19 - Portugal – und zurück nach Montenegro
 
Wir hatten die Reise rund um Afrika im Herbst 2008 in Portugal unterbrochen. Julia und Thomas waren mit einem Wohnwagen voll ihrer Dinge nach Hause, zu ihrer Arbeit zurück gekehrt. Ich reiste etwas später ebenfalls in die Schweiz, aber nicht mehr nach Solo­thurn, sondern pen­delte zwischen dem Tessin, Poschiavo und Zürich hin und her.
Endlich habe ich begonnen, was ich lange versäumt hatte – mich mehr um meine Familie und um meine FreudIn­nen zu kümmern. Ich musste dazu gezwungen werden – und merkte erst dann, wie schön es ist Töchter, Enkelin­nen, Geschwister und FreundInnen zu haben. Es tut gut, das zu merken. Ich danke allen, die mich aufge­nommen haben, als wäre das selbstverständlich. Für mich ist es das nicht, zu lange hatte ich mich zu wenig um sie alle gekümmert.
 
Nach meiner Rückkehr im Frühling 2009 auf die WAHOO, die in Faro an Land stand, kam zuerst die Arbeit - sie kommt halt meistens vor dem Vergnügen. Getriebe und Ankerwinsch revidieren – bei Vreni und Georg – Jugend­freundin und Bruder von Barblina. Georg ist nicht nur Elektroniker und Winzer, er versteht sich genau so gut auf Moto­ren und Getriebe. Vielen Dank Georg - und auch Dir Vreni, für die Gast­freundschaft! Ich habe mich bei Euch irgendwie zu Hause gefühlt. Eine schöne Zeit.

Dann zurück aufs Wasser. Segeln mit Barbara, Heinz und Jonathan - alten Solothurner Freunden - entlang der Por­tugiesischen Küste, den Guadiana hinauf, ins „alte“ Portu­gal.
Der Guadiana ist der Grenzfluss zwischen Portu­gal und Spanien
Auf dem Fluss ein gemütliches sich Trei­ben lassen. Das bisschen Fahrt, das der Wind bringt, genügt gerade zum Steuern. Der Fluss läuft die halbe Zeit auf­wärts – wäh­rend der Flut – und das haben wir benützt um ohne Motor bis Alcoutim zu kommen.
Alcutim, ein Dorf auf der portugiesischen Seite des Flus­ses, San Lucar, jenes auf der Spanischen. Du kannst mit dem Dinghy hin und her fahren, es gibt keinen Zoll, nichts derartiges mehr. Nur die Uhr musst Du jedes Mal um eine Stunde vor und zurück stellen.
Spa­nien hat Mit­teleuropäische Zeit, Portugal eine Stunde später.


Unterwegs haben wir zwei Dörfer erkundet, die vor zehn Jahren, als ich das letzte Mal da war, nur noch als Ruinen existiert haben. Heute werden im Untersten Leitun­gen für Wasser und Elektrisch eingezo­gen. Alle Strässchen und Gässlein sind aufge­wühlt, für die alten Leute, die dort leben, nicht gerade einfach. Aber nachher...
Und werden auch die Jungen wieder zurück kehren? Das haben wir uns gefragt und in den nächsten Dörfern die Antwort gefunden. Da ist ein Restaurant entstanden zu dem die Leute – vorwiegend natür­lich Touristen – vom Meer herauf kommen, des guten frischen Schaf­käses und des Schinkens wegen.
Im nächsten Dorf steht ein Hotel und im übernächsten ein Restau­rant, das unter den Seg­lerInnen bekannt ist für sei­nen guten Schwei­nebraten von den kleinen, schwarzen Säulein (porco preto). Junge Leute leben wieder dort. Die hübscheste junge Frau ser­viert im Restaurant – ihres Vaters – möchte aber so bald als mög­lich nach Vila Real oder gar Faro „flüch­ten“ um dort zu arbeiten. „Flüchten“ vielleicht vor ihrem Vater, der ein bekannter Grobian sei und seine Frau – eine grossar­tige Köchin – immer wieder schlage. Wenn man der Erzählung eines Deutschen trauen will, der seit zwanzig Jah­ren am Fluss lebt.

In Vila Real steigen Sabine und mein „alter“ Freund Roger zu. Wir segeln nach Spanien. El Rompido. Auch dort bin ich vor Jahren gewesen. Die Einfahrt war immer schwie­rig, weil ein Schiff zuerst durch eine Lücke in der Sand­barre zum Ufer und dann parallel dazu hinter die Sandin­seln fah­ren musste. Und früher ist prak­tisch nichts betonnt gewe­sen. Am besten, man wartete auf einen Fischer und fuhr hinter ihm hinein. Drinnen gab es Ankerplätze und ein kleines Restaurant auf Pfählen. Richtig idyllisch - ein Geheimtipp der Sevilla­ner .
Heute ist der Eingang gut betonnt – kein Problem mehr. Drinnen rei­hen sich Hotel- an Appartementbauten und streiten mit den Prunkvil­len um ein bisschen Platz. An Hunderten von Bojen sind kleine bis mittlere Motorboote vertäut. Die Grossen liegen in der Marina, die es natürlich ebenfalls gibt. Fortschritt!
Wir haben hinter der ersten Sandinsel geankert und eine ruhige, schöne Nacht er­lebt.
Abschied - es sind die Momente, die immer wieder ein wenig traurig stimmen. In Vila Real verlassen uns die Solothurner, in Faro Sabine und Roger. Ferien vorbei.
Aber schon am Montag kommt Brida – eine Freundin aus dem Bünd­nerland - und einen Tag darauf Georg und seine Tochter Laura an Bord.
Am 29. Juli segeln wir Richtung Tanger ab. Am nächsten Morgen – nach der ersten Nachtfahrt – stehen wir knapp vor Cadiz, wo wir einlaufen wollen. Aber der Wind dreht auf Nord, frischt auf und wir segeln weiter, direkt nach Tanger, Marokko.
Auch Tanger hat nun eine Marina, nicht so chique aber auch nicht so teuer wie die Spanischen. Die Altstadt, der Souk, hat sich kaum ver­ändert. Die Menschen schon. Der Einfluss des jungen Königs ist zu spüren. Heute schlen­dern viel mehr Frauen – kaum noch Verschlei­erte, einige mit Kopftuch aber die jüngeren eher ohne – durch die engen Gassen und die Hauptgasse hinauf und herunter. Selten hinge­gen sitzen Frauen zusammen auf den Terras­sen einer der vielen Tee­stuben und trinken den wunder-bar­en Pfefferminz-Tee. Das ist noch Männer-Domäne.
Unsere beiden Frauen haben ihn dort jedoch genossen und wir Män­ner auch.

Am nächsten Tag segeln wir nach Asillah, nur ein paar Seemeilen südwestlich von Tanger. Wie wir in den kleinen Fischerhafen einlau­fen, ruft jemand von einem Ru­derboot aus, Georg, Georg!
Es ist Achmed, ein Freund von Georg und seiner Familie. Achmed hat lange in Chur gelebt und ist mit Anna, einer Churerin verheiratet. Um sie zu besuchen, sind wir hier. Grosses Wiedersehen!
Ab sofort wird unser Aufenthalt hier von Achmed organi­siert. Fische für das Abendessen auf der Terrasse seines Stadthauses, Fleisch für den morgigen Grill­abend dort, Früchte, Gemüse, geröstete Erdnüsse, bis hin zum Diesel - hier wesent­lich billig, aber in Kanistern per Taxi und Ruderboot zur WAHOO zu transportieren.
Am nächsten Tag kommt Anna von der Farm zurück in die Stadt. Eine Schweizerin, etwa 40 jährig, hier unter MohammedanerInnen lebend. Sie hat es am Anfang schwer gehabt. Heute ist sie akzeptiert, das haben wir auf Schritt und Tritt erlebt. Überall grüssen sie die Leute von weitem: Anna, Anna, vor allem die Kinder. Und sie grüsst zurück, auf Arabisch, das sie heute fliessend beherrscht. Sie tut aber auch etwas für die Menschen, vor allem für Mädchen und junge Frauen. Sie schaut, dass sie in die Schule gehen – eigentlich ein Gebot seit der Thronbestei-gung des jungen Königs. Manchmal nimmt sie auch so einen Teenager auf ihren Hof, um ihr den Schul­besuch zu ermöglichen. Und dann verliert sie fast die Fas­sung und fraget sich, warum ein Mädchen so faul sein kann oder blöd und verlo­gen, wenn es sich, statt zur Schule zu gehen, einfach in den Schatten eines Baumes legt.
Wer will hier urtei­len? Was wissen wir, wie stark die Tradi­tionen noch lasten - was in einer arabischen Mädchenseele vor sich geht?...
Zwei Tage bleiben wir. Am Dritten, grosser Abschied und Segel hoch, nordwärts. Diesmal machen wir nun Zwi­schenhalt in Cadiz. Und auch hier - die Stadt ist nicht wie­der zu erkennen. Die Häuser renoviert, überall Touristen, natürlich eine Marina, nein, deren zwei. Alles her­aus geputzt und nach mitteleuropäischem Gusto zwäg gemacht. Euroland. Eurogelder. Euro-Fortschritt.

Nächster Etappenort: Huelva. Dort lade ich endlich mein Handy wie­der auf, schalte es ein – und was kommt als SMS herein: „wir sind heute in Lissabon gelandet und erreichen in 10 Minuten Faro. Kannst Du uns abholen kommen? Lbg Corinne + Marcel“
Du meine Güte! Datum? Heute. Und wir sind in Huelva, segeln Mor­gen nach Vila Real.
Also SMS retour: „Sind Morgen Nachmittag in Vila Real. Mit Zug von Faro aus kein Problem. Erwarten Euch dort in der Marina. FREUE MICH!!!“
Und so kann ich am nächsten Nachmittag Corinne in die Arme schliessen und beide, sie und Marcel mit einem Weisswein aus der Kellerei von Georg willkommen an Bord heissen. Es lebe die moderne Kommunikation!... bei der ich zwar ihr Mail erst nach ihrem Rückflug gelesen habe – sie aber dank SMS trotzdem angekommen sind!

Georg und Laura kehren am nächsten Morgen zur Adega Graveira zurück. Die Wein­ernte steht an und Georg ist froh sie zwei Tage frü­her als geplant organisieren zu kön­nen.
Schöne Tage mit Corinne, Marcel und Brida! Als Abschluss mieten wir von Faro aus ein Auto und fahren hinauf nach Aljesur, zur Adega Gra­veira. Abends steigt ein gemütli­ches Fest am Grill. Und dann, ?ber­nachten in einer schö­nen kleinen Ferienwoh­nung, die Vreni neben ihren eige­nen auch noch betreut. Wirklich ein schöner Ab­schluss die­ses unerwarteten Besuches von Corinne und Marcel.
Am nächsten Tag sind sie alle nach Hause geflogen und ich allein auf mein Zuhause zurück gekehrt. Aber auch das kann schön sein, wieder allein - und Zeit zum Schrei­ben haben...
Ende Monat kommt noch ein Paar – Karin ist bereits ein­mal mit gese­gelt – und wir werden vermutlich nach Sevilla und zurück segeln.



Ab Mitte September bin ich frei, kann tun und lassen, was ich will... mehr oder weni­ger. Die WAHOO an Land stellen und zurück in die Schweiz kom­men, kann ich beispiels­weise nicht.
Jeder Tag an Land kostet halt 9 EURO. Und so werde ich das so lange wie möglich hin­aus schieben, so lange ich es aus­halte... bis die Kälte kommt.
Das wird so gegen Ende Oktober sein.
 

Und dann ist es doch anders gekommen. Auf der Werft in Faro arbei­teten Monika und Martin seit einem Jahr an ihrem Katamaran. ?ber die kältesten Wintermonate hat­ten sie in der WAHOO gelebt. Es sind alte Freunde. Barb­lina und ich hatten sie in Trinidad kennen gelernt – sie waren damals auf ihrer Reise rund um die Welt. Nachher haben sie wieder zehn Jahre in der Schweiz gearbeitet und auf eine neue Reise ge­spart.
Und dann kam die grosse Wende! Monika verliebt sich in einen älteren Por­tugiesen, einen ehemaligen Buschpiloten in Afrika. Die ganz grosse Liebe! Also Scheidung. Das hat Konsequen­zen. Da sie den Kat in Deutschland gebaut und Monika Deutsche ist, hat­ten sie ihn auch dort immatriku-liert. Nun muss Martin den Kat in der Schweiz immatriku-lieren. Dazu braucht er den B-Schein und eine 1000 sm Bestäti­gung. Schweizer Bürokratie – die 40'000 sm als ver­antwortlicher Skipper rund um die Welt werden nicht aner­kannt. Das sei vor zehn Jahren gewesen...
Martin machte mir deshalb den Vorschlag, die WANHOO zusammen nach Montenegro zu segeln. Er bekäme dann die 1000 Seemeilen von mir bestätigt und ich hätte die WAHOO in Bar. Natürlich bin ich einverstanden gewesen. Einen erfahrenen Segler an Bord zu haben... da wird Segeln nur noch reinstes Vergnügen sein. Dachten wir...


Unsere Reise also zu zweit von Faro nach Bar in Montene­gro. Das letzte Fünftel der Reise der WAHOO rund um Afrika.
Günstige westliche Winde waren angesagt. Also Segel set­zen, Anker auf und weg. So war's geplant. Nur, durch das viele Male schwoien um den eigenen Anker – bei Flut schaute die WAHOO zum Meer, bei Ebbe zum Land -  war die Kette derart vertörnt, verdreht, dass wir die grösste Mühe hatten, den Anker richtig an seinen Platz zu hieven, und das mit den Segeln schon oben. Über eine Stunde haben wir geschuftet. Abfahrt der beiden grossen Seefah­rer!... Aber dann ging’s rassig voran.
Schönstes Segel vor ach­terlichem Wind. Ganz leicht rollt die WAHOO vor sich hin. Die Sonne scheint. Es ist warm und auch das Meer wird wieder wärmer. Baden auf der Plattform, ein Vergnügen! 
Am nächsten Mittag erreichen wir Barbate, eine kleine Stadt ein paar Meilen südlich von Cadiz. Zweitägige Ost­windphase. Wir geniessen Barbate, das eine schöne Alt­stadt pflegt.

Endlich wieder Westwind und wir segeln durchs Tor zum Mittelmeer, Gibraltar - und gleich wei­ter bis Cartagena. Da der West­wind bleibt und wir der Marina nicht eine zweite Nacht zu 43 E bezahlen wollen, verlassen wir am nächsten Morgen diese eigenartige Stadt. Die ele­ganten Flanier- und Ein­kaufs-Strassen, untergebracht in langen Zei­len schöner alter aufs beste renovierter Häuser, stehen in erschre­ckendem Gegensatz zu den trostlosen, langsam verfallen­den Wohn­quartieren zwei-drei Häuserblocks wei­ter. Die Menschen jedoch sind sehr hilfsbereit und freund­lich, nicht so stolz und unnahbar, wie in vielen anderen Spani­schen Städten.
Hätten wir doch bleiben können! Nach dem Auslaufen beginnt eine Pechsträhne. Der Wind dreht - entgegen der Prognose - auf Nordost und bleibt zu schwach. Motoren, motoren, motoren. Wie ich das liebe!...
In der nächsten Nacht erreichen wir die Untiefen zwischen Formentera und Ibiza und ankern dort in der La Canal Bucht. Einfahrt um Mitternacht. Spannend. Zwei-drei Lich­ter an Land. Finsternis um uns herum. Dann ruft Martin vom Bug her, da vorne liegt ein Cat... wir haben den Ankerplatz gefun­den.
Kaum spüren wir am nächsten Morgen einen Windhauch, setzen wir alle Segel. Er kommt aus Norden. Schönstes Segeln über Stunden, entlang der Südküste Ibizas, ohne Wellen. Dann kommen wir in eine Dünung aus Ost. Schlechte Aussicht! Tatsächlich nimmt der Wind zu und dreht. Die Fock muss weg. Und um elf in der Nacht segeln wir mit je einem Reff in Gross und Besan gegen einen Ost­wind von über 30 kn. Eine nasse Sache!
Aber auch eine solche Nacht hat irgend wann ihr Ende. Und am nächsten Nachmittag erreichen wir – ziemlich müde – Porto Colon an der Südküste Mallorcas.
 
Am nächsten Tag brechen wir unseren Versuch nach Sar­dinien zu segeln nach kurzer Zeit wieder ab. Zu hoher Seegang aus Norden und zu wenig Wind aus Nordosten. Immer diese Winde aus Ost oder Nordosten! Was hat Äolus gegen uns?
Drei Tage lang kommt er aus Osten. Am vierten starten wir zum zweiten Versuch. Nordost ist besser als Ost! Wir segeln mit Gross, Besan und Fock am Wind.
Am Nachmittag briest es auf und eine erstaunlich hohe Dünung baut sich aus Norden auf. Ich kann mich nicht erinnern, im Mittelmeer je eine so hoch und steil gehende See gesehen zu haben. Später hören wir, im Norden habe ein sehr starker Mistral gewütet. Bei uns bleibt es bei Nordost, geht aber bis auf 30 kn hinauf.
Ein Reff im Gross und deren zwei im Besan machen das Segeln erträglich, denn der Automat steuert und der Wel­lengenerator liefert den nötigen Strom dazu. Bis am nächsten Morgen. Da kommt kein Strom mehr. Und unter diesen Seegangverhältnissen im Motorraum auch nur her­aus finden zu wollen, warum – keine Chance! Also von Hand steuern. Martin nimmt es erstaunlich gelassen. Das heisst ja immerhin, drei volle Stunden Ruder gehen, dann drei Stunden ruhen, kochen, essen. Und wieder Ruder gehen. Mindestens nochmals anderthalb Tage lang.
Natürlich schaffen wir es. Wenn es sein muss, muss es eben sein. Am Nachmittag das nächsten Tages erreichen wir Carloforte, an der Süd­westecke Sardiniens. Wir sind froh, endlich ausspannen zu können.

Du wirst dich fragen, ist das vergnüglich? Was bringt euch dazu, immer wieder hinaus zu fahren, weiter zu segeln?
Manchmal fragen wir uns das ebenfalls, auch auf dieser Reise wieder. Manchmal ist Segeln anstrengend, manch­mal mühsam, manchmal kommen wir an Grenzen und hin und wieder ist es sogar ein wenig gefährlich.
Aber dann stimmt plötzlich wieder alles, der Wind, die See. Die Segel stehen voll, ziehen gut, ich sitze hinten auf dem Balkon, vor mir das Schiff, das unbeirrt seinen Kurs läuft, in Harmonie mit den Wellen und dem Wind. Harmo­nie mit der Natur und vielleicht auch ein wenig mit mir sel­ber.
Auch der Kampf gehört dazu. Die See ist stark, der Wind ist stark. Die Natur ist stärker als wir. Wir haben es gelernt, wir sind die Schwachen. Wir müssen uns anpas­sen. Nicht gegen sie kämpfen sondern mit Wind und Wel­len zusammen arbeiten. Der Kampf spielt sich in uns sel­ber ab - gegen Missmut, Zweifel, schlechte Laune, Aufge­ben, Angst. Ein harter Kampf, wenn die Natur uns lange genug auf die Probe stellt. Ich will diesen Kampf nicht. Aber wenn er kommt, muss auch ich ihn annehmen.
Meistens ist Segeln aber schön, ein Ur-Erlebnis. Auf See sind wir im Mittelpunkt, segeln im Mittelpunkt einer riesi­gen Wasser-Scheibe, total allein und auf uns gestellt.
Wir wissen jedoch, am Horizont wird ein Gegenüber auf­tauchen, eine Insel. Wir werden ankommen!
Ankommen, in einer ruhigen, sicheren Ankerbucht. Dort werden wir den Anker werfen, ein Glas Weisswein trin­ken, und einfach leben. Leben - das ist es! Tun und las­sen, was wir wollen - neugierig an Land gehen, Menschen begeg­nen, erfahren, wie sie leben. Es wird unser Bild die­ser Welt wieder um eine Nuance verändern. Und es wird auch unser Denken, unsere Wertvorstellungen, unsere Vorur­teile verändern. Ich glaube, so lange wir das kön­nen, diese Veränderun­gen annehmen, sie vielleicht sogar ein wenig geniessen - so lange leben wir.

Nach diesem eher philosophischen Erguss zurück zur
rea­len Reise.
Die Insel San Pietro ist Sardinien im Südwesten vorgela­gert, Carlo­forte der Hauptort. Am 19. Oktober sind wir dort angekommen und gleich von Andrea, der uns mit sei­nem Schlauchboot in lässig-rassi­ger Fahrt entgegen kam, zum äussersten Liegeplatz "seiner Marina" geführt wor­den. Dort mussten wir mit zwei - zu kurzen - Mooring-Lei­nen fest machen.
Ja, es gibt nun zwei Marinas in Carloforte, mit allem Drum und Dran. Das Städtchen selber hat sich jedoch kaum ver­ändert. Die Fährschiffe verkehren öfters, im Sommer kom­men mehr Touristen, hinter dem Dorf wurde eine Touris­tensiedlung gebaut.
In den Touristen-Restaurants merkt man das. Aber die Leute von Carloforte sind auch früher nicht so offen gewe­sen, wie die Sarden. Andrea ist da eine Ausnahme - eben ein Sarde aus einem Bergdorf der Hauptinsel.
Eigentlich sind wir gar nicht in Sardinien gewesen – son­dern in San Pietro.

Natürlich haben wir hier unseren Wellengenerator ab mon­tiert. Das Pulli drehte auf der Welle!
Wer schweisst uns das? Eine Autowerkstätte!
Gebe es nicht in Carloforte, da müsse ich mit der Fähre hinüber nach San Antioco. Die Werkstätte dort könne den Alternator vielleicht reparieren.
Kann ich einfach nicht glaube.
Wer repariert denn all die Autos auf dieser Insel?
Andrea zuckt die Schultern...
Und Deines?
Ich fahr' jeweils nach Cagliari. Aber wart' mal, es gibt einen, der repariert Scooters hier, komm, wir fahren hin...
Ich hole den Alternator und wir fahren.
Als ich aussteige, stehe ich aber vor einer Citroen Garage.
Ich dachte...
Ist mir eben eingefallen, lacht Andrea, Luigi, der repariert Dir das.
Luigis Garage ist eine bessere Baracke, wirkt aber ziem­lich aufge­räumt. Zwei-drei Männer arbeiten an einem Fiat und an einem Citroen. Luigi sitzt in seinem Büro. Er ist ein gedrungener Mann mit rundem Kopf, wachen Augen und einem Lachen im Gesicht. Ein sym­pathischer Kerl, bestimmt ein Sarde...
In bestem Amerikanisch fragt er mich, was er für mich tun könne. Dann schaut er sich den Alternator an und meint, schweissen, das würde er hier nicht. Zu heiss für den Rotor und die Elektronik.
Aber ich solle ihn da lassen, morgen um die selbe Zeit sei er repariert.
Und tatsächlich! Er hatte das Gewinde der Welle neu geschnitten und nun blockiert er das Pulli mit einer gros­sen Schraube. Eiert noch, sagt er nach dem Drehen, zwei Hammerschläge - so, jetzt ist es OK. Was meinst Du?
Ja bestens. Vielen vielen Dank. Und was kostet das?
Luigi lacht mich an – what for... war ja keine Arbeit.
Ein Sarde!
Er hat eine zeitlang in Chicago gearbeitet, Geld verdient, ist hierher zurück gekommen und hat sich diese Garage aufgebaut.
Es lebe sich schöner hier als drüben...hat er mir gesagt.
Kann ich begreifen.
Am zweiten Sturmtag war die eine unserer Mooring-Lei­nen durchge­scheuert und wir verholten das Schiff notfallmäs­sig an die Hafen­mole. Ein nicht ganz ungefährliches Manö­ver.

Erst am 25. Oktober konnten wir weiter segeln, der Süd­küste Sardini­ens entlang abwechselnd motoren und segeln. Endlich, an der Nord­küste Siziliens kam wieder Wind aus der richtigen Richtung. Wir setz­ten sogar den Blooper, zum ersten Mal am ausgefahrenen Bugsprit. Muss schön ausgesehen haben - die zwei rotbraunen Segel und vorne der riesige, rotgelbe Blooper.
Milazzo, unser nächstes Etappenziel, an der Nordost-Ecke Siziliens. 80 E für eine Nacht in einer noch nicht fertigen gebauten Marina! So sind wir am nächsten Morgen früh wieder ausgelaufen.
In der Strasse von Messina strömt das Meer jeweils mit bis zu 10 km/h entweder nach Süden oder nach Norden. Wir wollten mit dem Strom nach Süden. Erstaunlicher­weise konnte uns in der Marina nie­mand sagen, wann das sein würde. Übers Internet erfuhren wir es und segel­ten los. Als wir jedoch am Nordeingang ankamen, zur richti­gen Zeit, lief der Strom gewaltig nordwärts.
Rät­selhaft! Bis uns ein Licht aufging. Am Sonntag war auf Winterzeit umgestellt worden. Wir - noch mit Sommerzeit - waren eine Stunde zu früh!
Trotzdem sind wir „lebend“ zwischen Scylla und Charybdis hindurch gekommen. Aber wir konnten die Angst der alten Griechen vor die­sem Engpass nachvollziehen. Du segelst in einem starken Strom, der dich dreht und wen­det, wie er gerade will. Wir mussten das Ruder ständig von Anschlag zu Anschlag drehen um nur einigermassen Kurs halten zu können. Mit einem einfachen Segelboot, wie es die Fischer hier noch immer fahren - aber ohne Motor natürlich - muss die Durchfahrt beängstigend gewesen sein.
Wir sind trotz allem in Regio di Calabria angekommen. Eine immer noch sehr arme Stadt, obwohl sie jetzt - wie überall - auch eine Shoppingmall hat. Für die Reichen. Aber die Armen sind in der Über­zahl...
 
Sturm im Nordionischen Meer. Es ist jetzt November und da ist es normal, dass wir nur noch segeln können, wenn ein für uns günsti­ges Wetterfenster angekündigt ist.
Aber hatten wir das nicht schon im Oktober, eigentlich auf der gan­zen Reise? Kommen die Wechsel der Jahreszeiten immer früher? Oder haben sich die "Wetterfrösche" ein­fach etwas zu oft geirrt? Auf Morgen "angekündigt" heisst nicht, es wird dann auch so sein. Eher, es wird in nächs­ter Zeit so sein. Wir haben das schmerzhaft erfahren.
Warum verlassen wir uns dann doch immer wieder dar­auf? Gute Frage! Und die Antwort? Worauf denn sonst?
Wenn wir in einem Rutsch durch das Nordionische und Südadriatische Meer segeln wol­len, nützt es uns nur beim Wegsegeln, wenn wir hier zum Himmel hinauf und aufs Meer hinaus schauen. Spätestens Morgen kann sich das Wetter, dort wo wir dann sein werden, total geändert haben. Ein Wetterbericht für drei-vier Tage ist besser als gar nichts. Er beruhigt, gibt ein klein wenig Sicherheit. Wirklich sicher sind wir aber nur mit einem wirklich guten Schiff. Einem Schiff wie die WAHOO.


Erst am 2. November entsteht - nach Wetterbericht - wie­der ein klei­nes Wetterfenster, das uns erlaubt, weiter zu segeln. Allenfalls nur bis Salina Ionica, einem Hafen, der Gerüchten nach von der Maffia für einen nie realisierten Industriekomplex gebaut wurde. Vor zehn Jah­ren exis­tierte der Hafen; jetzt, müssen wir feststellen, nicht mehr: total zu gesandet.
Also weiter nach Rocella Ionica. Mit Hangen und Bangen erreichen wir den Hafen. Gottlob, er existiert noch... denn schon wieder ist im Nordionischen Meer Nordostwind Stärke 7 angesagt - der dann aber erst einen Tag später wirklich kommt...
 
Vor Jahren sind wir hier schon einmal drei Tage von einem Sturm festgehalten worden. Damals war der Hafen prak­tisch leer - heute voll, besetzt von Segel- und Motorjach­ten und kleinen Booten. EURO-Entwicklung. Am Hafen steht eine gute Pizzeria und der Weg nach Rocella - damals ein Sandweg - ist heute mit Fliesen belegt und nachts hell beleuchtet.

Wieder Warten auf ein Wetterfenster. Am 4. November - endlich! Wir wollen direkt nach Bar segeln. Der Wetterbe­richt ist gut, es sollte gehen.
Gegen Abend des nächsten Tages segeln wir langsam an Santa Maria de Leuca vorbei. Es ist der Hafen am äusserst­en Ende des Stiefelab­satzes. Der Himmel wirkt bedrohlich, die Sonne haben wir seit Tagen nicht mehr gesehen. Der Seegang aus Süden ist unangenehm, stär­ker als was von dem bisschen Wind, der uns hier voran treibt, zu erwarten wäre. Braut sich im Süden etwas zusammen?
Ein Licht nach dem anderen erscheint an Land. Dort liegt der Hafen. Ich kenne ihn. Dort ist Ruhe und Sicherheit. Dort wären wir gebor­gen, könnten schlafen, ausruhen.
Es braucht eine ziemliche Überwindung, bei diesen Verhält­nissen daran vorbei zu segeln. Eine halbe Stunde nach Norden und wir wären drin!
Zum Glück schläft Martin unten. Ich kann die Änderung unseres Pla­nes nicht mit ihm besprechen. Wecken will ich ihn auch nicht. Es wird wahrscheinlich eine unangenehme Nacht werden. Aber Morgen im Laufe des Tages kommen wir an. Ich segle weiter.
Eine rationalen Entscheidungen? Wohl kaum. Ich habe mich nur überwunden, gegen mein Gefühl. Das sagte, geh' in den Hafen, da draussen braut sich was zusam­men, dort drin seid ihr sicher. Aber der Kopf sagte, reiss dich zusammen, ich versteh' zwar, dass du in der Nacht lieber dort drin wärest, hier draussen ist's unangenehmer. Aber überlege: wenn wirklich schlechtes Wetter kommt, hockt ihr nochmals ein paar Tage dort drin. Wenn du wei­ter segelst, seid ihr übermorgen in Bar, am Endpunkt die­ser Reise. Und so schlimm wie's aussieht, wird's nicht
wer­den...


Langsam verschwinden die Lichter an Backbord achter aus. Nach ein paar Stunden erscheinen die Lichter von Otranto an Backbord vor­aus. Wieder das selbe Verlangen. Wieder segeln wir weiter.
Nach Otranto kommt's. Wir geraten in einen Gewitter­sturm. Unter gerefftem Gross- und Besansegel läuft die WAHOO knapp elf Knoten. Der Steuerautomat ist überfor­dert. Wir steuern selber, wechseln alle fünfzehn Minuten.
Normalerweise dauert ein Gewittersturm nicht Stun­den. Dieser da hört einfach nicht auf. Wahrscheinlich zieht er nordwärts und wir segeln nordwärts. Irgend wann wird es uns zu gefährlich. Wir neh­men den Besan weg. Das ist bei solchem Wetter schnel­ler hin geschrieben als gemacht. Nun segeln wir nur noch mit doppelt gerefftem Gross. Auch so läuft die WAHOO mit sieben Knoten. Aber der Steuerautomat steuert wieder. Wir können ausruhen.
Fünfzehn Stunden bleiben wir in diesem Gewittersturm, in einem Südwest- bis Südwind von 45 bis 50 Knoten.
Ich habe schon Ausweichmöglichkeiten für Bar gesucht, weil ich ver­mutete, in einem Libeccio zu segeln, der Tage dau­ern kann. Da, zwanzig Seemeilen vor Bar drehte der Wind plötzlich um 180° und flaute bald darauf ab. Blitze rund­herum. Unter Motor erreichten wir Bar etwa um sechs Uhr Abends. Gerechnet hatten wir mit „früh am nächsten Morgen“. Aber der Preis für die frühe Ankunft ist die unan­genehmste Sturmfahrt dieser Reise gewesen.
 
Etwa um fünf Uhr am 6. November 2009 hat die WAHOO ihre Spur gekreuzt, die sie am 7. April 2007 etwa um elf Uhr gezogen hatte. Damit ist die Umrundung Afrikas been­det gewesen.



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