14 - Von Namibia zu den Bijagos Inseln

Wir laufen aus!
Die Segel sind gesetzt, die Leine zur Boje auf Slip - sie läuft durch das Auge der Boje und zurück zum Schiff.
Wir sind klar zum Auslaufen.
Thomas, lass die Leine sausen!..
Ich nehme derweil das Grosssegel back damit sich der Bug der WAHOO zur See hin dreht und Julia steht an der Grossschot bereit.
Kaum ist die Leine von der Boje los, lasse ich das Grossse­gel auf „am Wind“ Stellung schwingen und die WAHOO nimmt Fahrt auf.
Julia, langsam auffieren - Segel hinaus lassen - gut so!
Ich gehe zum Ruder, drehe es nach Steuerbord und fiere den Besan ebenfalls.
Nun kommt Bewegung ins Schiff und schon läuft sie mit halbem Wind auf richtigem Kurs mit sechs Knoten dem Aus­gang der Walvis Bay zu.
Das wär's fürs erste!
Ich schalte den Autopiloten ein.
Langsam dreht die WAHOO in den Wind...
Ich gehe nochmals auf Kurs, schalte den Automaten wie­der ein... mit dem selbem Resultat.
Der Ruderautomat funktioniert nicht!
2700 Seemeilen ohne Automaten und nur zu dritt?
Das tun wir uns nicht an!
Und so landen wir nach dem schönen Auslauf Manöver ein bisschen zerknirscht wieder an „unserer“ Boje.
Morgen früh, ohne Wind und Seegang werden wir unter Motor able­gen und den elektronischen Kompass neu kali­brieren. Dann sollte – hoffen wir – der Automat auch wie­der funktionieren.

Manchmal zeigt sich eine Reise bereits beim Auslaufen unter schlech­tem Stern. Aber das ahnen wir noch nicht. Und so sieht uns dieser Stern am nächsten Tag mit vollen Segeln vor leicht ach­terlichem Wind aus der Bucht auslau­fen. Der Automat steuert, die Segel ziehen. 10. Mai.
Alles ist bestens.
Die ersten zehn Tag läuft es super. Wir haben Etmals (gesegelte Stre­cke in 24 h) von 119 bis 169 Seemeilen
(1 sm gleich 1,852 km). Das kann zwar ziemlich harte Sege­lei sein – aber wir kommen vorwärts! Wenn das so weiter geht, erreichen wir die Bijagos in 18, 19 Tagen.



Langsam spielt sich auch die Bordroutine ein. Wir gehen
vier Stunden Wachen von 8 bis 20 Uhr - ab 20 bis 8 Uhr Morgens, also während der Nacht, drei Stunden.
Ein solcher Tagesablauf sieht auf einer modern ausgerüs­teten Jacht ziemlich anders aus, als auf einem alten Fischerboot, wie wir es vor Jahren über den Atlantik und den Pazifik gesegelt haben:

 
Fünf Pfannen, elf grosse Teller, elf tiefe Teller, elf Tassen, drei Schüsseln, elf mal Besteck plus Holz­kellen, Sieb, Holz­brett und nicht zu vergessen die elf Gläser. Das alles auf dem Kajüt-Dach male­risch zusammen gestellt, geordnet nach Farben:
die grossen Teller, verschmiert mit Tomatensauce links, Pfannen mit Besteck und Kaffee-Tassen in der Mitte, dann die Gläser, die Schüsseln und rechts aussen die tiefen Tel­ler, aus denen wir ges­tern Abend die Schoggi Creme gelöf­felt haben…
Das ganze Menü passiert nochmals Revue - als kleine Vor­ahnung, was einem in ein, zwei, drei, vier, spätestens aber fünf Tagen auch wieder blü­hen wird:
Morgenstund der Küchenwache - die schönste Stunde der ganzen Woche!...
Obwohl man an diesem Tag ausschlafen kann, vergällt sie einem den ganzen Morgen.
Gemein wie Wacherfinder sind, haben sie sich einen beson­ders üblen Trick ausgedacht, der um so übler ist, als jede Wache zum Schluss noch sel­ber davon profitiert...
Der Trick ist einfach und leuchtet jedem ein, der nicht gerade als neue Küchenwache aufgestanden ist. Das Abendessen, die Hauptmahlzeit an Bord, wird von jeder Küchencrew in der vollen und erfri­schenden Gewissheit gekocht, den Abwasch der nächsten Crew hinterlassen zu können. Sinn und Zweck dieser Regel wird jeden Abend prompt in Form eines mehrgängigen Festessens erfüllt, ohne Rücksicht auf Verluste - von einer Küchencrew gekocht, die am gleichen Morgen selber verzwei­felt vor einem riesigen Berg schmutzigen Geschir­res gestanden hat. Wie im Moment gerade Anto­ine und Pierre.
Einziger Trost dabei - falls er einem bewusst wird - man steht an Deck eines Schiffes in der Sonne und segelt mit­ten im Pazifik.
Die Morgenwache hat zusätzlich zum Rudergehen zwei Auf­gaben: den Fussboden des ganzen Schif­fes wischen - was so rasch getan ist, dass es meist vergessen wird - und Brot backen. Täglich frisches Brot an Bord ist eine feine Sache.
Wir haben darum etwa dreissig Kilo Mehl aus der Schweiz mitgenommen, eine spezielle Brotmi­schung, der man nur noch Wasser, Salz und Hefe beifügen muss. So lange diese Mischung reicht -  bis in die Karibik - hatten wir täg­lich nicht nur fri­sches, sondern ausgesprochen gutes Brot. Die Trockenhefe tat täglich ihre aufgehende Arbeit und männiglich bildete sich etwas ein auf sein Können als Brot­beck.
Seit wir mittelamerikani­sches Weissmehl an Bord haben - anderes war nicht auf zu treiben - dazu etwas Maismehl und Ruchmehl aus "alten Bestän­den", will die Hefe nicht mehr so recht. Wenigs­tens ist das die ste­hende Ausrede, wenn wie­der so ein Fladen - der aussieht wie ein panier-tes Stück Wüste - den Ofen verlässt. Einzig Antoine von uns Männern - bringt aufgegangene Brote mit einer etwas grös­seren Regelmässigkeit zustande.
Und natürlich Barbara, die ihre Meisterschaft im Backen mit Kuchen-Ereignissen bewiesen, die selbst im Bordbuch ver­zeichnet sind. Sie übt ihre Kreativität in ungezählten Brot-Varianten.
Louis-Jean provoziert darum heute einen unge­wöhnlichen Anfall unangeborener Arbeitswut und versucht nun seiner­seits der Sammlung berühm­ter Brot-Varianten einen wei­teren Fladen beizufü­gen.
Verbissen hat er darum als erstes das aus Marme­lade-Cacao-Honig-Brosamen-Kaffee-Zigaretten­asche-Marga-rine-und-weiteren-Resten beste­hende Schlachtfeld gerei­nigt, als das sich allmor­gendlich unser Kajüt Tisch präsen­tiert. Nun klopft er darauf den Teig so wütend, dass ich beim ers­ten Schlag erschreckt glaube, unser Wahoo sei vom Tode erwacht und schlage mit seinem gros­sen Schwanz das Deck. Lange und stark schlägt Louis-Jean den Teig, dann legt er ihn in die grosse Schüssel, deckt ihn mit einem Küchentuch zu und stellt ihn aufs Carre an die Sonne. Während der nächsten Stunde sollte er nun auf gehen...

Mein Lieblingsplatz an Bord ist die schöne, grosse Teak-Grä­ting, die das ganze Heckdreieck ausfüllt. Hier träume ich oft vor mich hin, halb liegend, halb sitzend, höre dem Rauschen des Heckwas­sers zu und schaue zum Himmel. Mast- und Gaf­feltop zeichnen dort die Linien der Seen ein. Es ist ein ruhiger Platz, das Leben konzentriert sich nach vorne. Am Ruder vor mir, halb verdeckt vom Besanmast steht Bar­bara im Schmucke ihrer langen schwar­zen Haare. Sie liebt diese Stunden nicht, hinter dem Rad der grossen Schwester. Die zierliche Barbara sucht die Macht nicht, über ERIKA's brei­ten, schweren Körper.
Stoisch dreht sie das Rad, steht ihren Anteil an der Wache durch und nur selten einmal übernimmt ein Mann ihren Anteil; als Dank für ihre Hilfe beim Flicken einer Hose - erleichtert-wider­willig ihr überge­ben, nachdem sie die betont ungeschick­ten Eigenversuche mit einer verstehend-lachenden Auffor­derung honoriert hatte.
Unten in der Kajüte rechnen Antoine und Serge unsere Standlinien aus und an Deck hat eben Peter fünf Sonnen­winkel gemessen. Jetzt ist Louis-Jean dran. Langsam schwenkt er den Sex­tant um seine optische Achse. Er sieht das Bild der Sonne - durch den Spiegel umgelenkt - in einem leichten Bogen über den Horizont schwe­ben. 
Stop!... ruft er - und setzt den Sextant ab. In die­sem Moment hat der unterste Punkt seines Son­nenbogens den Horizont „geküsst", optisch berührt. Der Winkel des Sex­tanten entspricht in dieser Sekunde exakt dem Winkel zwi­schen sicht­barem Horizont und Sonnen Unterrand.
Fünf­unddreissig Grad sechzehn Minuten...
ruft Louis-Jean nach unten und Andreas bestätigt.

He Louis-Jean, Dein Brot sieht bald aus wie Dein Ranzen...
Louis Jean schaut über die Schulter zur Brot­schüssel. Das Tüchlein über dem Teig ist rundlich gewölbt. Dann schaut er an sich hinab: Meinst Du das nun als Beleidigung oder als Kompliment?.. fragt er zu Jonas hinüber.
Kannst es nehmen, wie Du willst ...
Dann ist es ein Kompliment... beschliesst er, steigt in die Kajüte hinunter, verstaut den Sextant sorgfältig in seinem Kasten und lässt sich von Peter die Schüssel nachreichen. Vor lauter Astro-Navigation hat er vergessen, den Back­ofen vor zu wärmen. Das holt er nun nach und hat dann Zeit, den Teig nochmals tüchtig durch zu kneten. Eigent­lich müssten wir heute gutes Brot bekom­men...
An Deck herrschen wieder die Geräusche des Schiffes. Bar­bara geht noch immer Ruder, Louis Jean klopft den Teig, Peter rechnet Standlinien aus und die anderen lesen, schla­fen oder dösen vor sich hin. Eigentlich ist das der Normalzu­stand an Bord im Pazifik. Die meisten tun, was sie gerade tun möchten, jeder ist frei - mit Ausnahme der Wachen und der Küchencrew, die bald einmal das Mit­tagessen vorberei­ten muss.
 
Das Mittagessen ist längst vorüber, der Badehalt ohne Hai­besuch überstanden und Peter und Jonas gehen die letzte Wache des Tages. Es ist ruhig an Bord. Die meisten lesen. Bald wird die Sonne untergehen.


Im Westen ist heute kein Wölklein zu sehen und die Dünung spürt man kaum. Nur wer sich darauf konzen­triert, merkt wie ERIKA langsam, gleich­sam in Zeitlupe ange­hoben wird, lange oben auf einem Hügel segelt und dann langsam wie­der tiefer gleitet, hinein in ein Tal.
Wer nur flüchtig aufschaut und einen Blick übers Meer wirft, glaubt es glatt wie ein See, kaum gekräuselt vom leichten Wind. Wer genau hin­sieht, sich konzentriert und weit ent­fernte Teile mit nahen vergleicht, erkennt Hügel­züge, lang und flach gestreckt, von weiten Mulden getrennt, die lang­sam gegen Westen fliessen. Wir segeln auf einem riesenhaf­ten Rund sich ständig ändern­der Was­serformen - auf einem Chaos, das sich gleichmütig vom gewaltigen Rhythmus des Alls durchdringen und zur unter­gehenden Sonne hinab drän­gen lässt.
Die Sonne nähert sich dem Horizont. Die gleis­sende Bahn aus Milliarden dreieckiger Spiegelun­gen erhält langsam einen rötlichen Schimmer. Immer weicher und wärmer wird das Licht, je tiefer sie sinkt. Wie viele Sonnenunter­gänge haben wir auf dieser Reise nach Westen schon erlebt? Unzählige, scheint mir. Und trotzdem - fast jeden Abend geschieht das selbe - wie eine Zeremonie. Einer nach dem anderen, stellen wir uns am Schanzkleid auf, am äussersten Rand des Schiffes und schauen nach Wes­ten; schauen schweigend ihrem Untergehen zu - wie sich ihr flammendes Rot in blendendes Gleissen wandelt, sie weiss glühend ein­taucht ins Meer, halbiert wird, tiefer sinkt, sich die spitzen Ränder des letz­ten dünnen Bogens plötzlich aufbiegen, nach oben. Wie sie verlöscht.

T'as vu?.. Serge springt aufs Carre.
Ja, ganz deutlich, diesmal... Pierre klettert die Webleine hoch.
Ich auch, ich hab' ihn auch gesehen...
Ah woo ... Einbildung!
Nein bestimmt!...
Ich auch, ganz genau, am Schluss, ganz am Schluss ...
Ja, sie war kaum weg...
Nein, sicher eine Sekunde nachher ...
Einbildung!... nichts weiteres...
Und Du, Barbara?
Du, ich glaub' schon, aber nicht stark.
Ja weisst Du, wenn man so lange hin sieht, in die Sonne...
Du, eben, das glaub' ich auch ...
Dann bildet man sich's ein!
Könnte aber doch sein, heute ...
Bei diesem Wetter?
Ja, ohne Wolkenband...
Klar, mit Wolken kannst Du ihn nie sehen...
Nein, ich mein' die Dünung, ganz lang und doch zwei, drei Meter hoch.
Du, genau das mein' ich ja...
Ich stell' mir's so vor: wenn wir gleich nach dem sie weg ist, von einer Dünung angehoben werden, können wir sie als Blitz nochmals sehen.
Und warum grün?
Ich glaub' Du hast recht mit der Dünung. Aber es kommt noch was dazu: sie verschwindet für uns hinter einer rela­tiv nahen Dünung.
Du meinst, wenn der Kamm weggeht und wir gleichzeitig angehoben werden...
Vermutlich, ich kann mir's nicht anders erklären...
Und warum grün?
Warum grün, ja ... wenn es die Sonne wäre, die wir als Blitz sehen, dann müsste er eigentlich weiss sein. Am Schluss ist die Sonne fast weiss ja...
Aber der Blitz ist grün.
Dann siehst Du eben nicht die Sonne direkt...
Vielleicht gefiltert... durch Wasser.
Das oberste Wasser einer Dünung?..
Warum nicht?.. dann wär' der Blitz auf all Fälle grün...
Aber vielleicht kein Blitz mehr... eher ein grünes Leuchten, klar... ein ganz kurzes grünes Leuch­ten...
Du - so war's ja auch!...
 


Wieder im Jahr 2007 und auf der WAHOO:
Bald nach 8 Uhr kocht die letzte Wache Tee und richtet das Morgen­essen. Die neue Wache hat übernommen und isst nun mit den ande­ren zusammen selber gebackenes Brot, Butter und Confi und – so lange wir noch haben – Früchte.
Die beiden „Freien“ können nun tun und lassen wie und was sie wol­len; die eine für die nächsten vier Stunden der andere sogar für acht Stunden. In der Nacht sind die Inter­valle dann drei und sechs Stun­den.

Julia und Thomas lesen meistens. Ich schlafe viel oder beobachte das Meer. Es ändert sich von Stunde zu Stunde. Auch der Wind ändert sich und die Strömung. An den Wel­len kannst du ablesen, wohin die Strömung fliesst, woher der momentane Wind weht, woher er vor Stunden geweht und ob in der Ferne ein starker Wind geblasen hat, der sich uns nähert oder zum Glück fern bleibt.


Fast eben so faszinierend sind die Wolken. Auch sie verra­ten uns viel über das kommende Wetter. Aber nur, wenn wir sie immer wieder betrachten und uns überlegen was und wer sie bewegt, dort oben.
Ich will hier keinen Kursus über Meteorologie schreiben – das haben andere besser getan. Aber ich habe auf dieser Reise gelernt, dass schwarze Gewitterwolken nicht unbe­dingt auch starken Wind bringen – vor allem in den Dold­rums nicht. Oft habe ich keine Änderung bemerkt, wenn sie über uns hinweg zogen, hin und wieder eine leichte Ver­stärkung des vorherrschenden Windes, ganz selten eine Drehung. Sind die Gewitterwolken aber von Blitz und Don­ner beglei­tet oder blitzen rund um dich herum ferne Wet­terleuchten... dann ist höchste Aufmerksamkeit gefor­dert. Aber davon später.

16. Mai 08
Wir hatten bisher ständig leichten Wind aus Süd bis Süd­west – segeln aber in einem Gebiet in dem seit Menschen­gedenken um diese Zeit immer der Süd­ost-Pas­sat gebla­sen hat. Vermutlich lenkt das tägli­che Hitzetief über der Kalahari Wüste den Wind bis hier her­aus etwas ab.

Heute hat der Wind endlich auf 150° – 160° gedreht – also doch wenigstens Südsüdost. Damit konnten wir  unser ehemaliges Rekord-Etmal bei der Atlantik-Überque­rung 1990, von 174 Seemeilen, egali­sieren.
Acht Tage später, am 24. Mai um 19 Uhr 27 überqueren wir den Äquator auf 8° 04“ West. Und am 26. Mai errei­chen wir auf 2° 45“ Nord, definitiv die Doldrums.
Der Südost Passat der letzten Tage flaut ab, unsere Etmals ebenfalls, und dann kommen die Winde von über­all her – wenn sie überhaupt kommen. Wieder sind wir eingekreist und umrundet von kleinen Gewitterwolken, wie in den Dold­rums des Indischen Ozeans. Auch im Atlantik waren sie harmlos, brachten selten Wind und wenn, dann bestimmt aus der falschen Richtung für uns.
Bis eines Nachts...

...ein wenig anluven, Thomas, gut so... bleiben
jetzt anluven, noch mehr, noch ein wenig, gut jetzt...
er dreht wieder, abfallen! abfallen! noch mehr, gut so, blei­ben...
Der Wind tobt, ich schreie und Thomas geht Ruder. Seine Augen sind geweitet. Er starrt auf den Windmesser.
40 Knoten, jetzt 50! 56! Und wir unter Volltuch...
Reiner Wahnsinn!

Ich stehe neben ihm, halte mich krampfhaft am Ruder­haus und schaue ins Besansegel. Es wird ständig erhellt von den Blitzen und den Wetterleuchten rund um uns herum. So sehe ich, wenn das Segel zu starken Druck bekommt weil der Wind mehr von Luv kommt – oder zu flattern beginnt, weil wir zu stark angeluvt haben. Denn, ob der Wind dreht oder wir... keine Ahnung in diesem Tohuwabohu.
Nur das Segel voll halten, aber nicht zu voll. Nur das will ich. Wohin wir segeln – egal. Nur die Segel retten!
Wieder zuckt ein gewaltiger Blitz als gleissender Zickzack-Strahl ein paar Hundert Meter an Backbord ins Wasser. Jetzt Dunkel – aber ich sehe den Blitz weiterhin, auf mei­ner Netzhaut. Welcher ist wirklich?
Wieder ein blendender Zickzack-Strahl - jetzt weiss ich es... Nicht in die Blitze schauen, ich muss ins Segel schauen! Ich muss Thomas Anweisungen geben! Sonst nichts...

Ich war erwacht, weil Thomas die Segel mit den Win­schen dichter nahm. Dann klatschte Regen aufs Deck, dann krängte die WAHOO stark weg. Ich sprang auf – und nur mit einem Ölzeug Oberteil bekleidet an Deck, Thomas zu Hilfe.
Draussen stockdunkle Nacht, ich sah die Hand nicht vor meinen Augen... besser gesagt, ich hätte sie nicht gese­hen, wenn die Nacht nicht ständig von unzähligen Wetter­leuchten rund um den Horizont herum fast zum Tag gemacht worden wäre.
Thomas versuchte verzweifelt das Schiff am Wind zu hal­ten.
Ich bin am Anschlag, nichts geht... ich kann nicht mehr tun... schreit er mir zu.
Ich fiere die Balanceleine, dann den Besan auf 90° und schon hat er wieder Ruder im Schiff. Dann fiere ich auch das Gross und wir begin­nen, wie oben beschrieben, gemeinsam diesen Tornado aus zu segeln. Unter Volltuch! Wir haben es geschafft. Es hat kaum mehr als eine halbe Stunde gedauert. Eine lange halbe Stunde!
Nachher: kein Schaden am Rigg – nirgends einen Schaden fest gestellt - fast eine Wunder.

Am nächsten Abend sehen wir wieder einige Wetterleuch­ten am Hori­zont, wie eigentlich jeden Abend. Wir sind im Gebiet der Tornados, eher schon nordwestlich davon.
Sie kämen hier vor, mit Winden bis zu 25 kn, es sei aber auch von solchen mit 40 kn Wind berichtet wor­den... steht im Seehandbuch.
Sollen wir aus Vorsicht aber ohne spürbare Gefahr reffen? Ist die Wahrscheinlichkeit, zwei Mal hintereinan­der in einen Tornado zu geraten gross? Sie ist klein, sehr klein. Es ist unwahr­scheinlich! Also lassen wir's. Ausserdem habe ich die erste Wache...
Zwei Stunden später sind wir in unserem zweiten Tornado innerhalb von achtundvierzig Stunden. Wieder hat der Wind in zwei-drei Minu­ten von 10 auf 45 Knoten zuge­legt. Wieder war keine Zeit um zu ref­fen. Und wieder haben wir unter den momentanen Gegeben­heiten keine Chance, nachträglich zu reffen oder die Segel zu bergen.
Also wieder unter Volltuch!
Ich hatte den Besan vom Steuer aus gefiert. Weg vom Ruder konnte ich nicht mehr. Endlich kommt Thomas her­auf und ich schreie ihm zu: fier' die Balanceleine und das Gross!
Ich versuche verzweifelt das Segel voll aber nicht zu voll zu halten. Heute will es einfach nicht richtig gelin­gen. Immer wieder schlagen beide Segel und ich muss bis zum Ruderan­schlag gehen um abzufal­len.
Ich bin so auf diese ständig wechselnden Manöver kon­zentriert, dass ich nicht zum Nachdenken komme. Sonst hätte ich gemerkt, dass wir die beiden Segel zu wenig gefiert hatten und demzu­folge zu hart am Wind segeln mussten.
Wenn dann der Wind kurz zunahm, luvte das Schiff an, ich musste bis zum Anschlag Gegensteuer geben und kaum standen die Segel wieder voll, ging der Wind zurück und ich kam mit Gegenruder-Legen nicht nach.
Hätte ich doch!...
zum Beispiel Thomas das Ruder übergeben und mich um die Segel gekümmert... Hätte ich doch - nachher ist man meist klüger...
Dieses Mal dauerte die Geschichte über drei Stunden, der Wind ging aber kaum über 45 Knoten hinaus.
Als er – kurz? - zurück auf 15 Knoten ging, bargen wir die Segel so rasch wir konnten. Mit Mühe, aber es ging.
Dann schauten wir das Rigg genauer an.
Segel: beide in Ordnung, keine Schäden!
uff, ich war erleichtert!
Gaffelausleger: das eine Rohr nach unten gebogen, das andere gebrochen – die Balanceleine war darum herum gewickelt!
Halte­rung der Besan-Gaffel an der Schweiss­naht gebro­chen!
Wir gingen schlafen.


Am nächsten Morgen hat Thomas die gebrochene Halte­rung mit zwei Niro Winkeleisen geschient. Sie hält bis heute, ist wahrscheinlich stärker als zuvor.
Dann sind wir weiter gesegelt, Richtung Bijagos Inseln und haben dort auch den Ausleger mit Wärmen, Biegen und mit Sägen wieder zum Funktionieren gebracht.




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