Tunesien: Über Barberousse, Tintenfische und die sogenannte Segelromantik
Zwei ganz verschiedene Berichte über praktisch das Selbe. Zuerst ein literarischer Text von Marlena; dann mein Text, sec, ohne Redundanz, der sich an SeglerInnen richtet und nur das für sie Wichtige enthält.

Der Wecker kräht um drei. Er hat auch schon um eins gekräht. Und um sechs soll er nochmal. Heute Nacht muss das sein. Und weil es mein Telefon ist, das da kräht, kräht es für mich. Nein, eigentlich nicht, aber Nikolaus schläft so schön, warum ihn wecken, er kann nächstes Mal aufstehen. Anziehen muss ich mich nicht mehr, heute Nacht schlafe ich in Kleidern. Falls schlafen überhaupt der richtige Ausdruck ist. Ich döse eher vor mich hin, alarmbereit, bis es kräht. Dann muss ich aufstehen. Auf den GPS gucken, ob sich unsere Position verändert hat. Hat sie. Rausgehen in den Wind, der immer noch nicht nachgelassen hat, 8 Beaufort, sollte irgendwann nachlassen. Auf der Anzeige schauen, wie tief das Wasser ist. Acht Meter, wenigstens rutschen wir in tieferes Gewässer. Auf der Karte einzeichnen, in welche Richtung wir fahren, rückwärts. Wir fahren nicht, wir rutschen, das heißt die Anker rutschen, mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, mal 0,3 kn, mal 0,7. Manchmal auch gar nicht. Eine Welle kommt an, so hoch ist sie nicht, die meisten nur etwa 60 Zentimeter, gelegentlich eine höhere, diese vielleicht 80 Zentimeter, der Bug wird angehoben, fällt ins Tal, unten scheppert Glas und Holz. Ein bisschen Gischt fegt mir ins Gesicht, dann ist wieder Ruhe. Gelegentlich ein paar Spritzer über Deck, nicht viel, aber doch genug, dass das Basilikum davon graue Blätter bekommt.
Jetzt bin ich wach. Setze mich ans Heck und schaue dem leuchtenden Plankton zu, das da ums Schiff schwimmt. Mache mir so meine Gedanken.

Tunesien. Eigentlich ist es schön hier. Die letzten Tage haben wir uns immer weiter vom Tourismus entfernt. Gemessen daran, wie viele Leute um einen herum sind. In Monastir herrscht Trubel, die vielen Boote in der Marina, ein Restaurant neben dem anderen, laute Musik bis nachts um eins. Am Morgen fahren die auf traditionell gemachten Holzschiffe mit den Touristen aufs Meer, unter ohrenbetäubender Musik, die eine Schweigeminute gebietet, bis sie sich entfernt haben. Als erstes geht Pascha, dann Sultan I und Hannibal. Um halb zehn Barberousse. Sie hat die besten Boxen, mit denen sie bei Fluch der Karibik zu Schwimm- und Tanzfahrt lädt. Am Nachmittag kommen alle zurück. Sultan I mit „Life is Life“, Hannibal mit „C'Est la vie“, Pacha mit unbekanntem Gegröle, dafür am lautesten. Am Schluss die große Barberousse. Einmal kam die Barberousse nicht zurück, sie war fast abgesoffen und musste evakuiert werden. Aber die Touristen, die zwei Tage später mitfahren, wissen das ja nicht. Wirklich still ist es erst am Morgen gegen halb fünf, wenn der Muezzin zum ersten Mal gerufen hat. Das ist auch die Zeit, wenn die Heinzelmännchen die von den Touristen hinterlassenen Papierschnipsel einsammeln, die Stufen vor den Häusern spülen und die Plastikflaschen aus dem Hafenbecken fischen, damit wieder alles schön sauber ist.

Unsere Marina-Nachbarn nehmen die Religion ernst. Ruft der Muezzin, steigen sie mit einem Teppich unter dem Arm auf den Kai und beten. Beim ersten Mal war ich verblüfft. In der Öffentlichkeit? Einfach so, zwischen den Spaziergängern, hinter dem Schiff der europäischen Nachbarn? Sie sind nett, unsere Nachbarn. Manchmal bringen sie uns etwas zu essen. Reis mit Erdnüssen, Rosinen und Schafleber, dazu eine höllisch scharfe Soße, oder ein paar Fische, was wir in der Regel mit einem Zwetschgenkuchen quittieren, der uns, aber erst, nachdem er verspeist ist, die Frage einbringt, ob wir ihn auch ohne Whiskey...?)

Ruhige Ankerplätze gibt es nicht allzu viele, die tunesische Ostküste ist sehr offen, erst unten bei den Kerkennah-Inseln, kann man hinter Sandbänken dem Beton und den Menschen entfliehen. Es wird auch nicht so gerne gesehen, wenn man außerhalb eines Hafens übernachtet. Kontrolle...

Nächste Station, dreißig Meilen weiter südlich, ist Mahdia. MahadiaHier her verirrt sich selten ein segelnder Gast, weshalb die fünfzehn angeblich vorhandenen Besucherplätze an die obligatorischen Touristenschiffe mit der Musik vergeben wurden. Uns weist man ein Stückchen Mauer zu, an dem das Heck gerade noch Platz hat, der Bug ragt in den Hafen. Ringsum weiße Lagerhäuser mit blauen Fensterläden, blaue Fischerboote, Netze, Katzen. Auch wenn das Wasser schrecklich ist und überall Plastikflaschen herumschwimmen – der Platz hat eine gewisse Ästhetik. Hier fahren Columbus und Le Pirate mit Johnny Depp auf dem Schild. Die Musik ist wundersamerweise dieselbe.


zu klein?zu kleiner Bonito Gelegentlich fängt man unterwegs einen Fisch, meist kleine Thunfische, gelegentlich so klein, dass sie wieder ins Wasser zurück dürfen. In Tunesien gibt es noch, ja noch, wenn sie nur nicht zu gierig werden, die Fischer hier.

in SchebbaWeiter geht’s nach Shebba, noch einmal fünfzehn Meilen. Hier gibt es gar keinen Platz für uns, nur ein Notstückchen für gutes Wetter auf zwei Metern Wassertiefe. Die kleinen und großen Boote ringsum, hunderte, eher weiß, mit roten und grünen Streifen, abgedeckt mit bunten Teppichen. Die Stadt ist vier Kilometer entfernt. Woran misst man eigentlich die Zivilisation? Daran, wie häufig man ein Café mit funktionierendem Internet findet? Oder daran, wie häufig das Internet tatsächlich funktioniert? An Größe und Vorhandensein von Supermärkten oder der Tatsache, dass Schafe in der Stadt herumlaufen? Wahrscheinlich an der Sauberkeit der Toiletten.

Die Schafe sind heute in Shebba, weil sie morgen geschlachtet werden. Momentan warten sie noch auf neue Besitzer, unter ein paar kümmerlichen Bäumen zusammengedrängt, um die Ecke kommen noch ein paar mehr. Morgen ist nämlich Opferfest, eines der wichtigsten muslimischen Feste. Wer kann, schlachtet ein Schaf, wer nicht kann, bekommt Schaf vom Nachbarn, Freund, oder einfach von fremden Menschen. So wie wir. Sicher, da liegt so ein komisches Schiff im Hafen, gut sichtbar, denn die einzigen Masten hier gehören zu uns. Wir kommen also aus der Stadt zurück und werden angehalten, von einem Mann, mit dem wir gestern ein paar Worte gewechselt haben. Er hält eine Tüte in der Hand, ein Knochen hat sich durch das Plastik gebohrt. Das sei für uns, mouton, und das sei übrigens seine jüngste Tochter, nicht für uns.
Och, das ist aber nett, dass wir vom Opferschaf auch etwas abbekommen haben. So ein paar Fetzen und Lappen, wie sich am Abend herausstellt, aber doch genug, um den Grill anzuschmeißen, die Fleischstücke mit Harissa und Senf einzucremen und halb verkokelt zu genießen. Interessant. Wenn man nicht sehen kann, was essbar ist, isst man viel mehr...
DelphineFür die nächsten Tage aber ist geplant, eine stille Stelle hinter der Sandbank südlich von Shebba aufzusuchen. Also ganz weg von allem, nur Meer und Sonne. Auf dem Weg dorthin begleiten uns ein paar Delfine, und jetzt, ja eigentlich jetzt ist die Zufriedenheit fast perfekt. Im Hinterkopf nagt noch der Gedanke, dass uns – weil die Geschäfte ja wegen des Feiertags geschlossen hatten – irgendwann die frischen Lebensmittel ausgehen werden, und wir dann wohl auf die Tomaten- und Sardinenbüchsen zurückgreifen müssen, doch scheint die Pflicht zu teilen auch am zweiten Tag des Opferfests noch zu gelten, denn kaum haben wir die Sandbank umrundet, kommt ein Fischerboot, und man will uns gleich eine ganze Kiste Fisch aufdrängen, nein, das ist dann doch zu viel, auch wenn wir „Brüder“ sind (nett gesagt übrigens), deshalb nehmen wir nur drei Tintenfische und bekommen noch zwei gelbgesteifte Wesen, deren Namen ich bisher nicht herausgefunden habe, „Fische“ halt. Frei Schiff geliefert. Sogar die Tinte ist noch nicht ausgelaufen, wie ich beim Ausnehmen bemerke – ich träume ja seit Wochen davon, mal schwarze Nudeln zu machen, auch wenn’s schlimm aussieht. Sieht wirklich schlimm aus. Naja, und dann ankern wir, es ist schön, wenn auch etwas windig. Die Delfine sind schon vor uns da und ziehen ruhig ihre Bahnen. Schnell das Windrad aufgebaut, damit wir Strom haben für alles, was man so braucht, denn auf den gekühlten Weißwein will man in solcher Umgebung nicht verzichten, und der Computer braucht auch was. Wir haben also unsere eigene „Zivilisation“, wenn auch ringsum nichts als Wasser ist.
Und jetzt ist es eben drei Uhr nachts, der Wecker hat geklingelt, ich drehe meine Kontrollrunde. Das alles nur, weil im dicht mit Seegras bewachsenen Grund der Anker nicht hält, nicht einmal zwei Anker halten, dazu noch siebzig Meter Kette, also alles in allem über vierhundert Kilo Gewicht, die da im Wasser liegen und sich ja eingraben sollten. Nix mit sanft plätschernden Wellen, die um die Bordwand säuseln, und einem milden Sonnenuntergang. Nix mit Segelromantik.
Aber so schlimm soll’s nicht klingen, jetzt kann ich noch nicht wissen, dass sich das Wetter in vierundzwanzig Stunden beruhigt haben wird, wir bei spiegelglatter See und Sonnenschein aufwachen, ins Wasser springen und ausrufen: „Ach, ist das schön!“

Marlena



Im Kerkennah-Kanal, Tunesien

Am Morgen des 2. September 2017 sind wir vom Fischerhafen Shebba, wo wir an einem vier Meter breiten Molenkopf hatten festmachen müssen, weggesegelt Richtung Tonne 0, dem Anfang der beiden Kanäle durch die Sände zwischen Kerkennah und Sfax.
Nach zweieinhalb Stunden erreichten wir die Tonne und fuhren nun Kurs 300° über Grund sozusagen zurück hinter die lange Sandbank, die uns in der Nacht und vor allem Morgen Schutz gegen den angesagten starken Nordwind geben würde. Nach drei Seemeilen ankerten wir auf 4 Meter Wassertiefe. Da der Grund stark bewachsen ist, brachten wir den 43 kg schweren Bügelanker mit zehn Meter schwerem Kettvorlauf an einer vierzig Meter langen Trosse aus. Von Hand, Wind Südost um 23 Knoten.
Zwei junge Fischer in einem Fischerboot kamen zu uns und wollten uns eine ganze Kiste Fische und Pulpos schenken: „wir sind doch Brüder“ — es war der zweite Tag des grossen mohammedanischen Opferfestes, da beschenkt man seine Brüder. einer der FischeWir nahmen drei Pulpos und zwei Fische und gaben unseren Brüdern zwei Päckli Zigaretten und — obwohl sie kein Geld wollten — drängten wir ihnen zwanzig Dinare auf; wir hatten leider keine weiteren Geschenke an Bord.
Dann drehte der Wind auf Nord und frischte auf. Der Bügelanker hatte nicht gefasst, schlierte über die Algen. Wir setzten den Hauptanker, den Bruce von 50 kg an 40 Meter 14 mm Kette. Der Wind hatte in der Zwischenzeit auf 30 bis 35 Knoten aufgefrischt und wir schlierten weiter; langsam zwar, aber stetig, an beiden Ankern. Auch der Bruce fasste also nicht —was ich vorausgesehen hatte. Aber mit so viel Gewicht am Boden… Ich setzte weitere 30 Meter Kette, nun hatten wir etwa 400 Kilo Stahl auf dem Boden. Auch das half nichts. Also holten wir den Bügelanker mit dem Dinghy herein — ich befürchtete er könnte mit der Kette vertörnt sein — eine recht mühsame Arbeit, denn in der Zwischenzeit hatten wir doch etwelchen Seegang. Es gelang, aber er war frei von der Kette gewesen. Wir setzten ihn wieder.
Wir haben noch einen 50 kg CQR an Bord aber keine Kette mehr. Ich glaube nicht, dass uns ausgerechnet der gehalten hätte und wir liessen ihn, wo er verstaut ist, fingen aber an, genau Buch zu führen über unser Driften, stündlich. Nach vier Stunden war klar: wir drifteten mit zwischen 0.1 bis 0.2 Knoten Richtung Südsüdwest zu Süd, ziemlich genau in den Kerkennah-Kanal hinein. Die Wassertiefe würde eher zunehmen und wenn der Wind nicht zwei Tage mit Sturmstärke wehen würde, bestünde auch keine Gefahr.
Wir brieten unsere beiden Fische und gingen schlafen; alle zwei Stunden wurde die Position eingetragen. Das Driften blieb wie gehabt.
Am nächsten Morgen: Sonnenschein wie immer. Langsam ging der Wind zurück auf 20 bis 24, am Mittag zwischen 18 und 20 Knoten. Und da waren wir wieder stationär.
Wieder kam ein Fischer und fragte ob bei uns alles in Ordnung sei, oder ob wir etwas bräuchten. So freundlich sind die tunesischen Fischer!
Am nächsten Morgen, dem 4. September, bargen wir den Bügelanker bei 5 Knoten Südostwind, sprangen ins Wasser und sagten uns, es ist so schön hier, wir bleiben. Segeln heisst auch Unterschiede erleben und geniessen.
Auf einem Schiff bei Sturm zu sehen, wie die Ankern schlieren ist kein reines Vergnügen. Wir hatten das Glück in der Richtung unseres Driftens viel Raum zu haben. Das machte die Angelegenheit ungefährlich und nicht so nervend. Aber immerhin: alle 2 Stunden mussten wir unsere Position eintragen um zu sehen, wohin wir trieben — Dank sei dem GPS. Sonntags hatten wir dann Zeit zum ausruhen und — selten bei uns — ein richtig schönes Morgenessen zu zelebrieren; mit einem von mir gebackenen Brot und der neu angebrochenen Quittengelé-Confi einer Freundin. Alles hat auch seine gute Seite!

Nikola
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