12 - Ums Kap herum nach Namibia

Früh an einem Morgen werfen wir die Leinen los und tuckern aus dem Hafen, aus diesem Ententeich, in dem die Boote keine Bewe­gung machen, ob es bläst oder nicht.
Draussen liegt Nebel über dem Wasser.
Wir sind um eine halbe Stunde verspätet. Die Crew dachte, ich würde den Wecker stellen, ich dachte, sie wür­den. Das Morgenessen entfällt also. Julia ist sauer, Tho­mas ebenfalls. Und ich steuere allein durch den Nebel.
Immerhin steht neben mir eine grosse Tasse mit Tee, den ich noch schnell gekocht habe, vor dem Auslaufen.
Der Nebel liegt dicht über dem Wasser, wie schleichende Schleier­schwaden, oben weiss bauschend, gegen unten dichter, grauer wer­dend. Ziemlich schlechte Sicht!
Langsam tastet sich die WAHOO über das kaum sichtbare Wasser. Ich suche die Bojen, die mir zeigen, wo der Kanal aufhört und das Wasser seicht wird. Wenn ich wieder eine finde, kann ich nur ahnen was sie anzeigt. Weder Farbe noch Form sind genau zu erkennen und ich weiss, einige fehlen, andere sind vertrieben und alle zusammen ent­sprechen nicht der gebräuchlichen Norm.
Mit dem grossen Flugfoto der Bucht vor dem inneren und dem Tie­fenmesser vor dem äusseren Auge gelingt es mir die WAHOO durch das seichte Wasser bis zum Ausgang der Bucht zu steuern.
Dort brechen sich die Seen an den Felsköpfen, die den schmalen Kanal begrenzen - spitze, schwarze Felsen mit weissen Schaumkro­nen links und rechts der Ausfahrt und dazwischen die ungehinderten Seen, steil, knapp vor dem Brechen.
Der Nebel verdeckt das Leitfeuer im Innern der Bucht. Ich kann nur das Äussere knapp ausmachen. Ohne das Innere bekomme ich keine Leitlinie, das Äussere allein nützt nichts. Ich muss den richtigen Punkt am Beginn des Kanals aus dem Gedächtnis finden.
Immerhin schleichen hier keine Nebelschwaden mehr herum. Nur feine weisse Wolken schweben über den Fels­köpfen. Es ist die zu Staub zerschlagene Gischt der anrol­lenden Seen, die auf die Felsen donnern. Der Wind weht sie zu den hohen Felswänden hinüber, die den Ausgang auf beiden Seiten zu einem tiefen Einschnitt verengen.
Noch brechen die anrollenden Seen selbst im engsten Teil der Aus­fahrt nicht. Nur hin und wieder bildet sich ein weis­ser Schaumstreifen auf dem Kamm. Dort werden sie bald zu brechen beginnen. Höchste Zeit! Eine halbe Stunde später und der Ausgang ist nicht mehr pas­sierbar.

Jetzt ist es so weit. Das muss der Anfangspunkt im Kanal sein. Ich gebe Vollgas, richte die WAHOO genau gegen die erste See und der Bug beginnt empor zu klettern. Dann sind wir oben, die See rollt unter uns durch, der Bug senkt sich, wir gleiten ins nächste Tal hinab.
Die Kämme der Seen sind so weit auseinander, dass wir eine um die andere erklettern können und im Tal unten Zeit haben um Anlauf zu nehmen für den nächsten Kamm. Trotzdem verlangsamt sich die Fahrt beim Erstei­gen, das verringert die Wirkung des Ruders.
Mit höchster Konzentration steuere ich die Seen genau im rechten Winkel an. Zehn Grad daneben und die gewaltige Kraft der heran rol­lenden See würde die WAHOO auf die Seite schleudern. Dort hin, nur ein paar Meter entfernt, wo die gleiche See auf dem nächsten Fels­kopf zerschmet­tert, so dass die Gischt bis zu uns herüber fliegt. Ob ich sie von dort nochmals herum steuern könnte, probiere ich lieber nicht aus.
Das tönt ziemlich gefährlich. Es sind hier auch schon viele Schiffe gescheitert. Aber während der Ausfahrt sind die Sinne so ange­spannt, dass du erst im Nachhinein merkst, das war vielleicht doch eher Grenzbereich.
Die Ankunft vor zwei Wochen ist einfacher gewesen. Julia hatte den Stützpunktleiter Günter Sommer des Trans Ocean Clubs angerufen und ihm gesagt, wann wir unge­fähr ankommen würden.
Bei unserer Ankunft stand er mit zwei Freunden auf dem Aussichts­punkt hoch über den Felsen und dirigierte uns über Funk hinein. Da wir auch die Richtfeuer für den Ein­gangskanal sehen konnten, war die Einfahrt problemlos.
Als wir dann die Marina erreichten, stand er dort, wies uns unseren von ihm reservierten Platz an und hiess uns will­kommen in Knysna. Herzlichen Dank, Günter!
Übrigens hat uns Günter nachher bestätigt, dass die Seen kurz nach unserer Ausfahrt auch im Kanal zu brechen begannen. Wir hätten ihn nicht mehr passieren können. Aber zu der Zeit waren wir bereits auf offener See und auf dem Weg nach Mossel Bay.

Ich sitze wieder einmal an meinem Tischchen in der Ach­terkajüte und schreibe. Draussen stürmt es aus Südosten. Heftige Fallböen stürzen über den recht hohen Hottentots­hollandsberg herunter, der die Gordons Bay gegen Osten hin abschliesst. Wir liegen sicher auf vier Festma­chern in der Harbour Island Marina. Hier wollen wir etwa drei Wochen bleiben um die Umgebung des Kaps – mit seinen vielen Weingütern... etwas genauer kennen zu ler­nen.
Gestern haben wir damit begonnen – und gleich mit einem der berühmtesten Güter: „Vergelegen„ – was so viel heisst wie - fern gelegen oder eben - weit weg von
Kap­stadt.
Am Übergang von 17. zum 18. Jahrhundert hat der dama­lige Konsul der Kapprovinz, Willem Adriaan van der Stel diesen riesigen Besitz von der Dutch East India Com­pagny zugesprochen erhalten. Als Ver­gleich, er ist etwa so gross wie der Kanton Innerrhoden.
Van der Stel hat daraus in wenigen Jahren – aber mit nicht wenigen Sklaven - eine Musterfarm geschaffen. Viel­leicht wollte er ein wenig dem Sonnenkönig nachei­fern, auf jeden Fall hat ihn seine Company 1706 nach Holland zurück beordert, nachdem die Freien Bürger des Kaps ihn beschuldigt hatten, er nütze seine Position aus, um sich masslos zu bereichern. Es gibt nichts neues unter der Sonne!...
Heute gehört das Gut der Anglo American – Diamantmi­nen – und ist einerseits ein berühmtes Weingut und wird anderseits als wichtiges Kulturerbe Südafrikas bezeichnet.
Vom Weingut haben wir nicht viel gesehen – was es hin­gegen hervor bringt, das zu degustieren haben wir nicht versäumt.

Aber ich will von vorne beginnen.
Du fährst auf einer langen Allee riesiger Bäume zum Park­platz. Er wird abgeschlossen von einem langen, nie­deren Haus, das wie ein Riegel den dahinter liegenden Vorgarten bewacht. In diesem Haus bezahlst du deinen Eintritt. Dort wirst du auch wieder hinaus gehen - vom Paradies zum Parkplatz - nachdem du hoffentlich nicht verges­sen hast, deine Souvenirs zu kaufen.
Der Garten vor dem Herrenhaus, englische Gartenarchi­tektur, ist achteckig. In der Mitte führt der breite Weg zum barocken Eingang des Hauses. Er ist mit grossen, braunro­ten Ziegelsteinen ausgelegt.
Gleich nach dem Eingang linker Hand, im ersten Viertel des Gartens liegt das Rosarium – auch achteckig. Acht Rosenbeete verengen sich gegen die Mitte hin. Dazwi­schen führen schmale Wege zum Zen­trumsrondell. Die Beete sind aussen etwa zehn Meter, beim Rondell noch vier Meter breit und etwa zehn Meter lang. Jedes Beet ist mit nur einer Rosensorte bepflanzt. Der Reihe nach – für dich, Mutti, schreibe ich die Namen auf - Nobel Antony, Ambridge Rose, Sharifa Asma, Glamis Castle, Molineux, The dark Lady, Cottage Rose und Charlotte.


Das Rosarium beansprucht also einen knappen Viertel des Gartens. Ich erspare dir eine Beschreibung der anderen Dreiviertel. Nur so viel. Rund um den Garten führt ein wei­terer Weg, eingefasst von Blu­men und Buschrabatten. Eine Blumen- und Blütenpracht übertrumpft die andere. Irgendwo dazwischen liegt dann auch noch ein Kräuter­garten und zwischen den duftenden Blumen und Kräutern arbeitet immer mal wieder ein schwarzer Mann, jätet oder schneidet ver­blühte Rosen ab.
Heute wird er bezahlt, hat einen Job und verdient gerade genug zum Leben.
Der von Blumen und blühenden Sträuchern eingefasste dunkelbraune Mittelweg führt schnurgerade auf das Ein­gangsportal des Herrenhau­ses zu. Es ist ein symmetri­scher, einstöckiger Bau. Links und rechts erstrecken sich die Flügel mit hohem Binsendach bis zu den Aussen­kanten des Gartens, in der Mitte thront das barocke Giebel­portal, das sich über das Dach hinaus erhebt und aus­sieht wie der Eingang zu einer Wallfahrtskirche.
Ein breiter Gang führt den Besucher durch das Herren­haus hindurch, vorbei an offenen Türen, durch die er einen Ein­druck vom Wohnen der wohlhabenden Ober­schicht jener Zeit gewinnt.
Hinter dem Gutshaus beginnt der Park mit riesigem, makellosem englischem Rasen. Aber nicht er ist die Attrak­tion hier. Fünf chinesi­sche Kampferbäume mit Stämmen, die fünf Mann nicht umspannen könnten, ste­hen in zwei Linien. Ihre Kronen sind so gross, dass jene drei links des Ausgangs bis zum Ende des Herren­hauses reichen. Es sind die ältesten Bäume im südlichen Afrika, zwischen 1700 und 1706 gepflanzt.
Rechts dahinter stand früher die Sklaven Glocke, mit der die Sklaven zur Arbeit gerufen wurden. Ihre Häuschen lagen jenseits des Flüss­chens, das den Park auf zwei Sei­ten umrundet. Sie sind abgerissen worden.
Hinter dem ehemaligen Glockenstand liegt der Kamelien Garten mit über 30 verschiedenen Kamelien, von denen einige endemisch sein sollen. Leider war ihre Blütenzeit bei unserem Besuch bereits vorüber.
Folgst du dann dem Weg, der dort beginnt, kommst du durch einen fast chinesisch anmutenden Feuchtgarten mit allen erdenklichen Sumpfpflanzen zum „Picknick Areal“ unter etwas jüngeren Kampfer­bäumen. Hier kannst du vom nahen Pavillon im eigentlichen, im gros­sen Rosengart­en, Picknick Körbe kommen lassen und dich als „Schä­ferin und Schäfer“ fühlen – wie weiland bei Marie
Antoi­nette.

Der eigentlich Rosengarten übertrumpft den vorderen an Grösse bei weitem. Auch er ist achteckig angelegt. In sei­nen sechzehn Beeten von sicher vierzig Metern Länge wachsen über Tausend Rosenbüsche und verströmen ihren Duft über den halben Park.
 
Ich hoffe, ich habe Dir einen kleinen Eindruck vermitteln können von diesem einzigartigen Kulturerbe Südafrikas. Für mich ist es nicht nur ein Kulturerbe, sondern gleichzeit­ig ein Symbol. Von Sklaven unter der Leitung eines Gouverneurs gebaut – wird es heute von schwar­zen Men­schen unter Leitung eines weissen Direktors unterhal­ten. Sicher waren die Sklaven vor dreihundert Jahren schlim­mer dran als die schwarzen Arbeiter heute. Aber der soziale Unterschied zwischen ihnen und der weissen Ober­schicht ist noch immer ungeheuerlich gross.

Julia und Thomas haben in den nächsten vierzehn Tagen noch man­ches Weingut besichtig und ihre Erlebnisse auf ihrer Homepage schriftlich und bildlich fest gehalten.


Ich selber flog nach Diego in Madagaskar um abzuklären, ob sich dort ein Platz für die WAHOO finden liesse und ob ich in der grossen Bucht von Antsiranana nicht doch einen kleinen Daycharter Betrieb aufziehen könnte. Das Resultat dieser Reise sollte dann die Entschei­dungsgrundlage bil­den für unseren Entschluss, weiter nach Portugal – oder via Mosambik und Kenia zurück nach Madagaskar zu segeln.
Meine Vorstellung war gewesen, in der riesigen Bay von Antsirana Tagescharter mit Tou­risten zu fahren, mit einem Programm das etwa so hätte aussehen können:
Segeln in eine der Buchten, Schwim­men und Schnorcheln während die Crew ein Barbecue vorbereiten würde. Rück­segeln, Apéro im Restaurant „Les Pirates“ und anschlies­send Candle­light-Dinner.
Diese Vorstellung hatte ich schon einmal Madame Aecha vorgelegt und jetzt George, einem der Chefs einer gros­sen Touropera­ting Agenturen in Diego.
Auch er meinte, ein gutes Programm, gratuliere. Das würde Erfolg haben. Und es wäre eine gute Ergänzung auch zu unserem Angebot.
Dann jedoch kam das grosse ABER. Eines, das ich schon kannte aber nicht hatte wahr haben wollen.
Aber – willst du wirklich täglich diese Tour machen? Täg­lich mit Touristen, mit Leuten, die dich angurken, wenn ihnen etwas nicht passt?
Nein, ich werde zwei Malgachen lehren das Schiff zu segeln und alles selbständig zu übernehmen.
Ich selber werde nur noch hin und wie­der zur Kontrolle mit segeln. Dafür will ich sie am Gewinn beteiligen.
George lachte schallend.
Nicolas, das ist eine Illu­sion! Du wirst keinen Mal­gachen finden, dem du das über­geben kannst.
Wieso denn nicht? Wenn ich sie am Gewinn beteilige?
Auch dann nicht. Es gibt hier keine Leute, die das wollen und können – es gibt sie nicht!
Aber ich kenne doch einige, die eigene Initiative entwi­ckelt haben...
Das ist es ja eben, jene mit Eigeninitiative, die haben bereits selber etwas auf die Beine gestellt, die arbeiten nicht mehr für dich. Auch nicht für mich. Was für Mühe habe ich mit meinen Leuten hier. Es ist mit Abstand mein grösste Problem! Wenn sie Lust haben, kommen sie. Wenn nicht, eben nicht!
Alle Malgachen?
Alle! Es ist wie in Europa. Jene, die du brauchen könntest, wirklich brauchen... die dich entlasten, die den Job so gut wie du selber machen... oder wenigstens fast so gut - die arbeiten doch nicht mehr für dich! Die wollen doch nicht das verdiente Geld mit dir teilen... Die ziehen selber etwas auf – die wollen den ganzen Gewinn. Nicht nur den
hal­ben...
Aber junge Leute, die ...
Nicolas!... was du findest, das sind junge Leute, die bei dir ihre 6, 7, vielleicht 8 Stunden absitzen, ihr Geld kassieren, und Schluss. Wie in Europa, wie in Frankreich. Gedanken an die Zukunft einer Firma?... geben Kopfweh, versauen die Freude am Festen... Zukunft, was ist das?
Nein Nicolas, wenn du deine Tou­risten täg­lich selber aus­führen willst, bitte schön, dann komm mit deinem Schiff. Du kannst hier viel Geld verdienen.
Ich an Deiner Stelle würde es nicht tun.
Du hast vermutlich eine Rente. Komm als Privatmann! Als Privatmann kannst du hier ein schönes Leben haben...

Eine erstaunliche Übereinstimmung, von Einheimischen und von Weissen. Von Menschen, die hier arbeiten, etwas aufgezogen, die Erfahrungen in diesem Geschäft haben; und – wichtig – mein Projekt nicht als Konkurrenz zu ihrem eigenen sehen – ganz im Gegenteil.
Am Schluss war ich überzeugt.
Die WAHOO segelt zurück nach Europa.


Natürlich habe ich auch Aecha wieder getroffen. Ganz ein­fach, in ihrem Restaurant. Ich habe oft dort gegessen und im selben Hotel übernachtet, das sie mir damals besorgt hatte, jenes mit dem phan­tastischen Blick über die Bucht.
In Diego war die Lage für mich nun klar geworden.
Ich wollte weiter und wenigstens noch Antananarive, die Hauptstadt der Insel, ein wenig kennen lernen.
Es gibt die Möglichkeit, mit einem Taxi Brousse, einem Buschtaxi hin zu fahren. Das, dachte ich mir, muss inter­essant sein, aber auch anstrengend. Es dauert im Normal­fall zweiein­halb Tage.
Ich erzähle Aecha davon und sie warnt mich:
jetzt nicht, jetzt geht das nicht, Nicolas. Die Strassen sind schon vol­ler Schlamm, die Taxi Brousses kommen nicht mehr durch. Viele sind schon stecken geblieben.
Warum weisst Du das so genau?
Ich habe mich erkundigt. Ich muss auch hin, mit den Dokumenten meiner drei Firmen - zu drei verschiedenen Ministerien. Ich habe genau noch vierzehn Tage Zeit dazu. Du siehst, wie kompliziert das bei uns geht...
Ich werde fliegen, so bald der Notar die Dokumente zusammen hat.
Da könnten wir ja zusammen fliegen...
Warum nicht... Du musst dann halt warten, bis ich meine Dokumente zusammen habe.
Und wann ist das?
Du kennst jetzt Mada ein bisschen... alles ungewiss. Aber ich musste buchen. Auf Donnerstag. Ich hoffe es klappt.

Donnerstag auf dem kleinen Flughafen von Antsiranana. Im letzten Moment fährt Aecha mit dem Taxi vor, steigt gemessen wie eine ver­sierte Geschäftsfrau aus – was sie ja auch ist – geht an mir vorüber und flüstert mir zu,
wir flie­gen getrennt, sonst reden die Leute über uns.
Dann beginnt sie, Bekannte und Freunde, die ebenfalls in der Halle warten, zu begrüssen.
In Antananarive wird es dann doch etwas einfacher.
Aechas Sohn Rajiabo erwartet uns und hier darf ich nun  mit ihnen fahren. Im Zentrum der Stadt steigen wir in einem kleinen, feinen Hotel ab.
Rajiabo ist ein sympathischer junger Malgasch. Er hat in Tana (Antananarive) Informatik studiert, arbeitet halbtags als solcher in einer Europäischen Firma und bildet sich während der anderen Hälfte in Wirtschaft, Handel und Import/Export weiter. Auf den nächsten Abend lädt er uns zu sich zum Abendessen ein.
Den ganzen nächsten Tag durchstreife ich das Zentrum der Stadt. Zu Fuss komme ich dabei nicht eben weit.
Als erstes zur Avenue de l'In­dépendance. Sie liegt in der Nähe unseres Hotels und ist die wich­tigste Geschäftss­trasse der Stadt. Was die Bahnhofstrasse für Zürich, ist sie für Tana. Nur musst Du Dir das ganz anders vorstellen. Doppelt so brei­t wie die Bahnhofstrasse ist nur schon der Streifen mit gros­sen Rasenflächen, der die beiden Stras­senseiten separiert. Würden dort auch noch eine Reihe der wunder­schönen Jacaranda Bäume stehen und mit ihren violetten Blüten­sträussen etwas Schatten spenden, es wäre das per­fekte Einkaufsparadies, auch für ver­wöhnte Europäer.
Der vor­nehme Teil der Strasse wird flankiert von hohen Arkaden­häusern, alle im sel­ben Neokolonial Stil. Weisse, stark gegliederte Fassaden über die ganze Länge, eine einzige, lange, geschlossene Häuserfront.
In den Arkaden haben sich die vornehmsten Läden, Restaurants, Boutiquen und Cafés eingerichtet.
Dort fin­dest Du alles, was ein Europäer glaubt haben zu müssen. Luxus.
Gleich um die Ecke bist Du schon wieder im echten Afrika. Strassen­händler säumen die Trottoirs, wo immer sich ein Plätzchen findet. Menschen drängen sich vorbei, einige handeln, adere plaudern, wo Musik spielt, wird getanzt. Ein gewaltiger Unterschied. Hier wimmelt es von Men­schen, dort von Autos. Hier wird gefeilscht, gelacht, getanzt, gelärmt – dort ist Ruhe, Vornehmheit. Es ist klar, wohin es mich zieht.

Gegen Abend treffe ich Aecha und wir fahren mit dem Taxi zu ihrem Sohn. Das Taxi hält. Wir sind ebenfalls in einer Einkaufsstrasse. Aber in einer für Einheimische. Laden steht an Laden, Lädelchen an Lädel­chen. Manche sind keine drei Meter breit. Verkauft wir alles. Denk Dir etwas für ein einfaches Leben aus, Du wirst es hier finden.
Das Taxi hat vor einem Internet-Laden gehalten – auch das gibt es hier. Aecha steuert zielsicher darauf zu. Er gehört ihrem Sohnes. Rajiabo begrüsst uns unter der Tür.
Der Laden besteht aus einem kleiner Raum mit vier Tisch­chen mit Bildschirm, darunter die Komputer, natür­lich älte­ren Datums. Einer ist besetzt. Dahinter liegt ein zweiter, noch kleinerer Raum mit Tisch und modernem Laptop. Rajiabo's Arbeitsraum.
Ich habe damit erst vor vier Wochen angefangen, erklärt er die drei leeren Plätze. Die meisten Leute hier draussen wissen noch nicht ein­mal, was das ist, Internet. Aber lang­sam, ganz langsam geht's vorwärts. Der Laden wird bekannt und die Jungen begin­nen sich zu interessie­ren.

Ich würde gerne Kurse anbie­ten, aber Eugène, mein Cou­sin, er arbeitet hier, wenn ich nicht da bin, Eugène hat noch zu wenig Kenntnisse und ich selber einfach keine Zeit. Ich will ja nicht nur arbeiten!...
Ich darf auf seinem Laptop meine Mails lesen und beant­worten, dann fahren wir mit dem Taxi zu Rajiabo nach Haus.
Es sind nur wenige Strassenzüge weiter. Und doch, wel­cher Unter­schied! Eine staubige Strasse mit vielen Löchern wird auf der einen Seite flankiert von einer Reihe Häuser, die sich alle hinter der glei­chen, langen Mauer verstecken. Auf der anderen Seite liegt ein gros­ser stau­biger Platz – Bauplatz? - uneben, übersät mit zerbroche­nen Ziegelstei­nen und Unrat. Etwas weiter vorne beginnt auf dieser Seite eine etwas kleinere Häuseransammlung, ebenfalls hinter einer Mauer. Dort hält unser Taxi und wir steuern auf ein schmales Türchen in der Mauer zu.
Die ganze Umgebung erinnert mich an Nordafrika. Ich könnte mich ohne weiteres in einem Aussenbezirk irgend einer der dortigen Städte wähnen – wenn nicht Aecha und Ihr Sohn – beide ziemlich schwarz - bei mir wären.
Das Tür­chen, von Nahem betrach­tet, recht viel robuster als ange­nommen, ist verriegelt. Rajiabo öff­net. Ein schma­ler, aus­getretener Pfad, auf der Seite von Unkräutern überwu­chert, führt der Mauer entlang zu einer weiteren Tür. Die ist noch robuster und noch besser gesichert. Auch sie wird geöffnet und wir stehen vor einer Treppe, steigen hinauf und werden von der vier­ten verschlossenen Tür gestoppt. Sie wird aber sofort von innen geöffnet und Rajiabo's Freundin begrüsst uns.
Das ist unsere Wohnung, lacht Rajiabo, gut gesichert durch die vier Türen und die ärmliche Fassade. Hier oben sind wir ziemlich sicher.
Der Raum, in den wir nun eintreten ist erstaunlich gross und mit handwerklich schön gemachten Möbeln aus Tana möbliert. Ein rusti­kaler Stil mit modernen Linien. Daneben liegt das grosse Schlafzim­mer der beiden – ich weiss das, weil sich dahinter WC und Dusche befinden. Um dort hin zu kommen, musste ich ihr Schlafzimmer pas­sieren. Aber das stört hier niemand.
Wir haben einen schönen Abend verbracht, gut gegessen und getrunken und gegen Mitternacht sind Aecha und ich per Taxi zurück zum Hotel gefahren. Ein gelungener ers­ter Tag in Antananarive!




Ich will Euch die Beschreibung weiterer Tage ersparen.
Am Zweitletzten vor meiner Rückreise nach Kapstadt wurde ich beraubt. Ich bin hinter der Hauptachse der Stadt, der Avenue de l'In­dépendance, spazieren gegan­gen. Zwar hatten mich alle gewarnt, pass auf, es ist gefährlich allein durch die Stras­sen zu gehen, du könntest überfallen werden.
Aber wer hört schon auf solche Warnun­gen? Doch nicht ein Mann mit meinen Reise-Erfahrungen... und bis­her ist es ja auch hier gut gegangen!
Das Trottoir war eng und die Taxi Brousses – kleine Busse, die in die Dörfer hinaus fahren – standen dicht hinter ein­ander, der ganzen Strasse entlang. Überall lachende, schwatzende schwarze Menschen, die ein- oder ausstie­gen, langsam, gemütlich und dadurch das Trot­toir noch mehr versperrend.
Eine Szenerie wie gemacht für einen kleinen Taschendieb­stahl... ging es mir durch den Kopf. Aber alles ist ruhig und friedlich. Trotzdem, ich nehme lieber die Strasse dort vorne, die vor der Kirche abbiegt. Sicher ist sicher.
Keine zehn Meter weiter spüre ich Unruhe um mich. Zwei Jungs kom­men in ungewöhnlicher Eile von vorne. Auch hinter mir, rasche Bewe­gungen. Mit der rechten Hand schütze ich das Portemonnaie und mit dem linken Arm die rechte Seite meiner Weste.
Dann geht alles blitzschnell. Von vorne werde ich von den zwei Jungs gerempelt, von hinten ebenfalls. Zwei-drei Sekun­den bin ich zwi­schen ihnen eingepresst und dann sind sie weg.
Und mein altes Handy ebenfalls. Das ist meine erste Reak­tion.
Glück gehabt!
Im Hotel habe ich dann gemerkt, dieses Glück ist ein ver­dammt klei­nes Schweinderl gewesen.
Einer hatte – vermutlich von hinten – den Reissverschluss der rech­ten, ungeschützten Tasche geöffnet, Pass, Fran­ken und Rand heraus genommen und den Reissver­schluss wieder geschlossen. Profiarbeit!
Die rechte Tasche mit dem Madagaskar Geld hatte ich mit dem Arm an mich gepresst. Dort konnten sie nichts aus­richten.
Damit ist leider das Abschiedsfest bei Freunden von Aecha – einem hohen Offizier der Armee und seiner Frau...
aus­gefallen. Ich ver­brachte den Abend bei der Polizei, die mir nach ziemlich langem Hin und Her, aber sehr bereitwil­lig, einen Rapport mit allem Drum und Dran geschrieben, gestempelt und unterschrieben hat. Ohne den hätte ich keinen provisorischen Pass bekom­men.
Das ist auch so ein Ding gewesen. Christoph hatte mir per Western Union Geld geschickt, für den Pass. Die Bot­schaft hatte ihn herge­stellt, wollte ihn mir aber nicht aushändi­gen ohne Bezahlung. Und Western Union mir das Geld nicht geben ohne Pass!
Da drehst du dich im Kreis!
Der Chef bei Western Union hat dann ein Einsehen gehabt und ich kurz Zeit darauf meinen neuen, provisori­schen Pass.
Übrigens wurde ich fast während der ganzen Zeit bei der Polizei von Rajiabo begleitet. Er war vom anderen Ende der Stadt in dreiviertel Stunden mit dem Taxi herüber gefahren. Madagassische Gastfreund­schaft!

So bin ich nun mit einem provisorischen Pass unterwegs und die paar Hundert Franken fehlen mir auch ein wenig. Vor allem, weil wir hier in Kapstadt den Motor komplett revidieren lassen mussten. Thomas hat das alles arran­giert, während ich in Madagaskar unterwegs gewesen bin. Immerhin läuft er jetzt wieder wie ein Örgeli...
Vielen Dank, Thomas!


Vor zwei Tagen, am 23. März 2008, haben wir die Vals Bay verlassen und um 1700 Uhr das Kap der Guten Hoff­nung mit gutem achterli­chem Wind umschifft.
Die WAHOO lief dabei über sieben Knoten.
Jetzt sind wir in Saldanha Bay. In etwa einer Woche ver­lassen wir diese Bay und segeln der Südafrikanischen Westküste entlang Rich­tung Namibia.
In der Walvis Bay – Namibia - werden wir nochmals etwa drei Wochen bleiben und Landausflüge machen.
So gegen Ende April wollen/müssen wir die grösste Segel­strecke die­ser Reise unter den Kiel nehmen - unge­fähr 2700 Seemeilen - und direkt die Inseln von Guinea Bis­sago ansteuern. Von dort segeln wir dann weiter zur Casa­mance (Südsenegal) und anschliessend nach Gam­bia.
Auf den beiden grossen Flüsse Casamance und Gambia kann die WAHOO weit ins Landesinnere segeln und moto­ren.

Auf beiden Flüssen werden wir noch echtes, unverfälsch­tes Afrika erleben – mit dem ganzen Reichtum dieses Kon­tinents, der Fröhlich­keit und Lebenslust seiner Men­schen – aber auch mit der Kehrseite, Armut, Krankheit, Angst.
Weder vor dem einen noch dem anderen können wir unsere Augen verschliessen.

Das eine, ihre Lebenslust, ihre Fröhlichkeit, kann uns ler­nen, das eigene Leben ein bisschen weniger wichtig zu nehmen, das Materielle und die Sicherheit als nicht ganz so sicher und real zu erleben...
und dafür?... fröhlicher zu sein, lebenslustiger und uns  auch an ganz kleinen Dingen zu freuen!

Das andere, die Armut dieser Menschen, ihre Angst vor der Zukunft zeigen, was ihre Unterdrückung durch uns angerichtet hat: Die Vernichtung ihres Selbstbewusstseins und damit des Vertrauens in die eignen Fähigkeiten.
Ohne dieses Selbstvertrauen ist kein Aufbruch möglich.
Ohne das Vertrauen in die eigene Kraft wagt niemand den Schritt nach vorne.
Zeigen wir ihnen, dass wir von ihnen lernen wollen und können. Das ist ein erster kleiner Schritt um ihnen ihr Selbstbewusstsein zurück zu geben
Nur mit klei­nen Schritten überwinden wir unsere Schwä­chen, verbessern wir unser Leben. Wir alle auf diesem Pla­neten.
 



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