Richards Bay – und dann nach Knysna

Weihnachten vorbei, Neu Jahr vorbei. Januar.
In der Schweiz schneit es, hier ist Sommer, viel Sonne, manchmal Regen, von Sprühregen bis zu Gewaltregengüssen, aber der Sonnenschein überwiegt, vor allem bei östlichen Winden.
Wir sind seit Weihnachten im Zululand Yachtclub. Er liegt an einem ruhigen Nebenarm, der gleich nach der Einfahrt in den riesigen Naturhafen rechts abbiegt.
Das Einklarieren verlief – so meinten wir – problemlos, automatisch, organisiert durch die Hafenbehörden. Der schwarze Emigration Officer kam aufs Schiff, stempelte unsere Pässe und hiess uns in Südafrika willkommen. Der Zoll, meinte er, werde bald auch kommen. Dann seien wir frei.
Aber der Zoll kam nicht, auch am zweiten Tag nicht. Dann verlegten wir uns in den Yachtclub. Die freundliche Dame am Empfang riet uns dringend, den Zoll anzurufen. Julia tat es, leicht ärgerlich. Bescheid – ihr müsst zurück in den Smalboat Harbour, dann kommen wir. Julia flippte aus. Das war eher kontraproduktiv. Es blieb dabei.
Am nächsten Tag nahm ich ein Taxi zum Zoll, legte unsere Papiere dort einer freundliche schwarze Dame vor und die stempelte alles. Erledigt.
„Wie Du in den Wald hinein rufst, tönt es daraus zurück“ haben meine Eltern jeweils gesagt...


Das Gelände des Yachtclubs ist riesig. Ideal für Partys. Über die Festtage gab es die fast täglich. Da waren dann die grossen Rasenflächen locker besetzt von Familien und Clans, die um ihren Grill herum sassen und lagen.
Ein friedliches Bild, fast ein wenig biblisch.
Wir waren immer eingeladen. Interessante Gespräche ergaben sich. Zum Beispiel mit einem älteren Herrn über den Wandel der letzten Jahre, einem Herrn, der mir sehr sympathisch erschien.
Er käme da nicht mehr mit, sagte er. Seit seiner Jugend seien die Schwarzen seiner und der Meinung aller Weissen entsprechend, faul und unfähig gewesen, irgend etwas selbständig zu machen. Und nun plötzlich sollten sie fähig sein, ein so grosses Land zu führen, zu organisieren, die Versorgung zu garantieren, die Sicherheit, die Prosperität. Das könne nicht funktionieren. Und dass es nicht funktioniere, das sehe jeder, der es sehen wolle.
Er wisse, das sei rassistisch gedacht. Er wisse auch, dass er das alles nicht rückgängig machen könne. Aber er könne sich einfach nicht damit abfinden. Er könne nicht! Sechzig Jahre hätte er so gedacht und jetzt könne er nicht auf Befehl umgekehrt denken. Es sei nicht gerade schön, so zu leben. Aber das werde er ja auch nicht mehr all zu lange.
Seine Söhne, die könnten das, die lebten zusammen mit Schwarzen, für sie sei das kein Problem. Sie würden ihm auch immer wieder sagen, sein Bild der Schwarzen – mindestens eines Teils der Schwarzen – sei verkehrt, nicht mehr haltbar. Aber er, er könne einfach nicht mehr umdenken. Obwohl es sicher einfacher wäre, wenn er es könnte.
Der Mann war mir – wie gesagt – sehr sympathisch. Ein gebildeter, ehrlicher alter Mann. So ehrlich hat kein anderer mehr mit mir über diese Probleme gesprochen.

Die dumme Geschichte mit unserem Bordgrill.
Für eines der Grillfeste hatten wir ihn an Land genommen und darauf unsere Rumpsteaks grilliert. Dann verteilten wir uns, der eine mit einem Bier in der Hand da hin, der andere dort hin. Und auch Julia hatte Bekannte, die sie zu sich einluden. Zurück blieb, einsam und verlassen, auf einem Mäuerchen stehend - unser Grill.
Am Tag darauf vergass ich ihn zu holen. Am Nächsten ebenfalls. Und am Dritten war er verschwunden. Nirgends zu finden. Nirgends eine Spur.
Julia war sauer, weil Grillieren an Bord fast die Lieblingsbeschäftigung von Thomas ist: Fisch fangen, Ausnehmen, auf dem Grill braten! Und natürlich war Thomas sauer, aus eben dem ganz genau gleichen Grund.
Dann kaufst Du eben einen Neuen!
Nein, werde ich nicht. Ich investier nichts mehr!
Und so weiter. Ein Wort gab das andere.
Krach auf der WAHOO.
Am fünften Tag brachte mir der Mann für Alles im Club, unseren Grill. Jemand habe ihn weg geschafft, damit ihn kein anderer stehlen könne...
Krach aus der Welt geschafft?
Nur ganz ganz langsam – und ich habe noch des öftern gehört, Du investierst ja sowieso nichts mehr. Wir auch nicht.


Vor ein paar Wochen, auf dem Weg von Mosambik nach Richards Bay ist eine kleine, für mich eher unangenehme Geschichte passiert. Immer wenn wir Lust auf frischen Fisch haben, schleiken wir an langer Leine entweder einen Plastokpulpo oder einen Kunstfisch nach, der die Bewegungen seines lebendigen Bruders täuschend ähnlich nachahmt. Die besten Exemplare kommen aus Finnland. Die Plastik-Tintenfisch sind nicht so gut. Damit fangen wir etwas weniger, dafür sie sind viel billiger.
Nach der Schaukelei im Sturm in der Bay von Maputo wollten wir wieder einmal frische Fischfilets zum Abendessen. Wir schleikten!
Gerade will ich das Cockpit verlassen, da tschättert unsere Fischrolle, die Leine rauscht aus. Ich packe sie und kann sie gerade noch halten.
Brauchst du die Handschuhe?
Julia kommt gerannt, aber es geht gerade noch ohne.
Fisch, Fisch, ruft sie und auch Thomas kommt herauf.
Derweil versuche ich die Leine ständig straff zu halten, mal etwas nach zu geben, dann wieder herein zu ziehen, je nach dem wie der Fisch am Haken es gerade will.
Bäumt er sich, springt und zieht er wie verrückt, gebe ich Leine raus, lässt er sich einfach nach ziehen, nehme ich Leine herein, langsam und vorsichtig, Hand über Hand.
Dieser hier springt, reisst abrupt, tut alles um den Haken raus zu kriegen. Wer will es ihm verdenken? Es muss eine Dorade sein und keine kleine! Nur die kämpfen so wild und ruckartig.
Ich habe keine Ahnung, wie lange die Dorade jetzt schon um ihr Leben kämpft. In solchen Momenten verliere ich das Zeitgefühl. Das ganze Denken ist ausgerichtet auf den Fisch, auf seine Bewegungen, auf seinen Kampf.
Jetzt, was will er?
Er springt, der ganze Fisch blitzt aus dem Wasser.
Leine geben, aber nur so wenig wie möglich!
Jetzt taucht er und reisst.
Leine geben, Zug halten!
Ist er jetzt endlich müde?
Er bewegt sich kaum.
Herein ziehen, langsam, für ihn unmerklich.
Dann aber spürt er doch, wie nahe er schon beim Schiff ist. Ein neuer Kampf beginnt.
Endlich habe ich ihn auf der Höhe der Badeplattform.
Thomas steigt mit dem Fischhaken hinunter um einzuhaken und ihn sicher herauf zu ziehen.
Aber die Dorade ist zu wild. Kein Zeichen von Müdigkeit. Sie kämpf, springt, taucht – Thomas bekommt keine Chance, den Haken in die Kiemen zu hängen. Im Gegenteil, sie schwimmt dem Schiff entlang nach vorne, taucht und springt. Jetzt gerade vor mir, springt empor, die ganze Dorade aus dem Wasser.
Instinktiv helfe ich nach, zieh’ sie heraus, herauf auf die Holzreling neben mir und dann herein, an mir vorbei und hinunter ins Cockpit. Geschafft!
Eine Riesendorade, weit über einen Meter lang. Sie tobt weiter im Cockpit unten, bis Thomas sie mit einem Schlag auf den Kopf töten kann. „Wir bitten dich um Entschuldigung – aber wir möchten dich essen“. Nach altem Indianerbrauch.
Fragt sich nur, ob sie uns wirklich entschuldigt.
Ich an ihrer Stelle täte es nicht, sondern versuchte mich instinktiv zu rächen.
Und genau das hat sie getan.
Kaum ist sie tot, sehe ich Blut an meinem linken Wadenmuskel und plötzlich spüre ich auch, das tut ja verdammt weh!... Der Muskel ist angeschwollen und wenig über seinem Ansatz blutet eine kleine Einstichwunde...
Nun erinnere ich mich:
Als die Dorade an mit vorbei ins Cockpit flitzte, spürte ich Schlag und Stich. Aber ich achtete nicht darauf, in der Hitze des Kampfes.
Der Schlag kam von ihrem Schwanz, der Stich von einem ihrer Rückenstacheln.
Vier Wochen hinke ich nun herum und es tut zeitweise verdammt weh.
Die Rache der Dorade!
Nachtrag vom 7. Februar: die Einstichstelle fühlt sich noch immer wie ein kleiner Kieselstein an und den Muskel kann ich noch immer nicht voll belasten. Sie hat sich nicht schlecht gerächt!...


Montag, 14. Januar 2008
Ich sitze im Clubraum des Point Yacht Club, Durban. Draussen ist es grau verhangen, hin und wieder regnet es. Kein Windhauch bewegt unseren Windgenerator. Kein Strom von der Sonne, kein Strom vom Wind - so bin ich froh, im Clubraum Strom für die Batterien des Laptops zu bekommen. Dank an die Südafrikanischen Gastfreundschaft!
Vor einer guten Woche sind wir aus Richards Bay ausgelaufen. Der Wetterbericht war gut und wir frohen Mutes. Draussen wehte es wie versprochen mit etwa 15 Knoten aus Ost aber der Schwell, ebenfalls aus Ost, war gewaltig. Später sagte uns jemand, im Süden Madagaskars habe ein Zyklon gewütet. Und wir wussten nichts davon!...
Zwanzig Seemeilen vor der Küste beginnt der Strom mit bis zu drei Knoten südwärts zu setzen. Ihn wollten wir ausnützen.
Am Anfang, segelten wir darum weg von der Küste, am Wind, hinaus zum Strom. Da wurde das Schiff von den Segeln gehalten, da lachten noch alle. Als wir den Strom dann erreichten, auf Kurs gingen und nun mit achterlichem Wind südwestwärts segelten, da hatte sogar ich Mühe, in meiner Koje auf dem Rücken zu liegen. Zuerst hebt es den Magen an, er schwebt so zu sagen im Körper drin. Dann bekommt er einen sanften Stoss in Richtung Speiseröhre und gleich darauf spürst du, wie er ebenso sanft in Richtung Bauch bewegt wird. Und diese kreisend stossenden Bewegungen wiederholen sich im unermüdlichen Rhythmus der anrollenden Wellen.
Du siehst, eine bewegte See kann für den Magen eine bewegende Sache sein. Thomas’ Magen, von zwei Wochen Landleben verwöhnt und mit dem Verdauen eines Riesensteaks vom Vorabend mehr als beschäftigt, rebellierte gegen eine solche Behandlung. Und selbst Julia ist nicht darum herum gekommen, dem zürnenden Neptun ihren Tribut zu entrichten.
Zum Glück sind keine Segelmanöver nötig gewesen und der Schwell hat, je weiter wir nach Süden kamen, um so mehr nach gelassen. Früh am nächsten Morgen, die Dämmerung war eben erst dem fahlen Licht eines neuen, regennassen Tages gewichen, erreichten wir die Einfahrt zum Hafen von Durban.
Das wussten wir allerdings nur dank unseres GPS Standpunktes. Es nieselte nämlich so stark und war so trübe, dass wir eine Meile davor, das Ende der Hafenmauer und den Leuchtturm darauf nicht sehen konnten. Nach GPS Daten tasteten wir uns hin, fanden die Einfahrt trotz beschlagener und verregneter Brille und kamen langsam aber sicher in ruhigeres Fahrwasser. Geschafft!

Es ist jedes Mal ein schönes Gefühl, das Einlaufen in einen geschützten Hafen nach einer üblen Fahrt. Wir sind während dem Durchsegeln dieser hundert Meilen nie einer speziellen Gefahr ausgesetzt gewesen. Überhaupt nicht. Trotzdem bin ich auch dieses Mal wieder erleichtert, als wir endlich drin sind.
Ermüdungserscheinungen? Nach nun achtzehn Jahren Leben mit und von der WAHOO darf das sein. Ich will mich irgend wo nieder lassen. Sattle down, sagen sie hier, absatteln, den Sattel vom Pferderücken nehmen und auf den Boden legen, dahin wo man bleiben will...

Aber zurück zur Einfahrt in Durban. Dort wo wir eigentlich hin sollten, zu den Liegeplätzen für internationale Schiffe, ist kein einziger Platz frei. Hingegen verfügt der Point Yacht Club – wie wir sehen – über ein paar leer Plätze und – heisst es im Almanach – Gäste seien dort willkommen. Wir legen an und ich gehe zum Yachtbüro um zu fragen, ob wir dort bleiben können. Es ist geschlossen, Sonntag. Also bleiben wir und am Montag Morgen erledige ich den Papierkram und wir dürfen auf Zusehen hin dort bleiben.

Am gleichen Steg, nur ein paar Plätze weiter zum Land hin, liegt eine schöne grosse Segelyacht. Ich lerne den Besitzer kennen, John. Er war im Öl- und Renn-Business, ein netter, knapp sechzig jähriger Mann.
Wenn ich irgend etwa zu besorgen hätte, er stehe mir zur Verfügung zusammen mit seinem Wagen.
Als ich ihm sage, ich suchte Holz für die Scheuerleiste, die in Oman zerbrochen worden sei, macht er gleich einen Termin ab: Morgen um Zehn, ich weiss wo wir das kriegen.

Er fährt einen speziellen Alfa Romeo, den einzigen dieser Art in Südafrika. Darauf ist er stolz. Wir verlassen die Stadt und fahren auf einer grossen Autostrasse ins Grüne. Hier draussen leben jene Weissen, die in der Stadt arbeiten und genug verdienen um sich ein Auto leisten zu könne, ein Haus, eine Eigentums- oder wenigstens eine Mietwohnung. Wir fahren an vielen verschiedenen Siedlungen vorbei. John erklärt mir, in dieser Siedlung leben eher gehobene Arbeiter – in dieser Angestellte, dort drüben die Chefs und ganz dort hinten, siehst Du, hinter jenem Hügel, dort leben die ganz Reichen.
Gibt das keine Probleme, ich meine, diese soziale Absonderung? Die einzelnen Schichten haben so keine Verbindung unter einander und auch keinen Kontakt.
Kontakt? Das wollen wir gar nicht. Das brauchen wir auch nicht. Die Gemeinsamkeit genügt!
Die Gemeinsamkeit?
Na ja, wir sind alles Weisse. Verstehst Du? Um uns herum Millionen von Schwarzen. Die Gemeinsamkeit. Und die gibt einen starken Zusammenhalt.

Das stimmt! Das habe ich – als ebenfalls weiss aussehender Mann – immer wieder erlebt. Du wirst sofort irgendwie einbezogen. Du merkst bei jeder Begegnung, irgendwie gehöre ich dazu. Du bekommst jeder Zeit jede Hilfe. Es ist wie eine Art unverbindlicher Verschwörung, die nichts mit dir selber, um so mehr mit deiner Hautfarbe zu tun hat. Ein ungeschriebenes aber gelebtes Bündnis der Weissen unter einander.
Mein Verhältnis zu den Schwarzen habe ich total anders erlebt. Sie haben es akzeptiert, wenn ich versuchte, ihnen auf gleicher Höhe zu begegnen. Sie waren freundlich bis liebenswürdig. Aber ich habe immer gespürt, im Hintergrund lauert Misstrauen. Nicht stark aber während.

Aber zurück zu meiner Fahrt mit John. Wir waren aus dem näheren Siedlungsumkreis der Stadt heraus gefahren und brausten über hügeliges Land, das kaum Überblick zuliess. Plötzlich bremste John und bog nach rechts ab. Vor uns breitete sich eine Industrie Siedlung aus, den sanften Hang hinauf gebaut.
Hier gibt es solches Holz. Wenigstens hat es das gegeben, als ich das letzte Mal hier war. Aber das ist auch schon ein paar Jahre her. Gehen wir den Shop suchen.
Hast Du denn keine Adresse?
Nein, warum auch! Die Adressen wechseln so oft. Das würde nichts bringen.
Also fuhren wir die nächste Strasse Hügel an, oben nach rechts, die nächste wieder nach unten und so fort, bis wir die ganze Industrie Siedlung abgefahren hatten. Wir fanden zwar eine Firma die Holz zu Garten- Bungalows verarbeitet. Sie hatten aber nur Weichholz und machten keine Anfertigungen.
Weiter hinten liegt noch so eine Industrie Siedlung. Vielleicht sind die nun dort. Und schon waren wir unterwegs.
Die Siedlung ist gleich aufgebaut, wie die erste und auch unser Vorgehen war das nämliche. Resultat - null.
John lachte, schade, ich habe gemeint es sei hier draussen. Vielleicht sind sie Pleite gegangen. Dafür zeige ich Dir auf der Rückfahrt die Gegend nördlich von hier.
So bin ich zwar nicht zu meinem Holz gekommen aber zu einem rasanten Überblick über die Gegenden westlich von Durban. Und zu einer neuen Erkenntnis der Lebensweise hier. Jeder, der mir in Südafrika geholfen hat, irgend etwas zu finden - Holz, Hydraulikschläuche, Motorenteile, Ventilatoren – jeder dieser liebenswürdigen und hilfsbereiten Männer ist einfach in den Wagen gestiegen und von Lieferant zu Lieferant gefahren. Irgend einer wird es schon haben – oder auch nicht. Keiner hat zuerst in irgend einem Verzeichnis nach Lieferanten gesucht, dort hin telefoniert und ist erst dann und mit der Sicherheit los gefahren, dieses Stück dort auch zu bekommen. Offenbar kann man sich das in Südafrika noch leisten...

Stell dir vor, du stehst in der Baumkrone eines Urwaldriesen, über dir ein grüngraues Blätterdach, durch das kein Sonnenstrahl dringt. Unter dir tost der Wasserfall fünfzig Meter in die Tiefe. Der feine Wasserstaub dringt durch die dichten Blätter herauf, kühlt die Luft, befeuchtet die Millionen Blätter, den Stamm, die Äste und deine Haut, deine Kleider. Es ist angenehm kühl, hier oben.
Und nun sollst du gleich hinunter sausen!
Du hast einem Traggürtel um Hüfte und Gesäss, der oben in einem Stahldreieck mit zwei Rollen endet. Die Rollen liegen bereits auf einem Stahlseil, das von hier aus über den Wasserfall zur Krone des nächsten Urwaldriesen gespannt ist. Der steht etwa Hundert Meter weiter unten.
Nun bist du bereit. Der Sicherheits-Karabiner wird eingehängt, dann liegst du richtig in den Traggürtel hinein und los geht's. Die rechte Hand - von einem dicken Lederhandschuh geschützt - bremst an ausgestrecktem Arm hinten am Seil. Aber zuerst lässt du sausen, denn am Schluss der Fahrt fährst du wieder leicht aufwärts.
Erst fünf Meter vor dem nächsten Standplatz bremsen!
hat der Begleiter gesagt. Und so sausest du sirrend durch das Blätterdach des Riesen, jetzt frei Sicht auf den Wasserfall weit unter dir, jetzt über die kleineren Bäume, jetzt rasch ein Blick hinunter in die Schlucht und - dem Lauf des Wasser folgend - hinaus aufs offene Land. Und schon ist die Aussicht vorbei. Schon fährst du wieder, wie durch einen Tunnel von Blättern in den nächsten Urwaldriesen hinein, dem Stand zu. Bremsen und hop, stehst du wieder auf festem Grund - wenn dir das Bremsen richtig gelungen ist. Auf festem Grund... auf einem Holzpodest im Wipfel eines Riesenbaumes. Zwanzig Meter über dem Urwald-Boden.
Geniess den festen Grund!... schon bald bist du wieder an der Reihe sein, zur nächsten Fahrt, weiter hinunter, von Stand zu Stand.

Weil sich das Wetter nicht zum Weitersegeln eignet – dafür brauchen wir eine längere Periode mit Nordostwind – entschlossen sich Julia und Thomas, einen Ausflug ins Landesinnere zu unternehmen. Sie luden mich ein, mit zu kommen. So lernte ich das Gefühl der sausenden und sirrenden Fahrt an einem Stahlseil durch den Urwald kennen. Ein tolles Gefühl!

Wir übernachten in einem Bed+Breakfast Haus in einem kleinen Dorf. Es ist das ehemalige Doktor-Haus – die Gräber des Doktor Ehepaars sind die jüngsten auf dem kleinen Friedhof zwischen den Wiesen. Unsere Gastgeber leben erst seit drei Jahren hier. In dieser Zeit haben sie das Haus und den riesigen Garten eigenhändig wieder „in Ordnung gebracht“... wie sie selber es nennen. In Wirklichkeit ist daraus ein Bijoux geworden.
Die alten Böden aus Gelbholz – einer halbharten Holzart die hier heimisch ist – glänzen in mattem Gelb und sind – oft geflickt – unregelmässig. Gerade deshalb geben sie den grossen Räumen ein warmes, heimeliges Caché das die „gepützelten“ zum Teil aber wunderschönen dunkeln Hartholzmöbel kontrastiert. Alte bäuerische Art trifft hier auf vornehme südafrikanische Wohnkultur. Eine eigenartige und spannende Mischung.
Auch den grosse Garten würde ich „gepützelt“ nennen.
Er passt aber genau zum Haus. Wenn du die kurze Freitreppe, die von der Veranda hinaus in den Garten führt, hinab gestiegen bist, betrittst du die sorgfältig geschnittene Rasenwiese, die von Rabatten mit vielen wunderschönen Blumen eingerahmt ist. Auf der linken Seite lockt ein schöner kleiner Rosengarten mit alten, süss riechenden Rosensorten. Gehst du daran vorbei, kommst du zu einer Einbuchtungen mit kleinen Statuetten und mit Tischchen und Stühlen. Immer wieder unterbrechen solche Einbuchtungen diesen Rabatten-Rahmen und weiter unten im Garten schickt ein kleiner Springbrunnen sein Wasser einen kleinen Bach hinab über den eine kleine, in einem Stück aus Beton gegossene Brücke führt. Umgeben von schönen, alten und zum Teil sehr hohen Bäumen, ist dieser grosse Garten eine Mischung aus grossartiger, südafrikanischer Natur und leicht kitschigem viktorianisch-südafrikanischem Geschmack. Nicht ganz nach dem mein, aber in seiner Art entzückend.

Ebenso entzückend ist unsere Landlady, eine mittelalterliche gepflegte Frau. Sie ist an der Grenze zu Mosambik geboren, hier in diesem Dorf in die Schule gegangen, hat nach der Heirat in Pretoria gewohnt und ist nun – nachdem ihr Mann, ein Computerspezialist, schwer krank geworden – wieder hierher gezogen und geniesst, wie sie sagt, erneut das Landleben. Sie spricht mit ihren Zulu-Angestellten in deren Sprache und mit ihren vielen
FreundInnen Afrikaans – schön und anheimelnd ihr „Joo“ - anstatt „Yes“. Sie braucht es auch im Englischen, das sie mit uns spricht.
Am nächsten Morgen hat sie uns mit einem unwahrscheinlichen südafrikanischen Morgenessen überrascht.
Vom Orangensaft über den frischen Fruchtsalat mit Yoghurt, den Würstchen, dem gebratenem Speck, den Spiegeleiern und den gebratenen Kartoffelstückchen bis zu Tee und Kaffee und wunderbarem selber gebackenem Brot mit Butter, Konfitüre und Marmelade – alles da. Und alles schön arrangiert auf dem grossen Tisch im grossen Esszimmer der Familie. So schön kann ein Besuch in einem Bed+Breakfast-Haus sein...

Szenenwechsel, unser nächstes B+B-Haus: eine Pferdestallung mit Gästehaus für Backbacker (Rucksacktouristen). Drei junge Leute aus Irland und zwei junge Frauen aus Belgien - die morgen zu Pferd drei Tage lang in Richtung Lesotho reiten werden – der Bruder des Besitzers mit seiner Freundin, beide ziemlich extreme Sportler, der Verwalter, zwei weisse Angestellte und wir Drei.
Zum Abendessen gibt es „Spaghetti Bolognese“ die für uns gerade noch essbar sind, der Salat ist aber gut. Dann sitzen alle um das Feuer im Garten, trinken Bier und plaudern.
Alles ist ein Bisschen schmuddelig - auf meinem Bett liegt, als ich in mein Zimmer komme, ein Hund. Aber alles ist auch locker, „help your self“ bei Bier und Drinks und sogar eine Flasche Rotwein hat mir dann der Bruder des Besitzers organisiert...
Ein richtiges Kontrastprogramm zum Abend zuvor. Auch das ist Südafrika – auch das hat mir gefallen.

Der nächste Tag sieht mich – und natürlich auch Julia und Thomas – auf einem geführten Treck zum Sani Pass hinauf, der hinüber nach Lesotho führt. Er ist nur mit Geländewagen befahrbar.
Thomas hatte mich eingeladen und ich den Trip dem „Übertagen“ im Camp mit den leeren Bierdosen und all dem was dort am Morgen noch so herum lag... vorgezogen.
Der Weg ist wirklich nichts für normale Personenautos aber auch nichts Aussergewöhnliches für einen ehemaligen Motorfahrer der Schweizer Armee...
Das Andere, das Geführt und Organisiert sein hat mir eher Mühe gemacht. Vor allem als wir dann auch noch ein typisches - und noch nicht vom Tourismus verdorbenes, wie der Führer/Fahrer sagte - Lesotho-Dorf und eine typische Lesotho-Hütte besichtigen mussten – nein, natürlich durften.
Die Männer kamen und setzten sich auf einem Mäuerchen zurecht zum fotografiert werden – gegen ein kleines Entgelt, natürlich. Ebenso ein paar Jungs zu Pferd, das dort oben das wichtigste Transportmittel ist.
Dann die Hüttenbesichtigung. Eine gemauerte Rundhütte mit Russ- schwarzem Balken und Reisig-Grasdach. Beeindruckt haben mich die schönen Graffiti-Verzierungen auf dem ockerfarbenen Grund der Innenverkleidung aus Lehm. Sie sind von der Besitzerin, einer rundlichen, lachenden schwarzen Frau um die Vierzig gemacht worden.

Der schwarze Führer/Fahrer des zweiten Geländewagens erzählt vom Leben hier oben. Vor allem von den Initiationsriten der Knaben. Das läuft ähnlich ab wie bei den Dogen in Mali. Die Knaben werden
drei Monate lang in den Bergen sich selber überlassen. Bei ihrer Rückkehr übergibt der Vater seinem Sohn während einer Zeremonie - den Mannesstab. Von da an ist der Junge ein junger Mann. Bei den Dogon spielen die Zeichnungen, die sie in der grossen Höhle malen, um die Geister zu beschwören, eine wichtige Rolle. Hier ist es der Stab, den jeder Mann ständig mit sich führt – bis ins Grab hinein, wie der Führer sagte.
Mir wäre ein Gespräch mit der Grafit malenden Frau lieber gewesen, als dieses Männer-Ritual. Ich hätte von ihr gerne etwas über die Graffitis, ihre Bedeutung aber auch über die Umstände ihres Lebens hier oben erfahren. Aber das hat nicht Platz bei einer solchen Expedition. Wo käme man hin, wenn man jedem Tourist auch noch seine persönliche Neugierde befriedigen müsste...
Dann kommt die Verabschiedung mit Topf für die milde Gabe und wir sind wieder draussen auf der windigen Hochebene, die wir nun in Richtung Pass verlassen um uns auf den holperigen Rückweg zu begeben.
Das Ganze war ziemlich zwiespältig für mich. Zwar haben wir ein wenig aus dem Leben der Menschen hier oben erfahren. Gleichzeitig bin ich aber den Eindruck nie ganz los geworden, zwangsweise Besucher eines Menschenzoos zu sein. Ein unangenehmes Gefühl. Ob für sie wohl auch? Oder sind wir für sie ebenfalls „exotische Wesen“, aber aus einem anderen Zoo?


17. Januar 2008, immer noch in Durban
In der Zwischenzeit ist Marcel hier angekommen, der Ehemann meiner Tochter Corinne. Wir haben in Durban auf ihn gewartet. Nun sind wir zu viert, eine gute Crew.
Nur das Wetter spielt nicht mit. Alle sagen – und der Club schreibt es sogar – die letzten drei Monate seien aussergewöhnlich gewesen. Eigentlich müsste es jetzt heiss sein. Aber es ist nur warm, angenehm warm. Und eine Kaltfront folgt der anderen. Der ganze Südatlantik ist übersät mit kleinen, schnell wandernden Tiefs. Dadurch wechseln die Winde schneller als ein Boot zum nächsten Hafen segeln kann. Und für uns liegt der nächste etwa zweihundertsechzig Meilen im Süden.
Endlich kommt das ersehnte längere Fenster mit dem wir bis nach Knysna (Naisna gesprochen) segeln wollen. Wetterfenster nennen sie auch hier eine Zeitspanne in der das Wetter günstig ist um weiter zu segeln.
Die Küste der wir entlang segeln wollen nennen sie hier „the wilde Coast“, weil der Strom etwa zwanzig Meilen weit draussen mit bis zu sechs Meilen südwärts setzt. Das gibt, mit welchem Wind auch immer, eine unangenehm kabbelnde See, meist mit Kreuzseen vermischt – sehr holperiges Segeln auch wenn der Wind aus der richtigen Richtung kommt.
Das Kap der guten Hoffnung, oder der Stürme, wie es früher geheissen hat, ist so berüchtigt, weil knapp nördlich, am Kap Aghulla, der Süd setzende Aghulla Strom am stärksten fliesst. Wenn dann ein starker Wind gegen diesen Strom weht, entstehen dort und bis hinauf nach Durban, hin und wieder die berüchtigten „Freak Waves“, die weit über zwanzig Meter hoch werden können, nach neuesten Messungen bis zu fünfzig Metern!...
Die „wilde Coast“ hat ihrem Namen am Anfang alle Ehre gemacht. Der Schwell – Wellen von einem Sturm weit weg - war hoch, aber der Wind schwach, dafür das Rollen um so unangenehmer. Gegen Abend hat das Rollen aber soweit nachgelassen, dass ich sogar eine Pennesuppe kochen konnte. Das ist von allen geschätzt worden und Neptun, der Ärmste, hat dies Mal gar nichts davon ab bekommen...
Unsere Fahrt ist also nicht gerade angenehm aber durchaus erträglich gewesen. Einheimische sagten uns später, sie hätten zur gleichen Zeit wie wir ihre angenehmste Fahrt von Durban nach East London gemacht. Glück gehabt! Doch das Pech folgte. Wir mussten dorthin ausweichen. Ein Riss in einem der Hydraulikschläuche des Autopiloten zwang uns dazu. Thomas und ich steuerten die ganze Zeit über und um drei Uhr morgens erreichten wir den Hafen.
Er ist mit den besten Leit- und Navigationslichtern ausgerüstet, die ich je gesehen habe. Das – sonst gefürchtete - Einlaufen bei Nacht ist bei diesem Hafen kein Problem.
Am nächsten Morgen lernte ich John kennen. Hier scheinen alle Johns hager und gross zu sein. Und die freundlichsten Menschen die du dir vorstellen kannst.
Dieser John besorgt uns zwei neue Druckschläuche. Ausbauen der alten, einbauen der neuen Schläuche, dann entlüften. Thomas und ich schaffen es in einem Tag. Nur die Luft ist noch nicht ganz draussen.

Die Crew fährt am anderen Tag in ein nahes Tierreservat. Sie sehen Nashörner, Löwen, Strausse aber keine Elefanten. Ich versuche am Abend nochmals zu entlüften, da bricht – wie wir später sehen – der Bolzen, der die Dichtung im Zylinder auf der Schubstange hält. Die Stahlspäne zerkratzen die Schubstange. John und ich bringen sie zu einem Spezialisten und nun warten wir auf seinen Bericht, ob er die Kratzer aus polieren kann.
Er konnte.
Dann fährt John mit mir drei Mal einen halben Tag lang in der Stadt herum um neue Dichtungen für den eben in der Schweiz revidierten(!..) Hydraulikzylinder und Entlüftungs-Fittinge zu besorgen.
Und als ich ihn fragte, was sein Service koste, sagte er:
wofür? Service?.. ach was, es war mir eine Freude, ein bisschen mit dir herum zu fahren, ist schon gut, Hauptsache, euer Steuerautomat funktioniert nun wieder...

Bei unserer letzten Stadtfahrt mit Johns uraltem Landrover ist Marcel mit gekommen. Mitten im Zentrum wollte er aussteigen um einkaufen zu gehen.
Zu gefährlich, sagte John, viel zu gefährlich. Ich bring' dich zum Einkaufscenter und hol' dich dort wieder ab.
Warum denn zu gefährlich?
Es gibt hier Jugendbanden, die kommen mit dem Taxi ins Center - hier herum, siehst du?
So nahe bei der Towen Hall? – wir fahren eben am grossen, aus roten Backsteinen gebauten Rathaus vorbei.
Ja, so nahe. Wenn du hier, wenn du da draussen herum gehst, kann es dir passieren. Plötzlich geht ein lachender junger Schwarzer neben dir her, du spürst etwas Spitzes, Hartes an deinen Rippen und er sagt dir freundlich lachend, gib her, so gib doch her, allen deinen Zaster, hast du doch, nicht? gib ihn her – und zur Bekräftigung drückt er sein Messer etwas stärker gegen deine Rippen. So ist das hier. An manchen Tagen bis zu zwanzig Mal.
Und die Polizei?
Die ist machtlos. Immer wieder führen sie solche Jungs dem Richter vor. Aber der kann ihnen nichts nachweisen. Ein Messer in der Tasche, das ist nicht strafbar.
Und in flagranti? Ich meine, gleich während des Überfalles verhaften?
Zu gefährlich für den Überfallenen.
Er würde nicht überleben, er wäre ja der Zeuge, den würden die Jungs einfach abstechen.
Aber dann...
Dann... vermutlich würde die ganze Bande dafür sorgen, dass der Mörder entwischt.
Und den anderen könnte wieder nichts nachgewiesen werden?
Genau.

Warum die Kriminalität immer extremere Formen annimmt, hier in Südafrika, haben Marcel und ich wenige Tage später gesehen.
Wir waren nach Knysna weiter gesegelt – Marcel per Mietauto hin gefahren. Knysna ist ein Touristenort, rund um unseren Liegeplatz stehen die Restaurants, Cafféebars, Pubs. Etwas weiter draussen liegt der Yachtclub, in dem wir nur Weisse gesehen haben. Aber im Aushang sind Fotografien von schwarzen Kindern aufgehängt, die mit Optimisten Jollen segeln lernen. Der Club hat auch welche, aber wir haben dort nie schwarze Kinder damit segeln gesehen.
Aber nicht das wollte ich erzählen – es ist aber symtomatisch – sondern von unserer Velotour. Wir hatten vor, zu einem schönen Strand zu fahren, der hinter dem nächsten Hügel liegen sollte. Also fuhren wir Hügel an – verdammt steil! – an einem noch zu bauenden Ressort vorbei, von dem bereits das riesige Eingangstor neben einem langen, von zehn Wasserröhren gespeisten Brunnenbecken hin geklotzt stand – bewacht von einem Schwarzen.
Auf der schmalen Hochebene oben auf dem Hügelzug, liegt ein Ressort für Weisse neben dem anderen –
Bungalows, Ferienhäuser und ganzjährig bewohnte Villen. Alle bewacht von schwarzen Sicherheitsbeamten. Alle sehr neu. An ihnen, dann an einem grossen Hotelkomplex mit 18 Loch Golfplatz vorbei, fuhren wir weiter unserem Ziel, dem schönen Badestrand zu. Nach ein paar Kilometern standen wir plötzlich vor einem grossen eisernen Tor mit Wächterhäuschen. Keine Durchfahrt für Unbefugte. Und das sind wir.
Der schwarze Wächter lächelte zwar und war durchaus zu einem Schwätzchen aufgelegt. Aber hinein in dieses Luxusressort für reiche Weisse und hinunter zum schönen – und damit für sie reservierten Badestrand - das liess uns der schwarze Mann nicht. Unmöglich. Er würde sonst seinen Job verlieren.

Szenenwechsel.
Marcel und ich fahren im Mietauto zu einem Wildpark. Einmal muss ich so etwas doch auch gesehen haben. Aber darüber später.
Ein paar Kilometer hinter Knysna fahren wir mitten durch eine Hüttensiedlung für Schwarze hindurch -
auf dem Hayway! - einer "Hütten"-siedlung wie es sie um alle grösseren Städte Südafrikas herum immer noch gibt.
Kleine, aus rohen Brettern und Brettchen zusammen genagelte Hüttchen, gegen den Regen oft mit schwarzen, aufgeschnittenen Kehrrichtsäcken notdürftig geschützt. Grau-schwarz zusammen gewürfelt, auf beiden Seiten der Autobahn, auf der die grossen 4x4 Limousinen ihrer Brotgeber vorbei brausen.
Denn viele Bewohner dieser Elendshütten arbeiten in Knysna. Als adrett angezogene KellnerInnen, als Handlanger auf dem Bau, bei der Werft, in Fabriken, dem Strassenbau – überall wo ausschliesslich körperlich gearbeitet wird. Weisse arbeiten heute nicht mehr körperlich – sie organisieren die Arbeit der Schwarzen; Handy am Ohr und in durchaus freundlichem Ton Befehle erteilend, an ihre schwarzen „Mitarbeiter“.
Dieser riesige, nein dieser gigantische soziale Unterschied bewirkt eines der grössten Probleme dieses Landes.
Immer wieder haben uns Weisse gesagt, es wäre wunderbar in diesem Land zu leben, wenn sich nur die Kriminalität in normalem Rahmen bewegte. Aber die jetzige Regierung – einige sagen auch, „die schwarze Regierung“ – sei nicht im Stande oder Willens, die Kriminellen zu bekämpfen.
Leider fehlt den meisten die Einsicht, dass das, was sie als ihre wunderbare Lebensqualität empfinden, der Urquell dessen ist, was sie aus dem Lande vertreibt oder vertreiben wird
– wie uns viele klagten.

Weiter zum berühmten Parkerlebnis. Nach gut zwei Stunden Fahrt erreichen wir über eine Schotterstrasse den Parkeingang, ein langgezogenes Holzhaus, das von weitem wie eine übergrosse Baracke aussieht. Die Bauweise entspricht etwa jener unserer Baracken. Im Inneren folgt dann die Überraschung.
Der ganze Bau ist offen, ein langer, hoher, durch wenige offene Fenster und Türen immer wieder ein wenig erhellter „Tunnel“, unterteilt immer wieder durch Besammlungs-Plätze und Sitzgruppen; hier eine mit schweren Ledersesseln, dort die Bar, drüben ein grosse Cheminé mit brennenden Holzklötzen, davor Holzsessel, dort ein langer Holztisch mit Stühlen.
Dann die Réception mit lachender schwarzer Empfangsdame, ein paar Vitrinen mit kleineren Artefakten aber auch kunsthandwerklichen Gebrauchsgegenständen, ein antiker Elefantenschädel am Boden, jener eines Rhinos, gewaltig – und Fellteppiche zum Kaufen und zum darauf Laufen.
Ganz hinten geht der breite „Tunnel“ wandlos in den Gartensitzplatz über, wo wir einen Tee trinken, serviert von einer jungen Frau aus Simbabwe.

Die Fahrt mit dem grossen Landrover.
Vier ältere Holländerinnen mit Gruppenleiter, ein dunkelhäutiges Paar mit Säugling und ihr schwarzer Begleiter und wir beide. Der schwarze Fahrer ist gleichzeitig Führer und Erklärer.
Schon bei der Anfahrt sind wir durch Gruppen weidender Antilopen und Zebras gefahren, die sich nur von anhaltenden Fahrzeugen stören lassen. Hält man an, schlendern sie langsam weiter und kehren einem dabei ihren Hintern zu. Auch die vier Giraffen weideten gerade beim Empfangshaus.
Jetzt sind sie etwas weiter gezogen und sind unsere erste Station. Riesige Tiere mit einem gewaltigen, muskulösen Hals. Mit dessen Muskeln – so erklärt der Führer – transportieren sie ihr Fressen unentwegt zwischen Magen und Gaumen hinauf und hinunter. Und dann - warum fallen sie nicht ohnmächtig um, wenn sie ihren Kopf von minus 0,5 m – beim Saufen – auf plus 5 m hinauf heben um die Gegend zu betrachten um gleich wieder hinunter zu fahren um weiter zu saufen – warum wird es ihnen dabei nicht schwindelig – wie es uns würde?
Das ist ein Wunder!
Und gleich noch eines: Bei den Zebras zum Beispiel, da ist die Unterscheidung zwischen Männchen, Entschuldigung: zwischen Weibchen und Männchen – Ladys first! – ganz einfach. Die Weibchen haben weisse Streifen und die Männchen schwarze. Wenn Du also das nächste mal im Zoo einem Zebra begegnest, weisst du endlich, welchem Geschlecht es angehört.
Nun aber zu ernsteren Dingen: den Nashörnern, besser gesagt zu den Breitmaul-Nashörnern. Monströse Geschöpfe, so aus vier-fünf Metern Distanz.
Die hätten keine Mühe, unseren Wagen umzukippen. Darum, leise sprechen, keine Geräusche, möglichst still sei – warnt uns der Führer. Vor allem wenn die Mutter aufstehe, die kenne keinen Spass. Das Junge daneben sei erst zwei Wochen alt.
Ja und dann steht sie wirklich auf und auch das Kleine und langsam trotten beide dem nahen Wasserloch zu und die Alte – vor ihr würde ich trotzdem nicht so despektierlich reden! – beginnt zu saufen.
Wir hinter ihnen her... im Landrover natürlich, Rückwärtsgang. Und die Fotoapparate blitzen und klicken – nein das tun sie ja heute nicht mehr – also, es wird fotografiert!
Irgend wann fragt dann der Führer: abgehakt?
Auf Deutsch – das ist kein Witz!
Und als alle JA flüstern, fahren wir weiter.

Ja was fehlt uns denn jetzt noch?
Die Löwen natürlich.
Aber der gewitzte Führer macht es spannend. Er fährt mit uns auf den nächsten Hügel.
Sind sie dort? – nein dort hinter jenen Büschen könnten sie sein, nein unter jenem umgestürzten Baum, sieht doch wie eine Höhle aus...
Dann steigt der Führer aus und verschwindet hinter eben jenem umgestürzten Baum.
So mutig?
Wer kann Landrover fahren? fragt eine Holländerin...
aber da kommt der Führer schon wieder hervor und knöpft den letzten Knopf seiner Hose zu.
Keine Löwen. Hier oben gibt es keine... und deutet hinüber zum nächsten Bergrücken.
Tatsächlich: Vor lauter Löwensuchen haben wir fast die unwahrscheinliche Aussicht auf die dunkelgrünen Urwald Hügelketten verpasst. Sie dehnen sich bis an den Horizont hin, Hügelzug um Hügelzug immer undeutlicher, dunkler werdend, im Dunst verschwimmend.
Dieser Aussicht wegen ist er mit uns hier herauf gefahren! Und nun geniessen es alle und fotografieren was die Kameras hergeben.
Irgendwann wird das begierigste Auge müde und die Batterie der Kamera leer...
Holpernd, quitschend und schwankend fahren wir weiter.
Alle festhalten! Fasten Seatbelts! warnt der Führer und stürzt sich mit uns den Berg hinunter.
An einem der vielen kleinen aufgestauten Weihern vorbei kommen wir zu einem Doppelgatter.
Also doch... kommentiert die vorwitzige Holländerin...
Der Führer öffnet gleichzeitig beide Gatter.
Also sind sie weit weg und nicht hungrig... wieder die Holländerin.
Dann fährt er uns durch und schliesst die Tore wieder.
Allen dämmert mit leichtem Beben – wie weiland dem tapferen Daniel - jetzt sind wir in der Löwengrube!
Gespannte Aufmerksamkeit macht sich breit. Es wird – ohne Warnung des Führers – nur noch geflüstert. Nur die vorwitzige Holländerin, die das alles offenbar kennt, spricht noch immer laut.
Dann hält der Landrover an, der Führer hebt die Hand wie um Schweigen zu gebieten.
Dort hinten, jetzt bitte leise. Löwen sind Löwen - auch wenn ich sie heute Morgen gefüttert habe.
Und fährt weiter.
Endlich sehen wir sie.
Unter einem umgestürzten Baum, auf drei Seiten umgeben von einem Graswall. Zwei Junglöwen mit Mutter und Vater. Der Vater hebt kurz und mürrisch, wie mir scheint, sein edles und mächtiges Löwenhaupt. Aber er mag nicht einmal gähnen – wie Löwen das ja tun sollten, bei solchen Gelegenheiten. Die Mutter jedoch schläft selig weiter, ebenso ihre Sohn. Nur die Tochter schaut neugierig herüber, hebt den Kopf, die eine Tatze, legt dann den Kopf wieder drauf. Schlafen ist so schööön...
Fotos, Fotos Fotos.
Dem Führer sind die schlafenden Gesellen nicht rührig genug – könnte aufs Trinkgeld drücken.
Er lässt den Motor kurz aufheulen, einmal, zweimal, dreimal.
Nichts – wieder nur die Tochter. Von ihr hat man aber bereits genügend Portraits. Sie ist nicht mehr interessant.
Die Löwen sind einfach zu gut gefüttert... die Holländerin.
Wenn nicht, hätten sie sich bestimmt dich geschnappt... der Gruppenleiter.
Du bist zu mager für Löwen, das stimmt... die Holländerin.
Und das alles keine fünf Meter entfernt von einer dieser wilden, gefrässigen Löwenfamilien...

Das Weiterholpern hat uns dann noch zu einem Teich gebracht an dessen Ufer unter einigen Sträuchern fast verborgen wir ein Hypo – oder vielleicht deren zwei – sehen konnten. So genau hat das nicht einmal Marcel sagen können, der wenigsten ein kleines Fernglas dabei hatte.
Nun ging unsere Fahrt langsam dem Ende entgegen und da der Wind begonnen hatte immer kühler über die Ebene zu streichen, war männiglich ganz froh, wieder beim Parkeingang zu landen.
Abschied von den HolländerInnen. Noch gute Weiterreise – euch noch schöne Ferien.
Und so ging also mein Wildparkerlebnis in Südafrika zu Ende und ich bin stolz, doch wenigstens dreien der „Big Fife“ in freier Wildbahn begegnet zu sein!...

Gestern ist Marcel abgereist, mit einem Mietauto Richtung Cape Town. Er hat noch ein paar Tage übrig, während denen er jene Gegend erkunden will. Wir werden folgen, sobald wir können. Sehen aber werden wir uns nicht mehr.
Abschied nehmen ist immer traurig. Es ist der Preis, den wir für unser Unterwegs sein bezahlen. Immer wieder.
Aber immer wieder lernen wir auch Neues kennen, andere Menschen, neue FreundInnen. Sie machen unser Leben reich. Auch wenn wir alle wissen, am Ende steht der Abschied.


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