Griechenland 2015

Rund um den Peloponnes
in sechs Aufzügen

1. Aufzug: Bar – Kotorbucht – Albanien – Korfu – Acheron – Vliho (Levkas)

In dem Mitsegler Walti an Bord kommt, das Schiff aussieht, als seien die Barbaren dagewesen, wir einen Abstecher in die Kotorbucht machen und schließlich nach Griechenland fahren, wo wir fast Odysseus treffen, nach vier Wochen auf Levkas landen und Walti und Skipper Nikola von Bord gehen.
 


Zu Beginn sind wir zu dritt. Das ist schön, weil es dann für alle etwas weniger anstrengend wird. Gleichzeitig heißt das auch, dass sich die feste Crew auf einen neuen Charakter einstellen muss, der plötzlich immer da ist. In diesem Fall ist das Walti, hilfsbereit, fleißig und, naja, alternativ. Man muss ihn gelegentlich vom Schiff scheuchen, damit er sich etwas ansieht, denn interessiert ist er. Er erträgt auch die zwei Wochen, die wir noch im Hafen verbringen, weil erst der Wind nicht richtig ist, dann Nikola seinen Finger verletzt und schließlich ich noch schnell mal wieder einen Text fertig machen muss, was auf dem Schiff zwar möglich ist, aber man will ja dann auch Anderes.     
Walti verdient sich die Überfahrt...         

                Walti verdient sich die
                              Überfahrt...



Endlich, endlich, nachdem Walti schon zwei Wochen an Bord und vor Langeweile am Strand wandern gegangen ist und immer wieder diverses angeschwemmtes Zeug anschleppt (zwei paar Gummischuhe, von einem lösen sich die Sohlen, die entsorgen wir diskret, nachdem Walti von Bord ist, das zweite in Lila, noch ganz, nur zu klein für die Crewmitglieder, Größe 38 oder so, sie sind heute noch da; die untere Hälfte eines Kinder-Doktorköfferchens, auf das irgendwann jemand tritt, weil Walti es in seiner Kajüte behalten hat, sodass auch dieses nach seiner Abfahrt den normalen Weg des Mülls gehen darf; ein Stück Fliegengitter, das er mir aufschwatzen will, um es über das Brot zu legen; eine runde rosa Plastikwanne, die sofort abgelehnt wird und auf dem Müll landet – wenigstens weg vom Strand), geht die WAHOO am 23.6.2015 nach drei Jahren wieder auf Reise, nicht weit, man ist ja bescheiden, erst nur in die Kotorbucht, um die frisch eingebaute Einspritzpumpe zu prüfen. Über Einspritzpumpen ließe sich ja ein Buch schreiben, zumindest über unsere, denn da würde es nicht nur um die Pumpe, sondern auch um diverse Mechaniker, den montenegrinischen Diesel und vor allem Geld gehen. Aber das gehört beiläufig in Kapitel fünf... Jetzt ist sie drin, frisch revidiert und hoffentlich fit.

Aber wie die Barbaren eingefallen sind, das gehört doch hierher. Das war nämlich am zweiten Tag, nachdem wir in Bigova geankert hatten. In der Nacht hatte es wohl draußen gestürmt, jedenfalls erwischten uns auf den letzten vier Seemeilen vor der Kotorbucht die Wellen vom offenen Meer her seitlich. Was für ein Wiegen! Ich habe ja wahrlich noch nicht viel gesehen, was das Meer betrifft, aber so etwas noch nie! Da legte sich das Schiff auf die eine Seite, dann auf die andere, warum saß eigentlich ich am Steuer? Skipper und Walti hielten sich mal da, mal dort fest, ja, und dann kam sie. Die Welle. Die Wahoo krängte besonders stark nach Steuerbord, da rutschte es hinter mir, und ich sah aus den Augenwinkeln die zwei Pflanzenkästen auf dem Balkon vorbeifahren. Gott sei dank hat eine Sekunde viele Bruchteile, sodass man noch mit der einen Hand das Steuer fester packen kann, und mit der anderen sich am Pfosten festhalten, während man gleichzeitig den Ellbogen in die Minze tunkt, damit sie nicht über Bord geht. Leider verliert man im allgemeinen Durcheinander auch mal schnell den Überblick, schließlich schaut man sich ja auch um, ob die anderen noch da sind, oder ob man besser sie hätte festhalten sollen, statt die Minze, aber nein, noch alle an Bord. Aber eben diese Sekunde mit ihren Bruchteilen hat uns ein wenig aus dem Kurs gebracht, ja, und vielleicht kenne ich das Schiff einfach nicht gut genug, denn jedenfalls wird es erst besser, als der Skipper, der nach kurzem Aufenthalt aus dem Schiffsinnern mit einem merkwürdigen Brei zwischen den Zehen wieder auftaucht, sich selbst ans Ruder setzt.
Dafür geht der Rest der Crew nacheinander nach unten. Walti wahrscheinlich, um zu essen (aber das erfahre ich erst drei Wochen später), und ich aus irgendeinem dummen Grund, der überhaupt keine gute Idee war, denn mit dem Wellengang ist es bei den Anfälligen ja immer dasselbe. Nur der Anblick lohnte sich. „Fängt so eine Komödie an? Der Strahl, der für einen Moment auf das alles hier fällt, beleuchtet Anzeichen von Schande und Ruin: umgeworfene Möbel, Papiere, ungeordnete Kleider, auf die Lehnen der Sessel und Stühle geworfen. Die Barbaren waren da.“ So heißt es in Różyckis Bestiarium, wie recht er hatte. Nur mit der Komödie war es dann doch nichts. Leider. Aber das Rätsel des Breis zwischen des Skippers Zehen war gelöst. Obwohl bei Różycki nichts von Aprikosen steht. Walti ist noch ein Jäger und Sammler alten Schlags. Wobei, Jäger eigentlich nicht, nach eigenen Worten isst er so gut wie nie Fleisch, was ihn jedoch nicht daran hindert, einen großen Teller Shrimps zu verzehren, oder auch mal Wurst zum Kartoffelsalat. Und sogar die Sauce Bolognese hat er jener ohne Hackfleisch vorgezogen, nein, nicht vorgezogen, sondern irrtümlich geschluckt, das Ergebnis war aber das selbe („wenn es sein muss, esse ich schon Fleisch“ – aber wer kann schon das Wort 'müssen' definieren...). Aber Sammler ist er, sonst könnte er ja gar nicht in seinem Berghüttlein im Tessin überleben, in dem er aber dann doch nur während der wärmeren Jahreszeiten wohnt, die ja im Tessin ein deutliches Übergewicht an Dauer den kälteren gegenüber aufweisen. Will man ihm glauben, dann sammelt er dort Kräuter, Pilze, Nüsse, im Winter Kaki und Kiwi, im Herbst Trauben. Dafür, dass dieser Speiseplan nicht zu eintönig sei, sorgt in der Regel ein Sack Reis oder Hirse, den er eigenfüßig in die Höhe trägt. Gerade eine solche Lebensweise scheint es nun zu bedingen, dass der Sammler dann, wenn er viel hat, viel isst. Jedenfalls meinte ich dieses Phänomen zu bemerken, denn nach seinem Müsli war Walti einen großen Teil des Tages dabei zu beobachten, wie er im Schiffsinnern verschwand um Nüsse zu kauen, um dann, wenn ein normaler Mensch schon sattgegessen wäre, ein Abendessen zu verspeisen, das an Menge den Portionen der restlichen Crew zusammen gleichkam, und das waren ja zwei.
Der Gerechtigkeit halber muss aber erwähnt werden, dass Walti ja immer an vorderster Stelle die zwei Segel hisste (mit uns), doppelt so viel Ankerkette aus dem Wasser zog, beide Fahrräder über das Geländer zu reichen half, und schließlich für drei Leute abwusch.
Jedenfalls sammelte Walti neben Schwemmgut auch diverse Früchte, manchmal kaufte er sie auch unterwegs auf seinen Streifzügen. Daher die Aprikosen.
                   
Kotorbucht                                                                   

Kotorbucht, Montenegro



Nun führte uns die Reise aber gen Süden, schließlich war Großes vorgesehen in diesem Jahr: die Umrundung des Peloponnes und zurück nach Bar.
Nächste Etappe ist Albanien, das wir zwar ein bisschen kennen von früheren Autofahrten, uns aber in diesem Fall wenig entzücken kann, der Bürokratie wegen. Oder der mangelnden Bürokratie? Die wird dem Neuankömmling nämlich gerne von einem Agenten abgenommen, der einzigen Möglichkeit, an eine Aufenthaltsberechtigung zu kommen. Und dieser Agent kostet natürlich. In Shëngjin sind es 50 €, doch er lädt uns noch auf einen Drink ein und fährt uns zum besten Restaurant in der Gegend, dem Rapsodia. Geht dort hin Leute!
Durres ist etwas komplizierter. 35 € für die Existenz des Agenten, 20 € damit er die Papiere macht, 10 € pro Tag Aufenthalt; also, weil wir eine Nacht bleiben für heute und morgen, ist gleich 20 €. Zusammen 75 € für eine Nacht im Frachthafen, wo man nicht einmal als Mann die Toilette benutzen möchte.

DurresWeil man ja als Süddeutsche oder Schweizer ein bisschen Gefühl für Geld zu haben meint, macht man ein Schnäppchen draus, indem man sagt, man zahlt noch einmal 10 € für eine weitere Nacht, dann tut der Preis pro nicht mehr ganz so weh. Nicht wahr? Abenteuerlich ist es in jedem Fall. Und gut bewacht, nur die Ratten laufen frei herum.
Für einen weiteren Stopp in Albanien scheint es uns aber doch zu teuer, also lautet der Beschluss, dass man die Nacht durchsegeln muss (mehr Motor). Gesagt, getan, Ankunft am 2.7.2015 in der Marina Gouvia auf Korfu.



Nikola in Durres




Mann! Neu in Griechenland?
Das geht so. Mit den Papieren vom entferntesten Ende der Marina zum Büro laufen (Skipper), etwa eine Viertelstunde. Im Büro eine halbe Stunde warten. Dann die Information erhalten, man müsse sich für den offiziellen Aufenthaltsschein in die Stadt Korfu begeben. Viertelstündiger Fußmarsch zurück. Kurz darauf fällt mir ein, dass ich ja Internet brauche. Fußmarsch zum Büro. Das Internet kostet. Zwei Euro pro Stunde, oder 5 Euro für 24 Stunden. Sauteure Marina ohne kostenloses Internet? Ich habe heute Abend einen Skype-Termin. Arbeit... Fußmarsch zurück. Funktioniert nicht. Hä? Nein, keine Chance, mit einem Mac komme ich nicht rein. Inzwischen ist es Zeit, nach Korfu zu fahren. Nikola und ich übernehmen die Sache. Es ist etwa 14:00, vielleicht 40 Grad heiß. Ein netter Busfahrer setzt uns am Hafen ab (und zurück??? – keine Haltestelle für die Gegenrichtung). Wir laufen über den glühenden Parkplatz zum Zollgebäude. Keiner da. Stöhn, ächz, schwitz. Wir laufen über den glühenden Parkplatz zur anderen Seite des Geländes zur Polizei. Sehr nette Leute. Sie rufen beim Zoll und dem Immigration-Office an, in zehn Minuten werden wir erwartet, heißt es. Wir laufen über den glühenden Parkplatz zum Zollgebäude. Keiner da. Wir laufen über den glühenden Parkplatz zur anderen Seite des Geländes zur Polizei. Sehr nette Leute. Sie rufen beim Zoll und dem Immigration-Office an, sie seien gleich dort, um Passagiere für eine Fähre abzufertigen, wir sollen kommen. Wir laufen über den glühenden Parkplatz zum Zollgebäude. Eine Schlange, der Warteraum voller Menschen. Gegen 17:00 öffnet sich eine Tür, die Abfertigung beginnt, uns wird beschieden, zu warten, bis sie fertig sind. In diesem Moment fällt mir auf, dass die Uhr hier eine Stunde später anzeigt, als meine. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Also sind wir erst um 15:00 losgegangen, kleiner Trost. Auch kleiner Trost, denn ich muss doch um 20:00 meinen Termin einhalten, aber dann ist ja bei mir schon 21:00. Glück gehabt. Wir sitzen hier nämlich ein Weilchen. Gegen 19:00 werden wir hineingebeten und bekommen unsere Papiere. Um halb acht sind wir wieder in der Marina, die für ein 14-Meter-Schiff übrigens 70 € pro Tag in der Hochsaison kostet, jaja, ich flitze zum Büro, 19:50 dort, noch zehn Minuten offen, wenn das Internet nicht funktioniert, soll ich doch morgen den Zettel zurückbringen, sie erstatten mir den Betrag. Zurückgeflitzt, 20:15 am Schiff, nochmal probiert mit allen Computern, die irgendwie an Bord sind, nichts, also in die nächste Bar (13 Minuten, in der Nähe des Büros), sorry Jungs, ihr müsst alleine kochen, noch fünf Minuten, endlich, uff, da. Das Gespräch dauert zweieinhalb Stunden.
Erst am nächsten Tag entdecken wir, dass immer wieder ein Elektrofahrzeug den Kai entlangfährt, das man herbeiwinken kann, und dann fährt es dich bis zum Schiff.
Es folgen weiter Fahrten im Zickzack Richtung Süden.

Das Nekromanteion
. Es ist Freitagnachmittag, unser Segelboot liegt in der Bucht bei Ammoudia vor Anker. Wir sind nur aus einem Grund hergekommen, nämlich um das Totenorakel (Nekromanteion) am Acheron zu besuchen, bei dem bekanntermaßen ja schon Odysseus nach seinem Heimweg gefragt hat. Allerdings standen da die Mauern noch nicht, die dort jetzt sind, aber das macht ja nichts. Odysseus ist Odysseus, und wie er sind auch wir mit dem Schiff gekommen. Es ist also Freitagnachmittag, Mitte Juli. Dass es heiß ist, braucht nicht extra erwähnt zu werden. Zwar ist am Vormittag ein Gewitter vorbeigebraust, aber außer Wind brachte es nichts. Wir machen uns auf und sind noch nicht sicher, wie wir zum Nekromanteion kommen. Zu Fuß die fünf Kilometer, per Taxi? Da gerade kein Taxi einfach in der Gegend herumsteht, laufen wir los, fragen zweimal nach dem Weg und landen an einer Kreuzung, die eine Taverna beherbergt. Die Kellnerin dort ist entsetzt: „Zu Fuß? Viel zu weit.” Sie fragt nach, da bietet sich plötzlich der Koch an, er könne uns fahren, in zehn Minuten sei er fertig, wenn wir etwas trinken wollen? Nun, so macht man Geschäfte, wir trinken. Nach zwanzig Minuten kommt er und sagt, er könne doch nicht weg, es seien Gäste gekommen. Aber Laufen sei kein Problem, zwanzig Minuten, sagt die Kellnerin jetzt. Wir grinsen, zahlen und gehen und denken uns – ist das Griechenland?  Die Straße ist zum Glück kaum befahren, am Rand wächst Fenchel. Dass aus fünf Kilometern nicht zwanzig Minuten werden können, ist ja klar. Gelegentlich fahren Urlauber vorbei, meist Deutsche vom Campingplatz. Doch nach zwanzig Minuten ist uns die Lust vergangen, obwohl schon längst nicht mehr nur die Hemdkragen gelockert sind. Sollen wir ein Auto anhalten? Da hupt es hinter uns, ein klappriger staubroter Golf. Der Koch! Er hat sein Versprechen noch eingelöst und bringt uns sogar die holprige Straße hinauf bis vors Tor des Heiligtums, was gar nicht erlaubt ist, doch er winkt dem Ticketverkäufer zu und verschwindet. Also ist das Griechenland? 

Zyklopenmauer
Reste der Mauern stehen noch, schön verarbeitetes Zyklopenmauerwerk.
Reste von Kammern, in denen sich die Besucher des Orakels spirituell reinigten, bevor sie durch ein Labyrinth den Hauptraum betreten und mit den Verstorbenen kommunizieren durften, sind noch zu sehen, eher für den Historiker nachvollziehbar als für den gewöhnlichen Besucher. Der Eingang zur Unterwelt, dem Sitz von Hades und Persephone, ist ein Loch im Boden, durch das heute eine Metalltreppe nach unten führt, in ein Gewölbe unter dem Hauptraum – heute darf man hinabsteigen, was den Menschen, die beim Orakel Rat suchten, selbstredend untersagt war.
Odysseus Zyklopenmauern. Ein Gang, Gemächer, Natürlich imaginär. Das Labyrinth, danach, der Hades, unten. Auch Odysseus war hier – Gerade verschwindet sein Schatten um die Ecke.   Kriese


Und die Krise? Vielleicht das verrostete ausgeschlachtete Auto, dass in der Wiese unterhalb des Nekromanteion steht.









Eine Überraschung erleben wir im Ambrakischen Golf in einer Bucht westlich des Örtchens Vonitsa. Dort ankern wir, weil ich mal wieder einen TERMIN habe. Nikola ist inzwischen allergisch gegen dieses Wort, heißt es doch, dass wir irgendwo hin müssen, wo ein Dorf mit Bar und Internet in der Nähe ist. Und es hilft auch nichts, mit dem Argument zu kommen, dass wir doch SOWIESO dort hin wollten.
Aber die Überraschung ist umso schöner. Eben haben wir nämlich einem Trimaran zugeschaut, wie er versuchte zu ankern und feststellen musste, dass es für sein kurzes Seilchen ein wenig zu tief ist. Man entwickelt sich in dieser Beziehung richtig zu einem neugierigen Nachbarn, der hinter der Gardine hervorlinst und genau gesehen hat, dass man die dritte Blume von links beim Gießen vergessen hat. Jedenfalls kommentiert man das neu angekommene Boot, tauscht sich über Bauart und Qualität aus, schaut dann halb besorgt, halb spöttisch beim Ankern zu und denkt sich schließlich seinen Teil. Bis dann die Überraschung kommt. Dann schämt man sich vielleicht auch. Ja, das war so. Die Mittagspause war gerade vorbei, da ruft es von draußen „bon jour“. Ich gehe hinaus, gilt das uns?, und sehe nichts. Fehlanzeige.
Pierre und NikolaGerade drehe ich mich um, da wieder: „bon jour“. Ich schaue ins Wasser, da hängt ja jemand an unserem Dinghy! Ich nicke, bon jour. Damit hat sich mein Französischwortschatz schon erschöpft, naja, dass ich kein Französisch spreche, kann ich auch sagen. Die nasse Gestalt indes lächelt und fragt auf Französisch, ob ich Französisch verstehe. Ich zucke die Achseln, jein. Oder Deutsch?, kommt die Frage. Ja. Aha, vielleicht Schweizerdeutsch? Und dann fragt er: „Ist das zufällig das Schiff vom Klaus?“ Hä?.... „Ja“, antworte ich, doch da kommt der Käptn schon heraus. „Klaus?“ „Ja... Pierre?!?“ Da haben wir die ganze Geschichte.
Neunzehnhundertneunundsiebzig -achtzig fuhr eine Gruppe von Filmemachern in die Südsee, um einen Film zu drehen. Einer davon war Nikola. Zur Crew gehörte Pierre. Und schon damals, erzählt Pierre, habe Nikola/Klaus davon erzählt, dass er gerne mal ein Segelschiff nach seinen Vorstellungen konstruieren würde. Mit eben dieser speziellen Besegelung. Und zufällig kommt fünfunddreißig Jahre später Pierre in die Bucht und sieht ein Schiff mit eben dieser Besegelung und Schweizer Flagge. Das kann doch nur der Klaus sein? Denkt er sich und kommt rüber.
 

        Cooler Drink               

Der letzte Punkt dieser Etappe ist Vliho. Auf dem Weg dort hin haben wir die Schwimmbrücke des Kanals von Levkas passiert und einem Hochzeitspaar auf Fototermin auf einem Steg als Hintergrund gedient. Eine sackförmige, nord-südlich ausgerichtete Bucht an Levkas' Seite, sicher, schlammiger Untergrund, recht voll, trübes, warmes Wasser. Trotzdem gut. Hier werden Entscheidungen getroffen. Nikola geht von Bord, in die Schweiz, wegen seiner Augen. Walti wird das Schiff verlassen und sich langsam auf den Heimweg machen. Ich bleibe, darf aber mit nach Athen kommen und dort ein paar Tage verbringen. Übrigens ist die Fernbusverbindung in Griechenland super.

Griechenland, wie es im Buche steht... Seit fünfzehn Jahren will ich nach Griechenland, um die antiken Bauwerke zu sehen, und nach knapp einem Monat ist uns letzteres noch nicht so richtig gelungen. Ab jetzt gelobe ich Besserung.
Drei Tage bleiben mir in Athen, die Akropolis ist der erste Punkt. Überall wird renoviert. Neuer weißer Marmor mischt sich an den Bauwerken mit dem alten, ob das im Sinne der alten Griechen ist? Naja, und die Touristenhorden... aber ich gehöre ja auch dazu. 


Besser erhalten und schlechter besucht ist der Tempel des Hephaistos auf der Agora, unterhalb der Akropolis. Dorthin wandert man zwischen Büschen entlang, entkommt den Horden.

                                                       Agora Athen, Tempel des Hephaistos



Katzen
.
Eigentlich muss man
Eintritt zahlen.
Schließlich stehen hier
Kulturgüter, antike.
Die Katzen kümmert das nicht.

Sie sitzen im Gras und
bleiben solange sie wollen.




Ansonsten ist es heiß und laut. Nach dem Tag auf der Akropolis bleibe ich den nächsten meist in meinem Hostelzimmer, erst am Abend wage ich mich hinaus, in die Deutsche Buchhandlung, man will ja auch etwas für den Geist tun. Ich bin erstaunt über die große Auswahl, doch erfahre ich von der Besitzerin schnell, dass das wohl nicht so lange so bleiben wird. Denn die Regierung hat ja eine Überweisungssperre ins Ausland verhängt, sodass die Buchhandlung bis auf Weiteres keine Bücher mehr aus Deutschland bestellen kann. Ebenso geht es dem Schokoladenhersteller ein paar Geschäfte weiter. Kein Zucker, kein Kakao. Wenn das lange so geht, wissen sie nicht, wie der Laden überleben soll.






2. Aufzug: Vlicho (Levkas)

In dem Marlena, also ich, allein an Bord ist und – arbeitet, aber auch die eine oder andere Merkwürdigkeit erlebt.


Vliho vom Mast aus gesehen Jetzt sollte ich also Ruhe haben nach den letzten Segelwochen und mich um meine Übersetzung kümmern. Zuerst muss ich aber, frisch von Athen zurück, abends um halb elf, aufs Boot kommen. Die Sache wäre ganz einfach, wenn das Dinghy, das wir in Reparatur gegeben haben, dort wäre, wo es sein soll, nämlich am Kai. Ist es aber nicht. Und was mache ich jetzt? Dreihundert Meter entfernt sehe ich das gelbliche Ankerlicht der Wahoo leuchten, aber wie hinkommen? Schwimmen wäre eine Option, aber der Rucksack müsste an Land bleiben, denn schließlich ist der Laptop drin. Die Nacht auf der Bank am Kai verbringen? Sicher, in sieben Stunden wird es hell, würde gehen. Keine Lust. Deshalb überwinde ich mich nach einer halben Stunde doch, wildfremde Menschen in einer Bar zu fragen, ob mich jemand rüberbringt. Was sich als äußert glücklich erweist, denn ich bekomme nicht nur einen Krug Rotwein spendiert und habe die Möglichkeit, mich noch zwei Stunden mit drei Engländern zu unterhalten, die meine Situation so absurd finden wie ich auch, am Ende kommt dabei ein richtiger Fahrservice heraus. Die Wahoo ist allen bekannt, auffällig wie sie ist, sie zeigen ins Dunkel und sagen „dort, oder?“ Ich spähe hinüber, ja, die Position stimmt. Jedenfalls bringt mich Martin mit seinem Dinghy, in dem so wenig Luft ist, dass ich mich frage, warum wir eigentlich unser Dinghy wegen einem bisschen Luftverlust reparieren wollten, nach Hause. Und pünktlich um zehn am nächsten Vormittag erscheint der Mann von Joy und bringt mich an Land. Vielen Dank! Und dann ist mein Dinghy auch ganz schnell ausfindig zu machen. Die örtliche Charterfirma Sail Ionian hat es in Reparatur gegeben, es ist aber noch nicht fertig. Well, well. Aber sie könnten mir eins leihen, ich rudere ja sowieso immer (na, ich sags ja, auffällig), oder, wenn ich möchte, könnte ich am Kai anlegen. Direkt vor dem Laden des alten Mannes. Da schüttelt es mich dann doch vor Grausen, denn an den habe ich gar keine guten Erinnerungen. Lieber ein Dinghy.

                                                
Ruhiger Morgen in Vliho
So spektakulär die Zeit allein begonnen hat, so ruhig geht sie weiter, ist trotzdem intensiv. Jeder Tag sieht irgendwie gleich aus. Morgens um sieben schaut die Sonne über die östliche Hügelkuppe, die Luft ist schon warm, eigentlich gar nicht richtig abgekühlt über Nacht. Ein süßer Duft liegt schwer in der Luft, wie in einem Bienenkorb riecht es. Gesättigt, prall, triefend. Gegen acht ist es heiß. Bis sieben Uhr, wenn die Sonne hinter der westlichen Hügelkuppe verschwindet. Die Zeit dazwischen ist immer gleich. Hinsetzen, Wasser trinken, Buch aufschlagen, Zettel mit den zu übersetzenden Gedichten neu ordnen, herumprobieren, lesen, schwimmen gehen, Hausfisch Andrzej Grüßgott sagen, weiter lesen, trinken, die Luft flimmert von Buchstaben. Die Einsamkeit ist fast komplett. An Land gehe ich nur fürs Internet, bis ich herausfinde, wie das Passwort einer Taverne lautet, die ich an Bord empfangen kann. Übersetzen in Klausur. 37 Grad hat es bis Mitternacht im Schiff, dann sinkt die Temperatur auf 28. Nur ein leiser Hauch regt sich in der geschlossenen Bucht. Aber Männer und Frauen der Feder sind ja bekanntlich Nachtschwärmer, das kann man in diesem Fall gut ausnutzen. Am Tag halte ich Sommerschlaf. Am Abend ist von einer Taverne griechische Musik zu hören, die griechische Musik, aus Alexis Sorbas. Am anderen Abend von der anderen Seite her etwas Rockiges, mit Dudelsack, interessante Mischung. Über das Wasser kommt der Schall fast ungehindert zu mir.

In der zweiten Woche ändert sich die Beschaulichkeit. Am Dienstag, ich habe gerade herausgefunden, wann ich Internet vom Bäcker auf dem Schiff empfangen kann, nämlich dann, wenn auslaufend Wasser ist und evtl. ein feines Lüftchen das Schiff noch ein Stück gen Norden drückt, nur dann. Bei stärkerem Wind oder einlaufender Strömung kommt das Signal nicht an. Plötzlich blitzt es hinter mir.
Ein Gewitter zieht im Norden vorbei, es ist nicht besonders nah, aber doch so, dass wir in der Bucht die Nebenwirkungen, nämlich den Wind zu spüren bekommen. Im letzten Moment gelingt es mir, das Sonnendach abzubauen und zusammenzurollen, da kracht es in der Nähe.




Windiger Abend in Vliho




Ein rostiger Kahn, der dort vor Anker gelegen hat, hängt einer Kunststoffjacht auf dem Bug. Niemand zu sehen. Erst nach drei-vier Minuten erscheinen verstrubbelte Gestalten an Deck des Rostkahns. Sie haben wohl geschlafen und nicht bemerkt, dass ihr Anker nicht gehalten hat. Da kommt auch schon das Dinghy mit der Crew der Yacht durch den Wind gefahren. Das Stahlschiff wird befreit und kann nun seiner Wege ziehen, vom Wind getrieben, den Anker hinter sich herschleppend, gen Süden. Plötzlich ein Ruck, der Anker hat wieder Halt bekommen. Damit ist das
Schauspiel aber nicht beendet. Denn inzwischen trudelt von Norden ein Katamaran heran, offensichtlich auch führerlos, schleppt er seinen Anker hinter sich her. Wenn er mal nur nicht zu mir kommt, das wäre ja gemein, aber da schwimmt er schon vorbei. Schräg hinter mir das Schiff hat weniger Glück. Die beiden Ankerketten verwirren sich, auf dem Boot wird der Motor gestartet, sie holen die beiden Anker aus dem Wasser, entknoten alles und werfen den fremden, samt daran hängender Kette mit Katamaran, nach getaner Tat wieder ins Wasser. Tja, glücklich, wer sich so helfen kann. Der Kat ist jedenfalls müde geworden, vielleicht hat auch der Wind etwas nachgelassen, er bleibt erst einmal an seinem Plätzchen. Erst anderthalb Stunden später kommt wieder ein kräftiger Windstoß und nimmt ihn mit, im Zickzack, Richtung Land, oder zu mir? Bisher war es ja einfach Skipper zu spielen, wenn man nichts zu tun hat. Aber jetzt? Was, wenn er kommt?  Doch da haben die Herren von Sail Ionian ein Einsehen und fangen ihn ein. Von der Crew weiterhin keine Spur. Die werden sich wundern, wenn sie zurückkommen und das Schiff ist weg. Doch schon bewegt sich das nächste Boot von der Stelle. Vor einer halben Stunde ist es angekommen, der Mensch darauf steht seelenruhig am Heck und werkelt herum, schwimmt aber dabei langsam an mir vorbei. Merkt er denn nichts? Oder ist seine Ankerkette so lang? Doch, jetzt kommt ihm auch etwas komisch vor, vielleicht auch, weil ich so intensiv herübergeschaut habe. Er ankert woanders. Am nächsten Tag gibt es wieder ein Windchen. Der Katamaran war wieder an seinen Platz gebracht worden, macht sich aber trotzdem ein weiteres Mal selbstständig, seine Crew nimmt er diesmal mit. Zwei Boote flüchten. Die ganze Woche geht es mit den Gewittern so weiter. Wir bekommen ja keinen einzigen Tropfen Regen zu sehen, nur ständig das Stürmchen, das dem Gewitter hinterherbläst. Gemeinheit. Nur Arbeit, Sonnendach rauf, Sonnendach runter, aber keine Erfrischung. Meine Pfefferminze ist inzwischen gestorben.                                                                                   




3. Aufzug: Vliho (Levkas) – Porto Leone (Kalamos) – Peloponnes (Kyllini – Kyparissia – Pylos – Methoni – Elafonisos – Porto Heli)

In dem Nikola wiederkommt, wir einen abenteuerlichen Golfplatz-Ankerplatz kennenlernen, ich eine Sandalen-Seebestattung vornehme und wir einige Unannehmlichkeiten mit unserem Motor erleben.


Das Auge ist repariert, der Käptn wieder an Bord, es ist der 9. August. Nun muss es weitergehen, denn am 3. September müssen wir in Porto Heli sein, also mehr als die Hälfte des Peloponnes umrunden.
Wir fahren los und entdecken die himmlischste Bucht die es gibt, ein Vorbüchtchen von Porto Leone auf der Insel Kalamos. So klares Wasser! Aber die Zeit lässt kein längeres Verweilen zu. Einige Tage später ankern wir bei Katakolo, einen kleinen Örtchen, das einmal am Tag von Touristenhorden durchströmt wird, die mit einem Kreuzfahrschiff ankommen, dann mit dem Bus nach Olympia fahren, eine Rundfahrt per Kutsche unternehmen oder einfach nur im Café sitzen.
Wir segeln weiter nach Kyparissia. Inzwischen sind westlich keine Inseln mehr, die Wellen sind lang, weshalb die Wahoo stark rollt, was meinem Magen überhaupt nicht gefällt. Aber wir kommen an, ich springe nicht unterwegs über Bord. Eine kleine Entschädigung für den schlimmen Tag ist das Treffen mit Jupp, einem ehemaligen Biobauern aus Deutschland. Wir ankerten nämlich im Hafenbecken neben einem kleinen Boot mit deutscher Flagge, gingen einkaufen und sahen beim Zurückgehen jemanden vor uns. Das kann nur jener Deutsche sein, sagten wir uns. Irgendwie sieht man es halt. Vielleicht, an der Art, wie er die Einkaufstaschen trägt? Jedenfalls verbringen wir den Abend miteinander, was mich mal wieder sehr freut, denn es ist doch auf Dauer ein wenig langweilig so zu zweit. Das sagte ich allerdings einen Tag später nicht mehr...


Pylos. Der Eingang zu Bucht von Navarino mit seinem Loch im Fels ist spektakulär. Leider ist auch der Wind spektakulär, was die ganze Angelegenheit ein wenig mühsam macht, denn wir segeln zwar, was das Zeug hält, am Ende mit acht Knoten, was schon fast Fliegen ist, überholen sogar Jupp, der am Anfang ein Stück vor uns war, aber genau um das „Zeug“, das hält, geht es ja. Die ungerefften Segel sind mit fast dreißig Knoten Wind schon etwas am Anschlag. Zwar liebt man das, diesen Anschlag, und schließlich wissen wir, dass das Material stark genug ist, aber das Herunterholen wird bei diesem Wind und den dazugehörigen Wellen nicht einfach, und zudem streikt auch noch der Motor, das heißt, er will manchmal nicht so richtig. Irgendwie kommt kein Diesel in die Kolben. Ich muss also steuern und nach einem Ankerplatz Ausschau halten, während Nikola bisweilen im Motorraum verschwindet und ein bisschen Diesel pumpt.
Schließlich sind die Segel geborgen, ein bisschen unordentlich – und der Motor geht einfach aus. Wir sind nah am Land, hier ist es auch gar nicht tief, oje. Zweieinhalb Meter Wasser unter dem Kiel. Also schnell den Anker werfen, sonst werden wir noch ganz an Land getrieben. Jupp ist inzwischen auch angekommen und hat geankert, doch aus irgendeinem Grund wird die Distanz zwischen unseren Schiffen immer größer. Eine Stunde später haben wir nur noch anderthalb Meter Wasser unter uns, da stimmt doch was nicht. Wahrscheinlich ist der Grund voller Seegras, und das liebt unser Anker nicht. Also schnell den zweiten ins Dinghy gehievt und hinausgefahren.
  Am nächsten Morgen hat sich der Wind etwas gelegt und wir schauen uns an, wo wir da eigentlich gelandet sind. Denn hinter uns erstreckt sich etwas wie ein weitläufiger Park, große gewellte Grünflächen von Baumreihen durchbrochen. Was das wohl ist? Schön jedenfalls. Aber eigentlich will ich ja nach Pylos, den Palast des Nestor anschauen. Nikola bringt mich an Land, wir verabreden, dass ich irgendwann zurückkomme, und er gelegentlich schaut, ob ich am Ufer stehe. So in ein paar Stunden. Ich betrete also die herrlichen Wiesen, nein, laufe nur am Rand entlang, denn schnell ist klar, das ist ein Golfplatz. Und typisch für Golfplätze, das wird mir auch klar, als ich einen Ausgang suche, ist die großzügige Fläche. Tja, wohin? Immer dem Weg nach, und hoffentlich sieht mich keiner... Denn für einen Golfspieler kann ich wohl nicht gehalten werden. Und dann wird mir auch klar, dass ich in die falsche Richtung gelaufen bin. Hier in der Pampa gibt es sicher keinen Ausgang. Dabei ist nicht weit entfernt die Straße nach Pylos. Und ja, dort ist ein Zaun, hinter den Bäumen. Zu hoch zum Drübersteigen... geht nur kaputt. Drunter? Da ist eine Stelle, der Draht ein wenig hochgebogen, das sieht ja ganz so aus, als hätte dort schon einmal ein verzweifelter Segler... Rucksack durch die Lücke, ich durch die Lücke, Hut hinterher, Kratzer am Bein. Volltreffer. Anderthalb Kilometer nach Pylos, die Straße entlang. Taxi: Zum Palast? Der ist wegen Renovierung geschlossen. Hihi., so ist es. Also schnell zwei Kilo Trosttrauben gekauft, die herben, die ein wenig nach Katzenpipi schmecken, und zurück zum Schiff. Rucksack unter dem Zaun durch, Einkaufstasche auch, Marlena hinterher, Hut, komm, Schramme am Rücken. Ein Toilettenhäuschen steht etwas abseits – edel, mannomann, die leisten sich was. Leider ist der Golfplatz jetzt belebter, es wird rasiert, getränkt, manikürt. Als ich vorbeilaufe starren mir die Arbeiter hinterher. Jetzt fangt bloß nicht an zu rätseln, wo ich herkomme, ja? Zurück ans Ufer. Auf dem Schiff tut sich nichts. Nikola schläft wohl... Eine Dreiviertelstunde später schläft er immer noch. Hinter mir auf dem Rasen tummeln sich inzwischen Gestalten in weißer Kleidung. Nichts auf dem Schiff. Soll ich schwimmen? Wie weit ist es? Zweihundert Meter? Gegen den Wind, gegen die Wellen? Neeeijain, njain, nja... Also schön. Die gucken bestimmt nicht, wenn ich mich mal kurz ausziehe. Rucksack bleibt da, Sandalen an, wer weiß, was sich da auf dem Grunde tummelt, brrr. Fast die Hälfte kann ich gehen, so flach ist es. Dann ein Loch – ich schwimme. Und plötzlich taucht Nikola an Deck auf, starrt ans Ufer, sieht mich natürlich nicht im Wasser. So ein Pech auch, denn es ist nicht schön hier.

Ersaufen werde ich wohl nicht gerade, aber die Wellen sind so hoch, dass ich immer wieder Wasser schlucke. Nur nicht anfangen zu husten. Und die Sandalen, bleibt doch dran! Herrgottnochmal, schwimmen, Wasser schlucken und abwechselnd die Sandalen wieder befestigen, ich gebe auf. Sie, nicht mich. Adieu ihr Lieben, ihr ward ja nicht mehr schön, Löcher hattet ihr auch in der Sohle, aber wie lang seid ihr mit mir gelaufen?
Naja, seit 2012. Meine Allwetterstraßenundgeländesandalen, im Sommer wie im Winter, in Montenegro, als ich in die Berge zog, um Salbei zu holen, in Polen sowieso, und zuletzt seid ihr mit mir unter einem Zaun hindurchgekrochen. Sterbt wohl, vielleicht werdet ihr an Land geschwemmt, dann hole ich euch morgen wieder ab, versprochen, wenn der Wind nicht zu stark ist.
Ein paar Wochen später las ich in der ZEIT eine Notiz über diesen Golfplatz: „Costa Navarino, Griechenland: The Bay Course, Spielbahnen direkt am Meer, Blick fast immer auf die malerische Bucht von Navarino. Der Platz ist die anstrengende Anreise wert, so viel Meer war noch nie. Ich freue mich auf den Eagles Präsidenten Cup, der hier 2015 wieder gespielt wird“ (Die Zeit Nr. 35/2015)
Leider hatte ich an diesem Tag einen kleinen Fehler in Pylos gemacht: meiner Freundin zugesagt, dass wir am Abend telefonieren. Also musste ich wieder an Land. Doch diesmal wollte Nikola mitkommen.Wir fuhren also mit dem Dinghy in die andere Richtung, quer über die Bucht. Doch dann ging auch dieser Motor aus. Wir in den Wellen, antriebslos, im Wind, der uns ruckzuck wieder gen Ufer beförderte. Nun die Paddel raus und an der nächstbesten Stelle an Land. Schließlich schadet ja ein kleiner Fußmarsch am Strand entlang auch nicht. Nur war da kein Strand. Schilf, ein Fluss mündete ins Meer, wir wateten durch Sand und Schlick. Ich wieder in Sandalen, das bessere Paar, das ich heute früh so wohlweislich an Bord gelassen hatte, jetzt wurde es nass. Ein kleiner Trost war das erste Tsatsiki auf dieser Reise, warum haben wir das nicht früher gemacht? Seit zwei Monaten sind wir hier... aber das Telefonat, der Grund, weshalb wir diese Waterei unternommen hatten, blieb aus. Tja so kommts. Meine TERMINE...


                                                                                                                                                         Der Gefängnisturm von Methoni
Methoni. Hier in der Festung war seinerzeit der Schöpfer des Don Quichotte inhaftiert... Jedenfalls der richtige Ort, um wieder zu Kräften zu kommen, im Motor herumzuwerkeln, damit er uns nicht mehr im Stich lasse, und gut zu essen. Tsatsiki in Variationen. Mit geriebener Karotte für die Optik, fein geraffelte oder grob geraffelte Gurke, eher sahnig oder joghurtig, jeder macht es anders. Und oh ja, fast hätte ichs vergessen: etwas, das auf der englischen Version der Speisekarte mit garlic salad bezeichnet wird. Hat man das schon gehört? Knoblauchsalat? So etwas feines. Dahinter steckt kaltes Kartoffelpüree mit viel Knoblauch. Auch hier in Variationen, körniger, feiner, sahniger. Das beste gab es auf Trizonia, es zerging auf der Zunge. 

Doch am Morgen des vierten Tages machten wir uns auf, um Abenteuer zu suchen. Ein Abenteuer, das uns nach sechsunddreißig Stunden Fahrt an das elysische Eiland Elafonisos verschlagen sollte. Denn wir hatten uns in unserem Motor getäuscht. Trotz Bitten und Betteln versagte er die Aufnahme von Diesel, was schnell zu seinem Absterben führte. Ein Wechseln der Dieselfilter brachte keine Erleichterung, sondern einen kaputten Anlasser. Kleiner Einschub: dieser war vor der Reise in Bar zur Kontrolle gegeben worden. Montenegrinische Wertarbeit also. Blieb uns nichts anderes übrig, als unter Segeln mal fahrend, mal dümpelnd, unseren Weg nach Porto Kagio fortzusetzen, wo wir hoffentlich eine leere Bucht mit Platz für unser Spezialmanöver vorfinden würden. Das Spezialmanöver: Ankern unter Segeln. Eine praktische Übung bei gutem Wetter und mäßigem Wind, heißt das doch, gemütlich in eine Bucht hinein zu fahren oder zu kreuzen, ohne den Motor starten zu müssen. Eine stille, schöne Angelegenheit.
Dem war nicht so. Der Wind, der Wind. In der Bucht blies er von allen Seiten und machte es unmöglich, einen Ankerplatz anzusteuern, Platz war wenig, alles voller Boote, und unsere Bitte an zwei Fischer, uns doch in die Bucht zu schleppen, wurde mit wüsten Worten erwidert. Dann also weiter, die Sonne war inzwischen weg, vor uns lag eine lange Nacht, die wir dazu nutzen wollten Elafonisos zu erreichen, um dort in der Nähe des Hafens zu ankern. Ich hasse Nachtfahrten. Vor allem, wenn der Wind so schwach ist, dass man nicht weiß, wohin es eigentlich gehen soll. Aber er kam ja wieder, ein Stündchen nach meiner mit Dümpelei verbrachten Wache waren zwanzig Knoten da. Und dann fünfundzwanzig. Und dann dreißig. Und wie sollten wir da bitteschön ankern? Die Gegend kannten wir nicht, immer wieder kam ein neuer Landarm aus der Insel, der Wind erstarkte zu fünfunddreißig Knoten, und wir beschlossen, um die Insel herum zufahren, direkt nach Monemvasia. Unterwegs – die Segel waren inzwischen doppelt gerefft – passierten wir die große Südbucht von Elafonisos mit dem Campingplatz, doch wir waren schon fast vorbei, als Nikola meinte, wir könnten doch dort hinein. Idealer Ankergrund, niemand da. Aber eben schon fast vorbei, und zu schmachvoll stand mir unser letzter vergeblicher Versuch vor Augen. Nein. Fahren wir nach Monemvasia. Doch da galt es zuerst das Kap Maleas zu umrunden. Und das... naja, Nikola, du hättest es wissen müssen. Denn vor fünfzehn Jahren warst du in der gleichen Situation, genau hier. Der Wille, nach Monemvasia zu gelangen, und Scheitern am Kap Maleas, das uns diesmal mit bis zu fünfzig Knoten Wind erwartete. Worauf wir umkehrten und nach rekordverdächtiger Zeit, nämlich anderthalb Stunden, die Bucht von Elafonisos erreichten, die wir sechs Stunden vorher passiert hatten. Alles genau wie vor fünfzehn Jahren. Hätte ich das Logbuch nur früher gelesen... Dann hätten wir es genauso gemacht. Das witzige an dieser Sache, jetzt, aus späterer Perspektive ist, dass Nikola am morgen, als ich noch schlief, schon einmal vor dieser Südbucht war und überlegte, dort zu ankern. Doch er meinte, man käme vom Campingplatz aus schlecht in die Stadt, deshalb verwarf er den Gedanken und schickte sich an, westlich an der Insel entlang nach Norden zu segeln. Nun waren wir wieder dort, zum dritten Mal heute, und kreuzten in die Bucht hinein. Sobald wir eine passende Sandzunge erreicht hatten, fuhr Nikola in den Wind, ich warf den Anker, das Schiff hielt. Die Segel konnten wir anschließend recht gemütlich bergen.
Im Übrigen vergaß ich zu erwähnen, das ich heute wieder einen TERMIN hatte, wir mussten noch an Land. Und essen wollten wir auch. Doch das stellte sich als schwierig heraus. Zwar gab es auf dem Campingplatz eine Kantine, doch außer Spaghetti auf Plastiktellern und belegten Brötchen war dort nicht viel los. Wir fragten also eine nett aussehende deutsche Frau nach einem Restaurant, und sie entpuppte sich als wirklich nett und bot uns sogar ihre belegten Brote an. Wahrscheinlich sahen wir furchtbar verhungert aus. Auf dem Hügel neben dem Campingquartier fand sich dann ein Restaurant, dass zwar geschlossen hatte, für uns aber doch die Küche aufmachte, sodass wir unsere ersten Souvlaki auf dieser Reise zu kosten bekamen. Von oben sahen wir auch die WAHOO firedlich in der Bucht liegen, wir hatten einen guten Platz gewählt.
Dass mein Skype-Termin dann ausfiel kann ich auch noch erwähnen, die wichtigste Person hatte ihrerseits einen Termin. So ist das, wenn man sich einfach für einen Sommer verabschiedet und entscheidet, nicht immer erreichbar zu sein. Dann muss man solche Überraschungen eben hinnehmen.
Es folgten sechs Tage auf unserem elysischen Eiland und der Aufbruch ins nächste Abenteuer. 
Auf der Insel wehte es die ganze Zeit. Den Tag über waren  fünfundzwanzig bis dreißig Knoten keine Seltenheit. Zwar hatte jemand gesagt, den wir auf Paxos getroffen hatten, ja ums Kap Maleas, da ist viel Wind, aber so 6 – 7 Beaufort, das macht euch doch nichts aus, mit eurem schweren Schiff. Aber wir haben dort dann Böen bis Stärke 10 gehabt, da bleibt man eigentlich zu Hause.
Jetzt in der Bucht waren es Tag für Tag 6 – 7 Beaufort, schön stetig vom Berg herunter. Irgendwann müssen wir weg von hier - Morgen! Ging nicht. Bei 30 kn Wind wäre es schlicht zu anstrengend gewesen, die Segel erst zu setzen und dann den Anker zu lichten. Und draußen bei dreißig Knoten Wind und Wellengang die Segel zu setzen war auch nichts. Wir verschoben die Abfahrt auf den Abend, da geht der Wind normalerweise ein wenig zurück. Also wieder eine Nachtfahrt. Grrr. Direkt nach Porto Heli, denn in zwei Tagen sollte mein Vater kommen.
Kap Maleas umrundeten wir erfolgreich mit Rekordschwachwind: zwischen 38 und 41 kn! Und natürlich aus der Richtung, wo wir hinwollten: von Norden.
Am nächsten Morgen - kaum noch Wind - fiel der Motor wieder aus. Wir vermuteten als Ursache, verschmutzter Diesel. Ihn wollten wir aus dem Tank in einen Kanister filtern und die Zuleitung dort hinein legen, und ihn regelmäßig nachfüllen. Das funktionierte letztendlich bis zur letzten Griechenlandstation Gouvia. Wir kamen also weiter und pünktlich in Porto Heli an, um unsere neuen Besucher an Bord zu nehmen.




4. Aufzug: Peloponnes (Porto Heli, Ermioni, Epidauros, Kanal von Korinth, Delphi)– Vliho (Levkas)

In dem mein Vater Oskar und seine Lebensgefährtin Hanne zu Besuch kommen, wir Epidauros und Delphi sehen und wieder zu unserer Heimatbucht Vliho auf Levkas
zurückkommen. Hanne und Oskar               


Hanne und Oskar auf meinem Kunstwerk




Man muss ja nicht jede Station beschreiben... Jedenfalls haben sich die zwei Gäste gut eingelebt. Oskar geht sogar ins Wasser. Hanne dagegen ist sowieso ein halber Fisch und verbrachte gleich am ersten Abend einen Teil der Dunkelheit im Nass.
  
Und es passierte genau das, was ich vermutet und gespannt erwartet hatte. Kaum war sie im Wasser, da rief sie: „Huhu, schaut mal, was ist denn das, hier leuchtet ja alles!“ Sie hatte nicht mit dem Leuchtplankton gerechnet. Es war nicht viel, aber man konnte deutlich ihre Spur rund um das Schiff verfolgen.
 
Die nächste größere Station ist Epidauros. Wir haben einen hübschen Ankerplatz gefunden, mit klarem Wasser und Degenfischen, die Ossi, wie mir auch, am besten von allen gefallen. Diese Schnüre mit spitzem Maul im Wasser. 

Epidauros ist stolz auf sein kleines, gemütliche 30 Minuten zu Fuß außerhalb der Stadt gelegenes Amphitheater. Ein Bild voller warmer Farben, das Gras ringsum
ist vertrocknet, ein paar Säulenteile stehen noch herum, irgendwie familiär. Das ist es auch schon. Herzig.   

Kleines Amphitheater in Epidauros




Ganz anders natürlich das Heiligtum des Asklepios mit seiner großen Anlage. Doch ist es nicht so einfach, dort hinzugelangen. Theoretisch gibt es einen Bus, aber der fährt mal, und mal fährt er nicht. Wir sind jedenfalls mit dem Taxi hingefahren, hatten drei Stunden Zeit und fuhren mit dem Bus zurück. Drei Stunden bei glühender Hitze sind zwar genug, aber dann eben doch nicht so richtig. Das Gefühl bleibt, diesen Ort nicht wirklich wahrgenommen zu haben, zumal ich mit einer Horde von Kunstbanausen unterwegs war. Stimmt eigentlich nicht, aber für die alte griechische Kultur in allen Details ist die Stimmung nicht so richtig da. Vielleicht auch wegen der verschiedenen schmerzenden Zehen und Knie, die auch mitgekommen sind. Jedenfalls erlaubt man mir, am nächsten Morgen allein noch einmal hinzufahren. Diesmal mit dem Bus, der ein anderer ist und viel später fährt, als erwartet, dann nicht einmal
nach Epidauros, sondern in einen etwa fünf Kilometer entfernten Ort, in die Schule. Aber der Fahrer ist freundlich. Er bringt mich hin, wie lieb. 


Das großes Amphitheater


Da ist es wieder. Das Theater, das so gut erhalten ist. Und heute ist es menschenleer, ich habe als erste die Pforte passiert und genieße eine halbe Stunde Ruhe. Bis dann eine Frau kommt und sich in die Mitte der Orchestra stellt. Oh nein, bitte nicht wieder Lärm machen. Aber auch sie hat die Stille des Orts verstanden und fängt an zu singen. So eine Stimme! Die kleinen Veilchen, die zwischen den Stufen wachsen, scheinen auch zuzuhören. Still liegen die Hügel im frühen Sonnenlicht. Ich zeichne. Ich wandere weiter zur Tholos, das gerade aus neuem weißen Stein rekonstruiert wird. Inzwischen ist es schon später, Zeit, zum Bus zu gehen. Aber der kommt nicht. Nach einer halben Stunde nehme ich ein Taxi. Schließlich wollen wir heute weiterfahren, und ich hatte versprochen, um 14:00 wieder auf dem Schiff zu sein. Es wird später, leider, was wir auch am Abend merken, denn wir wollen zum Kanal von Korinth. Von dort her bläst ein Wind von 25 Knoten, sodass wir kaum vorwärts kommen. Nach Sonnenuntergang sind wir dort.
Es ist schon merkwürdig, die ersten vier Wochen mit Walti im Ionischen Meer waren so gut wie windstill. Wir hatten Glück, wenn wir die Segel setzen konnten. Entsprechend schlug sich das auch auf die Segelstunden im Vergleich zu den Motorstunden nieder. Ganz schlechtes Verhältnis, 1:2. Normalerweise ist es anders herum. Jedenfalls erreichten wir später am Peloponnes dank unserer Nachtseglei  das umgekehrte Verhältnis.



Jeder Mensch hat auch eine kindliche Seite, und das darf ja sein, oder? Wir wollen die Passage für den Kanal von Korinth bezahlen und machen uns auf den Weg zum Büro. 240 Euro kosten uns die drei Seemeilen, eine Frechheit. Aber nichts zu machen, wir wollen ja nicht wieder außenrum zurückfahren...
Eine Entschädigung und Freude für die kindliche Seite erfahren wir in einem Restaurant an der Senkbrücke. Sie wird oft gesenkt, alle zehn Minuten. Einmal kommt ein großes, großes Segelschiff vorbei. Mensch, so was.
Die Geschichte zur Brücke, die im Internet zu lesen ist: der Brückenwärter gehe nach dem Heben auf die Brücke und sammle die darauf verbliebenen Fische ein, stimmt aber nicht (mehr). Es gibt keine mehr. Trotzdem wirft der Herr, der neben uns sitzt, wieder und wieder seine Angel aus und trinkt dabei ein Bierchen. Beschaulich, ich könnte ewig zuschauen, Ossi sicher auch.
           
                                                                                                                               Ankunft in Delphi.
Inzwischen haben wir Übung darin, am Kai festzumachen, gestern hat es ja nicht ganz geklappt, der Kai war so niedrig, das die Fender nutzlos in der Luft hingen, während ich verzweifelt versuchte, das Schiff wegzudrücken. Fast! Nur eine kleine Schramme in der schönen roten Farbe. In Delphi, das heißt, ja eigentlich in Itea, schaffen wir es perfekt, nur zerschneiden wir bei dem Manöver eine Qualle. Interessant, sie scheint fester zu sein, als man denkt. Der rotbraune tellergroße Körper schwimmt sauber halbiert seiner Wege, geht dann aber schnell unter. Daneben der Kranz mit den lustigen dunklen Bommeln. Entschuldigung, das wollten wir nicht. Aber es sind so viele hier.
Die Busfahrt nach Delphi dauert eine Stunde. Die Herren sind zuhause geblieben, zu anstrengend die Lauferei. Auch hier wieder zu wenig Zeit, zu viele Leute, und zu heiß ist es sowieso. Das Amphitheater wird gerade entunkrautet, die unteren neun Stufen sind schon fertig, weiter oben ist man gerade am Werk. So etwas Profanes.
Und ja, der Ausblick ist toll, aber das schreiben ja alle.                                          
                  
                Amphitheater Delphi
















                                                                                                                                                                  Tempel des Apollon, in dem sich früher
das Orakel befand
         




                                                        Unter der Brücke hindurch... geschafft!

Marlena segelt unter der Brücke von Patras durch
Die Fahrt geht weiter, viel Zeit bleibt nicht mehr, am 21. September müssen wir wieder in Vliho sein. Standbild von Lord ByronKurzer Stopp, nein, zwei Tage, in Messolonghi, weil ich als Literaturfrau natürlich nicht abfahren kann, ohne den Heldenpark gesehen zu haben. Da steht er, Lord Byron. Hier ist er ja gestorben, ziemlich jung.

In Messolonghi gibt es sogar einen Bioladen! Und einen Fischmarkt am Kai. Dort kauft Nikola einen schönen Drachenkopf, nur vergisst er, die Leber mitzunehmen, der Depp. Es gibt nichts besseres als Drachenkopfleber. Schön fettig ist sie, nur ein bisschen klein.
Wir sind noch einmal in unsere Paradiesbucht bei Porto Leone gefahren!Wassermann Leider war das nicht so eine gute Idee, denn der Anker hielt nicht so gut, aber Nikola sagte, wenn kein Westwind aufkommt... Immer dieses Wenn. Kaum waren wir im Bett, fing es an zu wetterleuchten. Wunderschön war es, wenn es nur nicht windet... Aber Strafe muss sein. Es stürmte und regnete und blitzte und donnerte. Schnell lösten wir die Heckleine und hingen nun am Anker. Hoffentlich. Nikola blieb zweieinhalb Stunden draußen, der Arme, und hielt Wache, dann war es vorbei. Am nächsten Morgen entdeckten wir, dass uns der Wind aus der Bucht getrieben hatte. Wir ankerten plötzlich mit dreißig Metern Kette auf zwanzig Metern Tiefe. Da stimmte doch etwas nicht... Und der Anker wollte auch gar nicht mehr heraufkommen. Er hatte sich wohl unter einem Fels verkeilt. Da standen wir nun alle im Regen, dem ersten Regen in dieser Saison, fuhren ein paar Mal im Kreis, dann löste er sich. Nun auf nach Vliho! Unterwegs kam etwas Wind auf und wir konnten unseren Leutchen doch noch unseren wunderschönen Blooper zeigen. War das eine Freude. Und wieder zu Hause in unserer Bucht, nur Fischchen Andrzej war nicht mehr da. Er hatte sich wohl einen anderen Platz gesucht, oder war, seines Schutzes beraubt, einfach gefressen worden. Wir werden es nie wissen.

 
    Nikola auf dem Mast...                                      Wahoo von oben...

















Hanne schaffte es jedenfalls noch, Quallenbekanntschaften zu knüpfen. QuallenbekanntschaftSie schwimmt so gerne im Dunkeln. Sie meint, die Quallen haben sich bei der Kollision viel mehr als sie erschreckt. Jedenfalls waren sie schneller verschwunden.
Husch, war se weg!

                                            











Abschied



 





5. Aufzug: Vliho (Levkas) – Preveza – Gouvia (Korfu)

In dem wir von Levkas nach Korfu segeln und in der Marina Gouvia stranden


So eine Steherei im Regen macht krank. Jedenfalls geht es Nikola gar nicht gut. Er liegt im Bett, hat Fieber. Der Badegenuss im Paradies muss eben bezahlt werden. Und es regnet. Hört gar nicht mehr auf. Erst drei Monate kein einziger Tropfen, und dann – nur.
Ein dreitägiger Aufenthalt in Preveza folgt, es ist wieder schön. Heiß wie eh und je. Und dann auf nach Gouvia. Hier wollen wir ausklarieren und uns auf den Rückweg machen. Es wird auch Zeit, denn ich habe wieder einen Termin, aber diesmal muss ich in persona erscheinen. Doch auch das soll nicht so einfach sein. Erst ankern wir vor der Marina und werden verscheucht, da seien Kabel von Albanien herüber verlegt. Also bitten wir halt doch um einen Platz und hoffen, dass es außerhalb der Hauptsaison nicht ganz so teuer ist. Und tatsächlich. Halber Preis und dazu der TransOcean Rabatt, den wir im Juli vergessen hatten. Und gerade wollen wir rückwärts in die Box hineinfahren, fällt der Motor aus. Nur noch eine Schiffslänge, bitteschön! Nichts. Der Platzanweiser schleppt uns hinein, und wir stehen wieder mal vor der Frage, was wir mit unserem Motor anfangen sollen, besser gesagt mit der Einspritzpumpe. Wer jetzt glaubt, nur wir hätten Fehler in allen Teilen, irrt sich aber. Man lese nur in anderen Segelberichten nach, dort ist es dasselbe. Jedenfalls hat unsere Einspritzpumpe eine lange Geschichte. Sie funktionierte einundzwanzig Jahre ohne Probleme. Dann spielte sie verrückt und wurde ausgetauscht. Zufällig hatte in Bar ein Mechaniker eine ganze Sammlung und konnte uns ein fast passendes Objekt anbieten. Das wurde eingebaut und funktionierte drei Wochen lang. Inzwischen war die WAHOO in Kroatien, vor Anker vor der Stadt Trogir. Die Pumpe, oder Boschpompa, wie sie dort heißt, wurde wieder zu einem Mechaniker gebracht. Dort blieb sie. Die ersten Gäste verabschiedeten sich, die nächsten kamen, nämlich ich mit meiner Freundin und ihrem Sohn. Anderthalb Wochen später war noch immer keine Besserung in Sicht. Die touristischen Möglichkeiten von Trogir waren inzwischen ausgereizt, meine Freundin nannte unser Dasein scherzhaft „Segeln am Panoramaanker“. Wir gingen regelmäßig nachfragen und wurden immer enttäuscht. Aber wir sind ja in Kroatien, da ist nichts unmöglich. Freitag heißt es in der Marina noch: mindestens Montag, wenn nicht Dienstag, bis die Einspritzpumpe repariert ist. Und dann noch einbauen... Samstag halten wir plötzlich die reparierte Pumpe in der Hand, am Nachmittag kommt jemand zum Einbauen, Sonntag wird eingekauft, Montag geht es los. So kamen wir doch noch zum Segeln. Aber auch dieser Mechaniker hatte seine Sache nur halb gut gemacht, denn wenige Wochen später fing das Problem, dass zu wenig Diesel im Motor ankam, wieder von vorne an. Wir schafften es bis nach Bar, bauten sie aus und ließen sie in Deutschland bei Bosch höchstpersönlich revidieren. Nun sollte nichts mehr schiefgehen. Nur eingebaut werden musste sie noch. Aber wir sind ja in Montenegro, da ist nichts unmöglich. Die Mechaniker kommen, montieren. Es passiert nichts. Die Batterie ist kaputt, wir sollen eine neue kaufen. Dann regnet es vier Tage lang. Morgen kommen wir, verspricht der Chef. Morgen kam er nicht. Irgendwann tauchten sie doch auf. Der Motor wollte auch mit neuer Batterie nicht anspringen. Der Anlasser müsse kontrolliert werden, heißt es, er wird also mitgenommen. Die ganze Prozedur hat sich jetzt zwei Wochen hingezogen. Und plötzlich geht es ganz schnell, die Typen stehen unangemeldet vor der Tür, bauen den Anlasser ein, der Motor läuft. Pünktlich am 24. Dezember wird eine Probefahrt unternommen. Es raucht noch ein bisschen zu blau, das muss korrigiert werden (wurde nie, die Mechaniker kamen nicht wieder). Und jetzt Griechenland, wieder ein Ausfall. Die Sache ist schnell klar. Bakterien haben den montenegrinischen Diesel zersetzt, der leider zweieinhalb Jahre im Tank verbracht hat, er hat die Pumpe verstopft. Sie wird neu revidiert. Darf man das sagen? Hier war es billig, nur 1500 €. Aber zusammen mit den 2500 € der letzten Revision in Deutschland macht das doch ganz schön viel... Und auf dreihundert Litern üblem Diesel sitzen wir nun auch. Aber jetzt ist die Pumpe perfekt eingestellt. Wenigstens da erwarten wir keine Probleme mehr. Dafür haben wir statt einer, sechs Nächte in Gouvia verbracht.




6. Aufzug: Gouvia (Korfu) – Bar

In dem die WAHOO sich endlich auf den Heimweg machen kann, nach Bar in Montenegro, denn die Zeit wird knapp, und wir kurz vor der Ankunft den Thron des Herrgott sehen.


Die letzte Etappe ist kurz. Zwei Tage und eine Nacht, dann müssten wir in Bar sein. Die Nachtfahrt nehme ich inzwischen gelassener. Das ein oder andere Gewitter zwingt uns gelegentlich zum Kurswechsel, aber dafür bescheren sie uns einen schönen Sonnenaufgang am wolkenverhangenen Himmel.
Und endlich, noch eine Stunde vom Ziel entfernt, sehen wir das, worauf wir wahrscheinlich die ganze Zeit gewartet haben: Wolken. Aber nein, nein, nein, nicht irgendwelche. Wir sehen die  Bergkulisse hinter Bar und den höchsten Gipfel, die Rumija, und meinen, die winzige Kapelle in der Abendsonne leuchten zu sehen. Doch diesmal fixieren wir nicht sie, das kommt später dran. Diesmal blicken wir auf eine etwas östlicher hängende Wolke und sehen Ihn. Ihn, nicht IHN! Also diese Wolke eben, auf der gerade, bei Sonnenuntergang, der Herrgott seinen leuchtenden Thron platziert hat. Nur für eine Minute, oder eine halbe.
Bei der Ankunft in Bar nieselt es selbstverständlich.

 
Thron
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