18 - Auf den Azoren und dann nach Portugal

Horta auf der Azoreninsel Faial. Vor gut zehn Jahren sind Barblina und ich schon einmal mit der WAHOO hier gelan­det. Hat es sich ver­ändert?
Gewaltig!
Damals ist es ein eher verschlafenes Städtchen gewesen mit einem kleinen Hafen für Sportboote, proppenvoll. Wir ankerten davor, im grossen Hafen. Heute liegen die einhei­mischen Boote im neuen Mari­nabecken und im alten Becken liegen eher die Fahrtensegler; wir an einem gros­sen, vergammelten Betonschiff.
Aber der Platz ist ruhig und nahe bei den WC’s, Duschen und der Bar.
Das Städtchen selber ist heraus geputzt. Die Fassaden der alten Häu­ser, die der Wasserfront aber auch den Strassen entlang in geschlos­sener Reihe stehen, sind fast alle reno­viert. Sie sehen aus der Ferne wie Puppenhäus­chen aus, so niedlich und schmalbrüstig und jedes unter einen ande­ren Giebel geduckt. Die Strassen sind noch immer mit den selben holperigen, schwarzen „B’setzi-Stei­nen“ gepflastert, die Trottoirs hingegen mit feineren weis­sen Steinplatten, in die – fast Mosaikartig - Figuren schwarz ein­gelassen sind, Walboote, Windmüh­len, Brücken, Segler, alle stilisiert – aber auch Figuren rein dekorati­ver Natur.
Natürlich gibt es heute einen Megamarket mit allem, was das von der harten Segelei malträtierte Herz begehren kann. Und auf dem einhei­mischen Markt bieten Frauen aus Pico, der Nachbarinsel, die ersten Feigen und blaue Trauben feil – Trauben wie sie früher im Tessin wuchsen mit dicker Schale und festem, kugeligem Fruchtfleisch und einem Kern darin. Wunderbar!
 
Stell dir eine tiefschwarze Basalt-Felswand vor, die sich vor dir fünf Meter breit und zehn Meter hoch den Berg­hang hinauf zieht. Vom Basalt siehst du recht wenig, weil er überdeckt, richtig zugedeckt ist von den verschiedens­ten Pflanzen. Direkt auf dem nackten Fels leben noch immer die verschiedensten Moose und Flechten, die Erstpflan­zen. Sie schimmern hier gelb dort hellgrün und dort oben dun­kelgrün, fast bläulich. Hier sind es Tausende von kleinen Stängeln, dort kleine „Pölsterchen“ und über jene Felsaus­buchtung hängen sie langstielig und hellgrün. Ganz zu oberst siehst du nur noch Flecken, dunklere, hel­lere, fast schwarze. Und dieser ganze Fleckenteppich, in allen vor­stellbaren Grüntönen, ist übersät - versuch es dir vorzu­stellen – über­sät mit silbernen Fäden und ausge­fransten silbernen Strei­fen, den Flechten. Das ist der Anfang!
Über diesem, im Gesamten eher dunkeln Untergrund wachsen die jüngeren Pflanzen. Aus jeder Felsspalte ragen sie! Überall wo sie nur ein wenig Erde finden wach­sen, spriessen, blühen sie, suchen das Licht der Sonne, das bisschen Wasser, das der poröse Fels in der Nacht aufge­sogen hat; dort vier dünne, braune Stämmchen, die einen nadeligen „Wuschelkopf“ tragen, da die ersten, noch klei­nen Wachholder Bäumchen, dort kleine Büsche mit dunklen Beeren. Und überall verstreut auf der ganzen Felsplatte, fallen die grossen „Ele­fantenohren“ auf, riesen­grosse, hellgrüne Blätter mit dunkleren, lan­gen Stängeln.
Als letzte Farbtupfer in diesem Gemälde - die Krönung.
Auf Felsabsät­zen und in jeder noch so kleinen Erhebun­g blü­hen goldene Blumen­dolden, oben goldgelb unten honig­farben werdend. Tausende, über den ganzen Fels ver­streut leuchten sie. Dolden mit Hunderten von Blüten rund um den Stängel aufgereiht.
Wenn es mir nun ein wenig gelungen ist, dir dieses Bild vor dein inneres Auge zu zaubern, dann entspricht es dem, was du sehen würdest, wenn du durch ein riesiges umgekehrtes Fernrohr auf die Insel Pico schauen wür­dest. Du sähest ein ganz kleines Fleckchen, herausgesto­chen aus dieser unendlichen Vielfalt an Pflanzen. Ein Pünktchen nur – und nun stell die die ganze Pflanzenwelt vor, die dort den alten und den neuen Lavaboden bear­beitet und immer fruchtbarer macht...
Durch dieses Pflanzenparadies sind wir gestern gefahren, mit einem Mietauto. Natürlich hast du dann nicht Musse, eine Felsplatte zu betrachten. Du fährst daran vorbei. Tau­send Eindrücke stürmen gleichzeitig auf dich ein. Du erlebst ein Sammelsurium von Bildern, die du später – wenn du Glück hast – wenigstens zum Teil wieder aufru­fen kannst.
Die Nordküste ist streng und karg. Schwarz und weiss. Schwarz, der Basaltfels aus dem die Häuser gebaut sind. Weiss, die Mörtelzwi­schenräume. Die Bewohner malen sie weiss an und verstärken damit den Kontrast.
Schwarz und Grün, die Rebberge. Zwischen den zusam­mengelesenen und aufgeschichteten schwarzen Basaltbro­cken wachsen mit hellem Grün die Reben.
Mehr Schwarz als Grün, die Rebgärten. Die schwarzen Mauern domi­nieren das Bild, sie scheinen das Grün zu erdrücken. Aber die Reben gedeihen! Die schwarzen Steine speichern die Wärme der Sonne, geben sie in der Nacht an die Reben ab, während der schwarze Boden aus Basaltkrümeln den Tau speichert und am Tag in die Wur­zeln leitet. Der Wein, den sie daraus keltern, ist herb und stark. Ich liebe ihn!
Pico – so heisst die Insel, aber auch der alles überra­gende Vulkan. Er ist fast zweitausend fünfhundert Meter hoch. Und das direkt aus dem Meer! Ein erhabener Anblick – auch dann, wenn er durch Wolken und Nebel­bänke hin­durch nur erahnbar ist. Gestern war dem so – sehr zum Verdruss jener Touristen, die den Vulkan „kom­plett“ auf ihrem Speicher haben wollten.
Ich beschliesse dieses Kapitel, lege meiner Spottlust Zügel an und schreibe nichts über Fahren von Fotostop zu Foto­stop und über das Fotografieren selber.


Am 3. September wollten wir Horta verlassen um nach Velas, São Jorge zu segeln. Aber der Wind war ungünstig. Also liessen wir es bleiben.
Auch gut, so!
Wir sitzen an Deck, ich lese die Columbus Biogra­phie von Maderiaga, da ruft jemand meinen Namen und – kennst du mich noch? ich bin Peter.
Mensch Peter! ich hab dich überall gesucht, seit wir in Horta sind. Keine Chance dich zu finden. Warst du weg?
Nein, ich lebe jetzt ständig in Horta, bin aber nicht mehr so oft am Hafen.
Komm an Bord! Willkommen wieder auf der WAHOO!
Peter - vor zehn Jahren haben wir ihn hier in Horta ken­nen gelernt. Er kam zum Schiff, interessierte sich dafür und wollte wissen, ob ein solches Schiff denn überhaupt  segle.
Komm’ mit, wenn du’s wirklich wissen willst, wir legen in einer halben Stunde ab, wir segeln nur nach Delgada.
Meinst du das im Ernst, das Mitsegeln?
Klar.
In einer halben Stunde? Das reicht. Ich hohl’ ein paar Sachen und bin gleich zurück.
So ist Peter damals mit uns nach Delgada gesegelt und wir haben uns näher kennen gelernt.
Er hatte meinen Vater gekannt und schwärmt noch heute von ihm. Er sei ihr grosses Vorbild gewesen, in jener Zeit. Das grosse Vorbild!... Ein eigenartiges Gefühl für mich,  erst in späten Jahren hatten wir es geschafft, endlich ein gutes Verhältnis zu einander zu entwickeln. Für mich ist er das nie gewesen, das grosse Vorbild. Aber ich weiss, er war ein Vorbild. Für viele - und zu Recht.
Am übernächsten Morgen, damals – wir lagen im Hafen von Del­gada – erwachte ich einer eigenartigen Bewegung des Schiffes wegen und beim Espresso in der Bar, wenig spä­ter, sprachen alle vom grossen Erdbeben in Faial von heute Morgen, und was es alles zerstört habe!
Peter rief sofort in Faial an und flog mit dem nächsten Flugzeug zurück.
Kaum kennen und schätzen gelernt - schon wieder ent­schwunden.
 
Sein Haus hat das Beben heil überstanden.
Heute weiss ich warum!
Es ist noch aus fünfzig Zentimeter breiten und hohen, und fast einen Meter langen, genau behauenen Basaltblö­cken gebaut. Ein altes Haus, direkt über dem Meer. Peter hat es ausgebaut und bewohnbar gemacht.
Auch in Peters Leben ist viel passiert, in den letzten zehn Jahren. Er ist sozusagen ausgewandert, hat ein Zusatzstu­dium in Philosophie und eine recht strube Zeit auf den Cap Verden hinter sich. Sein mas­sives, kleines Haus in Horta strahlt die Ruhe aus, die er braucht. Hier lebt er nun. Und weiss wieder wofür.
Für seine grosse Familie! Für „seine“ elf Kinder auf den Cap Verden. Sie essen und schlafen in seinem Haus, er schickt sie zur Schule - den einen bereits auf die Universi­tät – er sorgt für sie, ihren Lebens­unterhalt, bis sie in ein paar Jahren dann selber für sich sorgen kön­nen.
Weisst du, hat er mir gesagt, wenn du für eine solche Familie sorgst, wenn du weisst, ohne dich gingen sie viel­leicht zu Grunde, dort unten, dann brauchst du nicht mehr nach einen „Sinn des Lebens“ zu fragen. Es  i s t  der Sinn meines Lebens! Und das macht mich froh und optimis­tisch. Und so ist er heute. Zufrieden, fröhlich, vielleicht sogar glücklich.
 
Wie ist das mit Gerhard gewesen, in Dakar? Auch er sorgt für eine afrikanische Familie, jene seiner schwarzen Frau, für ihre Geschwister und Eltern. Schon leben sie in einem etwas besseren Haus, er hat es eigenhändig neu gestri­chen um ihnen zu zeigen, wenn du eine Verbesse­rung willst, musst du selber etwas unterneh­men.
Schon, aber du brauchst Geld um Farbe zu kaufen...
Die hat er gekauft.
Die Geschwister gehen jetzt zur Schule, er übernimmt das Schulgeld und was weiter dazu gehört. In ein paar Jahren werden sie einen Beruf erlernt und eine Zukunft haben. Wie auch seine Frau, sie lehrt er Lesen und Schreiben und sie lehrt ihn, was Leben heissen kann...
Jetzt weiss ich wieder, wofür ich lebe! hat er mir gesagt. Auch wenn es nur ein Tropfen ist, für das heisse Afrika, diesen Kindern hilft es. Und, ich kann dir sagen, es kommt tausendfach zurück. Ich bin wie­der ein froher und glückli­cher Mensch!
Ein Tropfen auf das heisse Afrika! 
Wie viele pensionierte Europäer gibt es, die sich unnütz vorkommen, zum „alten Eisen“ gehörend, die wieder einen Sinn suchen für ihr Leben?
Sie haben eine gute Pension – könnten es sich leisten.
Viele Tropfen auf das heisse Afrika.
Ein richtiger, ein erfrischender Regen könnte das werden!


Wir bereiten die Segel zum Hissen vor. Das Schiff ist reisef­ertig. Wir wollen auslaufen. Peter kommt mit seiner Nichte Silvia zum Hafen. Zum Abschied.
Möchtet ihr nicht mit uns nach Velas hinüber segeln?
In fünf Stunden sind wir dort. Und am Abend nehmt ihr die Fähre zurück...
Ich, mit segeln? fragt Silvia – ich weiss nicht so recht, ich habe nichts bei mir...
Auch Peter ist ein bisschen ratlos, ob das gut gehen würde?
Wie lange braucht ihr, bis ihr Kleider geholt habt?...
Wie immer... eine halbe Stunde...
Und so kommt es, dass Peter wieder mit gesegelt ist. Und selbstver­ständlich auch Silvia.
 

Velas auf São Jorge. Eine neue, kleine Marina mit mod­ernsten Stegen direkt unter einer schwarzen Felswand. EU sei Dank!
Fünfzig Meter über dem Wasser klafft eine grosse Spalte im Fels. Dort wohnen die Vögel. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Schwalben, Tauben und Möwen. Noch nie habe ich solche Vögel gesehen. Und noch nie gehört!
Sie reden miteinander – aber nur Nachts!... und weder Portugiesisch noch Ur-azorisch. Es tönt eher wie der Anfang eines Primitiv-Pop­songs. Oder dem Gequatsche einer neuen Plastik Spezies. Künstlich, digital, wie heraus gepresst aus dem Plastikschnabel eines neuen Disney Geschöpfes.
Die quatschen nun die ganze Nacht hindurch und manch­mal übertö­nen sie sogar den kleinen Dieselgenerator,
der die Kühl­truhe des Fischerbootes versorgt, das wäh­rend der Nacht hundert Meter gegenüber am grossen Quai fest macht. Ein immer währender Verdruss für unsere lär­mallergische Julia.

 
Was, Sie wollen hier Übernachten?
Er steht in seinem kleinen Supermarkt und schüttelt den Kopf.
Das geht hier nicht, hier in Topo gibt es nichts. Keine Mög­lichkeit.
Gibt es keine Pension? oder Leute, die ein Zimmer vermiet­en? Für eine Nacht?
Nein! jedenfalls weiss ich von nichts. Und ich müsste es wissen. Die einzigen Appartements zum Mieten... die Leh­rer die mieten die. Wis­sen Sie, die Lehrer die hier unter­richten. In der Schule. Aber jetzt sind Ferien! - Nein! Sie müssen zurück.  Zurück nach Velas fahren.
Aber es gibt keinen Bus mehr.
Ich weiss, ich weiss, erst morgen wieder. Taxi! Taxi, das ist das ein­zige.
Und er gibt mir die Nummer des Taxis, nein, ruft sogar an und fragt den Taxihalter ober er etwas wisse...
Nein, auch er weiss nichts! Wenn  e r  nichts weiss... Soll er sie gleich abholen?
Nein, noch nicht, nein danke. Das hat noch Zeit. Und vie­len Dank für Ihre Hilfe!
Kein Problem! Das ist doch selbstverständlich. Good luck!
So schnell gebe ich nicht auf.
Der Jüngling in der Touristen-Information von Velas hat für mich in Topo, dem Dorf am Ostende der Insel, angeruf­en und mir dann gesagt, es gebe ein-zwei Zimmer zum Mieten. Auch nur für eine Nacht. Aber sie zu finden, das sei wahrscheinlich schwierig...
Scheint so!
Ich gehe die schmale Gasse bergwärts. Sie ist auf beiden Seiten von kleinen zweistöckigen Häusern gesäumt, anein­ander gebauten Häu­sern, jedes in einer anderen Farbe bemalt – von diskret über gewöhnlich bis schreiend - von honiggelb über altrosa bis hart-vio­lett! Sie sind bunt und lebensfroh, diese Gassen – auch wenn sich kaum ein Mensch darin bewegt.
Fünfzig Meter bin ich bergan gestiegen, da sehe ich eine Tafel mit der Aufschrift „Appartement zu vermieten“ – in gelbgrüner Leucht­schrift ziemlich ungelenk hingemalt. Und ein Mensch, ein Mann steht daneben – der einzige in der Gasse, ausser mir.
Sprechen Sie Englisch?
Im breitesten Amerikanisch kommt die Antwort.
Natürlich, warum?
Ich suche eine Möglichkeit, hier zu übernachten.
Hier in Topo?
Ja hier... und da habe ich diese Tafel gesehen. Wissen Sie, wem die­ses Haus gehört? Und das Appartement?
Klar, gehört mir. Aber es ist nicht einfach ein Zimmer. Und ich ver­miete nur langfristig. An Lehrer, zum Beispiel.
Und da ist nichts zu machen?
Offenbar hat er – trotz meines schlechten Englisch – die Enttäu­schung heraus gehört.
Ich frag’ mal meine Frau. Sie muss es nachher putzen!..
Und er ruft die Treppe hoch, Sheila, Sheila, komm mal, komm! Hier ist ein Mann, der möchte übernachten, bei uns im Appartement...
und zu mir gewandt, was haben Sie sich so vorgestellt, ich meine den Preis?
Ja, so zwanzig Euro – hat man mir gesagt...
Fünfundzwanzig? es ist ein Appartement...
OK, Hauptsache ich kann irgendwo schlafen.
In der Zwischenzeit ist seine Frau die Treppe herunter gekommen, eine hübsche, junge Frau aus Mikronesien – später erfahre ich, eine Philippinin.
Sie schaut mich an, lächelt und sagt, klar, warum nicht? Das Zimmer ist ja frei...
 
So schnell findet ein Glückspilz wie ich eine Schlafgelegen­heit, selbst dort, wo es gar keine gibt! Ich habe aber noch ein weiteres Problem. Das Abendes­sen.
Das einzige Restaurant in Topo hat um zwölf zu gemacht... 
Mittags um zwölf? Dann kann ich in Topo nichts zu Abend essen?
So ist es! Ausser - essen Sie Fisch?
Ich liebe Fisch! 
OK! Dann können Sie mit uns essen. Etwa in eineinhalb Stunden.
OK für Sie?

Nach einer Stunde hat Mike mich mit dem Wagen beim Leuchtturm abgeholt.
Siehst Du, dort drüben, mein Rebberg. Daraus mache ich Wein. Trinkst Du Wein?
Und ob!
Dann musst du meinen probieren, nachher. Ich mach ihn noch so, wie ihn schon mein Grossvater gemacht hat...
und er zeigt mir wie, Pressen mit und zwischen seinen bei­den Hän­den.
Dann hat er mir die Gegend gezeigt.
Siehst Du, jenes Haus, ein grosses, ein sehr grosses Haus, es wurde auch zerstört. In den achtziger Jahren, letztes Jahrhundert. Da hat­ten wir hier ein gewaltiges Erdbeben. Alle Häuser sind zusammen gefallen. Jenes dort, siehst Du, zusammen gefallen. Das da, neu gebaut. Alle, die ste­hen sind nachher gebaut.
Jenes dort, und dieses, alle zusammen gestürzt. Es ist eine Riesenka­tastrophe gewesen.
Hast Du damals noch hier gelebt?

In der Zwischenzeit weiss ich, dass er jetzt in Florida lebt und hier ist, weil vor kurzem seine Mutter starb, er das geerbte Haus renoviert hat und es nun vermieten will.

Klar! Ich bin damals noch zur Schule gegangen. Ist auch zusammen gefallen.
Hatten denn die Leute Geld um alles wieder aufzubauen?
Eigentlich nicht. Ist eine arme Gegend. Aber sie haben Hilfe bekom­men. Von überall her. Und jetzt stehen die Häuser wieder. Auch die Käsereifabrik dort drüben, neu! Jedes Dorf hat eine. Hier sind alle Bauern. Kühe, Kühe! Nur Kühe.
Aber der Käse ist ausgezeichnet, den sie hier machen...
Und erst der Wein!
Aus einer Fünfliter-Glasflasche goss er ihn in einen gros­sen Krug. Hellviolettfarben. Und der Krug war immer voll. Und mein Glas - immer voll.
Er hat recht schnell gemerkt, wie gut mir sein Wein schmeckt. Er ist fruchtig, sonnig, ich habe keinen Holzge­schmack gespürt, keine Säure, nur Traubenbeeren und die Traubenhaut. Weich, fast zart ist er mir vorgekom­men, samtig – sagen die Weinkenner. Und süffig!
Auch das Esse war ausgezeichnet. Eingelegte Fischsteaks und G’schwellti.
Ein bisschen unsicher sagte Sheila dazu, sie müsse jetzt versuchen, portugiesisch-azorisch zu kochen. Das sei nicht einfach, vor allem nicht für sie, da sie sonst philippi­nisch koche. Ziemlich hot. Das könne sie! Aber azorisch?..
Mir jedenfalls hat ihre Küche geschmeckt und das habe ich ihr auch gesagt.
Auch nach dem Essen blieben die Gläser voll. Wir redeten über die Azoren und Florida. Ich habe keine Ahnung mehr, was genau. Irgend wann merkte ich, jetzt ist es genug. Genug Wein!
Er lachte sein breites amerikanisches Lachen, tief aus dem grossen Bauch heraus. Und schenkte sich den Rest aus dem Krug ein.

Na dann, schlaf gut. Morgen fährt dein Bus um halb Acht!...
 


Es ist schwer, diese Landschaft zu beschreiben. Sie wech­selt so schnell die Farben und Formen. Der Bus fährt über die schmale, kur­venreiche Strasse. Den Hügel hinauf, über die Hochebene, hinunter in ein weiches, sanft geschwun­genes Tal und wieder hinauf zur leicht gewell­ten Ebene.
Scheint die Morgensonne schrägt in die verschieden hohen Gräser, leuchten sie hellgrün. Hellgrün in allen Nuancen. Als Kontrast – das Schwarz der Steinmäuer­chen. Hier oben ziehen die Wolken rasch! Dort bringt das warme Licht das Grün zum Leuchten. Dahinter, im Wol­kenschatten - dunkles, erdiges Grün. Und der Schat­ten schwärzt auch das Anthrazit der geschichteten Mäuer­chen. Hingewor­fen über Hügel und Täler, über die wei­ten, sanft zum Meer abfallenden Hänge - lange, gerade Rei­hen aus Basaltblö­cken, lichtlos, tief schwarz. Sie fas­sen die sonnenhellen Wiesen ein, grenzen sie ab, auch von den dunkelgrünen Wiesen im Schatten. Ein Flicken­teppich aus grünen Qua­draten, Rechtecken, Rhomben – hart abge­grenzt durch dicke, schwarze Striche, den Mäuer­chen. 
Kühe, Rinder, Stiere überall stehen sie zwischen den schwarzen Mäu­erchen, drängen sich hin zum Farmer. Er ist mit seinem Auto gekom­men um die Kühe zu melken. Ohne Melkmaschine. Die Euter sind gefüllt aber nicht überfüllt.
Hier oben können sie noch springen und galop­pieren, die Kühe. Kein Rieseneuter hindert sie. Auf diesen Wei­den weiden keine wandelnden Euter.
Die schwarzen Stiere weiden gesondert. Stiere für den Stierkampf. Für den volkstümlichen Stierkampf. Es gibt auch den Anderen. In Angra steht eine richtige Stier­kampf Arena. Was dort passiert, weiss ich nicht. Spani­scher Stier­kampf?

Was auf den Azoren das Volk fasziniert, ist der „touradas à corda“. Er geschieht in den Gasse und den Plätzen der Dör­fer. Dem schwar­zen Stier sind die Hörner umwickelt, er hat keine tödlichen Waffen. Aber auch die Männer, die sich ihm nähern, ihn reizen, ihn zeuklen, haben kein spit­zes Schwert unter einem roten Tuch verborgen. Es geht nicht darum, den Stier zu töten. Sie ver­suchen, so nahe wie möglich an ihn heran zu kommen, ihn mit Tüchern, Schir­men, Müt­zen, was sie gerade zur Hand haben, von ihrem Körper abzulen­ken, um sich herum zu ziehen - wie richtige Toreros. Kommt er ihnen zu nahe, ret­ten sie sich über das nächst Mäuerchen.
Der Stier jagt die Menschen - nicht umgekehrt. Für die Jungen eine Art Mutprobe, für die Älteren der Beweis, noch nicht zu alt zu sein, dafür.
Das wäre ein durchaus gefährliches Spiel, raste der Stier nicht an einer langen Leine. An ihrem Ende hal­ten ihn mehrere kräftige und erfahrene Männer. Wird der Spass tödlich – halten sie ihn vom Töten ab.
Immerhin habe ich gesehen, wie der Stier einem stattli­chen Mann mit seinen Hörner half, mit erheblichem Schwung über das Mäuer­chen zu fliegen. Keine Einstiche,  aber blau-schwarze Flecken am Allerwertesten als Mini­mum!
In der Schweiz würde vermutlich der Tierschutz einschrei­ten – auch die Versicherungen und Krankenkas­sen. Denn immer wieder gelingt es dem Stier, einen die­ser reizenden Hel­den auf das steinige Pflaster zu werfen. Mit den Hör­ner kann er ihn nicht aufspiessen, mit der Schnauze rollt er ihn über die Kopf­steine.
Der umher gerollte Held ist froh, wenn der Stier endlich von ihm abgelenkt wird. Vom nächsten Mutigen, zu sich selber hin. Ein Wech­selspiel. Keiner in der Gasse weiss, wann der schwarze Stier sein Zeuklen ernst nimmt. Wann er ihn plötzlich anschaut, dann auf ihn zu galoppiert. Wird es ihm gelingen, den Stier mit seinem Badetuch zu brem­sen, zu täuschen, über ihn zu triumphieren? Oder wird er der nächste sein, den harten Stoss des gesenkten Kopfes zu spüren bekommen?...
Im übrigen sind die schwarzen Stiere nicht ungefährlich. Das muss­ten tausend Mann einer kleinen spanischen Inva­sions-Armee 1581 mit Wut und Schmerz erfahren. Sie soll­ten die Inseln unter Spanische Gewalt bringen und lande­ten in der Bucht von Praia. Als die portugie­sischen Vertei­diger sie nicht zurück werfen konnten, hetzten sie tau­send schwarze Rinder den Hang hinunter. Die Verwir­rung unter den Spaniern war gross und die Schlacht gewonnen. Nur wenige Spanier entkamen auf ihre Schiffe, die in der Bucht ankerten.


Nächste Insel – Terceira.
In Biscoitos kannst du nur den Sommer über leben. Im Winter ist es unmöglich. Du kannst nicht einmal herüber kommen, nach Angra, die Strassen sind voll der schwar­zen Stiere. Viel zu gefährlich...
Maria ist hundertfünfzig prozentige Angranerin – obwohl – oder weil? - sie die Hälfte ihres Lebens in den USA ver­bracht hat. Insularer Lokalpatriotismus!
Auch Praia ist für sie keine Alternative.
Angra! Da geht es gerade noch. Da kann man gerade noch leben. Da gibt es Kultur, Vergnügungen und Sho­ping. Und – Angra ist Kultur­erbe der Menschheit!
Es ist ein schönes Städtchen mit einigen berühmten Kir­chen und Klöstern, einigen grossen Palais und Herrenhäu­sern - jenes des Gou­verneurs, der hier Kapitän hiess, des Bischofs, der Bettencourts und anderer. In letztrem ist heute die Stadtbibliothek untergebracht mit Lese- und Internetsaal. Gratis Zugang zum Netz!
Nicht diese Paläste, Kirchen und Klöster der Reichen machen jedoch die Einzigartigkeit dieses Städtchens aus sondern die Geschlossenheit des gesamten Bildes. Die gesamte Bau­substanz aus dem Mittelalter bis zum vorletzt­en Jahrhun­dert scheint komplett erhalten. Du spa­zierst in einem Städtchen, wie es schon damals gestan­den hat. Immer weiter entwickelt und wieder aufgebaut nach grossen Erdbe­ben.
Im Mittelalter war Angra der Zwischen-Hafen für die spani­schen und portugiesischen „Handels“-Schiffe. Sie kamen aus der Neuen Welt und aus Asien und waren mit Gewür­zen – dem Gold des Ostens – und mit wirklichem Gold aus Mittel- und Südamerika beladen. Hier ankerten sie, die Besatzungen ruhten sich aus, dann wurde Wasser und neue Nahrung an Bord genommen und die Reise fort gesetzt – nach Westen oder zurück in die Heimat.
Die Reede, auf der die Schiffe ankerten, wurde bewacht von den Kanonen der beiden grossen Festungen. Denn englische und franzö­sische Korsaren liebten die Gold­schiffe, überfielen sie und verteilten damit das gestohlene Gold Mexikos und Perus auf ganz Europa.

Ist die alte Geschichte in den schmalen Gassen des Städt­chens noch spürbar, wie es in den Werbetexten der Touris­musbranche beschrie­ben wird?
Der rege Autoverkehr und die anderen Segnungen unser Zivilisation verdrängen sie; wie in anderen schönen, alten Städten auch, vor allem, wenn sie noch keine Auto-freie Altstadt kennen.
Die Atmosphäre auch der schönsten Bauten bewirkt kei­nen Zeit­sprung. Es ist zu laut, es stinkt.
Wir sind und leben in unserem Jahrhundert - und haben dabei unsere Vorteile. Da stellt sich natürlich gleich die Frage nach dem Sinn der Konservierung alter Stadtbilder. Vermutlich kommt es darauf an, wie wir sie erleben. Als goldene Verbrämung jener vergangenen Zeit – als ästheti­schen Genuss – als einer der Bausteine zum Ver­ständnis unserer Geschichte. Bei letzterem stört der Auto­verkehr nicht – er gehört dazu – ist sozusagen ein Teil ihres End­punktes, ein Teil unserer gloriosen Zeit.
Trotzdem stört er mich und ich liebe autofreie Altstädte.


Wieder ein Zeitsprung. Die WAHOO liegt in Praia – diese Marina ist billiger als jene von Angra, sie gehört der Gemeinde. Praia ist ein normales Azoren-Städtchen ohne den geschichtlichen Hintergrund Angras. Im Mittelalter war Praia zwar Hauptstadt der Insel Terceira. Aber Angra hat bessere Ankerplätze und gewann stetig an Bedeutung. Am Ende des 15. Jahrhundert war Praia wieder eine Kleinstadt. 1837 erhielt es den Zusatz „da Vitória“, weil die Einwoh­ner zehn Jahre zuvor mitgeholfen hatten, die Landung der absolutisti­schen – diesmal portugiesischen - Truppen zu verhin­dern.
Praia da Vitória. Was für ein Klang!


Mit dem Bus bin ich auf dem Weg nach Biscoitos, im Nor­den. Es ist das Weindorf der Insel und ich besuche das Weinmuseum. Hier wachsen die verschiedensten Rebsor­ten, einerseits zwischen den schwarzen Basaltmäuerchen, dem Boden entlang kriechend, wie überall draussen auf den Feldern – anderseits im Hochanbau, etwa einen guten Meter hoch gezogen an Stecken oder Pfeilern hän­gend.
Warum das? frage ich meine erklärende Begleiterin, die wie ein Buch spricht und so schnell wie ein Reklamespre­cher für Medi­kamente – all das auf Englisch...
Weil wir zeigen wollen, welche Sorten bei uns  w i e  angebaut wer­den können.
Und welches ist hier die beste Sorte – und wie muss sie angepflanzt werden?
Die Verdhelo Traube! Sie ist eindeutig die beste Sorte. Sie muss zwi­schen die curraletas, die Basaltmäuerchen gepflanzt werden. Dort ist die Traube geschützt, die schwarzen Steine geben nachts Wärme ab und hier – sehen Sie – diese kleinen Steine, die den Boden bede­cken, die Biscoitos, auch sie nehmen Wärme aber auch Feuch­tigkeit auf und geben beides wieder an die Trauben ab.
Biscoitos – kommt daher der Name des Dorfes?
Ja und nein. Biscoitos hiessen die Biscuits, eigentlich das Brot der alten Seefahrer, das wir hier für sie buken und das sie dann auf ihre Fahrten mitnahmen. Sie waren hart wie diese Steine. Darum heissen sie so. Und weil wir hier viele dieser Steine im Rebbau verwenden, heisst auch das Dorf so.
Die Traubenlese, ist sie hier bei Ihnen bereits vorüber?
Vor einer Woche, ja. Darum kann ich Ihnen den Unter­schied nicht zeigen.
Den Unterschied, zwischen den Trauben im Hochanbau, sie sind sauer - wenigstens für mei­nen Geschmack -
und den Verdhelo Trauben, zwischen den curraletas –
die sind wun­derbar süss!
Aber was ich Ihnen zeigen kann, das ist der Wein, den wir daraus machen. Wenn Sie das Museum im oberen Stock gesehen haben, dann bitte ich Sie zur Degustation.

Das Museum im oberen Stock zeigt ein paar alte Wein­bau-Werkzeuge und erklärt, dass der Initiator des Muse­ums, Francisco Maria Brum, 1853, als der Mehltau(?) auch hier die Reben verwüstete, der einzige Weinbauer gewesen ist, der weiter gemacht hat. Und zwar mit Schösslingen jener wenigen Reben, die wie durch ein Wunder, von der Krank­heit verschont geblieben waren. Heute sind seine Nach­kommen die grössten Weinbauern der Insel.

Die Degustation.
Zuerst ein gewöhnlicher weisser Tischwein. So ungekühlt schmeckt er – sauer! Hochanbau? Vermutlich.
Dann der etwas bessere Weisse – für mich das selbe nur etwas weni­ger sauer.
Dann - der Verdhelo.
Das ist Wein! Der schmeckt mir. Und - er erinnert mich an Sardinien, an den Wein, den uns jeweils unsere sardi­schen Freunde brachten und den sie Vernaggio nannten.
Verdhelo... Vernaggio... vielleicht die selbe Traube?
Als Abschluss kredenzte die Begleiterin dann den Wein, den sie ein paar Jahre in den Eichenfässern lagern, die auch in diesem Raum den schweren Steinmauern entlang aufgereiht sind.
Süss, mittel, trocken? fragte sich mich.
Mittel, bitte.
Nach dieser Frage und auch nach der Farbe des Weins –
ist er dem Jerez ähnlich?
Ja, das kann man sagen.
Es ist ein vorzüglicher „Jerez“!
Er ist nun jeweils mein Apéro auf dem Schiff...
 
 
Das Wetter. Eine Front jagt die andere. Regen, Wind, Kälte... zum mindesten haben wir das Gefühl, jetzt ist es aber kalt! Und wir haben noch nicht einmal Ende Septem­ber...
Seit Tagen weht der Wind mal stark, mal schwächer aus Osten. Von daher, wo wir hin wollen...
Klar! Entweder kein Wind – oder Wind auf die Nase.
Ein geflügeltes Wort unter den Seglern.
Und dann sind wir doch ausgelaufen.
Am 25. September drehte der Wind nach Südosten und ich sagte, jetzt oder nie!

Julia und Thomas waren einver­standen, umso mehr als Thomas’ Eltern am 10. Oktober mit ihnen und all ihrem Material von Vilamoura, Portugal, aus mit Auto und Cam­per zurück in die Schweiz fahren wollen.
Und die Windpfeile auf den elektronischen Kar­ten sagten für den 29. und die folgenden vier Tage Nord­wind an, allerdings weit draussen, ungefähr in der Mitte zwi­schen den Inseln und Portugal. Da müssen wir zuerst einmal hin kommen!

Einkaufen, Marina bezahlen, Verabschieden von neuen Freunden hier – das alles hat gedauert und als wir dann am Nachmittag um drei endlich ausliefen, hatte der Wind schon wieder ein wenig zurück gedreht.
 
Stell dir vor: grauer Himmel, bleigraue See, zwei Meter Wellen, alle paar Minuten fliegen, vom Wind getragen, ein paar Salzwassersprit­zer irgendwo an Deck und jemand flucht... beide Segel sind gerefft, der Wind kommt aus Nordost - nach den Prognosen müsste er aus Norden kommen! Und er weht immer noch mit 20 bis 25 Knoten. Aber das ist bereits ein Fortschritt, noch vor ein paar Stun­den hat er mit 30 Knoten aus Ostnordost gebla­sen.
Die WAHOO stört das alles nicht. Stoisch stampft sie ihren Weg fast ostwärts, immer mit 55° am Wind. Wir haben den 29. September. Und ich erinnere mich an den Aus­spruch französischer Segler-Freunde:
vive les cyclistes!


Die zwei letzten Tage sind dann doch noch so gewesen, wie wir es während der ganzen Reise nach Portugal gerne gehabt hätten. Blauer Himmel, leichter Wind aus der rich­tigen Richtung, warm. Die WAHOO unter Gros-, Besan- und Vorsegel lief, kaum schwankend, ihrem Ziel Vila­moura entgegen.
Am Morgen des 6. Oktobers 2008 haben wir es erreicht, unser Ziel. Wir waren alle froh und erleichtert!
 
 



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