13 - Von Saldanha Bay nach Walvis Bay (Namibia)
 
Walvis Bay, 30. April 2008
Vor einer guten Stunde haben wir den Ausgang aus der Saldanha Bay passiert.
Julia, Julia, ein Wal, komm, komm - da drüben, siehst du ihn?
Die beiden steigen aufs Kajüt-Dach um besser zu sehen. Er ist recht nahe bei uns aufgetaucht, der Blast aus sei­nen beiden Nasenlöchern war gut zu sehen und noch besser zu hören. Ich meine selbst, ich rieche ihn...
Hol' den Foto... und Thomas rast in die Vorkajüte und kommt damit zurück.
Schon zu spät... er ist abgetaucht. Du hättest ein schönes Föteli von der Flunke machen können. Schade...
Vielleicht ist es der selbe, den wir vor einer Stunde gese­hen haben...
Vielleicht verfolgt er uns!?
Lass den Foto hier, vielleicht taucht er wieder auf...
 
Es hat an der Küste zwischen Kapstadt und der Saldanha Bay erstaunlich viele Wale. Es sind die Southern Right Wales, Wale mit zwei Nasenlöchern und damit auch mit zwei Blasten.
Als die Wale noch mit Segelschiffen gejagt wurden, fuhr jeder Wal­fänger in einem Korb hoch oben im Grossmast einen Ausguck. Sang nun dieser Ausguck von dort oben herunter: a right Wale is blasting on portside – wusste jeder, jetzt gilt's! Ins Wasser mit den Booten, hinein und los rudern. Vielleicht reicht’s gerade noch, bevor er wie­der taucht.
Der Right Wale war der „richtige Wal“, jenen den man har­punieren wollte.
Am Anfang wurden die Wale von den Einheimischen mit Ruderbooten gejagt. Vor allem in jenen Buchten der gemässigten Zonen, in denen sich Wale zum Paaren tra­fen. Der Walfang gehörte zum Überlebens­programm jener Menschen. Der Wal lieferte ihnen Nahrung, Lam­penöl und Tausend Dinge, die sie aus den Knochen und Barten her­stellten.

Später begannen die Nordeuropäischen Seefahrtnationen Segel­schiffe mit Walfangbooten auszurüsten und dorthin zu entsenden, wo es Wale gab. Vor allem in die Arktis und in den Pazifik. Waltran wurde zum Handelsobjekt, die Schiffe ausgerüstet von profitorientier­ten Gesellschaften.
Auch zu jener Zeit hatten die Wale noch eine Chance.

Ein von Rude­rern getriebenes Walboot in dem am Bug, hoch aufgerichtet, der Harpunier mit seiner Handharpune stand, das war noch keine Gefahr für den Walbestand die­ses Pla­neten.
Erst als der Walfang richtig industrialisiert wurde, betrie­ben mit schnellen und wendigen Motorschiffen, die auf ihrem Bug eine weit reichende Harpunierkanone fuhren, und als auch noch der elektroni­sche Walfinder vom Heliko­pter aus dazu kam, da war Walfang end­lich ohne gros­ses Risiko – weder für die Fänger noch die Finanzies – zu einer gewinnbringenden Investition geworden.
Die Wale wären mit Sicherheit so weit dezimiert worden, bis sich Walfang nicht mehr gelohnt hätte; bis ein sich Treffen und Fortpflan­zen der vereinzelt noch überleben­den Tiere in den unermesslichen Weiten der Meere nicht mehr wahrscheinlich gewesen wäre. Bei eini­gen Walarten haben wir Menschen diesen Zustand beinahe erreicht.
Aber es hat ein Umdenken statt gefunden – oder die finanziellen Aus­sichten im Vergleich zum weltweiten Imageverlust sind doch zu gross gewesen...
Jedenfalls - heute sind die Wale auf allen Meeren geschützt und nur noch einige wenige Nationen betreiben Walfang in limitiertem Umfang – zu Forschungszwecken... wie sie sagen.
 
Es gibt wieder Wale – hier die Southern Righte Wales – und wir freuen uns über jeden, den wir sehen. Je näher er bei uns auftaucht, um so mehr!
Natürlich sind sie gross - fast so lang wie unser Schiff – und sehen irgendwie vorsintflutlich aus, mit ihren rotoran­gen Höckern vorne am Kopf. Trotzdem fühlen wir uns sicher. Die Wale hier machen einen friedlichen Ein­druck und unser Schiff ist stark.
Ich habe das auch schon anders erlebt. Vor Jahren auf dem Pazifik. Damals segelten wir ein achtzigjähriges Holz­boot von achtzehn Metern Länge. Da tönte meine Beschreibung etwa so:


... schon gestern Nacht... da haben wir schön im Wasser gestanden, drei Uhr Wache, weisst du...
Louis Jean kommt dazu:
was erzählst du? Vom Wal?
Eh bien, oui.. da haben wir aber den Regen vergessen!... meinlieber­mann
Was war denn?
Ich steh’ am Ruder. Louis Jean schläft neben mir...
Oder umgekehrt!...
Plötzlich ein... ein – ja ich hab’ zuerst gemeint, du schnarchst...
Dabei war ich hell wach!... es war wie – ja, Schmatzen und Schnau­fen und Pfeifen gleichzeitig.
Wie weit war’s denn weg von euch?
Nicht sehr weit.
Verflucht nahe! würd’ ich sagen.
Wir sind beide rüber gerannt, ans Schanzkleid.
Und da ist er schon heran gefahren...
Ein riesiger schwarzer Körper, direkt vierkant auf uns zu.
Riesig, wirklich, den hinteren Teil haben wir noch gar nicht gesehen...
So gross war der?
Riesig, eine riesige Masse!... und immer voll auf uns zu.
Und wie ich denke, jetzt kracht’s...
Genau, ich hab’ das Splittern schon gehört!...
Da ist er abgetaucht. Ganz knapp vor der Bordwand.
Wie knapp denn?
Ja, höchstens ein, zwei Meter.
Meinliebermann, hab’ ich Angst gehabt.
Der hätte uns kurz und klein geschlagen.
Glaubst Du? Bei unseren fünfundsechzig Tonnen?
Na ja, ich war jedenfalls froh als er weg war, abgetaucht.
Ich auch... und wie!...
Sie ist sicher ein starkes Schiff, übermässig stark...
aber du hast diese schwarze Masse nicht gesehen...
Und diese Geschwindigkeit!
Niemanden hat es gereut, dass wir nun nicht wis­sen wer stärker gewesen wäre: unser Schiff oder der Wal.

Zu oft sind in dieser Gegend Holzschiffe von Walen ver­senkt worden. Hat ihre Aggressivität wohl etwas mit den Schiffen zu tun, die wir am nächsten Tag südwestlich von Española (Galapa­gos) gesichtet haben?
Vermutlich sind es zwei Walfänger gewesen....


Zum Glück sind diese Zeiten nun – fast – vorbei.
Die Wale können wieder stressfrei leben, sich vermehren, neben Schiffen auf- und abtauchen. Ohne Gefahr. Und zur grossen Freude der Menschen, die auf diesen Schiffen die Meere befahren.


Weiter nach Namibia.
Es scheint, der Winter bricht hier an. Es ist erstaunlich und unange­nehm kalt – wir haben keine Heizung an Bord weil wir dachten, wir segelten in warmen Regionen – rund um Afrika. Aber oha lätz!
Der Südostwind kommt direkt aus der Antarktis und die Strömung, die hier an der Westküste nach Norden setzt, ebenfalls. Das Wasser erreicht in seinen besten Momen­ten 15° Celsius!
So frieren wir halt am Morgen nach dem Aufstehen, das – in dieser Gewissheit – etwas mühsam und möglichst spät vor sich geht. Denn im Bett, mit zwei Wolldecken zuge­deckt, ist es immer noch am wärmsten.
Bricht dann die Sonne durch den ewigen Nebel, meist erst gegen Mit­tag, wird es schön warm, wenn der Südost nicht zu stark bläst. Aber Nachts, während der Nachtwa­chen, da müsstest du mich sehen: lange Flies-Unterho­sen, darüber wasserdichte Nylonhosen – es wird sehr feucht an Deck – langärmliges Leibchen, dickes Hemd, dicker portugiesi­scher Pullover, Winter-Daunenjacke mit ebensolcher Kapuze, darunter eine Wollmütze, um den Hals einen Sha­wel und dicke Handschuhe an den Hän­den. So segelt man in Afrika, im Süden Afrikas!

Die Fahrt von Saldahna Bay nach Lüderitz ist schnell erzählt. Wir segelten mal mit 8 Knoten und beim Surfen mit über 10 und dann dümpelten wir wieder und mussten motoren. Der Durchschnitt war nicht erhebend aber wir hatten eine wunderschöne, ruhige Sternen­nacht. Ein Him­mel voll der Sternbilder des Südens und die gewaltige Milchstrasse mitten hindurch. So hell leuchtend habe ich sie in mei­nem ganzen Leben noch nie gesehen.
Phantas­tisch!
 
Die Ankunft in der Bay von Lüderitz ist etwas schwierig aber offenbar – wie wir später von Seglern hörten – ziem­lich typisch gewesen. Acht Meilen vor der Einfahrt hörte der Wind auf, der Schwell blieb, wir motorten. Drei-vier Meilen vor der Einfahrt nahmen wir die Segel weg weil wir dachten, jetzt haben wir Zeit, was später kommt, wis­sen wir nicht.
Eine halbe Stunde später: 30 Knoten Wind aus Südost! Noch­mals Segel setzen bringt nichts, weil wir der vielen, vor Anker liegenden Diamant-Fischerboote wegen, nicht in die Bucht hinauf aufkreuzen können. Also mit Motor gegen an und einen Ankerplatz suchen.

Unser Motörchen hat's geschafft. Wir jedoch wurden geschafft! Zuerst durch das Suchen eines Ankerplatzes, dann eines Bojenplat­zes.
Nach dem ersten Ankerversuch kam über Funk die Mel­dung von Port Control, wir lägen im Bereich der Gross­schiffsart, wir müssten weiter zum Land hin ankern. Also Anker auf bei 30 Knoten Wind! Dabei sah ich schon zu der Zeit, dass dort, wo die uns wollten, nicht genügend Platz für uns war. Nach langem hin und her und herum­kurven, zwi­schen den Bojenliegern, funkte der Mann der Port Con­trol plötzlich, er sehe, dass wir dort wo er gemeint habe, nicht ankern könnten. Wir sollten die Boje nehmen, die knapp an Portside vor uns läge. Die gehöre einem Freund von ihm und sei stark genug für uns.
So ist das eben im Leben!... Man müht sich ab, sucht Alternativen und tut am Ende das, was man als erstes hätte tun wollen.
 
Lüderitz ist ein hübsches Städtchen mit ein paar schönen alten Kolo­nialhäusern, einigen Supermärkten und einem Yachtcub mit Mitglie­dern, die keine Schiffe haben aber sich dort täglich ihr Quantum Alkohol einverleiben. Bier und selbst „Jägermeister“ wird dort per Hektoliter einge­kauft...
Wir durften dort duschen und ich mein Glas Weisswein trinken. Aber Kontakt zu den Mitliedern habe ich erst bekommen, als ich hörte, dass einige Deutsch miteinan­der sprachen.
Ich fragte sie darum, ob sie Namibier oder Deutsche seien. Allsamt deutschstämmige Nami­bier! Beim einen waren schon die Grosseltern – er sprach nur vom Grossva­ter – hier her ausgewandert, ein anderer nach dem Krieg, ein dritter – etwas geringschätzig sagten sie es von ihm – sei erst seit fünfzehn Jahren hier. Er könne nicht einmal Afri­kaans. Aber es gehe ihnen allen gut hier. Nie würden sie in Südafrika wohnen wollen. Dort sei es furchtbar, diese Kriminalität. Hier könne man leben, habe sei­nen Ver­dienst, gehe es einem recht gut.

In der Nähe von Lüderitz liegt eine längst verlassene Dia­mantgräber Siedlung. Sie ist heute die Touristen Attrak­tion. Beim Touristoffice kann man sich Eintrittskarten besorgen und weiss dann, von wann bis wann man sich darin aufhalten darf. Offenbar ist der Andrang gross. Am Tag an dem Julia und Thomas hin fuhren, war ein Kreuz­fahrtschiff mit zwei Tausend Touristen eingelaufen. Und die meisten von ihnen wollten doch die Atmosphäre die­ser ach so echten alten Diamant­gräber Siedlung mitten in der Wüste erleben.

Walvis Bay. Die Fahrt hierher verlief ähnlich wie jene nach Lüderitz. Nur bekamen wir hier sofort eine Boje, die stark genug sei für uns. Die Bay ist mehrfach grösser als jene von Lüderitz, die Einfahrt für die Grossschifffahrt ausge­baggert, der Rest der Bay untief. Darum gibt es kaum Schwell hier. Ein idealer Ankerplatz.

Von hier aus haben Julia und Thomas ihren Adventure-Trip zu den Viktoria Fällen gebucht, der knapp drei Wochen gedauert hat.

Ich bin auf dem Schiff geblieben und habe als erstes mein Velo aus­gepackt und beim Club deponiert.
Täglich bin ich ins Städtchen gefahren. Ich war beim Coiffeur – für Schwarze. Sie haben zwar gegrinst, als ich herein kam, mir dann aber ohne weiteres die Haare geschnitten. Beim weiter Fahren, an einer Strassenecke, haben meine Nasenflügel plötzlich zu beben begonnen. Was für ein Duft!.. wie bei uns in einer Dorfbäckerei. Schwarzbrot, Gipfeli, Bürli - Fata Morgana vor meinem inneren Auge?!
An der Strasse lag ein Restaurant, vorwiegend für Weisse. Aber um die Ecke, da fand ich die Bäckerei. Und was für eine!... An der Wand stehen Gestelle voller köstlicher Brote, dunkle, weisse, halbweisse, mit Kernen, mit Hafer bestreut und damit gebacken. Auf weissen Tüchern in grossen, flachen Körben liegen Gipfeli, helle, dunkle und solche mit Butter. Daneben weisse Semmel und richtige, dunkle Büürli! In Vitrinen, weiter hinten, Guezli, 20er-Stückli, Crèmeschnitten, Hörnchen und und und. Ein Paradies wunderbarer Düfte, ein Ort dunkelster Versuchung...
Ein junger, fröhlicher Schwarzer bedient mich. Auf Deutsch! - Und - wen wunderts? - in Zukunft fast täglich.

Eines Mittags um zwölf bin ich in Walvis Bay in den Bus nach Wind­hoek eingestiegen und im oberen Stock ganz vorne mit gefahren. Die Sicht dort ist wunderbar. Du siehst von links nach rechts über 180° und nach oben den gan­zen Himmel vor dir. Natürlich auch die Sonne. Und die „sieht“ auch dich! Leider war die Klimaanlage ausgefallen – „wir ent­schuldigen uns dafür und für die Unannehmlich­keiten die Ihnen dar­aus entstehen“.
Es ist ziemlich heiss gewesen dort vorne unter der gros­sen, gewölb­ten Glasscheibe. So um die 40° C ohne weite­res. Das schwarze Paar neben mir jedenfalls, ist oft nach hinten gegangen. Über weite Stre­cken fuhr da vorne ein alter Weisser ganz alleine. So ein verrückter Mensch!
Die Strasse führt zuerst durch riesige Sanddünen dem Meer entlang nach Swakopmund. Am flachen Strand ist ein Fischkutter aufgelaufen und rostet vor sich hin.
Swakopmund sei ein deutscher Ort in dem sogar wäh­rend den Zeiten der Apart­heid, Ehen zwischen Schwarzen und Weis­sen erlaubt gewesen seien. Selbst der Bürgermeister hätte eine schwarze Frau gehabt.
Ein junger Schwarzer erzählte mir das in bestem Hochdeutsch, seine Mutter sei eine Ovambo, sein Vater ein Deutscher – er selber habe in Deutschland zuerst studiert, dann Schreiner gelernt. Nun lebe er wie­der hier - weniger Stress!
Nach Swakopmund geht es weiterhin durch riesige, sicher dreissig Meter hohe Sanddünen landeinwärts. Ein faszinier­endes Farbenspiel; das blendende Weiss der Sandtä­ler, das kräftige Ocker der Abhänge und oben schwarz wie Lava, die Kuppen der Dünen.
Langsam werden die Sanddünen seltener und wir fahren durch eine weite karge Steinwüste. Kein Mensch, kein Tier, steinige Öde. Das immer schmaler werdende, schnurgerade Band aus Asphalt lässt die Weite spüren und trennt sie gleichzeitig in zwei gleichmässige Hälften. Der Bus rast mitten hin­durch. Und doch gibt es auch hier Leben. Aber das Leben ist nicht sichtbar.
Allmählich erscheinen hie und da dunkelgrüne Punkte in der Ebene. Kleine runde Büsche. Je weiter wir fahren, um so grösser werden sie, um so häufiger, und dann sehe ich die ersten klein wachsenden Bäumchen und dazwischen „weisses“ Gras. Ja wirklich, weisses Gras, das die Savanne zwischen den Bäumchen fast weiss mit einem feinen Stich ins Grün erscheinen lässt. Je näher wir Wind­hoek kommen um so grüner wird das weisse Gras, um so höher die Bäumchen und dann verlassen wir die Savanne und errei­chen grünes Land in dem zwischen den Bäumen und Büschen, Schafe und sogar Rinder wei­den.

Windhoek. Mitten im modernen, wohlhabenden Teile der Stadt hält der Bus. Es ist Abend geworden, bald wir es dunkel. Hier herum werde ich kaum ein günstiges B&B oder Gästehaus finden.
Eigentlich hatte ich „Schlepper“ erwartet, die Rucksacktouristen wie mich zu einer Über­nachtungsmöglichkeit füh­ren würden. Nichts davon.
Die meisten Mitreisenden steigen hier nur um, in den Bus der weiter nach Kapstadt fährt. Fast alle anderen werden von Verwand­ten erwartet.
Ein junger schwarzer Mann zeigt mir endlich den Weg zu einem Gästehaus, fünfzehn Minuten vom Zentrum ent­fernt. Dort bekomme ich ein Zimmer. Ich frage den Nacht-Wächter und -Portier, wo ich hier herum etwas zu essen kriegen würde.
Die Strasse da vorne ent­lang, dann rechts und dann siehst du schon das Einkaufszen­trum. Dort kannst du essen.
Das Restaurant ist schon geschlossen – klar, Sonntag.
Also bleibt nur das Take Away. Mit einer Art zusammenger­ollter Pizza und einem Bier aus dem Super­markt spa­ziere ich zurück in mein Zimmer und esse dort.
Nicht gerade das, was ich mir erträumt – aber sicher billi­ger!
Dann dusche ich und schlafe - kaum gestört von den aus­schliesslich schwarzen Gästen, die halt ein anderes Ver­hältnis zur „Nachtruhe“ haben. Ihr fröhliches Schwat­zen und Lachen stört mich nicht. Die positive Einstellung dazu, ver­wandelt Lärm in Kundge­bungen des Lebens.
Überraschung am Morgen: ein echtes englisches Früh­stück mit allem Drum und Dran erwartet mich im „Speise­saal“. Das ist ein grosses Zimmer mit Neonbeleuchtung, einfa­chen Stühlen und Tischen – zweckmässig aber nicht gerade schön. Die beiden schwarzen Frauen – die Ältere kocht, die Jüngere serviert – sind zuerst ziemlich scheu und wortkarg. Dann frage ich die Ältere, ob sie heute Abend koche, ich hätte gehört, sie koche wunderbares einheimisches Essen. Da lachen sie und das Eis ist gebro­chen. Nein, sie koche heute nicht, zu wenig Leute, die hier essen wollten. Ob ich denn Namibisches Essen gerne hätte und welche Menüs denn? Da hatten sie mich erwi­scht - ich kenne kein einziges Gericht mit Namen. Sie zäh­len lachend auf – haben es gemerkt – und ich winde mich heraus indem ich sage, die Gerichte hiessen in jedem Land wieder anders, aber ich liebte einfach die afrikani­sche Küche.

Die Independent Avenue ist die Haupteinkaufsstrasse der Stadt. Hier bekommst du alles - wie in irgend einer grös­seren Stadt Europas. Ich suche einen neuen Scherkopf für meinen Rasierapparat. Zuerst in den verschiedensten Warenhäusern. Überall nur Handrasierer. Dann entdecke ich ein Elektrogeschäft. Braun? Nein, wir haben nur Phi­lips. Aber die Verkäuferin holt ihren Chef und der schreibt mir die Adresse eines Konkurrenten auf, dort bekommen Sie dieses Ersatzteil. Und so ist es und bedient werde ich vom Besitzer persönlich. Auf Deutsch.
 
Dann entdecke ich das „Old Warehous“, die alte Brauerei von Wind­hoek. Sie ist zum Kulturzentrum der Stadt umfunktioniert worden – ähnlich der „roten Fabrik“ in Zürich. Konzert- und Theatersäle für eta­blierte und alter­native Kultur – ein klassischer Gitarren Abend gefolgt von einem Rockkonzert, Lesungen und Vorträge.
Den grössten Raum nehmen allerdings Boutiquen ein, die einheimi­sches Kunstschaffen verkaufen, von schönen Schnitzereien, gewobe­nen Tüchern, Teppichen, Stoffen für Kleider über Gemälde und Gebrauchsgegenstände. Alles in einem riesigen Saal mit integriertem Restaurant, mit Bar und Balkon.
Etwas weiter hinten findest du aber auch die Boutiquen mit Massen­kitschwaren, von nachge­machten Kultmasken aller Stämme über Giraffen in jeder Grösse, Löwen mit Zottelmähne aus Kunststoff, ebensol­chen Zebras, Kroko­dile aus ech­tem Krokodilleder und was der Tiere und was der verkaufbaren „Kult­gegenstände“ mehr sind, die von den Touristen im Busch vermutet wer­den.
Alles findest du dort.
Aber auch eine Handweberei – echtes Kunsthandwerk!  Wo vom Kar­den bis zum fertigen Teppich alle Arbeiten bestaunt werden können. Einge­schlossen ist eine erklä­rende Führung - für mich persön­lich auf Deutsch!
Mein Lieblingsplatz liegt gleich davor im Innenhof der Brauerei. Ein paar monumentale Holz– und Wurzelstö­cke, zu fantastischen Urvie­chern umgeschnitzt stehen herum und regen die Fantasie an, ein paar Holztische mit Holz­stühlen stehen daneben und im kleinen Restaurant, zu dem sie gehören, schenken schwarze Frauen einen guten offenen Weisswein aus. Hier ruhe ich mich „nicht immer aber immer öfters“ aus. Vom Museumsbesuch zum Bei­spiel.
Darüber aber will ich nicht schreiben. Wir Europäer glau­ben zu wis­sen, was wir, als ein von TV Sendungen über „Schwarz­afrika“ ver­wöhntes Publikum, in einem Museum in Schwarzafrika erwarten kön­nen.
Hier zeigen sie was mit persönli­chem Ein­satz und Engage­ment – aber ohne Geld – mög­lich ist. Wenig für uns - aber viel, für die wenigen Einheimi­schen, die an der Viel­falt der Tiere und Pflanzen ihres Lan­des interessiert sind.
Auch hier gilt Brechts Ausspruch – etwas abgewandelt: zuerst kommt das Fressen und dann die Kultur...
Ja, das Fressen! Die einen haben mehr als genug – ihre „amerikani- schen“ Figuren zeugen davon. Die anderen sind spindeldürr - ebenfalls mit rechten Bäuchen, Hungerbäuchen. In Ländern, die zu den Schwellenländern gehören.
Uns geht es eigentlich gut hier, hat mir ein weisser Tourismus-Manager an der Bar im Yachtclub von Lüderitz gesagt. Und ähnliches habe ich immer wieder von Weissen gehört.
Und von Schwarzen?
Das ist es ja. Wenn du nur unter Weissen lebst, dann hast du nur Kontakt zu Schwarzen, denen es – nach schwarzen Massstäben - einigermassen gut geht. Der Barmann in Walvis Bay verdient etwa 1200 bis 1500 Namibia $, seine Kollegin für die selbe Arbeit nur 1000. Damit kann man hier aber leben. Nicht sehr gut. Aber man hungert nicht.
Ein Wächter jedoch verdient – nach den Angaben eines meiner Gesprächspartners in einem Townships nahe Wind­hoek - 400, höchs­ten 500 N$.
Julia hat mir als Bordkasse 400 N$ gegeben für die drei Wochen in denen sie auf ihrer Tour nach den Viktoria Fäl­len weg waren. Und die Grundnahrungsmittel und der Wein waren an Bord! Es ist für mich trotzdem nicht mög­lich gewesen, davon zu leben. Nur 3 Wochen und nur Essen!
Denn ein „graues“ Brot – natürlich vom deutschen Bäcker, den sich Schwarze nicht leisten – kostet 15,20 N$; ein Steak – das sich Schwarze ebenfalls nicht leisten können – etwa 30 N$; Eisbergsalat 15 N$. Ein Abendessen im Club bekommt man für 50 N$ - ein Glas Weisswein kostet dort 6.50 N$. Zur Orientierung, der Kurs lag bei CHF 1.30 für 10 N$
Nach meiner geringen Erfahrung, leben die Weis­sen immer noch so gut, weil sie den Schwarzen immer noch so knappe – um es höf­lich auszudrücken – „Löhne“ bezahlen. Es gibt Arbeitskräfte im Über­fluss, jeder unge­lernte Schwarze ist froh über­haupt einen Job zu haben – also bezahlt man ihm das absolute Minimum. Das ist so!
Schade nur – sagen die Weissen vor allem in Südafrika –  dass wir so viel Kriminalität haben - sonst ginge es uns ja wirklich sehr gut!
Im übrigen:
Auch ich bin ein Weisser! Die Totalrevision des Mercedes-Motors hat mich in Südafrika etwa CHF 3'500.— gekostet. In Europa wäre es mindestens das Doppelte gewesen.
Das Südafrikanisches Schlauch­boot kostete mich hier etwa CHF 1'200.-- , ein vergleichbares Euro­päisches min­destens das Doppelte.
Auch wir profitieren – ob wir wollen oder nicht.
Wir freuen uns über günstige Preise. Günstig sind sie des Lohndum­pings wegen, in den armen Ländern.
Wir Reiche leben auf Kosten der Ärmsten.
W i r Reichen!


Zurück in Walvis Bay.
Ich komme aus einem Shoppingcenter und finde mein Velo einge­hend bestaunt von drei schwarzen Jünglingen.  Es ist jedoch von einem starken Stahlschloss gesichert, das es mir sogar in der Schweiz vor Diebstahl geschützt hat.
Hellow Sir, Sie haben ein schönes Bike...
Wie gefällt Ihnen Walvis Bay?...
Wo kommen Sie her?
Switzerland... dann sind Sie ein reicher Mann. Dort sind doch Alle reich... die vielen Banken...
Ein Wort folgt dem anderen. Ich bin fast ein wenig glück­lich, endlich mal mit jungen Schwarzen reden zu können. Wir beginnen zu plau­dern.
Die Jungs sind schätzungsweise knapp vor zwanzig, in Jeans und
T-Shirts. Nicht auffällig, nicht ärmlich.
Sie scheinen eben so interessiert daran, etwas über die Schweiz zu erfahren, wie ich mehr über ihr Leben hier wissen möchte.
Sie sind mehr oder weniger arbeitslos – jedenfalls nach unseren Massstäben. Sie leben von Gelegenheitsarbeiten, einmal hier etwas, dann wieder dort. Und sie leben natür­lich in ihrer Familie. Etwas anderes sei für sie nicht mög­lich.
Wie das denn in der Schweiz sei, mit Arbeitslosigkeit, mit Einreise. Und dann kommt die obligatorische Frage,
Können Sie mich mitnehmen, ich kann das Schiff putzen, Abwaschen, Kochen, alles, was Sie wollen.
Und einmal mehr auf dieser Reise muss ich mein Abwehr-Dispositiv aufbauen:
Könnten Sie nach Südafrika reisen und dort Arbeiten?
Ich glaube schon, aber ich will nicht. Dort finde ich keine Arbeit!
Und nach Angola, nach Botswana, Zambia, Tansania?
Schwierig wegen der Papiere, wenn ich nicht schwarz hin­über gehen will.
Das wäre viel zu teuer, da brauchst du eine Menge Dol­lars...
Seht Ihr, genau das selbe, wenn ich einen von Euch mit nehmen würde. Die Papiere! Er könnte nirgends an Land gehen. Ich lache: er müsste sein ganzes Leben auf dem Schiff verbringen, wie ein Schiffs-Geist...
Wir lachen gemeinsam – geschafft! Die böse Klippe ist umschifft. Denn es ist jedes Mal eine bitterböse Klippe, jungen Menschen, die arbeiten möchten, zu erklären: ihr habt keine Chance legal nach Europa hinein gelassen zu werden.
Nun ist das Interesse nicht mehr so gross an mir. Darum bücke ich mich, öffne das Veloschloss, steige auf und ver­abschiede mich von den drei Jungs.
Im Clubrestaurant merke ich, mein Portemonnaies ist weg. Es hatte in der Hintertasche meiner Jeans gesteckt.

Ein paar Tage darauf, haben wir starke Winde aus Nord. Trotzdem gehe ich an Land und fahre in die Stadt. Dann bringe ich meine Ein­käufe ins Dinghy und genehmige mir noch einen Glas Weisswein an der Club Bar.
Wie ich zurück komme, sehe ich entgeistert zum Steg hin­unter. Das darf nicht wahr sein! Vor einer halben Stunde bin ich hier gewesen – alles in Ordnung. Und jetzt das! Das Dinghy liegt umgekehrt im Was­ser. Das Motör­chen unter Wasser.
Ich renne hin und dreh es um. Das rote Vordeck ist zerris­sen, die mühsam geklebten Verbindungen zwischen den Schläuchen und dem Boden haben sich gelöst, die Ein­käufe sind weg, das Wasser steht wieder knöcheltief im Bötchen.
Aber was ist mit dem Motörchen? Eine halbe Stunde im Salzwasser... das kann sein Ende sein.
Ich geh' an die Bar und erzähl’ es. Da steht Archi auf, trinkt nicht einmal seinen Whisky aus und sagt zu mir, das haben wir gleich.
Archi ist der Chef des Unternehmens, das Touristen mit Motorkata­maranen in der Bay herum kutschiert. Auf sei­nen Pfiff hin kommt dann jeweils eine Seehundmutter mit ihrem Jungen ange­schwommen und schwups, klet­tern sie hinten am Schwimmer an Bord, lassen sich von den über­raschten Touristen bestaunen, gar tät­scheln, bekommen ihren Fisch und jumpen dann wieder ins Wasser zurück. Lange dür­fen sie nicht bleiben. Auch noch so begeisterten Touristen sticht ihr Duft unangenehm in die Nasen...
Also Archi kommt mit zum Dinghy, nachdem er seine Werkzeugkiste aus dem Auto geholt hat. Wir ziehen das Bötchen auf den Ponton, er nimmt das Motörchen ausein­ander und erzählt, weisst du, das ist Routine für mich, wir haben jede Menge Aussenborder, nicht so kleine natürlich aber im Prinzip ist doch alles das gleiche.
Jedenfalls, nach zehn Minuten ist das Motörchen wieder zusammen gesetzt und läuft tatsächlich.
Auch das ist südliches Afrika. Hilfsbereitschaft – Weisse, die sich Zeit nehmen einem anderen Weissen zu helfen. Ähnliches habe ich nur in den USA erlebt... wirkt es auch dort nach, diese Gefühl der Gemein­samkeit?

Ich stehe wieder einmal vor einer Entscheidung. Muss ich nun von meinem alten Schlauchboot Abschied nehmen, das sich so gut rudern und segeln liess und das uns fünf­zehn Jahre als Rettungsboot gedient hat? Es war die beste Alternative zu den nur im Meer trei­benden Ret­tungsinseln. Die EU bewilligt diese intelligente Art, sich selber zu retten, nicht mehr. Auch wir haben heute gezwungenermas­sen eine dieser „passiven“ Inseln an Bord. Vorschrift!
Zwei Tage lang überlege ich mir andere Möglichkeiten. Dann der Ent­schluss.
Jetzt haben wir ein neues Schlauchboot mit festem Boden, RIB genannt – das mit 20 PS Motor in rasanter Gleit­fahrt über das glatte Wasser rasen könnte. Unserem 2.5 PS Motörchen gegenüber hat es allerdings nur ein müdes Lächeln übrig.
Julia ist überrascht, als ich sie bei Ihrer Rückkehr ins neue Beiboot dirigiere. Nun bekommt sie keine nassen Füsse mehr – in diesen kal­ten Gegenden wirklich ange­nehmer – und Thomas und ich sind vom ständigen Neu­kleben undichter Stellen befreit.


Ein paar Tage darauf sind wir bereit zum auslaufen. Bereit, die 2700 bis 3000 Seemeilen bis zum Bijago Archi­pelago (Guinea Bissao) unter den Kiel zu nehmen.
Julia und Tho­mas sind am Eingekauft - verhun­gern wer­den wir bestimmt nicht – und ich habe mich um Diesel und Was­ser geküm­mert. Dann verabschiede ich mich im Yacht­club.
Da fragt mich Rosi, eine ältere Frau, ebenfalls aus Deutsch­land stam­mend, wie es wohl komme, dass ein so sympathi­scher jun­ger Mann mit einem solchen Reibeisen zusammen sei.
Die beiden Frauen hat­ten beim Abschied noch Bücher aus­getauscht und Julia war wieder einmal in ihrer typischen selbstbewusst-stren­gen und vor allem lau­ten Art drein gefahren und hatte bestimmt, welche Bücher für Tho­mas die richtigen seien.
Ich bin noch immer nicht dahinter gekommen, was sie immer wieder dazu bringt, so laut, hart und einfach über­trieben und lieblos zu wir­ken. Vielleicht versucht sie damit eine Unsicherheit zu verdecken. Denn sie kann auch anders sein, lieb und sympathisch. Das habe ich dann auch Rosi gesagt.

Der Abschied von den Schwar­zen und Weissen, die ich hier kennen gelernt habe, ist halb so hart gewesen. Den einen bin ich dankbar, weil sie mir geholfen, anderen weil sie mir täg­lich ihr Lächeln geschenkt und mich „Papa“ genannt haben. Papa, das sei hier ein „Ehrentitel“ für alte, erfah­rene Männer.
Da ich – um ihm gerecht zu wer­den – nicht auch noch weise sein muss, habe ich ihn akzep­tiert.
 


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