17 - Dakar und weiter zu den Azoren
 
Das Ankommen in Dakar ist unspektakulär gewesen. Vor dem berühmten Jachtclub Dakar haben wir ein­fach den Anker geworfen, das Taxiboot des Clubs ist gekommen, der schwarze Bootsmann hat uns willkommen geheissen und uns ins Büro eingeladen. Dort haben sie die Papiere kontrolliert, uns gesagt, was es kostet, die Clubeinrichtun­gen – Bar mit Internet, Stühle und Tische im Schatten grosser Bäume, WC und Duschen – zu benüt­zen und wo wir unsere Papiere abstempeln las­sen müss­ten. Dann der Willkommenstrunk, vom Club spendiert, und wir waren angekom­men.
Übrigens haben wir neben dem Segelschiff von Adolf Sau­rer geankert – dem Enkel des Gründers von Saurer Motor­fahrzeuge Arbon, den ich vor Jahren in Griechen­land ken­nen gelernt habe. Leider ist er nicht an Bord gewesen.
 
Am nächsten Tag dann: die Papiere.
Du nimmst also ein Taxi – das dir als Dakar-Greenhorn – gleich ein­mal den Maxibetrag von 2000 CFA verlangt, dich dafür zum Quai 1 fast direkt vor das Polizeibüro des Hafens fährt. Dort erwartet dich ein freundlicher Polizist – extra für Jachten ausgebildet – der dir etwas umständlich aber dafür sehr ausführlich erklärt, wie wichtig seine Arbeit ist. Dann stempelt er die Pässe, will die Schiffspa­piere behalten, ist dann aber, nach meiner etwas heftigen Reaktion, auch mit Kopien davon zufrieden.
Alles in allem: einmalig und vorbildlich für Afrika!
Dann zum Zoll. Quai 5.
Ich frage einen bewaffneten Soldaten, der den Eingang zum Quai 1 bewacht, wie wir dorthin kommen könnten. Er verlässt seinen Pos­ten, kommt mit zur Strasse und hält ein ziemlich heruntergekomme­nes Auto an:
am billigsten mit dem, kostet nur 100 CFA – aber ihr könnt natürlich auch ein Taxi für 1500 nehmen.
Wieder etwas gelernt: Es gibt hier Taxis – die kosten eigentlich 1500 CFA, verlangen von Weissen aber zuerst einmal 2000 CFA. Sie fahren nur dich – aber dafür genau dorthin wo du hin willst. Und es gibt Pri­vate die gewisse Strecken fahren und ihre uralten Autos voll laden, für nur 100 CFA. Später merken wir, innerhalb der Stadt existiert auch ein ziemlich dichtes Buslinien Netz. In die schwarzen Aussenbe­zirke hingegen fahren private Kleinbusse, die
„kommenn­iean“ heis­sen.
Natürlich fahren mit diesen „öffentlichen“ Ver­kehrsmitteln fast nur Schwarze. Die Weissen und die rei­chen Schwar­zen fahren ihre eige­nen Autos. Sie verursa­chen täglich um die Stosszeiten herum ein Chaos, in dem dann natür­lich auch die „Öffentlichen“ stecken blei­ben. Da kann dann eine Busfahrt ins Zentrum glatt eine Stunde dau­ern.

Das Zentrum. modern, mit Prestigebauten aus Stahl, Beton und Glas, vor allem von Banken und Versicherun­gen, eben solche Regierungs­gebäude und ein-zwei  Super­märkte für die Reichen. In denen findest du vom echten französischen Camembert und edlen Bordeaux­wein über holländische Butter, schottischen Whisky, EU Poulets und Würste bis zum argentinischen oder US Beef alles, was der Weissen Herz begehrt und erfreut und den rei­chen Schwarzen Prestige verschafft. Ein wahres Schlaraffen­land!
Ein paar Strassen weiter unten dann die Strasse der Sou­venierhändler. Recht schöne, geschnitzte Holzfiguren, Mas­ken, Schiffe mit stili­sierten Ruderern, Tiere irgendwelcher Art. Sie alle gleichen sich – ob du sie nun in Namibia oder hier kaufst. Es scheint sich eine blühende Industrie eta­bliert zu haben. Wo genau ihr Zentrum liegt, in West- oder Süd­afrika, in den ehemaligen Homelands oder an ver­schiedenen Orten, weiss ich nicht.
Jedenfalls können die heutigen Touristen ihren Sammlerin­stinkt hier ausleben. Die echten alten Kultmas­ken, Gebrauchsgegenstände, Musikinstrumente, Amulette und so weiter bleiben den Einheimischen draussen im Busch auf diese Weise eher erhalten. Eine rundum gute Entwick­lung!
Dakar ist eine afrikanische Grossstadt mit modernisti­schem Zentrum umrundet von Aussenbezirken für Schwarze. Sie sind eher ärmlich, eher so, wie wir sie in den anderen afrikanischen Ländern auf dieser Reise gese­hen haben.
Daneben gibt es abgegrenzte Bezirke für Weisse, mit Häu­sern und Villen, Gärten und Pools und allem was an Luxus dazu gehört.

In den Garten einer solchen Villa sind wir eingeladen.
Bei seiner Exzellenz, dem Schweizerischen Botschafter.
In dessen Residenz! Zur 1. August Feier - wie alle in West­afrika wei­lenden Schweizer,.
Es ist ein Grossanlass mit gegen vierhundert Gästen.
Am Eingang zwei livrierte schwarze Diener, die schauen, dass keine Unbefugten hinein gelangen.
Dann – schön nebeneinander aufgereiht – der Botschaf­ter himself und seine MitarbeiterInnen. Allgemeines Hände­schütteln – die Armen hatten am nächsten Morgen wohl einen Tennisarm...
Im riesigen Garten dahinter, mit beleuchtetem Swimming­pool Pool, stan­den vier grosse Zeltdächer – wir sind ja in der Regenzeit! – und rund um die äusseren Ränder neben ein­ander aufgereiht Grill- und Frittier­stationen mit schwar­zen Köchen. Angeführt wurde der ganze Reigen von je einer grossen Bar auf beiden Seiten: Also ein Huf­eisen, die Enden als Bars und dann Grills und Fritteusen aneinander gereiht.
Hier nun durften wir zulangen. Und mit uns Schwarze und Weisse durcheinander. Denn mindestens die Hälfte der Gäste sind Schwarze gewesen, die Frauen in den schönen bunten Gewändern, die meisten Männer im Anzug mit Kra­watte, einige wenige in traditionellem Gewande.
Und was hat es denn da zu essen und zu trinken gege­ben?
Rotwein und Weisswein – ich habe nur von letzterem getrunken und ihn, den Schweizer Weissen, sehr genos­sen – dann diverse Apéros und als Abschluss harte Getränke, vom Whisky bis zum Marc.
Natürlich ist auch für die vielen Moslems gesorgt gewe­sen, die kei­nen Alkohol trinken dürfen. Es gab reichlich Frucht­säfte.
Wo soll ich beim Essen anfangen?
Schön der Reihe nach:
Crevetten, Pouletschenkel, Fischstücklein alle in Teig gewi­ckelt und frittiert – auf senegalesische Art. Dann kamen die Grilladen, kleine exzellente Fleischhäppchen vom Lamm, dem Zicklein, dem Rind und als krönenden Abschluss dieser einen Reihe: gegrillte Riesencrevet­ten!  Aber bei denen musstest du schon rasch zugreifen – was ich getan habe. Als dann Thomas dort ankam, der sie über alles liebt, lagen auf jenem Grill bereits die St. Galler Brat­würste... ohne Witz und daneben begann es nach geschmolzenem Käse zu riechen – Raclette! Klar, wir waren ja beim Schweizer Botschafter eingeladen!
Übrigens ertönte beim Eingang, bei der Gäste-Begrüs­sungs-Equipe, ja was wohl? Ganz richtig: Hudigääggeler.
Er wurde aber bald von diskreteren Klängen nicht unbe­dingt schwei­zerischer Provenienz abgelöst.

Was soll ich über die Gäste schreiben? Die Schwarzen haben wohl alle irgend wie mit der Schweiz zu tun oder sind Mitglie­der der Regierung. Als doch eher „schüche Schwiizer“ habe ich kei­nen von ihnen angesprochen. Überhaupt haben erstaun­lich wenig schwarze und weisse Gästen mit­einander mehr als Höflich­keitsformeln ausgetauscht. Und auch die Weis­sen sind vor allem in ihren Grüppchen geblieben. Es ist wohl den meis­ten so ergangen wie mir: ich bin vollauf damit beschäftigt gewe­sen, all die Köstlichkeiten zu erkun­den und sie mir dann schmecken zu lassen.
Von den Weissen habe ich nur einige wenige kennen gelernt. Als ers­ten – natürlich, die sind immer kommunikat­iv und auf neue Gesichter erpicht – den katholische Bischof. Er kam, sah mich alleine stehen, stellte sich vor und als er erfuhr, ich sei nur auf der Durchreise, ver­abschiedete er sich wieder.
Nur ganz wenige Gäste sprachen schweizerdeutsch.
Julia hat eine ganze Familie kennen gelernt. Der Vater kommt aus dem selben Dorf wie sie und leitet hier ein evangelikal­es Hilfswerk, ein Gemein­schaftswerk verschie­dener schweizerischer Freikirchen. Auch ich habe mit ihm gesprochen, ein netter Mann, der hier bleiben will, bis seine beiden Kinder in die Schule kommen.
Über Religion redet man ja bekanntlich nicht bei einer
1. August Feier...
Wohl aber über die Schweiz – und das hat dann der Herr Botschafter in einer kurzen(!) Ansprache auch getan. Einige Schwarze haben konzentriert zugehört.
 
Alles in allem ein neues Erlebnis für mich, der ich Bot­schaften von früher - und damals als Tramper - nicht eben in bester Erinnerung gehabt habe. Nun als „Captain“ eines Segelschiffes sieht das alles natürlich ganz anders aus...
 

2. August 2008. Die Feier ist vorüber, wir können los segeln!
Thomas und ich hatten uns eine Segel Strategie ausge­dacht: wir warten auf eine längere Südwind Periode – ich hatte hier unten schon zwei Mal eine solche erlebt, aller­dings beim südwärts Segeln...
Mit dem Südwind segeln wir so weit wie möglich nord­wärts und dann weiter mit dem normalen Nordost Passat, so gut es eben geht.
Aber auf den 2. August Nachmittag war vom elektroni­schen Wetter­bericht Westwind angesagt. Vor allem ent­lang der Küste und für min­destens drei Tage!
Auch gut, dachten wir, mit halbem Wind sind wir noch schneller.
Zuerst kreuzten wir jedoch bis es Nacht wurde gegen den Westwind um das Kap Verde herum. Dann endlich ging es vorwärts, die ganze Nacht hindurch mit 6-7 kn. Am nächs­ten Tag flaut der Wind ab und am Morgen darauf: Flaute.
Am Nachmittag wehte er wieder, kam aber während der ganzen Wei­terreise praktisch nur noch aus Nord- und Nordnordost und oft segel­ten wir mit einem oder zwei Reffs in den Segeln: Starkwind!
Als wir auf die Höhe der Kanaren kamen – wohin wir eigentlich woll­ten – segelten wir bereits fast 300 sm west­lich davon. Wir mussten einsehen, dass wir die südöst­lichste Azoreninsel, St. Maria, schneller erreichen wür­den, als Hiero, die südwestlichste der Kanaren.
Also neues Ziel: Azoren.
Julia geriet in eine Krise, sie hatte sich bereits auf die Kanaren gefreut. Rumpelstiltzchen im Cockpit...
Die Winde blieben eher bei Nordnordost und wehten oft mit 28 bis 35 kn. 2 Reffs in jedem Segel, starker See­gang; Starkwindsegeln mit 55° zum scheinbaren Wind... das für die Segler unter den Lesern.
Bald lag auch St. Maria zu weit im Osten, neues Ziel: Flo­res, im bes­ten Fall Horta auf Faial.
Aber nach 18 Tagen mit sehr viel Starkwind, verabschie­dete er sich und wir erreichten Horta am 21. August mor­gens um 01.30 Uhr unter Motor!
Wer reist, der kann was erleben!

Der Vollständigkeit halber muss ich noch anfügen, nach vier Tagen hat sich bei mir der Beginn einer Blutvergif­tung angekündigt – wieder von einem unbedeutenden Kratzer ausgehend, dieses Mal neben dem Knöchel des rechten Fusses. Die Crew wollte sofort zurück nach Dakar segeln. Aber mit einer guten Dosis Antibiotika (Co-Amoxi-Mepha 1000, für die Ärzte unter den Lesern) habe ich die Geschichte in den Griff bekommen.
Zurück ist für mich nie eine Alternative gewesen.
Jetzt heilt die Wunde lang­sam wieder zu.
 


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