10 - Madagaskar

Madagaskar ist ein Land, das nicht sehr lange von den Weissen dominiert wurde. Die Franzosen haben Madagas­kar erst 1896 in Besitz genommen und 1960 wieder ver­lassen. Es ist für sie eher eine Beute gewesen, die ausge­plündert werden konnte, als ein Land zum Siedeln, als eine neue Heimat.
Die kurze Kolonialgeschichte hat die Mentalität der Mada­gassen nicht stark beeinflusset. Die Menschen dieser Insel sind geprägt von viel weiter zurück liegenden Ereignissen, dem Zusammen­treffen und Verschmelzen so verschiedener Ethnien wie der indone­sisch-malaiischen, der ost­afrikanischen und der arabischen. Daraus ist eine neue Ethnie entstanden, die Madagassische, mit eigener Spra­che – dem Malgasch - und einer langen Geschichte ver­schiedener Königreiche.
Malgasch ist eine eigene Sprach, die mit verschiedenen Dialekten auf der ganzen riesigen Insel gesprochen wird. Sie hat grosse Ähnlichkei­ten mit den Polynesischen Spra­chen. Das heutige noch immer fran­zösische Polynesien wurde ebenfalls von indonesisch-malaiischen Stämmen bevölkert.
Als ich zum ersten Mal Malgasch Lieder hörte, kamen sie mir eigenar­tig bekannt vor. Später merkte ich, es sind ähnliche Melodien – auch die Sprach-Melodien – wie ich sie auf den Marquesas Inseln gehört habe.

Austronesische Seefahrer aus dem über dreitausend See­meilen ent­fernten südostasiatischen Raum, sind wahr­scheinlich im fünften Jahr­hundert als erste bis zur Ost­küste Madagaskars gesegelt und haben auf der kleine Insel Mangabe in der Antongil-Bucht, die von der Masoala Halbinsel gebildet wird, erste Siedlungen errichtet.
Im zehnten Jahrhundert kam dann eine zweite, wesent­lich grössere indonesisch-malaiische Invasionswelle zum Teil nach Ostafrika und später vermischt mit Bantu Stäm­men zurück nach Madagaskar.
Etwa zur gleichen Zeit begannen auch arabische Einwan­derer vor allem die Nord- und Nord­ostküste zu besiedeln. Sie brachten ihre Kenntnisse der Medizin, der Arithmetik, der Astrologie und ihre Schrift mit.
Vor allem diese drei Ethnien haben sich vermischt und gegenseitig befruchtet. Das machte sie fähig, gut organi­sierte kleine Königreiche zu gründen und eine vergleichs­weise hohe Kulturstufe zu erreichen.


Im Übrigen haben jene austronesischen Völker bereits in jener Zeit, von den indonesischen Inseln aus, den halben Erdball umsegelt, einerseits über den Indischen Ozean nach Madagaskar - anderseits über den pazifischen Ozean nach den Osterinseln und über Polyne­sien bis – etwas später – nach Hawaii. Es sind die besten Seefahrer ihrer Zeit gewesen.

Ende des achtzehnten Jahrhunderts schuf König Andrian­ampoinimer­ina durch Eroberung und politische Vereini­gung vieler kleiner Königreiche sein grosses Reich mit Antananarive als Hauptstadt. Es war der erste  moderne Staat Madagaskars, mit einem Rechtssystem, einer ein­heitlichen Landessprache und einem umfassen­den Han­delssystem.
Bis heute wird er als grosser König und Begründer des Staates Mada­gaskar verehrt. Gleich­zeitig war er der Begründer der wichtigsten Königsdynas­tie, die in Mada­gaskar bis 1896 herrschte.

1883 wurde Ranavalona III Königin.
Im selben Jahr ver­suchten die Franzosen die Insel zu besetzen. Zuerst wur­den sie vom Madagassi­schen Heer geschlagen. Die techni­sche Unterlegenheit war jedoch zu gross. Nach einem blutigen Krieg gelang es den Franzosen 1896, Madagas­kar zu ihrer Kolonie zu machen. Sofort begannen sie mit dem Ausbau der Verkehrswege, Eisen­bahnlinien, Kanä­len, Strassen. Nur so war es ihnen mög­lich, die natürli­chen Ressourcen des Landes auszubeuten. Das frucht­bare Land wurde enteignet, französi­schen Grossgrundbe­sitzern übergeben und auf den Bedarf Frankreichs aus­gerichtet. Grosse Zuckerrohrplan­tagen ent­standen, Vanille, Nel­ken und Pfeffer wurden angebaut.
Das französische Regime war brutal und repressiv. Zur Abschreckung wurden ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht und die Bewohner ermordet.Trotzdem mussten madagassische Soldaten in den beiden Weltkrie­gen an der Seite der Franzosen kämpfen.

Während des zweiten Weltkrieges stand Madagaskar zuerst unter der Verwaltung von Vichy. Darum besetzten es die Eng­länder und gaben es später an das neue Frank­reich zurück­.
Kurze Zeit darauf, 1947, erhoben sich Land­arbeiter an der Ostküste und gründeten eine Befreiungs­bewegung. Die Reaktion der Franzo­sen war eigenartig und brutal. Sie lies­sen die madagassischen Abge­ordneten der Nationalver­sammlung verhaften und zum Tode verur­teilen.
Ihre Beteiligung an den Aufstände wurde nie bewie­sen.
Mindestens neunzig Tausend Madagassen - wahrscheinlich aber weit mehr - wurden hingerichtet oder bei Kämpfen erschos­sen. Die Kolonialmacht verzeichnete praktisch keine Opfer. 1960 zog sie sich von Madagaskar zurück.
Der unabhän­gige Madagassische Staat entstand.

Siebenundvierzig Jahre später haben wir Madagaskar als eine wun­derschöne Insel mit liebenswür­digen und freund­lichen Menschen kennen gelernt. Das ist unser ers­ter Ein­druck gewesen. Und je länger ich hier bin umso mehr ver­stärkt er sich.
Am ersten Abend haben wir in der Nähe des Hafens im kleinen, sehr hübsch und geschmackvoll eingerichteten Restaurant „Les Pirates“ gegessen. Gut und günstig.
An Stelle der sonst üblichen Lautsprecher-Musik spielt hier ein schwarzer Mann Gitarre und gleichzeitig Mundharmo­nika. Erstaunlich gut. Und als die meisten Gäste gegan­gen sind, setzt sich der Bar­mann mit einer Doppel­trommel dazu und eine der jungen Frauen, die nicht mehr ser­vieren muss, beginnt dazu auf Malgasch zu singen.
Nicht für uns spielten und sangen sie, sondern für sich sel­ber, weil sie fröhlich sind und ihre Musik lieben.
 
Zwei Tage darauf fahren wir mit einem Taxi in den Amber Mountain National Park. In Antsiranana oder Diego, wie die Einheimischen sagen, gibt es praktisch nur Renault R4 Taxis. Ein solches, eher älte­ren Datums, haben wir für die Fahrt nach Joffreville gemietet. Besit­zer und Fahrer ist ein pensionierter Lehrer. Seine Pension ist zu klein um davon  leben zu können. Darum arbeitet er mit seinem Taxi wei­ter bis... na ja, sagt er, ich hoffe, ich kann rasch ster­ben, wenn ich keine Kraft mehr habe zum Arbeiten.
Joffreville ist ein ehemaliger Höhenkurort der Franzosen und liegt auf etwa siebenhundert Meter über Meer.
Vom ehemaligen Luxus sehen und spüren wir nichts mehr. Das Klima aber ist angenehm, etwas kühler hier oben.
Die Naturstrasse nach Joffreville ist relativ gut und unser R4 hat keine Mühe. Nach dem Örtchen wird’s schwierig. Bachbett wäre ein Kosename und verschie­dentlich müs­sen wir aussteigen. Einfacher wäre es, den Rest bis zum Park­eingang zu gehen. Aber unser Fahrer lässt das nicht zu. Wir hätten bis dort hin bezahlt und er fahre uns bis dort hin. Punkt.
Thomas und ich befürchten Schlimmes für das Wägel­chen.
Und dann, Herr Lehrer?... Aber wir schaffen es. Nur - als er vor der Park­hütte anhält, den Gang heraus nimmt und uns aussteigen heisst, fährt sein Gefährt plötzlich rückwärts.
Was ist los?
Die Bremse, sie fällt durch, keine Wirkung mehr...
und geistesgegenwärtig lenkt er den R4 rückwärts in die Böschung hinein.
Thomas und ich finden den Grund relativ rasch heraus. Der Hebel des Bremspedals liegt lose am Boden. Der Stift, der ihn in der gabel­förmigen Halterung halten sollte, ist gebrochen. Mit einem Nagel – den ich aus dem Zaun der Park-Hütte gezogen - repariert Thomas die Bremse. Und so fährt unser Lehrer zurück - achthundert Meter hinab zum Meer...
Meine Crew hat eine Tour von zwei Tagen mit Übernach­ten in einem der Touristen-Camps gebucht. Nichts für mich. Aber ich gehe ein paar Stunden mit.
Ein Führer führt uns.
Der Park ist nicht sensationell, aber schön, mit riesigen, uralten Bäu­men und wunderschönen Ausblicken auf einen Urwaldsee, auf einen Wasserfall und hin und wieder auf das weite Land bis hinab zum Meer im Westen.
Wandern tut gut. Gegen Abend laufe ich mit unserem Füh­rer in einem Gewaltmarsch zurück zum Eingang des Parks. Von dort nimmt mich eine Reisegruppe aus Kanada in ihrem Bus fast bis nach Diego zurück.

Der Taxichauf­feur, der mich weiter zum Restaurant „Les Pirates“ bringt, von wo es nur noch ein paar Hundert Meter zum Hafen sind, will mein Geld nicht.
Warum nicht?.. wir können einander nicht verstehen.
Warte hier, sage ich ihm, ich werde jemanden aus dem Restaurant holen, der Mal­gasch und Französisch spricht.
Aber er fährt ohne Geld davon und ich stehe im Restau­rant und komme mir ein wenig dumm vor.
Madame Aecha, die Besitzerin des Restaurants lacht nur, als ich ihr das erzähle und meint, es gibt auch verrückte Malgaschen. Machen Sie sich nichts daraus!
Wir trinken ein Bier zusammen und plaudern.
Eine inter­essante Frau, die viel gereist ist, stelle ich fest. Schöne, lebendige Augen hat sie, etwa vierzig jährig schätze ich, ziemlich sexy gekleidet, selbstbe­wusst, gute Figur mit cha­rakteristischem rundem Po, eine eigenar­tige, starke Aus­strahlung. Schöne Augen. Eine richtige Mal­gasch.

Am nächsten Tag trinke ich wieder ein Bier in „Les Pira­tes“ und lade Madame Aecha dazu ein.
Woher sind Sie?
Meinen Sie, aus welchem Land? Aus der Schweiz und nun segeln wir rund um Afrika.
Ah Sie sind Schweizer...
Ich habe fast zehn Jahre mit einem Schweizer zusammen gelebt. Wir hatten hier in Diego ein Reisebüro. Eine schöne Zeit, bis auf den Schluss...
Den Schluss?
Ja, wir fuhren fast jedes Jahr zusammen in die Schweiz, in die Ferien, wissen Sie.
Im letzten Jahr bin ich etwa einen Monat früher zurück geflogen, unsere Agentur musste weiter laufen...
Und er ist einfach nicht mehr nach Madagaskar zurück gekehrt.
Pause. Ihre Augen werden noch dunkler.
Nach einem Monat hat mir einer unserer Freunde gesagt, er wird nie mehr zurück kommen.
Zwei Tage lang habe ich nur noch geweint...

Was soll ich dazu sagen? Eine lange Pause entsteht.
Ich schäme mich. Sie merkt es – lächelt und sagt,
nicht alle Schweizer sind so... ich weiss


Am übernächsten Tag verlassen wir Antsiranana Richtung Nosy Be, der „Grossen Insel“. Schon beim Starten der Maschine habe ich das Gefühl, irgend etwas stimmt nicht. Der Wind weht wieder einmal genau aus dem Aus­gang der Bucht und wir müssen den ganzen Weg moto­ren.
Irgendwie läuft der Motor nicht richtig, auch die Vibratio­nen sind ungewöhnlich.
Ich gebe Vollgas – nichts geschieht – er kommt nicht über 1900 Tou­ren hinaus.
So geht das nicht.
Umkehren?
Nochmals zurück nach Antsiranana?
Es bleibt uns nichts anderes übrig.

Telefon an Christoph, Schilderung der Symptome.
Vermutlich die Einspritzpumpe, aber schaut zuerst mal die Einspritz­düsen an!
Wir selber, fragen wir uns? Getrauen wir uns das?
Nein. Dazu braucht es einen Fachmann!
 
Wie findet ein Wasa (Weisser) hier einen Fachmann?
Einen ausgewiesenen Fachmann?
Indem er jemanden fragt, den er kennt, zu dem er Ver­trauen hat, der wenn möglich einschlägige Erfahrungen hat, aber nicht selber in diesem Geschäft steckt.
Madame Aecha! In ihrer Touragentur hatten die doch Die­selfahrzeuge...
Und tatsächlich hat sie mir weiter geholfen.
Ein Fachmann ist gekommen, hat neue Einspritzdüsen montiert – Resultat, etwas besser aber nicht gut.
Also doch die Einspritzpumpe.
Als auch die revidiert und wieder montiert ist, läuft der Motor wieder wie früher.
Wieder einmal: genug Technik.

Die Crew hat den unfreiwilligen Aufenthalt dazu benützt, eine grös­sere, dreitägige Exkursion zu einem anderen Naturreservat zu unter­nehmen.
Die beiden kommen begeistert zurück, haben sie doch einige der sel­tenen und endemischen Tiere aus der Nähe sehen können und auf der nicht organisierten Fahrt zurück, Mal­gasch-Luft geschnuppert.
Ich übrigens auch. Ich habe ein bisschen vom Leben in Madagaskar begriffen.
Hier haben alle Zeit. Viel Zeit. Ungeduld ist nicht gefragt, Stress eben so wenig. Niemand lässt sich zu schnellerem Arbeiten verführen. Immer mit der Ruhe und Morgen ist auch noch ein Tag.
Schön, diese Ruhe, dieses „unendlich viel Zeit haben“
Das hat aber auch eine Kehrseite.
Die Ruhe ist Ruhe an der Oberfläche. Darunter brodelt es. Angst.
Wo es keinerlei soziale Absicherung gibt, keine Kranken­kasse, keine Pension, keine Versicherung, nicht die kleinste Sicherheit, wo es kei­nerlei Zukunftsperspektiven gibt... da herrscht die Angst! Die Angst zu verarmen, in der Gosse zu enden.
Ich habe mit vielen Malgaschen gesprochen, alle kennen und fürch­ten diese Existenzangst, angefangen beim Bar­mann aufgehört bei der Besitzerin eines Ladens, eines Restaurants. Alle leben sie von der Hand in den Mund und wissen nicht, was in einem Monat sein wird.
Irgend­wie wird es schon weiter gehen, ich bin gesund und kann arbeiten, nicht zu viel aber so viel, dass ich überlebe.
Und wenn du alt bist?
Schulterzucken... wer weiss, ob ich es werde... wer weiss, was sein wird...
Das sagten mir die Jungen.
Ältere Menschen die es können, arbeiten für ihr Zukunft. Aber fast alle glauben nicht an eine Chance. Wer arm geboren wird, stirbt auch arm.
Wer keine überdurchschnittliche Schulbildung hat, ist chancenlos. Und wer arm ist, kann sich keine erwerben. Ein Teufelskreis.

Wer es trotzdem schafft, ihn zu durchbrechen, schafft es mit der Hilfe eines Wasa.
Viele der jungen Mädchen träumen davon. Ein reicher Wasa und ich bin gemacht. Der beste Nährboden für Sex­tourismus. Und er blüht...
Die Realität dieser jungen Frauen sieht allerdings anders aus. Nach zwei-drei Wochen geht der „reiche Wasa“ wie­der und ein ande­rer kommt.
Wieder für vierzehn Tage?
Die einzige Chance ist eine langfristige Bindung zu einem Weissen. Und auch das bringt keine Sicherheit, denn sel­ten heiratet ein solcher eine Malgasch Frau. Er nimmt sie vielleicht mit nach Europa – und dann schickt er sie zurück. Und das Ganze beginnt von vorn.

Zu Madame Aecha ist der Kontakt natürlich auch etwas intensiver geworden. Ich war oft in ihrem Restaurant.
Wieder trinken wir ein Bier zusammen.
Was glaubst Du, Aecha, könnte ich mit meinem Schiff hier Tages­charter fahren, mit Touristen?
Ja sicher.
Ich meine, Segeln in eine der Buchten mit klarem Wasser, Schwim­men und Schnorcheln währen die Crew – zwei Ein­heimische – ein Barbecue vorbereiten würde. Rückse­geln so gegen drei Uhr, Ankunft gegen sechs Uhr, dann Apero im Restaurant „Les Pirates“ natürlich... und ansch­liessend Candellight-Dinner, für alle die wollen und den Mehrbetrag bezahlen.
Was meinst Du dazu?
Sicher ein gutes Programm mit grossen Chancen.
Sie lacht, ich könnte so eine Einnahme brauchen...
Aber – aber willst du wirklich täglich mit Touristen diese Tour machen, du selber?
Nein, ich werde zwei Malgachen lernen das Schiff zu segeln und alles selbständig zu übernehmen. Ich selber werde nur noch hin und wie­der zur Kontrolle mit segeln. Dafür will ich sie am Gewinn beteiligen.
Nicolas, das ist eine Illusion! Du wirst niemanden, du wirst keinen Malgachen finden, dem du das übergeben kannst.
Wieso denn nicht? Wenn ich sie am Gewinn beteilige?
Auch dann nicht. Es gibt diese Malgachen – Malgachen die das wol­len und können – es gibt sie nicht!
Aber du, Aecha, du hast doch auch Initiative, du unter­nimmst etwas, du arbeitest, du willst weiter kommen... es muss doch noch mehr Malgaschen geben wie du...
Aber ja, die gibt es. Nur, die arbeiten für sich, die haben selber etwas angefangen... die arbeiten nicht für dich, für einen Wasa... nicht ein­mal für mich arbeiten die.
Schau doch was für Mühe ich mit meinen Leuten habe!
Hier leben alle nach dem „Lust-Prinzip“. Habe ich Lust, dann gehe ich zur Arbeit, habe ich nur halbe Lust, dann vielleicht auch noch. Aber wenn ich keine Lust habe, warum sollte ich dann gehen? Ich hab’ ja meinen Job und kann leben.
Und - die wollen nicht leben um zu arbeiten – so wie ihr Schweizer - sondern umgekehrt.
Du meinst, alle Malgachen denken so?
Natürlich denken sie nicht so. Sie denken überhaupt wenig. Aber sie handeln so, instinktiv.
Wenn du dich damit abfinden kannst, wenn du deine Tou­risten täg­lich selber ausführen willst, dann bleib' mit dei­nem Schiff hier. Du kannst gut und viel Geld verdie­nen.
Wenn du das aber nicht willst, dann fahre nach Europa und verkaufe dein Schiff.
Du musst hier nicht arbeiten. Du nicht!
Du kannst hier mit deiner Rente wunderbar leben.
Ich hingegen muss, wir alle, wir Malgachen müssen. Weil wir nur hier leben können. Und ich muss, weil ich mein Essen nicht in den Müll­tonnen zusammen suchen will – wenn ich alt bin.
Verstehst du das?
Ja, das verstehe ich!
Und trotzdem, auf dich kann man sich doch auch verlas­sen. Wenigs­tens einigermassen... Und du bist doch auch eine.... 
Einigermassen... du bist frech!
Es gibt einige auf die man sich verlassen kann. Klar! Wenigsten eini­germassen... wie du sagst. Aber finde die! Wie sagt man bei Euch: Zwei Stecknadeln in einem Heu­haufen... Finde die! Ich glaube nicht daran. Seit Monaten suche ich einen zuverlässigen Koch. Bisher keine Chance. Und du siehst, wie mich das stresst!
Am liebsten würde ich manchmal davon laufen – mit dir in die Schweiz. Ach Nicolas! Es geht nicht. Ich würde mein Geld verlie­ren. Fast alles steckt in diesem Restaurant...

Das hat mich überzeugt.
Wir werden also weiter segeln, ums Kap herum und dann der West­küste entlang nach Portugal.


Einen Tag nach diesem Gespräch war der Motor repariert, lief wieder gut. Wir verliessen dieses hübsche Städtchen und segelten um das gefürchtete Nordkap der Insel herum. Normalerweise weht dort ein starker Südwind. Wir hatten dieses Glück und einen schö­nen Segel­tag vor ach­terlichem, dann halbem Wind.
Gegen Abend suchten wir uns eine Bucht aus, ganz im Norden der Westküste und dort drin einen Ankerplatz.

Stell dir vor, über dem weiten, blau bis grünblau schimmernden Wasser siehst du weit im Hintergrund Madagaskar mit seinen Hügeln und seinen kleinen, kegelförmigen Bergen. Gegen den Horizont hin werden sie schemenhaft, verschwimmen sie im Dunst. Im Vordergrund liegen zwei-drei kleine Inselchen, nur ein paar Seemeilen von dir und doppelt so weit von der grossen Insel entfernt. Kleine grüne Fleckchen im Meer, im grossen, grünblauen Wasser.
Du denkst, wo soll denn hier eine Bucht sein? Alles offen, alles weit und ungeschützt.
Dann schaust du auf die Karte und siehst, kaum Hundert Meter vor dir ist das Wasser nur noch einen Meter tief. Überall, wo du nur hinschaust, eine Untiefe an der anderen. Nur dort, genau zwischen jenen beiden Inselchen, kann ein Schiff hinein segeln, in diese eigenartige Bucht; überall sonst würde es auf laufen.
Mit viel Übung in Augennavigation geht es gerade noch, den Weg zu finden, zwischen den Untiefen hindurch zu den beiden Inselchen.
Von dort aus sehen wir, wie sich weit im Innern dieser „Bucht“ eine kleine Insel im Wasser spiegelt. Ein rötlicher Fels in der Mitte, flankiert von sechs Palmen und einem grossen grünen Baum. Auf beiden Seiten schützen je ein kleines Riff gegen die Wellen, die der noch immer starke Wind aufwirft, der hier aus Südosten genau auf die Rückseite des Inselchens zu bläst.
Davor ankern wir. Der Platz erinnert an den Ankerplatz auf den Seychellen, St. Pierre.
Nur, hier sind wir weit und breit die einzigen Menschen. Meinen wir, bis wir das charakteristische Dhausegel sehen, das Malgaschboot, das drüben lautlos vorbei segelt, seinem kleinen Dorf auf der Hauptinsel zu. Auch sie möchten vor Sonnenuntergang in Sicherheit sein.
Es wird eine schöne, mondhelle Nacht. Langsam schaukelt uns die Dünung, die um das Inselchen herum kommt, in den Schlaf.

Am nächsten Morgen navigieren wir uns – immer wieder einer ande­ren Untiefe ausweichend – aus dieser riesigen, für uns gar nicht sichtbaren Bucht heraus. Jetzt hilft uns die schon ziemlich hoch ste­hende Sonne, flaches Wasser gut zu sehen. Am Ufer entlang ziehen sich meilenweit weisse Sand­strände und da wo Palmen stehen, liegt meis­tens auch ein kleines Dorf.
Die einfachen Hütten sind mit Palmwe­deln gedeckt, die Wände bestehen aus dün­nen Holz­stämmchen. Die Lücken dazwischen sind gross genug und unregelmässig und las­sen jeden noch so feinen Luft­hauch ins Innere dringen. Die richtige Bauweise für diese doch eher warme Gegend...
Am Abend ankern wir in der wunderschönen Bucht von Nosy Mitio, vor einem kleinen Dorf. Die einfachen Hütten aus Stangen und Palm­wedeln stehen in einer langen Reihe über dem langen weissen Sand­strand. Wir sehen nur wenige Men­schen, niemand kommt an den Strand, nie­mand mit einem Boot zu uns heraus. Sind wir Eindring­linge? Oder  sind wir bereits zu nahe an der Touris­teninsel Nosy Be? Keine „Sensation“, keine Seltenheit mehr?

Am nächsten Tag erreichen wir Nosy Be, die „Grosse Insel“, und ankern vor Hell Ville, ihrem touristischen Zen­trum. Das tönt nun nach Riesenbetrieb und Massen von Touris­ten. Es hält sich in Gren­zen. Vier-fünf Restau­rants die auf Touristen spezialisiert sind, zwei-drei Tour­operators mit einschlägigen Angeboten - von Veloturen mit Führer, zu Tauchen mit Führer und grossen schnellen Motorbooten bis zu so genanntem Sportfischen mit eben­solchen.


Meine Schwestern Vreni und ihren Sohn Michel kommen! Ich erwarte sie auf dem kleinen Flugplatz von Hell Ville. Seit einem Jahr fliegt Air Madagaskar wöchentliche Direkt­flüge von Milano und Paris aus hier­her. Ich freue mich rie­sig auf ihre Ankunft. Aber die lässt auf sich war­ten und niemand auf dem Flugplätzchen weiss, wie viel Verspä­tung der Flieger hat.
Hier haben alle Zeit und nie­mand regt sich wegen einer halben oder ganzen Stunde Wartens auf. Endlich, nach einer guten Stunde kom­men sie an. Herzli­che Begrüs­sung! Und im klapperigen Taxi fahren wir die halbe Stunde zurück zum Hafen.
Unsere erste Ausfahrt gestaltet sich etwas eigenartig. Wir wollen nach der Russian Bay hinüber und segeln mit gutem Wind los. Nach etwa 5 Seemeilen kommt uns ein Malgasch Frachtsegler entgegen. Sie haben Holzstan­gen geladen, können aber nicht mehr segeln. Ihr Segel weht in Fetzen von der Bambus Grosstange. So werden sie die ganze Nacht über treiben und weiss wer wo – wenn über­haupt – Nosy Be erreichen.
Wir fahren also eine Wende und winken ihnen mit unse­rer langen Leine zu. Da kommt Bewegung in die Crew und lachende schwarze Gesichert und Hände strecken sich uns entgegen. Ich versuche im Luv – der Windseite – so nahe an sie heran zu segeln, dass wir die Leine hin­über werfen können. Beim ersten Anlauf sind wir aber viel zu schnell. Das Festmachen der Leine gelingt ihnen nicht. Wende, zurück segeln und zweiter Anlauf. Jetzt fie­ren wir beide Segel weit auf - wir lassen sie ganz weit hinaus, sodass sie im Winde nur noch flattern und kaum mehr Vortrieb geben. So machen wir nur noch wenig mehr Fahrt als sie. Michel wirft das Seil – Volltreffer und drü­ben wird es rasch am Bugholz fest gemacht. So lang­sam wie wir die Segel wieder dicht nehmen, so langsam beginnen wir wieder Fahrt aufzu­nehmen. Dann kommt die Leine straff und wir schleppen das Lastschiff hinter uns her. Bald einmal mit fünf Knoten. So schnell ist der Lastsegler wahrscheinlich noch nie vor­wärts gekommen.
Keine Stunde später sind wir wieder in Kreter, der Bucht in der wir die Nacht zuvor geankert hatten. Dort liegen oft Frachtsegler zum Ent- und Beladen am einfachen Quai. Wenn sie leer sind, fahren sie aufs „Riff“ – das hier mit Schlamm überdeckt ist – und lassen sich bei Ebbe trocken fallen.
Für uns ist das Wasser beim Quai nicht tief genug und unter Segel können wir sie nicht weiter in die Bucht hin­ein schleppen. Also rufen wir ihnen zu, die Leine zu lösen und mit den eigenen Riemen tiefer hinein zu rudern. Sie aber gestikulieren nur, wir sollten sie weiter hin­ein schlep­pen, von Lösen unserer Leine keine Spur!...
Wartet nur, ihr Schlitzohren... denk’ ich und fahre lang­sam eine Wende. Das heisst, ich beginne sie wieder aus der Bucht hinaus zu schleppen...
Jetzt kommt Bewegung in die Crew – und wir ganz rasch zu unserer langen Leine.
Eigentlich hatte ich nur Segel­ bergen und sie dann unter Motor so weit wie für uns möglich hinein schleppen wol­len. So aber lassen wir das und sehen, dass sie auch alleine, mit Rudern und dann Staken, recht gut ihrem Ziel entgegen kommen.
Für uns aber ist es zu spät um noch zeitig die Russian Bay zu errei­chen. Wir ankern am selbe Ort wie die Nacht zuvor.

Am Tag darauf, früh am Morgen segeln wir zum zweiten Mal zur Rus­sian Bay. Die Bucht ist traumhaft schön. Das hatten offenbar auch die Russischen Seeleute erkannt, die nach der Legende einfach hier geblieben und nicht weiter gesegelt seien. Ich kann sie verstehen. In einem der
Dör­fer der Bucht, sollen noch immer Nachfah­ren von ihnen leben.
Die Bucht ist riesig und stark verzweigt. In einigen der kleinen Ein­buchtungen liegen Dörfer, andere sind unbe­wohnt oder es leben nur ein oder zwei Familien dort.
Alle in den typischen Malgasch Häuschen aus Stangen­wänden und Palmwedel-Dächern.
In einer der kleinen Buchten in denen wir ankerten, lebt zum Beispiel ein Köhler mit seiner Familie. Er kam zu uns um seine Handy-Batterie aufladen zu lassen. Das Handy braucht er, um seinen Kunden zu sagen, ich habe wieder Kohlen, braucht ihr?
Aufladen lassen kann er es aber nur, wenn mal eine Jacht kommt oder drüben auf Nosy Be. Empfang hat er nur in der Mitte der Ein­fahrt zur Bucht.

Die eine Woche mit Vreni und Michel ist viel zu rasch ver­gangen. Schon am Samstag flogen sie nach Antananarive um von dort aus eine grosse Tour durch die schönsten Gebiete in der Nähe der Haupt­stadt zu machen.
Die WAHOO blieb noch ein paar Tage in Nosy Be.
Julia und Thomas gingen mit den Leuten einer nahen Tauchba­sis tau­chen und machten zusammen mit einem Führer eine grosse Bike-Tour über die Insel.


Ich benutzte die Zeit um das Land nochmals etwas besser kennen zu lernen und fuhr mit Buschtaxis' bis nach Antsi­ranana und zurück.
Zuerst muss ich von Nosy Be hinüber zur Hauptinsel. Es gibt eine kleine Fähre, die sogar zwei-drei Autos transpor­tieren kann. Schneller jedoch sind die "Schnellboote" mit star­kem Aussenborder. Eines steht knapp vor der Abfahrt und ich ergattere den letzten Platz. Ab geht's!
Kaum sind wir aus der Abdeckung der Insel, beginnt das Boot zu rol­len – wir fahren praktisch quer zur Welle. Ängstliche Augen richten sich auf mich. Es ist schon ver­rückt, der Wasa (Weisse) weiss, ob das gefährlich ist...
Ich lache und beruhige ein junges Mädchen, das mir gegenüber sitzt. Sie ist ziemlich schick westlich gekleidet aber etwas bleich unter ihrer schönen schwarzen Haut.
Wir sind schon bald in der Abdeckung von Nosy Komba, dann wird es ruhiger, beruhige ich sie...
Sie versucht ein Lächeln, ich habe Angst, ich kann nicht schwimmen...
Ich werde Sie retten... lache ich zurück, aber leider werde ich dazu keine Gelegenheit haben...
Ja, eigentlich weiss ich, dass es nicht gefährlich ist...
ich fahre jeden Monat mindestens ein Mal hinüber...
Arbeiten Sie auf der Hauptinsel?
Nein, ich studiere noch - es ist noch nie etwas passiert,  trotzdem, ich fürchte mich immer wieder... das ist so dumm von mir...
Ich glaube, Furcht haben ist nie dumm. Nur dumme Leute fürchten sich nie...
Aber Sie, sie haben keine Angst!?...
Hier nicht, nein... aber auf dem... auf dem offen Meer, dort oft...
Auf dem offen Meer?...
Ich lebe auf dem Meer, sehen Sie - dort hinten, das rot-gelbe Schiff, Sie können es gerade noch sehen, darauf lebe ich...
Sie sind der Kapitän?
Na ja, Kapitän – Master, sagte man früher, heute eher Skipper...
Sie fahren hier Charter?
Nein-nein, wir sind auf einer Reise rund um Afrika und seit ein paar Wochen in Madagaskar.
Wie gefällt Ihnen Madagaskar?
Sehr gut, das Wenige das ich davon gesehen habe –
aber Achtung, wir kommen gleich aus der Abdeckung von Nosy Komba heraus – es wird wieder schaukeln...
Und schon begann das Boot zuerst zu rollen und etwas später, als wir stärker gegen die Wellen fuhren, zu schla­gen. Die junge Frau hielt sich tapfer. Etwas verkrampft zwar, lächelte sie herüber. Die anderen Passagiere - sie hatten unserem Gespräch interessiert unbeteiligt zuge­hört – verzogen zwar ihre Gesichter, lachten aber, mach­ten sogar Witze über ihre Angst – sassen jedoch etwas steif da... nicht so locker und unbeschwert wie sonst.

Bald erreichten wir den Landeplatz, einen gut geschütz­ten Slip aus Morast und weiter innen, gestampfter Erde. Kaum war das Boot mit dem Bug auf das feste Land gesetzt, drängten alle noch vorne. Der Bootsführer half beim Sprung auf die Erde, nahm Säcke, Taschen, Koffer, Schachteln entgegen und stellte sie auf ein trockenes Fleck­chen. Fröhlich erleichtert, lachend und schwatzend lief dann eine nach dem anderen den verschiedenen Fahr­zeugen zu, die auf dem grossen Platz herum stan­den.

Stell dir vor, du stehst noch im Bug des Bootes. Vor dir der grosse Platz, links begrenzt durch eine Reihe Buden, in denen du all die Mal­gasch Köstlichkeiten erste­hen kannst. Von Crevettes baigner, gegrilltem Fisch über die verschie­densten im Öl gebackenen „Karp­fen“ Sorten, zu Bananen, Ananas, Lychees, Mangos, Papajas.....
Rechts wird der Platz von einem Wasserarm begrenzt und nach hin­ter, zur Strasse hin, durch zwei Hütten zwischen denen der Weg durch führt. Der Weg jedoch ist versperrt durch einen richtigen Wei­her, gefüllt vom letzten grossen Regenguss.
Ich ergattere einen Platz in einem Peugeot Stationswa­gen. Ich möchte vorne, neben dem Fahrer sitzen und muss deshalb einen noch fast leeren Wagen nehmen. Abfahren wird er erst, wenn er voll ist. Also warte ich.
Die junge Frau aus dem Boot fährt schon bald winkend an mir vor­über – schade, in ihrem Wagen wäre vorhin noch Platz gewesen. Nun aber schaue ich gespannt zu, wie ihr Peugeot den Platz verlas­sen wird - durch den Wei­her! Vor­sichtig aber stetig fährt der Fahrer in den Teich hinein.
Die halben Vorderräder verschwinden, Schein­werfer unter Wasser, vermutlich ziehen die Insas­sen jetzt die Beine hoch... aber der tiefste Punkt scheint erreicht. Der Fahrer gibt Gas und vorne erhebt sich der Wagen lang­sam aus den Fluten. Jetzt kommt das Schwie­rigste. Geflu­tet ist jetzt nur noch der Kofferraum. Die Räder scheinen durch zu drehen. Klar, jetzt aufwärts, in diesem Morast! Ein paar schwarze Männer stehen um den Teich herum und feuern den Fahrer an. Langsam, quä­lend lang­sam schiebt sich der Wagen weiter. Jetzt sprin­gen die Männer hinzu und ziehen ihn, an den Schutzble­chen, dann an den Türgriffen hal­tend, langsam, lang­sam aus dem Morast. Geschafft! Laut hupend fährt er davon. Ein „Danke Män­ner!“ mit der Hupe.
Irgend wann ist unser Wagen voll und unsere Fahrt beginnt. Auch wir müssen durch den Weiher. Unser Fah­rer geht’s rassiger an, in weitem Bogen spritzt das Was­ser, die Kumpels draussen fluchen und lachen. Wagenbo­den unter – Wasser hier drin steigt – aber Men­schen mit nackten Füssen in Plastiksandalen stört das nicht... mit Geschrei und Gejohle tauchen wir auf der anderen Seite wieder auf. Geschafft! Dann geht es Hol­terdipolter Rich­tung Ambanja.
Das ist – so weit ich es gesehen habe – ein Strassen­dorf. Wie wir auf die Hauptstrasse kommen, biegt unser Fahrer nicht nach links ab, Richtung Antsiranana, sondern nach rechts. Nach kurzer Zeit hält er neben einer Hütte und fährt retour durch das Tor im Zaun ziemlich steil auf den Hausplatz hinunter. Für die Mitfahrer scheint das selbstvers­tändlich, also stelle ich keine Fragen.
Eine Frau kommt aus dem Haus und bringt unserem Fah­rer ein Sand­wiche. Der bedankt sich höflich und beginnt zu essen. Nach einer Weile kommt aus der selben Türe ein Mann und verschwindet in einer Art Stall.
Kurz darauf kommt er mit zwei Kanistern heraus, der Fahrer öffnet den Tankeinlass und sie leeren den Inhalt der Kanister in den Tank. Noch ein dritter Kanister wird hinein geleert, dann sind wir für die Fahrt nach Ant­siranana gerüstet und ab geht's. Nach ein paar Kilome­tner passie­ren wir eine Tank­stelle. Aber unser Tank ist voll. Mit weit billigerem Benzin!..
.
Die Fahrt dorthin will ich nicht beschreiben. Der Fahrer ist ein Rüppel und scheint sich ein besonderes Vergnügen daraus zu machen, ältere Leute auf Velos zu erschrecken. Als er es schafft, einen alten Mann zum Stürzen zu brin­gen, platzt mir der Kragen. Nachher lässt er diese üblen Spielchen.
Dafür hält er in einem Dorf vor einem etwas abseits lie­genden Haus und ruft in voller Lautstärke etwas dort hin­auf. Nach dem dritten Mal kommt eine junge Frau zum Wagen herunter und die beiden verhandeln mit ein­ander. Sie schüttelt immer wieder den Kopf, worauf er um so intensiver auf sie einredet. Plötzlich lacht sie – ihn aus? - und geht zum Haus zurück. Wütend steigt er wie­der ein und mir schwant böses. Er aber fährt ganz normal weiter und sagt lachend, Malgasch Mädchen sind gute Mädchen... macht eine ent­sprechende Bewe­gung mit sei­nem Daumen – aber die, die ist eine schlechte Frau...

Nach einiger Zeit beginnt im Wagen eine rege – man könnte auch sagen, lautstarke und hitzige - Diskussion und ich verstehe nach einer Weile, dass es darum geht, ob wir im nächsten Dorf – Sadjoa­vato – oder erst in
Ant­siranana essen wollen. Der Fahrer möchte durch fah­ren, die Pas­sagiere nicht. Sie gewinnen und wir halten im Dorf.
Sadjoavato scheint ebenfalls ein Strassendorf zu sein. Im „Zentrum“ gibt es zwei „Restaurants“ und ein paar Frauen, die Früchte verkau­fen. Hier sehe ich zum ersten Mal bewusst Madagassische Lychees. Sie liegen in einem Korb und sind offensichtlich frisch gepflückt. Eine mit uns fah­rende Frau, die schon ihrer Leibesfülle wegen, bestimmt etwas versteht von den kulinarischen Köstlich­keiten und auch von den Früchten, begutachtet sie und ist hoch zufrieden. Sie kauft. Also kaufe auch ich, um so mehr als ich den Preis gehört habe, den sie zahlt.
Unge­rührt verlangt die Matrone mit den Lychees bei mir etwas über zehn Prozent mehr. Ich protestiere. Beide lachen und die eine sagt, Wasa-Preis!... Du bist reich, darum bezahlst Du mehr!
„Zur Strafe“ kaufe ich gleich nochmals so viele, aber erst, nach dem ich eine probiert habe!... Lachend und über „Wasa-Preise“ redend, gehen wir zum Wagen zurück. Und meine Gewährensfrau sagt, du hast gut daran getan, mehr zu kaufen. In Diego kosten sie viel viel mehr als hier.
Nicht nur des Preises wegen, war es gut. Ich bin richtig süchtig geworden. Lychees und Mangos... wer sie je in Mada­gaskar frisch gegessen hat, verzichtet in Europa dan­kend auf Importierte.

Zurück in Antsiranana.
Zuerst muss ich ein Hotel finden und dann Abendessen. Oder umge­kehrt! Ein R4 Taxi bringt mich zu „Les Pirates“.
Bon soire, Nicolas, Du bist zurück gekommen? Mit dem Schiff?
Ohne Schiff, Aecha! - comment va tu?
Ah!, so la la, immer das selbe, Schwierigkeiten mit den Köchen – aber reden wir nicht davon! Heute freue ich mich! Freue mich ein­fach...
Ca c'est beaucoup mieux...oui!
Mais ouiii! Weist Du, meine Freundin aus Hell Ville ist in Diego, heute Abend gibt's ein Fest.
Schön für Dich!
Mais ouii! - Hast Du Lust, mit zu kommen?
Ich?
Oui, toi!
Ja weisst Du, Aecha – ich habe nur das Zeug bei mir, das ich an habe...
Fais rien... es ist nicht im GRAND HOTEL. Wir fahren in eine Mal­gasch-Beiz. Dort essen wir ein wenig... Bier -  Musik – Tanzen - Amu­sement... hast Du Lust?
Klar... nur, ich kann nicht tanzen...
Das lern' ich Dich schon Nicolas - keine Sorge!.....

Malgasch tanzen ist nicht so schwierig – aber eindeutig. Nach ein paar Bier hab' auch ich meine Hemmungen weg geworfen und mit getanzt. Aecha zeigt mir wie. Man hält sich nicht eng umschlun­gen, beim Tan­zen hier. Es ist ein offener Tanz, aber immer mit einer Part­nerin. Wir kennen das in Europa von den verschieden, von den Afri­kanern ein­geführten Tän­zen, die bei uns mit den Moden wech­seln. Wichtig ist ein­zig der Rhythmus, und dass man in ihm bleibt. Mit ein­deutigen Bewegungen der Hüften wird die Erotik ange­heizt, nicht nur von den Frauen. Auch von den Männern. Ähnliches habe ich schon in Kuba kennen und tanzen gelernt. Im Nachhinein erinnert es mich ein wenig an einen Balztanz.
Abschlusstanz mit Aecha. Wir sind ein wenig beschwipst. Alle stehen im Kreis um uns herum und Klatschen den Rhythmus. Aechas Augen glänzen, glühen. Die meinen wahrscheinlich auch.
Bei der Rückfahrt sagt Aechas Freundin zu mir, bleib' doch hier und heirate Aecha. Und dann besorgst Du mir auch einen Schweizer, einen Bricoleur. Ich habe immer Repara­turen zu machen, in mei­nem Hotel....
Zurück in Diego organisiert Aecha ein Hotelzim­mer ganz in der Nähe ihres Restaurants mit wunderbarer Aus­sicht über die ganze Bucht. Aber die habe ich erst am nächsten Mor­gen genossen.

Rückfahrt. Aecha hat mich – zusammen mit ihrer Cousine – zum Bus­bahnhof gebracht und mir einen Frontplatz in einem Buschtaxi organisiert, das direkt nach Ambanja fährt. Dies­mal haben wir einen wirklich guten Fahrer und ich geniesse die Fahrt.
Die Vielfalt dieser Landschaften kann ich nicht beschrei­ben. Am meis­ten beeindrucken mich die vielen riesenhaf­ten Bäume. Sie sind phan­tastisch! Und sie sind gefährdet. Immer mehr Wald wird gerodet. Von den Köh­lern. Kohle zum Kochen!
Im Nordwesten der Insel spülen die Flüsse Jahr für Jahr unheimliche Mengen fruchtbarer Erde ins Meer. Wir sind dort oft Stunden lang durch rotbraunes Meer gesegelt, nach starken Regengüssen, vor Flussmündungen, die dort zum Teil alle paar Meilen münden.

In Ambanja kommt Hektik auf. Umsteigen, einen Platz im Anschlus­staxi ergattern, nichts vergessen. Vite-vite!
Am Ausgang des Dorfes – schon im neuen Taxi - merke ich, mein Hut! Ich hab' ihn liegen gelassen. Aussteigen, zurück Fahren.
Mein ehemaliges Buschtaxi ist bereits weiter gefahren. Das habe ich befürchtet. Ich frage herum, ob irgend jemand... da sehe ich einen jungen Mann, der mit mei­nem Hut auf dem Kopf herum stolziert. Schwup – und ich hab' ihn wieder  C'est le mien!
Ein kleines Handgemenge entsteht. Er zieht am einen Hutende, ich am anderen. Blitzschnell schiesst mir ein Bild durch den Kopf: Kauka­sischer Kreidekreis... Aber ein Hut ist kein Baby und ich kämpfe um ihn, bis ein älterer Mann, offenbar eine Respektsperson, Einhalt gebietet und ich den Hut, etwas ramponiert zwar, zurück erhalte.

Ich bin einen Tag und eine Nacht länger geblieben, als mit Julia und Thomas vereinbart. Da es ihnen in Hell Ville nicht gefällt, hatte ich ihnen am Telefon vorgeschlagen, zurück nach Kreter zu motoren und dort vor Anker zu gehen. Das getrauten sie sich aber nicht, alleine, obwohl wir diese Strecke schon gefahren waren. Sie blieben und nervten sich. Als ich zurück komme, sind sie sauer, die Atmosphäre an Bord ist explosiv.
Wir sprechen es an. Vorwürfe an mich, ich machte ein­fach, was ich wolle, keine Rücksichtnahme auf sie. Dass ich immer wieder geduldig auf sie warte, wenn sie ihre Tauch- oder sonstigen Expeditionen mit ihren Führern absolvieren, das darf kein Thema sein. Das gehört sich wohl so. Am Schluss jedoch löst sich der Knopf und wir leben und segeln friedlich weiter.
Manchmal ist es ganz gut, ein wenig Krach zu haben. Nach der Auflö­sung ist das Verhältnis meistens besser. Wie nach einem reinigenden Gewitter!

Wir segeln nach Nosy Sakatia.
Die kleine Insel liegt an der Nordwestküste von Nosy Be. Also segeln wir zuerst an den berühmten Stränden von Ambondrona, Belle Vue, Ampasy und Djamanjary ent­lang. Dort sollen sich die weissen Touris­tInnen vergnügen wie weiland auf den Inseln vor Hyères.
Die Küste ist jedoch untief, mit Felsen, Inselchen, Riffen und Klippen durch­setzt. So segeln wir ziemlich weit draus­sen vorbei. Zu sehen ist nichts.
Nosy Sakatia liegt jetzt fast genau im Norden von uns. Wir segeln darauf zu. Plötzlich steigt der Grund vor uns steil an. An den Wind! Weg vom Ufer! Es genügt nicht. Wir müssen hart an den Wind und zurück segeln denn offen­bar reicht hier eine Sandzunge weit in den Kanal hinaus. Dann segeln wir an ihrem Rand entlang, ziemlich in der Mitte des Kanals. Weit vorne kommt der bewaldete Felsen in Sicht, vor dem unser Ziel liegt.
Wir ankern hinter dem Felsen und fahren mit dem Bei­boot in die kleine Bucht zum Anlegesteg.

Das habe ich alles zusammen mit den Leuten vom Dorf gebaut. Mit Material von hier. Immer wieder hat es mich erstaunt, wie geschickt sie sind, die Leute von Sakatia. Die Bungalows zum Beispiel – dort hinter den Büschen siehst Du eines davon – die haben sie alle prak­tisch selb­ständig gebaut. Von mir ist nur die Planung
Die Bungalow – das kann ich verstehen – die sind in ihrem Stil, mit Palmdach. Das hier aber, das ist ein euro­päisches Haus. Auch das habt ihr selber gebaut?
Haben wir. Ja. Die Balken... solche Balken gibt es nicht auf der Insel. Klar. Die kamen vom Festland. Betten, Geschirr, die Gläser aus denen ihr eueren Apero trinkt, die ganzen Sanitäranlagen... das ist klar, die musste ich in Tana kau­fen. Aber das Haus aufge­stellt – und alles ein­gebaut – das habe ich mit meinen Mitarbeitern vom Dorf...
Erstaunlich!..
…und heute arbeiten sie immer noch für mich, halten die Anlage in Ordnung – helfen überall mit, wenn ich Gäste habe...
Wir sitzen auf der „Brücke“. Aber nicht auf jener der WAHOO. Son­dern bei John, einem weissen Südafrikaner. John hat hier sein Para­dies gefunden und aufgebaut. Sakatia Towers. Sein Haus steht zwan­zig-dreissig Meter über dem Meer in einer kleinen Bucht. Büsche und Bäume verdecken es fast, vom Meer aus gesehen.
Von der Brücke, dem grossen Balkon aus, siehst du links den bewal­dete Felskopf, hinter dem die WAHOO ankert. Vor dir hast du den Meeresarm – weites, glitzerndes Was­ser - und dahinter die grünen Hügel und Berge von Nosy Be. Grün in jeder Schattierung. Nach rechts weitet sich das Meer bis zum Horizont, bis zum Festland. Weit ist die Landschaft, der Blick kann schweifen, stösst nirgends auf Hin­dernisse und die Luft, so klar und rein. Hier lässt sich's leben! Und heute Abend geniessen wir hier den Apéro und später ein aus­gezeichnetes Abendesse.

Wir segeln der Madagassischen Westküste entlang süd­wärts. Nosy Antananabe haben wir an Backbord gelas­sen. Vor uns öffnet sich eine lange Bucht. Ihre Westseite wird von einer langen Halbinsel gebildet. Sie ist unser heutiges Ziel. Kurz nach ihrer Nordwest-Spitze hoffen wir einen guten Ankerplatz zu finden.
Knapp davor heisst es: Segel bergen, Einfahrt unter Motor.
Zwischen der Untiefe im Süden und dem Nordufer ist es mehr als tief genug, dann weitet sich der Kanal zur gros­sen Bucht. Nahe unter Land ankern wir.
Grüner Urwald umschliesst uns. An den Ufern wach­sen hohe Mangroven. Dahinter Dickicht, über­ragt von hohen alten Bäu­men. Hier hätte Rousseau unendlich viele Motive für seine „nai­ven“ Urwaldbilder gefunden...
Auf beiden Seiten der Einfahrt siedeln Menschen. Zwei-drei Hütten im Malgasch Stil, zwei-drei Kanus zum Fischen.
Die Siedlung auf der nördlichen Seite des Kanals, liegt in einer kleinen Einbuchtung und ist eher noch klei­ner. Von dort nähert sich ein Kanu. Zwei Knaben rudern und als sie nahe genug sind, erkennen wir, was auf der Schul­ter des Grösseren sitzt. Ein Lemur, etwa so gross wie bei uns ein Eichhörn­chen. Ob wir ihn kaufen wollten, fragt er mit Gesten. Nein, bedeuten wir ihm. Er scheint das erwar­tet zu haben und lächelt. Nun hält er eine Wein-Fla­sche in die Höhe und fragt: mi-äl?
Mièl, Honig? fragen wir zurück, wie viele Ariary?
Dö sagt er und hält seine Hand mit zwei offenen Fingern in die Höhe. Zweitausend, das sind etwa ein Franken dreissig. Wenig für uns – aber sicher viel zu viel für ihn, sicher mehr als der Wasa-Preis.
Wollen wir hier draussen, in der Wildnis, markten? Julia gibt ihm die zwei Tausender. Er ist hoch zufrieden, lacht und reicht Julia – als Dank? - zwei wundervoll duftende Mangos herüber. Dann rudern die beiden mit ihrem „Schatz“ gemächlich zurück in ihre Bucht.
Es ist das immer wieder kehrende Dilemma, die immer noch unbe­antwortete Frage: Wenn wir zu viel bezahlen, weil uns der geforderte Preis so günstig erscheint - hei­zen wir damit die Preise auch für die Einheimischen an? Oder nur für Wasa' oder nur für die Tou­risten?
Als ich Aecha eines Morgens zum Einkaufen auf den Markt begleiten wollte, lehnte sie das strikte ab. Begrün­dung, wenn die Marktfrauen sie auch nur aus der Ferne mit einem Wasa sähen, verlangten sie auch von ihr zehn Pro­zent höhere Preise.

Am nächsten Tag ist Analalava unser Ziel. Schon der Name klingt... Wir suchen die Bucht an der das Dorf liegt, den Ein­gang zu ihr, den Eingang zu dieser eigenartigen, weit ver­zweigten Bucht, einem eigentlichen Naturhafen.
Nosy Lava haben wir an Steuerbord passiert. An Back­bord breitet sich undurchdringlich, das von einem breiten Gürtel Mangroven gesäumte Ufer aus. Nir­gends eine Unregel­mässigkeit. Nirgend eine Einbuchtung. Und doch muss hier irgendwo der Eingang sein.
Langsam segeln wir parallel zum Ufer weiter. Julia kontrol­liert ständig den Tiefenmesser, Thomas sucht das Ufer mit dem Feldstecher ab. Ich steuere.
Das Wasser vor uns sieht nicht untief aus, gegen das Land hin zeigt sich jedoch eine geschlossen Barriere.
Nach der Karte müssten wir direkt vor dem Eingang ste­hen. Zu sehen ist nichts. Leicht beunruhigt segeln wir wei­ter. Wenn wir den Eingang nicht finden, liegt eine Nacht­fahrt vor uns.
Zwei Seemeilen weiter sehen wir den Eingang. Es ist ein Kanal, der zuerst fast parallel zum Ufer nordwestwärts,   dann weit oben in einer scharfen Rechtsbiegung wieder südwest­wärts führt. Darum kann man den Eingang erst von hier aus sehen.
Vor dem Dorf führt eine lange Landungsbrücke ins Meer hinaus. Sie ist besetzt von einem kleinen Frachtschiff, das ein bisschen komisch, ein bisschen schräg im Wasser liegt, wahrscheinlich auf Grund, es ist Niedrigwasser.
Der Kanal ist viel zu tief um darin zu ankern. Darum wer­fen wir unse­ren Anker hundert Meter südlich der Lan­dungsbrücke. Mit dem Bei­boot fahren wir zu ihr zurück und gehen an Land.
Analalava ist ein Strassendorf mit drei-vier Camps in denen Touristen übernachten, auch Ferien machen kön­nen. Die meisten werden von Einheimischen geführt,  eines von einem Franzosen und seiner Mut­ter.
Im Zentrum steht ein riesengrosser Baum, darum herum die Zwei­zimmer-Verwaltung, zwei-drei kleine Läden und das einzige Telefon.
Auf beiden Seiten der breiten „Hauptstrasse“ aus gestampfter Erde stehen einfache Holzhäuser, die meisten mit einer kleinen Veranda. Auf einer dieser Veranden sit­zen ein distinguierter älterer schwarzer Mann und sein Freund, ein jüngerer, etwas ausgeflippter Franzosen. Sie trinken Bier und diskutieren mit einander. Wir grüssen, sie grüs­sen zurück, woher kommt ihr, wohin geht ihr? Ah mit der Segeljacht, die draussen ankert – und so kommen wir ins Gespräch. Der schwarze Malgasch ist der Maire, der Bürgermeister, sein junger Freund der Besitzer eines Camps und Restaurants weiter oben. Ein Wort ergibt das andere und Julia und Thomas bestellen einen coq au créole für drei Personen als Abendessen.
Nach unserem Spaziergang bis ans Ende der Strasse – wenn ich mich richtig erinnere, endet sie im Nirgends – suchen wir auf dem Rück­weg das Restaurant unseres neuen Bekannten. Nahe dem „Zentrum“ finden wir es und Julia und ich beschliessen, auf der Veranda etwas zu trin­ken. Eine junge Frau bedient uns und wir fragen sie, ob ihr Chef ihr unsere Bestellung, coq au créole, schon  auf­getragen habe. Nein, er sei noch nicht zurück gekom­men. Aber sie werde alles vorbereiten. Ich trinke mein Bier, Julia ihr Mineral, aber sie ist unru­hig.
Meinst du, wir sind hier richtig... ist das wirklich das Camp und das Restaurant des Franzosen?
Ich denke schon, hinten im Hof ist ein einfaches Camp und das hier ist sicher ein Restaurant...
Ich weiss nicht - sie trinkt aus – ich gehe mal im Zentrum fragen...
Nach kurzer Zeit kommt sie zurück gelaufen.
Das Camp des Franzosen ist auf der anderen Seite des Zentrums! Ich geh' und bestell' unseren coq hier ab...
und verschwindet im Hof.
Nach kurzer Zeit, erregte Stimmen von dort.
Ich löse mich von mei­nem Bier und gehe nach hinten.
Julia und die junge Frau in hitziger Diskussion. Mit blitzen­den Augen in ihrem schwarzen Gesicht, gesti­kuliert sie mit einem geköpftes und gerupftes Huhn vor Julias Gesicht. Das erregt Julia noch mehr, ihre harte Stimme tönt bedroh­lich im Hof. Die junge Schwarze duckt sich, lässt aber nicht locker, ihr habt bestell, ich habe geschlachtet, ich kann nicht mehr zurück, bedeutet sie in einem Kauder­welsch aus Malgasch und Französisch.
Julia will das nicht einsehen. Ein geschlachtetes Huhn kann sie doch jemand anderem verkaufen...
Julia! Wie viele Touristen hast du heute gesehen?
Keine. Nur die Entwicklungshelferinnen...
Und die essen in ihrem Camp. An wen soll sie also das Huhn verkau­fen?
Dann soll sie es eben selber essen...
Julia, bitte! Beruhige Dich. Wir haben hier bestellt, also müssen wir auch hier essen. Ist das so schlimm? Ist viel­leicht sogar besser hier, echt Malgasch...

Zu guter Letzt speedet Julia zum Franzosen um ihm zu erklären, warum wir heute Abend nicht bei ihm speisen werden. Und ich setzte mich wieder auf die Veranda und bestelle noch ein Bier. Die junge Frau bringt es und fragt mich, warum ist die weisse Dame so böse zu mir und du so gut?
Na ja. Die weisse Dame hat es nicht böse gemeint, weisst du, manchmal tönt ihr Französisch einfach so streng... aber sie ist nicht böse, sicher nicht!
Jedenfalls hat der coq gut geschmeckt und der Abend ist friedlich verlaufen. Den coq des Franzosen, besser gesagt seiner Mutter, haben wir am nächsten Tag dort abgeholt und am Abend verspeist. Bereits wieder unter­wegs. Dies­mal direkt nach Mahajanga.

Mahajanga ist unserer letzter Hafen auf Madagaskar.
Hier wollen wir ausklarieren. Wir möchten an der Ost­küste Südafrikas etwas länger verweilen, das Kap der Guten Hoffnung aber im südli­chen Sommer, also spätes­tens im nächsten Januar umschiffen. Darum ist es Zeit, Madagas­kar zu verlassen und den Mosambik Kanal zu überqueren. Normalerweise weht der Wintermonsun – ein stetiger Nordostwind - bis in den März hinein. Wir sollten also für die Über­querung guten Wind haben – Ins­halla.
Mahajanga ist eine grosse Stadt, vermutlich grösser als Antsiranana. Der Hafen, ein Naturhafen, sieht aus wie das weit offene Maul eines Fisches, der sich eng ans Ufer schmiegt. Der Hafen liegt hinter der Halbinsel, die den „Oberkiefer“bilden würde. Je weiter ein Schiff gegen den „Schlund“ hin ankert, um so ruhiger liegt es. Auch wir haben das gemacht. Aber aus dem „Schlund“ fliessen drei Flüsse ins „Maul“ hinein. Sie bringen viel Geschiebe. Der Hafen versandet. Wir hatten Mühe, einen Platz mit genü­gend Wassertiefe zu finden.
Das an Land gehen ist ein anderes Problem. Die einzige Möglichkeit ist der Betonslip. Dort konnten wir aus unse­rem Beiboot steigen und es hinauf tragen. Eine nasse und schlüpfrige Angelegenheit. Unser Wachmann half uns jeweils dabei. Er bewachte das Boot, wenn wir an Land waren. Zum Glück ist er zuverlässig gewesen.
Die Stadt. Was mir zuerst aufgefallen ist, sie hat erstaun­lich viele moderne Bauten, vorwiegend Banken. Ich will Geld wechseln, ameri­kanische Dollars in Euros. Die Dol­lars fallen ständig, der Euro steigt. Ich stelle mich also in die Schlange vor dem Wechselschalter und als ich endlich vorne bin, sagte mir der Beamte, Dollar wechseln wir keine, nur Euros.
Nächste Bank, gleiches Prozedere. Hundert Dollar Noten? Nein, wechseln wir nicht, wir haben keine Prüfmaschine. Vielleicht die aus­ländische Bank.
Die ausländische Bank ist nicht schwierig zu finden. Moder­nes Gebäude, Sicherheits-Tür, modernes Interieur, sehr westlich, kaum Kunden.
Hundert Dollar Note? Klar, wechseln wir. Pass­port bitte. OK. Ah drei Hundert wollen Sie wechseln? Und in Euros?.. Moment, da muss ich den Chef fragen.
Leider ist der Chef nicht da, also muss ich warten. Nach einer Viertel Stunde wird mir der Betrag gewechselt. Pro­blemlos.

Am nächsten Tag, Ausklarieren. Ich gehe zur Capitania, langer Weg, sehr heiss. Ausklarieren möchten Sie? Ja, da müssen Sie zuerst zum Zoll! Wo der ist? Oh la la... also, da gehen sie am besten zur Haupt­strasse hinauf, dann rechts bis zur dritten Kreuzung, dort links den Hügel hin­auf und dort... dort fragen sie am besten... oder, viel besser: Nehmen sie eine Rikscha! Aber zuerst den Preis ausmachen!...
Rikschas sind hier Zweiradkarren mit einer Doppeldeichsel in die ein schwarzer Mann eingespannt ist. Und ich auf dem Polster, der Wasa, der Weisse, mit dem vielen Geld, der verdammte Kolonialist?
Da geh' ich lieber zu Fuss!
Oben auf der Hauptstrasse. Keinen einzigen Weissen sehe ich auf einer Rikscha. Alles Schwarze, solche mit Krawat­ten – das gibt's wirk­lich, trotz Hitze – aber auch ganz Gewöhnliche, in T-Shirts und Jeans. Das mit dem Kolonia­list kann ich offensichtlich vergessen. Rikschas sind hier die Taxis. Eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Und sie fah­ren erst noch ohne Emissionen...
So kommt es, dass Käpten Nicolas bald darauf von einem jungen Mann durch die Strassen von Mahajanga gezogen wird. Den Hügel hinan, steigt er allerdings aus und geht zu Fuss neben der Rikscha her. Komisch für den jungen Mann, aber froh darüber ist er trotzdem.
Das „Zollgebäude“ kann nicht mit dem Luxus der ausländi­schen Bank konkurrieren. Ein grau-graugrünes Betonge­bäude, der Putz blättert, der Empfang ist gleich­zeitig Pala­verraum und Küche. Die Leute sind fröhlich. Viel Lachen im Empfang und in den Gängen.
Nach einiger Zeit fragt mich eine junge Frau freundlich, was ich wolle.
Ach so, nur einen Stempel auf dieses Papier?.. das könnte ich auch machen. Aber der Chef schliesst sein Pult immer ab. Und der ist schon nach Hause gegangen.
Und er kommt heute nicht wieder?
Na klar, kommt der wieder. Ich ruf' ihn gleich an.
Mir schwant übles. Ein Zollchef, der eines Wasa wegen nochmals ins Büro muss...
Nach einer Weil kommt der Mann. Massig, schwitzend, fröhlich. Ob wir denn das schöne Madagaskar schon wie­der verlasen wollten? Ob es uns bei ihnen nicht gefal­len habe?
Doch, sehr sogar, so sehr, dass ich wieder kommen möchte. Aber wir müssten weiter, leider...
Der Stempel ist plötzlich Nebensache und wir plaudern über Mada­gaskar. Zeit, Zeit, Zeit. Alle haben Zeit...

Zurück in der Capitania. Ein junger Mann prüft meine Schiffspapiere.
Käpten, Ihre Fahrbewilligung ist seit vierzehn Tagen abge­laufen. Das kostet Sie nochmals sechzig Tau­send Ari­ary...
Das ist nun ein echtes Problem.
Mon dieu, das habe ich gar nicht gemerkt. Wir haben kein Geld mehr... ich will sagen, nicht mehr genug Ariary. Wir wollten Madagas­kar ja Morgen verlassen.
Könnte ich in Euro bezahlen?...
Leider nein. Ich hole am besten den Chef.
Der Chef ist eine junge, sehr hübsch Chefin. Ich glaube, sie sieht sofort in meinen Augen, dass ich angenehm über­rascht bin. Jeden­falls plaudern wir zuerst einmal über Madagaskar, was mir gefallen hat und ich sage ihr, ich sei sogar am Überlegen, für immer hier her zurück zu kom­men. Schon der schönen Malgasch Frauen wegen...
Sie lacht – ein bisschen ironisch? Sagt dann aber überra­schend, dann bezahlen Sie den geschuldeten Betrag ein­fach wenn Sie wieder kom­men...
Auch das ist Madagas­kar!

Am nächsten Morgen, ein schwerer Abschied.
Madagask­ar hat uns allen gefallen.
Noch in der Bucht setzen wir Segel und kreuzen hinaus. Die Über­fahrt beginnt.
Strömung gegen uns. Unter Motor kaum 3,5 Knoten Fahrt. Ohne Wind, zum Verzweifeln! Und wir bekommen wenig Wind!
Wir hatten einen Südwest Kurs abgesteckt, der uns süd­lich an Diego Garcia vorbei führte. Die Küste von Mosam­bik sichteten wir südlich von Inhambane.
Wenig später sahen wir im Wetterbericht, dass sich im Süden etwas zusammen braute. Ein Südweststurm!
Würden wir die Bay von Maputo noch erreichen, bevor er uns erreichte? Wir beschlossen, es zu versuchen. Nie­mand segelt ohne Zwang zurück.
Sollte uns der Sturm zu früh erwischen, wäre der Zwang da, wir müssten mit dem Wind zurück nach Inhambane segeln und dort Schutz suchen.
Wir hatten Glück! Wir erreichten die Untiefen vor der Ilha dos Portu­geses noch vor dem Sturm. Sie schliesst die grosse Bucht von Maputo gegen Osten ab. Wir bargen die Segel, fuhren vorsichtig um die Insel herum und ankerten am Nordwestufer der grossen Insel, der Ilha Inhaca.
Der Ankerplatz ist nicht ideal um einen Südweststurm abzuwettern. Gegen Westen, gegen die Bucht von Maputo hin, ist er ziemlich offen, die Wellen werden aber stark gemildert durch die vielen, vor gelagerten Sand­bänke. Trotzdem rollten wir drei Tage lang. Ziemlich unange­nehm.
Aber auch das gehört eben zum Seglerle­ben!
Nach drei Tagen flaut der Wind ab und dreht. So errei­chen wir am 22. Dezember mit gutem Nordostwind und mitlau­fendem Strom von etwa 2,5 Knoten den gros­sen Hafen von Richards Bay.
An Weihnachten dislo­zieren wir in den Zulu Land Yacht Club, wo wir Weihnachten und Neu Jahr mit Grillieren – der grossen Leidenschaft der weissen Südafrikaner – und ohne Absin­gen einschlägiger Lieder verbringen.
Dem Auf­kommen festlich-christlicher Stimmung standen die Palmen, das laue Meerwasser und die warme Briese ent­schieden im Wege.



zum nächsten Kapitel

Home