegen. Die Ame­rikaner verlan­gen nämlich, dass während ihrer Durchfahrt kein frem­des Schiff näher als 500 m an eines der ihren heran fahren darf. Das bedeutet: der Kanal ist für die kleinen Schiffe gesperrt, die grossen dür­fen sich sowieso nicht kreuzen, sie warten in einem Zwischenka­nal.
Bei unserem zweiten Besuch – zum Bezahlen – lernten wir den obersten Boss kennen. Der machte aus seiner Seele keine Mörder­grube und liess seinem Hass freien Lauf. Nur sind für ihn – und wahr­scheinlich für fast alle Araber – die Juden schuld, die im amerikani­schen Kon­gress und über­all sonst an der Macht sitzen.
Die alte Verschwörer-Theo­rie! Sie hat den Juden schon  viel Leid gebracht.

Die Rechnung für die Kanaldurchfahrt, die Lotsen einge­schlossen, war doppelt so hoch wie wir gerechnet hatten: Knapp tausend US-Dollar - und nur Hundert davon für den Agenten. Gesalzen und gepfeffert!
Um so langweilig ist die Durch­fahrt selber und sie dauerte für uns etwa zehn Stunden - nur bis nach Ismaelia. Zuerst ist das Westufer zwar noch grün, Palmen wachsen, ein paar Gärten sind angelegt, auf der Strasse gleich daneben rasen Autos und von Zeit zu Zeit rattert ein Zug vorbei; Strasse und Geleise folgen dem Kanal. Bald aber beherrscht die Sahara beide Ufer und riesige Sandhügel behindern die Sicht ins Hinterland. Das Militär ist sehr prä­sent, ein Posten nach dem ande­ren, auf beiden Ufern – der Kanal wird stark bewacht.
 
Ein Lotse steuert nicht, er gibt Anweisungen. Die Verant­wortung liegt allein beim Kapitän. Der steht oder sitzt denn auch die ganze Zeit am Ruder, wenn er keinen guten Steuerautomaten hat. Und auch damit musste ich den Kurs ständig um 1..2° korrigieren, denn wir hatten uns immer hart an den roten Tonnen zu halten.
Von unserem Automaten war der Lotse sichtlich begeis­tert und ver­gass manchmal, dass er selber eigent­lich gar nicht steuern durfte. Umso weniger war er von der Kraft unse­res Motors angetan.
9 Kno­ten Geschwindig­keit wollte er – 5,5 bekam er, das schob seinen Fei­erabend beträcht­lich hinaus. Umso mehr als wir zeitweilig bis zu einem Knoten Gegenstrom hatten. Um schneller zu werden, bewil­ligte er uns sogar das Setzen des kleinen roten Vor­segels. Als dann aber die Riesenpötte vor uns auftauch­ten – die Con­tainerschiffe und die Gastanker sind gewal­tig und zum speien… da mussten wir es wieder ber­gen, sonst bekomme er einen Verweis.
Knapp vor Sonnenuntergang erreichten wir die Marina von Ismaelia. Sie liegt in einem kleinen See. Hier ist Ruhe, kein Baulärm, kein Rol­len; saubere WC’s mit Closo­mat!... und Duschen. Und das alles güns­tiger als in Port Said.


Nun ist es wirklich heiss, wenigstens über den Mittag. Also habe ich heute das blaue Schattendach hervor geholt und angefangen zu montieren. Irgend etwas stimmte aber nicht. Und als ich genauer hinschaue, sehe ich, da fehlt ein grosses Stück Tuch, einfach heraus geschnitten. Nicht zu glauben!
Aber es ist so. Nun stellt sich heraus, dass Julia und Charles eine Abdeckung für Charles Bett gemacht haben. Sie hätten mich doch gefragt, ob es noch ein Stück Tuch gebe und ich hätte gesagt, ja in der Truhe. Da hät­ten sie eben das Stück das sie brauchten heraus geschnitten und sich über die Verstärkungsbänder und die kleinen Seile zum Anbinden gewundert – die hätten sie alle weg schnei­den müssen…
Ein Missverständnis, klar - in der Truhe liegt auch das Abfallstück, das sie nehmen sollten. Aber aus meiner Sicht auch eine Gedanken­losigkeit. Ich bin nicht gerade erbaut gewesen. Vor allem nicht, als Julia sagte, ich hätte eben nicht korrekt kom­muniziert.
Ich denke es ist von beidem was drin, ungenügende Kom­munikation und Gedankenlosigkeit. Mir ist nicht im Traum eingefallen, sie könn­ten ein Stück aus dem Schat­tendach heraus schneiden und sie hätten eigentlich mer­ken sollen, dass das Tuchstück, das sie zerschneiden wollten, irgend etwas Spezielles ist. Nun schneiden und nähen sie das Ganze mit Zwischenbändern wieder zusam­men. Mal sehen wie es am Ende aussehen wird.
Solche Zwischenfälle sind unvermeidlich, wenn Menschen mit so ver­schiedenen Bedürfnissen und so verschiedenem Wissen zusammen leben und arbeiten. Damit versuchen wir zu leben und das Beste dar­aus zu machen. Nämlich daraus zu lernen, wie wir uns besser verste­hen und mit diesen Unterschiedlichkeiten ein wenig besser umgehen können.


Port Sues, 4. Mai 2007. Gestern sind wir hierher motort und haben dabei eine ganz andere Art Lotsen kennen gelernt. Ein kleiner, hage­rer Mann mit flinken Äuglein, einem Dreitagesbart, einer Baseball­mütze umgekehrt auf dem Kopf, Alter irgendwo zwischen fünfzig und sechzig. Er sei ein „Fisherman“ gewesen, Malta, Genua, Singapur, Athen und noch ein paar andere Häfen hat er aufgezählt. Da sei er gewesen, als „Fisherman“.
Aber er erzählte nur, wenn wir ihn fragten.
Er habe drei Söhne, der erste sei Arzt, der zweite Offizier der Armee und der dritte schliesse bald seine Ausbildung auf einer Schule in Kairo ab und habe eine Stelle als Chef­koch in einem grossen Hotel.
Dann endlich könne er sel­ber mit dem Arbeiten aufhören. Das bedeu­tet, seine Söhne sind seine Altersvorsorge. Er hat sein ganzes Geld in ihre Ausbildung gesteckt und nun, nachdem jeder einen guten Beruf hat und gut ver­dient, sorgen sie für sein wei­teres Auskommen bis zu sei­nem Tod. Leider haben wir nicht nach Töchtern gefragt. Sie muss er verheira­ten und jeder eine Aussteuer bezahlen. Dann sor­gen sie mit ihren Männern für deren Eltern.

Im grossen Bittersee ankerten fünfzehn Schiffe, Frachter, Container, Tanker. Sie warteten dort jeweils, bis der Kon­voi, der von Süden kommt, passiert hat. Wir fuhren an allen vorbei und warteten dann ebenfalls, aber neben dem 12 m tiefen Kanal auf 5 m Wassertiefe.
Durch den See führen drei Kanäle, einer ist 12 m, ein anderer 24 m und der dritte 36 m tief aus gebaggert, der tiefste für die ganz gros­sen Containerschiffe. Die müssen in den einspu­rigen Kanälen genau in der Mitte fahren, weil sie leicht V-förmig ausgebaggert sind. Daher ist ein Kreu­zen der ganz Grossen nicht möglich. Jachten jedoch kön­nen auch bei Gegenverkehr fahren.
Nachdem uns der letzte Container des Nord-Konvois pas­siert hatte, setzte sich unser, der südwärts fahrende, Kon­voi in Bewegung. Ein Schiff nach dem anderen ist an uns vorbei gezogen. Als letztes Schiff durften endlich auch wir Anker auf gehen und sind natürlich erst im Dunkeln in Sues angekommen. Es war etwas schwierig, die WAHOO vor dem Segelclub an zwei Bojen fest zu machen – aber mit Hilfe der Club­crew im Motorboot haben wir auch das noch geschafft.
Sie haben dann auch den Lotsen an Land mitgenommen. Er hat – auch das eine grosser Unterschied - nicht nach einem Geschenk gefragt, wie sein Vorgänger – einfach sein Couvert mit den 15 US$ dankend angenom­men und vor allem Freude daran gehabt, dass ich ihm für seine Arbeit gedankt habe. Mit ihm sei es ein Vergnügen und sehr angenehm gewesen.
Kaum ist der Lotse von Bord, ruft Julia zum Abendessen. Sie hatte auf den letzten paar Meilen eine Lasagne in den Ofen geschoben und nun feierten wir die Ankunft im Roten Meer mit einer ausgezeichne­ten Lasagne und mit gutem Rotwein aus Montenegro.

Eigentlich ist es unsere Fast-Ankunft gewesen, weil noch drei See­meilen gefehlt haben und auch das nur bis zum Golf von Akaba oder Sues.


Heute morgen dann die grosse Überraschung.
Julia nimmt ein Espresso-Tässchen hervor und fragt erstaunt, was ist denn das? Zwei längliche, braunschwarze „Bölleli“ liegen darin. Nichts Lebendiges – aber klar für mich und auch Michel wüsste sofort Bescheid: Ratten­schisse! Höchste Alarmstufe! Natürlich haben wir weitere „Unta­ten“ der Ratte gefunden, das da angefressen, jenes ebenfalls und hier und hier… bisher aber noch keine Schläuche und Kabel.
Charles hat sie dann in der Nacht gesehen, nicht sehr gross, aber eine Ratte! Sie muss im Jachtclub von Ismae­lia über den riesigen, spiegelglatten Fliesenboden zu uns getrippelt sein und Hopp, war sie an Bord und blitzschnell im Innern der WAHOO verschwunden.
Nun haben wir eine Rattenfalle aufgestellt mit einem Stückchen Schinken am Haken – trotz Thomas’ Protest – und Holzbrettchen und das gelbe Plastikbecken und einige Vorratsbehälter-Deckel im ent­sprechenden Kasten mit einem Leim eingestrichen, der sie am wei­tergehen hindern soll ägyptische Erfindung. Wir hoffen und beten zu allen Göttern und Göttinnen, sie gehe in eine der Fal­len!... das Ersäu­fen wird schwer genug sein



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